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#0zapftis: Die merkwürdige Grundversorgung des ganz normalen Bürgers

11 Okt

Nach dem Bekanntwerden der CCC-Veröffentlichung über den Staatstrojaner ging gestern ein medialer Wolkenbruch nieder. Vermutlich haben im Lauf des Tages fast alle Bundesbürger irgend etwas über das Thema gehört, gesehen oder gelesen. Nun sind nicht alle im Netz unterwegs; selbst die Netzbewohner haben unterschiedliche Interessen. So wird mancher ob der Fülle der Meldungen und Kommentierungen genervt seinen Stream abgeschaltet haben. Wie aber kam die Nachricht in der Kohlenstoffwelt an?

Nachrichtlich Interessierte wussten die Meldung einzuordnen und waren empört. Otto Normalbürger hat aber wohl erst abends in den heute-Nachrichten oder in der tagesschau davon gehört – eine Nachricht neben vielen anderen. In meinem Paarhundertseelen-Dorf wird nur in wenigen Haushalten eine der großen Zeitungen gelesen, die Meisten informieren sich durch Radio, Fernsehen und das regionale Blatt. Die interessantesten Themen sind Benzinpreiserhöhungen, örtliche Politik und Veranstaltungen sowie die Todesanzeigen. Einfacher gesagt: Eine Nachricht wie die vom Staatstrojaner interessiert kaum jemanden, weil sie ihn scheinbar nicht betrifft.

Der tiefe und ungesetzliche Eingriff in die Grundrechte findet damit kaum Aufmerksamkeit. Das liegt jedoch oft nicht am Desinteresse, sondern an der Art und Weise, wie eine solche Nachricht vermittelt wird. Schirrmacher hat mit dem in der FAZ abgedruckten Code sicher eines erreicht: Die Menschen verstehen dieses Listing nicht, aber der Anblick hat gerade deshalb etwas Erschreckendes und lädt zum Lesen ein, in der Hoffnung, eine Erklärung für das Unheimliche zu bekommen. (Ob Schirrmachers Diktion den Durchschnittsbürger erreicht, steht auf einem anderen Blatt.)

Nachrichten im Radio haben eine andere Strickart. Zwar werden dort Erklärungen angeboten, aber zwischen Büro- und Hausarbeit schalten die Hörer auf Umgebungsgeräusch und nehmen gerade so viel auf, dass sie etwas von einem Trojaner gehört haben. Im Fernsehen gab es Erklärungen erst zu später Stunde. Viele liegen dann schon im Bett. In den Hauptnachrichten waren nur vermutlich Verantwortliche zu sehen, die taten, was sie immer tun: Sie schoben irgendeinen weiteren schwarzen Peter irgend jemand anders in die Schuhe, business as usual, Grundrauschen. Selbst im Netz konnte man sich gestern nicht jederzeit informieren: Kurz nach der Mittagszeit herrschte beispielsweise auf Spiegel online Bombenalarm, ein einziger Link war noch, weit unten, auf der Startseite zu finden. Jemand, der um diese Zeit nach den Schlagzeilen des Tages gesucht hat, hätte diese eine nicht gefunden.

Allerdings kursierte im Internet sehr schnell ein anschauliches Erklärvideo von Alexander Svensson. Darin visualisiert er in kurzer Zeit, warum diese Geschichte schlimm ist und jeden betreffen kann. Auf seinem Blog findet sich eine Ansprechadresse, warum also bitten die Rundfunkanstalten nicht gegen ein anständiges Entgelt um Übernahme? Sie müssen ja nicht das Rad neu erfinden. Menschen sind Augentiere. Das sollte den Sendern bekannt sein, die sonst Infografiken und Erklärstücke für allen möglichen Unsinn machen. Statt dessen Mitglieder des CCC zu zeigen, die wahlweise in computerübersäter oder konspiratorisch abgedunkelter Umgebung Statements abgeben, nutzt dem Verständnis des Fernsehbürgers nicht viel. Markus Beckedahl hat in der Kulturzeit prägnante, allgemein verständliche Aussagen gemacht – aber wer sieht schon Kulturzeit?

Woran liegt es? Am Staatsjournalismus, der zuverlässig Themen auf die Sendepläne setzt, die der Regierung am Herzen liegen? An einer Presse, die offline von einander abschreibt und online der jeweils letzten Tickermeldung hinterher jagt? An Journalisten, die nicht mehr die richtigen Fragen stellen? An Politikern, die grundsätzlich Textbausteine von sich geben oder gleich abtauchen? Na der allgemeinen Übersättigung mit zu viel von Allem? Es ist ein bisschen von alldem. Ein wenig auch, dass der notorische “Feurio!”-Rufer bei einem wirklichen Brand nicht mehr gehört wird.

