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Eigentlich gibt es sie schon, die Zukunft des Journalismus

25 Nov

Eigentlich. Stefan Plöchinger, Chefredakteur von sueddeutsche.de, hat einen wunderbaren Artikel über die “neuen” Anforderungen an Journalisten geschrieben und beginnt ihn mit einem berechtigten Seitenhieb:

Die meisten Journalisten lieben Revolutionen, wenn sie darüber berichten dürfen.
Die meisten Journalisten hassen Revolutionen, wenn sie selbst deren Gegenstand sind.

Wolfgang Michal fasst den Sachverhalt ironisch zusammen und weist nebenbei noch diskret auf die ewig gleichen Podiumsdiskussionen mit dem ebenso gleichen Tenor hin.
Auch Christian Jakubetz beschäftigt sich mit der Zukunft des Journalismus und der Medien. Im Rahmen seiner Lehr- und Vortragstätigkeit möchte er jungen Journalisten nahebringen, wie man mit multimedialen Mitteln spannende Stories macht. In Zusammenarbeit mit vielen bekannten Kollegen haben er, Ulrike Langer und Ralf Hohlfeld nun ein Nachschlagewerk über Journalismus im digitalen Zeitalter, Universalcode, herausgegeben, das sich speziell mit den Erfordernissen der modernen Medienlandschaft auseinandersetzt und in diesen Tagen ausgeliefert wird. Die Entstehung des Buchs wurde von Anfang an online dokumentiert, die Umschlagsgestaltung duften die Leser selbst bestimmen.

Die nun wirklich nicht mehr so ganz neuen Formen der Berichterstattung bieten Chancen, die dem Journalismus die dringend notwendigen neuen Impulse geben können.
Wolfgang Blau zum Beispiel, Chef von ZEITonline (hier und hier im Interview), geht neue Wege: Dieses Jahr haben ZEIT-Autoren für ihren großen Bericht “Verräterisches Handy: Was Vorratsdaten über uns verraten” den angesehenen Grimme-Online-Award bekommen. In dem Artikel wurden Telekommunikationsdaten des Grünen-Vorstandsmitglieds Malte Spitz zu einem Bewegungsprofil zusammengefügt, um die Gefahren der Vorratsdatenspeicherung optisch sichtbar zu machen.
Bei der RheinZeitung setzt deren Chef Christian Lindner ebenfalls auf die digitalen Möglichkeiten. Im Hausblog “Das Netz nutzen” beschreibt Marcus Schwarze fortlaufend, was die RZ so alles ausprobiert und wie es funktioniert.

Hilfreiche Anleitungen im Netz zeigen, welche Werkzeuge für die aktuelle Berichterstattung und zum Erzählen journalistischer Geschichten eingesetzt werden können (Julius Tröger), wie Social Media den Journalismus verändern, oder wie man sich beispielsweise auf künftige mediale Großereignisse vorbereiten kann (Steffen Leidel, auch hier). Ganz großartig sind auch Ulrike Langers Vorträge und Präsentationen, die sie unentgeltlich zur Verfügung stellt (über Geflattr freut sie sich natürlich).
Unter Ulrikes Vorträgen finden sich auch viele Tipps, wie man sich als Journalist vermarkten und/oder selbstständig machen kann.

Hardy Prothmann zum Beispiel gibt mittlerweile sechs hyperlokale Online-Tageszeitungen heraus und animiert mit istlokal.de Kollegen, es ihm nachzutun.
Der Militärexperte (hier stimmt Experte mal) Thomas Wiegold hat 2010 den warmen Redaktionssessel verlassen und sich mit Augen geradeaus! in die Selbstständigkeit getraut. Für Presse und Fernsehen berichtet er regelmäßig über Bundeswehr, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, etwa aus Afghanistan. Sein Projekt Straßenmusik ist eine sehr gute Finanzierungsidee, könnte aber deutlich besser funktionieren.
Richard Gutjahr flog Anfang des Jahres auf eigene Rechnung nach Kairo, um live von der ägyptischen Revolution zu berichten, da es bei den öffentlich rechtlichen Medien in Deutschland so gut wie keine Informationen gab.
Christiane Schulzki-Haddouti berichtet u.a. über OpenData, ein Thema, dem sich auch Lorenz Matzat verschrieben hat. Die Grafik der Open Knowledge Foundation, die den Bundeshaushalt grafisch darstellt, hat die Runde gemacht. Mit Daten-Visualisierungen arbeitet auch der britische Guardian seit geraumer Zeit erfolgreich.

