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Kleine Diskussion über Social Networks

27 Dez

Hab mich beim Schreiben unterbrochen, weil Benedikt Koehler genau das ausgedrückt hat, worauf ich hinaus wollte. Die zitierten Kommentare hier könnt ihr auch später noch lesen.

Jürgen Fenn hat seinen identi.ca-Account geschlossen. Auf Google+ (eingeschränkter thread, Original) erklärt er das so:

Eine Momentaufnahme zu den sozialen Netzwerken: Habe heute abend mein Konto bei Identi.ca gelöscht. Die Gemeinde schwand seit längerem, und die Verfügbarkeit ist leider mangelhaft. Meine Timeline wurde immer lebloser. Das Upgrade auf StatusNet 1.0 war ein Einschnitt für die Gemeinde: XMPP fiel (vorläufig?) weg. Ganz schlechtes Weblayout. Und die Ausfälle nahmen immer mehr zu. Been there, seen that.

Früher waren alle bei Xing, dann bei Facebook, jetzt auf Twitter. Und wenn es so weitergeht, folgt Diaspora auch bald auf dem Weg, den Identi.ca eingeschlagen hat. Viele haben sich dort in den letzten Wochen mal umgeschaut und sind dann wieder gegangen, weil es anderswo so viel bunter ist als hier oder weil es hier (noch) keinen Chat gibt oder warum auch immer.

Genaugenommen ist Twitter das einzige Netzwerk, das immer noch durchläuft. Und Facebook verbleibt für die unkritische Masse, natürlich.

Google+ zeigt sich derzeit uneinheitlich: Manche sind ganz dorthin gewechselt, es gibt aber auch viele bereits wieder verwaiste Accounts, die meistens seit August/September nicht mehr genutzt worden sind.

Vielleicht könnte man auch sagen: Der Umgang mit sozialen Netzwerken ist in gewisser Weise reifer geworden. Man erwartet nicht mehr, alle am selben Ort zu erreichen, und es ist alles sehr viel ruhiger geworden, die hysterische Aufgeregtheit aus der Gründerzeit ist raus. Andererseits präsentiert sich der Netizen 2011/2012 gut bürgerlich und proper – dazu liefert Google+ die porentief reine Verpackung. Am deutlichsten erkennbar bei den Seiten „über mich“: Stolz setzt man sich hier vom Prekariat ab und zeigt, was man so alles erreicht hat, mal mehr, mal weniger locker formuliert.

Aber das ist nur so eine Momentaufnahme, andere mögen es anders sehen.

In einem Kommentar von 10:57 schreibt Markus Sowada:

Meine These ist, dass das Nutzen von SN’s (= Social Network) für viele Leute einfach eine Spielwiese ist und bleibt. Ich meine: niemand würde auf die Idee kommen, sich alle paar Wochen ein neues Telefon zu kaufen, nur weil das “alte” nicht mehr die richtige Farbe hat. Bei den SN’s springen die Nutzer munter von Netzwerk zu Netzwerk und nur sehr wenige nutzen das Einzelne Netzwerk, um wirklich zu kommunizieren. Natürlich muss man festhalten, dass es grob zwei Nutzerarten gibt. Da sind als erstes die wirklichen Nutzer. Sie wollen vielleicht herumspielen, nutzen die Netzwerke aber vor allem, um in Kontakt mit Leuten zu kommen oder mit schon bekannten Leuten die Verbindung zu halten. Die zweite Gruppe besteht aus Leuten, die die Netzwerke vor allem aus beruflichen Gründen nutzen. Sie suchen tatsächlich vor allem Reichweite. Der persönliche Kontakt ist eher Abfallprodukt und nicht das erste Ziel. Seltsamerweise haben auch die zweite Gruppe derer, die nach Reichweite suchen, kaum Duchhhaltevermögen. Da wird ein neuer Dienst ausprobiert und nach wenigen Wochen wird auf was noch bunteres gewechselt und auf etwas, dass vielleicht sogar weniger kann, dafür aber neu ist. Kein Mensch kümmert sich um die Erkenntnis, dass es sicher deutlich länger braucht, um ein neues Tool wirklich ins Alltagsleben zu integrieren.