Gestern bekamen wir einen weiteren Beweis, dass die Befindlichkeiten nationaler Fussballgrößen oder Tsunamis jottwedee wichtiger sind als die eklatante Missachtung unserer bundesrepublikanischen Grundrechte. Diese mediale Grundversorgung ist keine. Sie gibt den Menschen keine Verständnishilfen, keine Deutung und keine Einordnung. Statt dessen werden sie überflutet mit vielen Berichten à la minute, bitte gerne, bitte gleich. Der Überblick, die Erläuterung, die abgewogene Herstellung von Zusammenhängen findet auf Plattformen statt, die nicht Allgemeingut sind. Wer die Blätter oder die Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung liest, bekommt eher keine tagesaktuellen Meldungen, aber auch kein fast food. Nur, wer liest die schon?

Wir müssen darüber nachdenken, welche Art der Information wir wollen. Ob es nicht möglich ist, aktuell und dennoch umfassend Überblick und Einordnung zu bekommen. Ob es nötig ist, täglich den Kessel Buntes als Grundrauschen zu konsumieren, oder ob weniger mehr wäre. Die Qualität der Berichterstattung bestimmt unsere Entscheidungen, wie die Qualität der Nahrungsmittel unser Wohlbefinden. Jeder weiß, was passiert, wenn er täglich junk food zu sich nimmt.

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13 Antworten zu “#0zapftis: Die merkwürdige Grundversorgung des ganz normalen Bürgers

  1. AlterKnacker

    11. Oktober 2011 at 19:34

    “Woran liegt es? Am Staatsjournalismus, der zuverlässig Themen auf die Sendepläne setzt, die der Regierung am Herzen liegen? An einer Presse, die offline von einander abschreibt und online der jeweils letzten Tickermeldung hinterher jagt? An Journalisten, die nicht mehr die richtigen Fragen stellen? An Politikern, die grundsätzlich Textbausteine von sich geben oder gleich abtauchen? Na der allgemeinen Übersättigung mit zu viel von Allem? Es ist ein bisschen von alldem. Ein wenig auch, dass der notorische „Feurio!“-Rufer bei einem wirklichen Brand nicht mehr gehört wird.”

    Du gibst die Antwort schon selbst. Und hinzu kommt, dass z.B. die TV-Sender, auch wenn sie noch zu sehr vom Internet tönen, doch das Net als die große Konkurrenz betrachten und mit denen macht man keine ‘Geschäfte’.

     
  2. Thomas Weiss

    11. Oktober 2011 at 19:35

    Over-newsed and under-informed…

    Du hast völlig Recht.
    Was mich am meisten nervt: dass die frechen Statements eines Herrmann auch noch gesendet werden.

     
  3. opalkatze

    11. Oktober 2011 at 19:40

    Krähe – Auge, Hand – Futter …

     
  4. VonFernSeher

    12. Oktober 2011 at 07:29

    Wäre es Ihnen lieber, die frechen Statements würden nicht mehr gesendet?

    Ich finde die Aufgregung weit übertrieben. Das, was man im heute-journal erfahren hat, war erst einmal ausreichend. Hat es irgendjemand mit Ahnung überrascht? Hat es irgendjemand ohne Ahnung, aber mit dem typischen Außenbild von BKA und Geheimdiensten aus der Bahn geworfen? Hätte mehr dem Rest genützt? Nein, nein und nein.

    Die Aufregung ist nicht nur übertrieben, sie ist auch sachschädlich. Wir sollten uns eher aufregen, wenn es mal wieder einen Medienhype von anderthalb Tagen gibt und danach nichts mehr. Es ist doch viel wichtiger, dass das Thema jetzt immer und immer weiter präsent bleibt, dass die Großen dranbleiben, dass sie nachbohren und fündig werden.

    Es glaubt doch wohl keiner, dass der Bundestrojaner irgendeine repräsentative Menge in ihren Grundrechten verletzen wird. Wenn man jetzt einen großen Aufstand schiebt und dann nach zwei Tagen nichts mehr kommt, kommen die Nichtsverberger um die nächste Ecke und werden den Durchschnittsdeutschen fragen, ob er denn tatsächlich glaube, er gehöre zur Zielgruppe.