Erstaunlich oft wird gefragt, was denn dieser Datenjournalismus eigentlich sei, dabei kennt ihn jeder in seiner einfachsten Form: Den Wetterbericht. Aus den von Wetterstationen weltweit gesammelten Rohdaten entstehen (animierte) Grafiken in unterschiedlichsten Umsetzungen. Als Ergebnis bekommen wir die gewünschten Informationen “auf einen Blick”.
Der schwedische Arzt Hans Rosling zeigt mit seinen Projekten, was mit Daten noch alles möglich ist. Sein Credo: Statistik ist alles, bloß nicht langweilig. DRadio Wissen leistet sich einmal wöchentlich die Statistikerin Katharina Schüller, die beispielsweise die umstrittene Studie über angebliche Internetabhängigkeit gekonnt in die Einzelteile zerlegt. Alexander Lehmann setzt mit seinen herrlich sarkastischen Videos schwierige politische Zusammenhänge in einen Kontext.

In Basel hat vor wenigen Tagen ein neues Zeitungsprojekt eröffnet, die TagesWoche. Sie erscheint täglich online und Donnerstags im Print. Den Redaktionsräumen in der Basler Innenstadt ist ein Café angeschlossen, in dem Bürger mit Redaktionsmitgliedern sprechen und selbst Geschichten beisteuern können. Überhaupt ist Crowdsourcing ein intelligentes Mittel, für einen journalistischen Artikel Stoff zu sammeln: Viele wissen viel. @Zeitrafferin Julia Seeliger etwa lädt bei Bedarf via Twitter auf ein eigens angelegtes Wiki ein und lässt viele interessierte Menschen ihre Sichtweisen dort aufschreiben und diskutieren – Brainstorming der journalistischen Art.
Die 2007 gegründete US-amerikanische ProPublica finanziert investigativen Journalismus durch Stiftungen. Aktuell haben sie einen Bericht über die Bezahlung von Ärzten durch Pharmaunternehmen für die Verschreibung riskanter Medikamente. Die Leser entscheiden, ob ihnen ein Thema die Finanzierung wert ist, erst dann beginnt die ausführliche und solchermaßen abgesicherte Recherche. Ähnlich arbeitet spot.us.

Natürlich gibt es denkwürdige Beispiele, wie Journalismus nicht (mehr) sein sollte: Die legendäre Bundespressekonferenz über Steffen Seiberts Twitter-Aktivitäten; die Tatsache, dass ein Niederländer und nicht ein Deutscher der Kanzlerin eine äußerst unangenehme Frage stellte; die Weigerung der Verlage, sich endlich auf die Gegebenheiten einzustellen, angefangen bei der Verlinkung. Zu große journalistische Nähe zur Politik stößt Lesern immer saurer auf; Fragen, wie sie Marietta Slomka dem damaligen Ministerpräsidenten Mappus (BW) stellte, sind seltene Lichtblicke.

Nicht zuletzt ist Deutschlands allgemeines Desinteresse an medial zukunftsweisenden Entwicklungen ein Hemmnis. Die digitale Inkompetenz der politischen Klasse sorgt mit dafür, daß Interviews mit ihren Mitgliedern und Berichte über sie sich der Maßstäbe des vorigen Jahrhunderts bedienen: Einer sendet, Viele empfangen. “Wir” sind jetzt auch auf Facebook, YouTube, Twitter, aber die Gelegenheit zu echter Kommunikation wollen wir lieber doch nicht wahrnehmen. Oder, vielleicht, ein bisschen. Höchstens.
Leider werden diese Verweigerungen weitgehend akzeptiert, nur ganz Wenige, wie das NDR-Extra3-Team, nutzen mobile Aufnahmemöglichkeiten, um Politikern auf die Pelle zu rücken. Was man mit mobilen Mitteln, zur Not auf einem Bollerwagen, alles anstellen kann, zeigt fluegel.tv eindrucksvoll mit seinen Livereportagen über #S21.