Fazit: Meiner Meinung nach scheitern also die allermeisten SN’s nicht daran, dass sie selber schlecht sind, sondern vor allem, weil die Nutzer zu unstet sind und am Ende oft gar nicht daran interessiert, wirklich einen neuen Kanal zum Kommunizieren zu finden. Sie wollen spielen und nutzen abgesehen davon bekannte, ältere Kanäle. Oft wird Twitter als eine der wenigen Plattform genannt, die sich dauerhaft durchgesetzt haben. Dabei kann man gerade Twitter anführen für meine These. Der Service hat das Kennenlernen von Leuten über die Zeit immer schwieriger gemacht. Auch die Website-Versionen und anderen Aktivitäten (Stichwort: Einschränkung der unterstützten Apps und Anwendungen) wurden mit der Zeit immer schlechter nutzbar (schlechter bedeutet hier vor allem umständlicher). Trotzdem ist Twitter nach wie vor beliebt. Der einzige Grund für diese Beliebheit ist, dass dort noch “alle” sind. Allerdings ist dies eigentlich ein Trugschluss. Längst betreiben viele Nutzer ihren Twitteraccount nicht mehr als Mensch und persönlich, sondern nutzen ihn nur noch, um ihr Profil zu shapen. Wirklicher Umgang, ein Kennenlernen oder ein persönliches Kontakthalten ist oftmals gar nicht mehr gewünscht bzw. möglich. Das ist schade.

Für mich als Kommu[ni]zierender ist dieser oben aufgeführte Trend eindeutig negativ. Die Gemeinde zersplittert sich. Manchmal kommen dann noch Fehlentwicklungen dazu und ein Service fährt sich selbst an die Wand. Identi.ca ist ein Beispiel dafür. Durch das Update auf Status.net Version 1.0 wurde eine kleine, aber treue Gemeinde geradezu aktiv verscheucht. Vor dem Update war Identi.ca ein lebendiger Beweis dafür, dass auch Netzwerke lebensfähig sind, bei denen “nicht alle sind”, sondern die eher von einer kleinen sehr aktiven Nutzerschaft betrieben werden.

Die beiden Posts bestätigen meine Theorie der zunehmenden Zersplitterung. Aber die Fragen dahinter sind grundsätzlicher. Soziale Netzwerke dienen lediglich als Modell, das die verbreitete Verunsicherung beschreibt.

- und ehe ich weiterschreibe, schicke ich euch schnurstracks zu Benedikt Koehler, der das schon viel besser gesagt hat, als ich es könnte.

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9 Kommentare

Verfasst von - 27. Dezember 2011 in Kultur, Medien, Web 2.0

 

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9 Antworten zu “Kleine Diskussion über Social Networks

  1. Andreas Moser

    27. Dezember 2011 at 23:31

    Ich habe mich heute endlich my MySpace abgemeldet.
    Twitter kommt mir nichts ins Haus; ich lasse mich nicht auf eine bestimmte Zeichenzahl beschränken.

    Ich finde Blogs viel besser als soziale Netzwerke. Die Beiträge sind besser archiviert, stetiger, besser verlinkt, die Fotos geordnet. Und gleichzeitig ist es ein bißchen wie ein Portfolio der eigenen Arbeit, wenn man photographisch oder journalistisch tätig ist.

     
  2. opalkatze

    27. Dezember 2011 at 23:46

    Ja, das Blog ist die Basis und wird es auch bleiben. Dennoch haben SN unbestreitbare Vorteile, und beschäftige dich vielleicht doch noch mal mit Twitter. Wenn du journalistisch arbeitest, erst recht – ohne meine Timeline hätte ich vieles nicht oder erst sehr viel später erfahren. Und, ja, es eignet sich auch wunderbar zur Kontaktpflege – die man ja nach Belieben anderswo fortsetzen kann.

     
  3. Lakritze

    28. Dezember 2011 at 12:30

    Mir gefällt die Kombination aus Blog und Twitter, aus den genannten Gründen: Blogs sind gute Archive und Diskussionsplattformen, Twitter dient der schnellen Information. Und dem Spaß natürlich. Alles weitere (soll heißen: Nähere) geht dann über direkten Kontakt; so habe ich auch nicht das Problem, in meinen Netzwerken Privat und Öffentlich trennen zu müssen.

     
  4. aloa5

    28. Dezember 2011 at 12:32

    Die Gemeinde zersplittert sich.

    Hm – welche “Gemeinde”? Das würde die Existenz einer zusammengehörenden Personengruppe implizieren. Das halte ich für einen Trugschluß.