    Nein. Es geht nicht um den Bundestrojaner, sondern um die, die einen haben wollen. Wenn morgen früh der Bundestrojaner verschwindet, gehen wir trotzdem alle zur Arbeit. Und das BKA ist noch das BKA und die Falken sind immer noch Falken.

     
  5. Robson Bottle

    12. Oktober 2011 at 15:10

    @VonFernSeher
    Ziemlich wirr, ihr Kommentar. Z.B. “Es glaubt doch wohl keiner, dass der Bundestrojaner irgendeine repräsentative Menge in ihren Grundrechten verletzen wird.”
    Soll das heißen, dass Grundrechte nur noch für “repräsentative Mengen” gelten?
    Ich denke es reicht schon, wenn die Grundrechte eines Einzelnen verletzt werden, oder?
    Außerdem, was soll das mit dem anderthalbtägigen Medienhype?

     
  6. zeilenknecht

    12. Oktober 2011 at 23:34

    Noch faszinierender finde ich eigentlich, dass diese Geschichte erst bei dem Zweitaufguss via CCC bundesweit groß lief. Als ich Sonntagabend ein bisschen mehr dazu lesen wollte, fand ich einen Juristen-Blog, der diese krachende Entscheidung des Landgerichts Landshut vom Jahresanfang ja damals schon hatte. Ich habe jetzt nicht groß weitergesucht, aber IMHO hatte damals mindestens heise.de auch gleich was darüber. Eigentlich waren da doch schon alle Zutaten vorhanden – Staat platzierte erkennbar rechtswidrig übereifrige Spionagesoftware. Welle hat es damals nicht gemacht, oder? Liegt es nur daran, dass es irgendwie zwischen Guttenberg und Japan unterging? Oder war es wieder der journalistische Reflex, dass Reizwörter wie CCC oder der Name eines “Großkaliber-Mediums” fehlten, das das aufgriff? Dann hätte einer der mehr oder weniger wenigen, die es damals lasen, ja selber denken und die Information bewerten müssen. Das ist nach meinem Eindruck die entscheidende Crux – wenn nicht Vorgaben wie völlig eindeutige Reizworte oder Rankings oder Leitmedien signalisieren, DAS IST EIN THEMA, blubbt es ein bisschen, macht aber keine Welle. Die Medienpräsenz des Themas damals wäre wirklich ein bisschen Untersuchungszeit wert.

    Mit Blick auf over-newsed ein bisschen ketzerisch: Der zusätzliche Produktionsdruck durch online in traditionellen Medien ist ein zusätzlicher (von mehreren) der Faktoren, die Einordnung und sie unterstützende Recherche ersticken. Die meisten machen online ja durchaus gerne, aber dieser Takt mit ständigen updates und zusätzlichen Produktionen für Online raubt Zeit, Energie und Gehirnkapazität für produktionsloses Nachdenken. Wem dauernd neue Infobrocken vor die Füße gekippt werden, schaut halt, dass er sie so schnell wie möglich zusammenstapelt und macht sich da zwangsläufig eher weniger Gedanken über die Form des Ganzen oder die genaue Beschaffenheit der einzelnen Brocken, z.B. dieses unglaubliche Zitat von MdB Uhl über die “Skandalisierung legitimer Maßnahmen”, für die es unerhörter Weise keine Rechtsgrundlage gebe.

     
  7. VonFernSeher

    13. Oktober 2011 at 07:15

    Eben, man muss sich mit den (Knall)Köpfen dahinter befassen und nicht mit der Tatsache an sich. Es ist nicht der Bundestrojaner das Problem – denn man kann jedes System korrumpieren – sondern derjenige, der ihn einsetzen will.

    Aber solange sich die meisten Leute mit der Panik beschäftigen, was denn ein Bundestrojaner, der nie bei ihnen landen wird, auf ihrem Computer anrichten könnte, denken die schon nicht darüber nach, was das Gedankengut dahinter mit unserem Rechtsstaat und mit unserer Demokratie macht. Hier Stöckchen, geh spielen.

     
  8. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    16. Oktober 2011 at 22:49

    Wo ist denn hier der +1 Button? Nur für den Kommentar von @AlterKnacker.

     
  9. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    16. Oktober 2011 at 22:53

    Na gut, der @VonFernseher würde auch ein +1 bekommen. Der Button, wo ist er wenn man ihn bräuchte?

     
 
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