RSS

Studie: Warum Internetzensur zu gewaltsameren Aufständen führt

19 Aug

Der nächste Krawall kommt bestimmt. Über die Frage, wann und wie er kommt, haben sich nicht nur Psychologen den Kopf zerbrochen. Am 14. August veröffentlichten Antonio A. Casilli, Forscher der Telecom ParisTech, und Paola Tubaro der Universität zu Greenwich die Studie “Why Net Censorship in Times of Political Unrest Results in More Violent Uprisings: A Social Simulation Experiment on the UK Riots”. Die Ergebnisse des Simulationsexperiments könnte sich auch David Cameron mal genauer anschauen. Denn die Studie zieht einleitend Parallelen zur katastrophalen Internetzensur unter Hosni Mubarak und weist auf die unklare Haltung einiger europäischen Politiker und Massenmedien gegenüber den sozialen Medien im Netz hin.

Das 17-seitige Papier möchte beweisen, dass es bei vollkommener Abwesenheit von Zensur nicht nur zu einer geringeren Anzahl von Eskalationen, sondern auch zu längeren Perioden des sozialen Friedens nach jedem Aufstand kommt. Die Frage, warum soziale Medien in der westlichen Welt Chaos bringen und in Entwicklungsländern als demokratiefördernd gewertet werden, lassen die beiden Forscher offen. Sie möchten vielmehr zeigen, dass die Zensur sozialer Medien in Zeiten sozialer Unruhen nicht gerade deeskalierend wirkt.

Die Studie basiert auf einem Artikel zum Civil Violence Model (pdf) von Joshua M. Epstein. Vereinfacht dargestellt versucht das Modell, die Entscheidung einer Person zu definieren, ob und wann sie aktiv demonstriert oder nicht – und macht dies abhängig von mehreren Variablen. Eine davon ist die Wahrnehmung der sozialen Umgebung. Ist Polizei in der Nähe, reagiert die Person erst, sobald eine gewisse Anzahl Demonstranten die Anwesenheit der Polizei ausgleicht. Die Autoren bezeichnen die ‘Vision’ des potentiellen Demonstranten als ausschlaggebenden Faktor. Wie nimmt er oder sie andere Demonstranten oder die Polizei wahr?

Die beiden Forscher simulierten für ihre Thesen die Zensur sozialer Medien und Kommunikationsmittel nicht mit technologischen Mitteln. Sie stützen sich vielmehr auf die Annahme, dass bei einer Zensur die ‘Vision’ der Umgebung gleich null ist. Es wird also unmöglich herauszufinden, wo sich eine größere Gruppe Demonstranten oder die Polizei aufhält. Sobald soziale Medien einer Zensur unterliegen, nimmt der Wert für die Variabel ‘Vision’ ab und die einzelnen Akteure haben nur eine eingeschränkte oder nicht existente Wahrnehmung ihrer Umgebung. Hieraus resultiert, dass sie zu zufälligen und unkontrollierten (Fort-)Bewegungen neigen. Je weniger Vision, desto höher ist das Gewaltniveau.

Die Realität scheint der Studie zumindest Recht zu geben: Als Ägypten offline ging, wurde nicht weniger demonstriert. Im Gegenteil.

(Crossposting von vasistas?, Diskussion bei Netzpolitik.org)

About these ads
 
7 Kommentare

Verfasst von - 19. August 2011 in Netzpolitik, Politik, Web 2.0

 

Schlagwörter: , , , , , ,

7 Antworten zu “Studie: Warum Internetzensur zu gewaltsameren Aufständen führt

  1. freidenkerin

    21. August 2011 at 21:59

    Zensur muss nicht von staatlicher Seite ausgeübt werden, da gibt es schon auch Mitblogger/innen, die ganz schnell mit dem Anwalt drohen, wenn man sich nicht einschüchtern lässt und weiterhin seine Meinung und kritische Gedanken auf dem eigenen Blog veröffentlicht…

     
  2. opalkatze

    21. August 2011 at 23:45

    Darüber wüsste ich jetzt aber gerne mehr.

     
  3. VonFernSeher

    22. August 2011 at 21:13

    Severn, Themse und Great Ouse sind zwar auch interessant, aber mach jetzt doch bitte wieder Aufstand ;)

     
  4. freidenkerin

    22. August 2011 at 21:15

    @Opalkatze: Wenn du mich anmailst, dann erzähle ich dir die ganze Geschichte.

     
  5. opalkatze

    23. August 2011 at 10:22

    Im Prinzip gern. Hab aber keine Zeit. Demnächst wieder :)

     
  6. VonFernSeher

    23. August 2011 at 19:03

    Du sollst aus den Rios Riots machen, Mensch…

     
  7. opalkatze

    26. August 2011 at 03:17

    Ein klein wenig verspätet, örrem … Danke :)

     
 
%d Bloggern gefällt das: