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Eine Antwort an Ernst Elitz

04 Jan

Bei allem ehrlichen Respekt vor der Lebensleistung von Ernst Elitz: die Zwölf Thesen für einen besseren Journalismus ‘Gegen Lüge und Dummheit stammen geradewegs aus dem Elfenbeinturm des Qualitätsjournalismus.

Mögen Journalisten die Welt erklären. Wenn das Medium, das sie verbreitet, seine Glaubwürdigkeit verloren hat, verlieren auch Erklärungen zwangsläufig ihren Wahrheitsgehalt. In einer Fernsehlandschaft, in der parteipolitisch beeinflusste Rundfunkräte das Sagen haben, ist das zweifellos der Fall. Verstanden hat der Rezipient dann allenfalls, was er verstehen sollte.

(1) Es geht nicht um Artischoken oder Segelboote, diese Symbole werden ohnehin längst nicht mehr ernst genommen. Es geht um die Wahrnehmung des Bürgers von einer Parallelwelt in einer Seifenblase, die er nicht verstehen kann, weil sie von seinem Lebensumfeld Äonen entfernt ist. Deren um sich selbst kreisende Bewohner sowie deren Beweggründe, dies zu tun, kann der beste Journalist nicht erklären.

(2) Menschliche Schicksale werden uns reichlich dargeboten. So reichlich, daß die grauenhaftesten Bilder uns nur noch ein unempathisches ‘ach, wie schrecklich’ entlocken, selbst für ein Ausrufezeichen taugt das Gefühl nicht mehr. Diesen Überdruß haben sogenannte Journalisten erzeugt, indem sie jahrzehntelang das kleinste Skandälchen aufbauschten, die Privatsphäre Betroffener mißachteten und in den Fernsehnachrichten den nimmer endenden Wettbewerb um die ‘authentischste’ Reportage etablierten.

(3) Medien sind nicht in der Lage, Menschen vor Katastrophen zu bewahren. Gerade im Fall Robert Enke ist das Gegenteil der Fall, wie Untersuchungen über den Werther-Effekt zeigen.
Den Bruch der Intimität hat man uns aus Sensationsgier so oft vorgeführt, daß wir uns das Weggucken antrainiert haben. Wenn Empathie nicht in der Nachbarschaft entsteht, kann sie mittelbar schwerlich erzeut werden.

(4) Das Bild des Vietcong mit der Offizierspistole an der Schläfe stammt aus einer Zeit, als solche Bilder selten waren und Peter Scholl-Latour uns tatsächlich noch die Welt erklärte. Im Zeitalter von Übersättigung, Internet und Fernreisen befriedigen solche Bilder nur noch niedrigste Bedürfnisse.

(5) Die Medien unterstützen die ‘hochkreative Worte-Verdreher GmbH’, sind gar ein Teil derselben. Zu beobachten am aktuellen Beispiel, in dem flugs aus dem ‘Nacktscanner’ ein kosmetisch verträglicherer ‘Bodyscanner’ wurde. Die Fahndungsplakate würden die Republik bald zugekleistert haben.

(6) Die Medien haben sich in der Vergangenheit bereitwilligst hergegeben, abzulenken, zu vertuschen und mit einer neuen Sau Skandale vergessen zu machen – ganz im Sinn der Rundfunkräte.
Investigative Sendungen werden, wenn überhaupt, in den dritten Programmen zu nachtschlafender Zeit gesendet und bei Mißliebigkeit kurzfristig abgesetzt. Der fühlbare freundschaftliche Umgang zwischen Journalisten und Politikern tut ein Übriges.

(7) Eben weil aus der Vielfalt der Meinungen und Eindrücke ein immer einheitlicherer Brei wurde, konnte das WWW zu einer so bunten Informationsplattform werden. Das unidirektionale, durch Vorauswahl zusätzlich verlangsamte Broadcast-System hat dem bi- und multidirektionalen Echtzeit-Austausch Platz gemacht.

(8) Glaubwürdigkeit entsteht durch Vertrauen. Hat ein Rezipient erst einmal die Erfahrung gemacht, daß er eine Information im WWW schneller bekommt, wird er bald merken, daß er sie dort gleich nach mehreren Seiten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen kann. Durch Vernetzung entstehen ausserdem Wissenspools, von deren Gegenseitigkeit klassische Medien nur träumen können.

(9) Der Leser wird statt zum Brosamen-Reporter gleich zum Journalisten mit eigenen Kriterien; wie weit diese tragen, lehren Leserschaft und Erfahrung.
Wer im WWW publiziert, kennt im Allgemeinen die gefährlichsten Fussangeln oder weiß, wo er sich Rat holen kann.

(10) Das Web ist die Lokalzeitung.

(11) Die Abstimmung erfolgt bereits – mit Tastatur und Enter-Taste.

(12) Nach jahrelanger Miß- oder Nichtachtung der Leser, Hörer, Zuschauer haben diese nun selbst überraschende Gedanken und neue Ideen entwickelt.

Update: Eine weitere Erwiderung gibt es beim Freitag.
Update: Grund zur Freude: Carta hat die Antwort verlinkt und auf Twitter empfohlen.
Update: WOW. BildBlog hat mich verlinkt.

 

Über opalkatze

einigkeit und recht auf frechheit. politik, journalismus, bürgerrechte, gesellschaft, alltägliches.
1 Comment

Geschrieben von - 4. Januar 2010 in Journalismus, Kultur, Medien

 

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Eine Antwort zu Eine Antwort an Ernst Elitz

  1. jotha

    4. Januar 2010 at 20:40

    Das Vietcong/Pistolen Bild ist – mit anderen Bildern aus dieser Zeit (nackte Flüchtende, die Menschenschlange auf dem Dach der amerikanischen Botschaft etc.) auch deshalb so im Gedächtnis haftend, weil diese Bilder aus einer Zeit stammen, als die Bildberichterstattung nicht durch die Presseabteilung der US-Army erfolgte, der Begriff ‘embedded’ nicht mit (Bild-) Journalismus verbunden wurde.

    Fernsehen meint heutzutage zu jedem Sturm eine Unwetterwarnung (wg. Haftung) verbreiten und aus jeder Schneeflocke ein Schneechaos machen zu müssen. Banales wird bis ins Unerträgliche aufgeblasen – dies nicht nur von den Privaten sondern auch von den öffentlich-rechtlichen Sendern. In den einschlägigen Formaten in ARD und ZDF wird täglich Unfall und Verbrechen zelebriert – da kann der regelmäßige Zuschauer nicht mehr ‘mitfühlen’. Politisches wird durch den Boulevard verdrängt.

    Da ist es wirklich sehr wohltuend, mit Tastatur und Enter-Taste abstimmen zu können.

     

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