Brechen angesichts so vieler neuer Möglichkeiten für den Leser – Hörer – Zuschauer jetzt rosige Zeiten an?

Ich fürchte, nein. Die vorgestellten Konzepte sind noch nicht verbreitet. Nicht jeder, der einen Internetanschluss hat, nutzt ihn für mehr als den gewohnten Informationsabruf und weiß oft nicht, dass es noch mehr gibt. Die Holzpresse veröffentlicht zunehmend wieder Inhalte ausschließlich im Print. Online-Redakteure bekommen weniger Gehalt als klassische, überall werden Redaktionen brutal geschrumpft. Austausch von Lesern mit Autoren ist nicht erwünscht, er könnte deren kreative Prozesse behindern. Immer noch werden vom Gebührenzahler finanzierte Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nach einer Woche gelöscht. Die neue Haushaltsabgabe, die ab 2013 die GEZ-Gebühr ersetzen soll, lässt dem Rezipienten keine Wahl mehr: Er muss zahlen, gleich, ob er die Inhalte konsumiert oder nicht. Die Abgabe wird im riesigen Verwaltungsapparat versickern, statt spannende neue Formate zu ermöglichen oder Nachwuchs zu fördern.

Journalismus könnte grandios sein. Wenn Fortschritt keine Dackelbeinchen hätte. Wenn es nicht Deutschland wäre. Lieber Leser, gedulde dich noch zehn kurze Jährchen. Dann bekommst du auch hier mitreißende Beiträge von außerordentlicher Qualität, die dein Leben bereichern.
Also – vielleicht.

  • Jan Eggers hat einige Gedanken zum Thema Streamjournalismus aufgeschrieben.
  • Nieman Lab über eine Änderung bei den Pulitzer-Preisen:

    Here’s how the Pulitzers officially described the Breaking News prize until today:
    For a distinguished example of local reporting of breaking news, with special emphasis on the speed and accuracy of the initial coverage, using any available journalistic tool, including text reporting, videos, databases, multimedia or interactive presentations or any combination of those formats, in print or online or both.
    And here’s the new language:
    For a distinguished example of local reporting of breaking news that, as quickly as possible, captures events accurately as they occur, and, as times passes, illuminates, provides context and expands upon the initial coverage.

    Money Quote:

    In today’s press release, the Pulitzer board says “it would be disappointing if an event occurred at 8 a.m. and the first item in an entry was drawn from the next day’s newspaper.”

  • Ein toller, toller Text von Eberhard Lauth und ein ganz großartiges Projekt von Michel Reimon.
  • Lorenz Matzat: Zukunft des Journalismus: Reformation statt Revolution
  • Christof Moser: Lieber Lukas als Antwort auf Lukas Eglis Wie ich Werbung für den Gripen machte (Gripen ist ein Kampfflugzeug)
  • Christian Jakubetz: Journalismus des Jahres: Online

 
7 Kommentare

Verfasst von - 25. November 2011 in Journalismus, Kultur, Medien, Web 2.0

 

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7 Antworten zu “Eigentlich gibt es sie schon, die Zukunft des Journalismus

  1. Thomas Wiegold

    25. November 2011 at 14:46

    Hey, ich bin auch ein Beispiel! ;-)

    http://www.augengeradeaus.net

     
  2. Angela

    25. November 2011 at 17:38

    Toller, informativer Beitrag – auch für Konsumenten. Danke!

     
  3. opalkatze

    25. November 2011 at 23:10

    Mea maxima culpa! Hab es ergänzt.

     
  4. Tobias

    29. November 2011 at 18:49

    Wow, super Beitrag und ein gelungener Überblick. Vielen Dank dafür!

     
 
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