    Es sich dürfte wohl so wie bei Handys. Fernsehern oder Autos verhalten. Wenn etwas neues auf den Markt kommt “muss man das haben”. Dann kommt wieder was anderes und dann muss auch das sein. Das hat weniger mit der Nicht-Fuktionalität des alten zu tun sondern mit dem Gefühl “Trendy” sein zu wollen. Der erste sein, Trends zuerst erkannt haben etc. das ist im Netz für viele wichtig. Es hat auch was, denn in der Tat ist es so das wenn man mit zuerst auf einem Medium war hat man i.d.R. einen Vorsprung an Vernetzung. Das kommt wiederum denen welche in den bisherigen Medien nicht so stark vertreten waren entgegen. Wenn man selbst nicht so glänzen kann wechselt man logischer Weise leichter sein “Hauptmedium”. Niemand mit 5000 Followern wird beispielsweise seinen Twitter-Account verwaisen lassen nur um zu Facebook zu wechseln oder seinen Blog zumachen um auf Google+ seine Zeit zu verbringen und vice versa.

    Zunehmende Zersplitterung halte ich auch nur für bedingt richtig. Es wabert. Studi-VZ macht wohl eher bald Dicht, dafür konzentriert sich viel bei Google+ und die aus wer kennt wen oder wie das hieß sammeln sich auch wieder woanders. Aber letztlich sind es trotz allem immer größere (wachsende) Ansammlungen von Personen welche sich an wenigen Orten treffen. Nimmt man drei oder vier größere “Orte”, dann hat man vermutlich (These) auch immer die gleiche bzw. eine stetig wachsende Gemeinde der SN-Nutzer. Damit gäbe es de facto eine Sammelbewegung und nicht eine Zersplitterung. Das mit dem zersplittern ist vermutlich eher die Wahrnehmung der in einem Medium (eben der mit den 5000 Followern) zurückbleibenden “Größen”.

    Grüße
    ALOA

     
  5. Andreas Moser

    28. Dezember 2011 at 13:05

    Daß ich vieles schneller erfahre, stimmt, macht mir aber nichts. Ich lese lieber die Zeit oder den Economist als Twitter, und machmal liegen die zeitungen auch zwei bis drei Wochen herum, bis ich dazukomme. Das macht mir nichts, denn so kann ich getrost das ignorieren, was sich schon wieder erledigt hat. Zur Eurorettung habe ich deshalb z.B. bisher fast gar nichts gelesen, weil es sich sowieso jede Woche ändert.

     
  6. opalkatze

    28. Dezember 2011 at 15:23

    Na gut, das geht bei einem echten Newsjunkie natürlich gar nicht ,)

     
  7. opalkatze

    28. Dezember 2011 at 15:26

    Nö, mach ich ja auch nicht, fände ich auch irgednwie verkehrt (weil es eigentlich gar nicht geht). Ein weiteres Blog wird es geben, für etwas, örrem, ernsthaftere Texte. Sonst bin ich mit Blog, G+, Diaspora, Twitter und ein paar Aggregatoren erst mal ganz häppi.

     
  8. opalkatze

    28. Dezember 2011 at 15:36

    ‘Gemeinde’ war wohl nur als Bezeichnung gemeint, da gibt es keine treffende Beschreibung, die sich in nur einem Wort unterbringen lässt.

    E gibt noch einen Grund, der für vie wichtig ist: Neues ausprobieren (gilt auch für mich). Ich will wissen, “wie das geht”. Daher habe ich ein paar Hundert angenagte accounts, die ich selten bis nie benutze oder direkt wieder lösche/gelöscht habe.

    Twitter und Facebook kann man nicht vergleichen, finde ich. Es ist was anderes und dient anderen Zwecken.

    Nein, bei der Zersplitterung geht es um die Inhalte, nicht um die Personen. Die sind – so weit ich das überblicken kann – bei verschiedenen ‘Netzwerken’ im Kern gleich, nur die vielen Drumherums sind andere. Das sind Menschen, zu denen man selten direkten Kontakt hat: z.B. Follower, denen man nicht zurückfolgt, weil deren Inhalte einen nicht so interessieren, oder Verfolgte, die einem selbst nicht folgen, sowie die ganze Wolke, in der es seltener Anknüpfungspunkte gibt.

     
 
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