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Die Gattin – ein Lebensentwurf

11 Mär

Wenn Daniela Schadt nicht ausgerechnet politische Journalistin wäre: Was spräche dagegen, dass die Lebensgefährtin eines Bundespräsidenten ihren Beruf weiterhin ausübt? Statt dessen scheinen es die meisten Deutschen völlig normal zu finden, dass sie ihre Arbeit aufgibt, um sich künftig der Präsidentschaft Joachim Gaucks unterzuordnen. Am besten sollen die Beiden auch gleich heiraten, von Amts wegen, sozusagen. Schließlich soll alles seine Ordnung haben.

Sind wir aus der Zeit gefallen? Wir haben eine Kanzlerin, deren Ehemann unbehindert seinem Beruf nachgeht und so gut wie nie in der Öffentlichkeit auftritt, und einen schwulen Außenminister, dessen Mann ihn gelegentlich auf Reisen begleitet. Aber beim Bundespräsidenten soll alles nach einem role model, Jahrgang 1900, ablaufen.

Lebensentwürfe können sich ändern. Es gibt gewiss Sachzwänge in einem Menschenleben, die uns anders handeln lassen, als wir es geplant haben. Trennungen, Krankheit und Tod, Aufstiegschancen oder die unverhoffte Erfüllung von Träumen erfordern Anpassung.

Aber gibt es heute noch repräsentative Pflichten, die die Anwesenheit einer Lebensgefährtin zwingend nötig machen? Die Funktion als Ankleidepüppchen und nettes Fotomotiv für die Medien kann es wohl nicht sein – doch anscheinend ist es genau das. Hinzu kommt eine mehr oder weniger kleidsame karitative Tätigkeit.

Die Stelle der Begleiterin des Bundespräsidenten ist nicht dotiert. Im aktuellen Beispiel gibt Frau Schadt also auch ihre finanzielle Unabhängigkeit auf. Dabei gibt es mit dem Bundespräsidialamt eine Einrichtung, die nichts anderes zu tun hat, als dem Staatsoberhaupt den sprichwörtlichen Rücken frei zu halten. Es bedarf keiner Gefährtin, die sich um alles kümmert. Sich im Schloss Bellevue als Hausherrin auch nur um den Haushalt zu kümmern, dürfte selbst durch stärkste Überzeugungsarbeit nicht möglich sein.

Solange solche Rollenbilder – nach über 100 Jahren Frauenbewegung – noch in den Köpfen sind, helfen alle Quoten nichts. Wenn wir unbedingt eine First Lady haben wollen, sollten wir sie auch angemessen bezahlen. Vor allem aber müssen wir dringend über Rollenmodelle aus dem 19. Jahrhundert nachdenken.

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18 Kommentare

Verfasst von - 11. März 2012 in Frauen, Frauenbilder, Politik

 

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18 Antworten zu “Die Gattin – ein Lebensentwurf

  1. Lakritze

    11. März 2012 at 12:46

    In westfälischen Schützenvereinen wurde auch gerade beschlossen, daß die Schützenkönigin (also die Frau des Schützenkönigs) eine, nunja, Frau zu sein habe; schwule Schützenkönige haben also gefälligst ihre Schwesteroderso mitzubringen. So ist das auf dem platten Lande.

     
  2. opalkatze

    11. März 2012 at 13:34

    Ja, hab es gelesen. So laut kann man gar nicht aua schreien.

    Die Ansammlung extrem hässlicher Rüschenkleider (wo kauft man so was eigentlich?!) bei Schützenfesten spricht ja irgendwie auch für sich …

     
  3. Sabine Engelhardt

    11. März 2012 at 14:53

    Eine Klassenkameradin in der Grundschule war Tanzmariechen in einem Karnevalsverein, und der bezog diese “Uniformen” wohl von einem Spezial-Lieferanten. Die Mädchen, die dort tanzen wollten, mußten sie selbst bezahlen. Ich vermute, daß Schützenvereine das ähnlich halten. Ansonsten kämen für Einzelstücke wohl noch Kostümverleihe in Frage.

    Gruß, Frosch

     
  4. tina

    11. März 2012 at 17:19

    Mir ist nicht einmal so richtig klar, wozu wir einen Bundespräsidenten brauchen.
    Ansonsten vollkommen einer Meinung: Lasst die Frau weiterarbeiten und gut ist.
    Je proffesioneller sie ihren Job macht, umso weniger wird sie als Frau von .. gesehen und viel mehr als eigenständige Person.
    Ein gutes Vorbild eben.

    LG Tina

     
  5. Marion

    11. März 2012 at 19:01

    Vermutlich liegt das gar nicht an unserer Gesellschaft, sondern an anderen.
    Gab es nicht vor der Hochzeit von Sarkozy auch einen Eklat in einem Land, weil Frau Bruni als “nur” Lebensgefährtin dort nicht erwünscht war? Habe ich dunkel in Erinnerung.
    Und Guido kommt auch nicht bei allen an – hier in Deutschland ist das kein Problem- draußen in der Welt schon – naja und natürlich in denen Dörfern, für die das Schützenfest das wichtigste Ereignis des Jahres ist:-)

     
  6. sunnyromy

    11. März 2012 at 19:29

    Reblogged this on SunnyRomy.

     
  7. Christo

    11. März 2012 at 20:11

    Treffer!!

     
  8. Roger Burk

    12. März 2012 at 07:19

    Danke dafür!
    btw. schulde dir noch eine Antwort, sorry – war gesundheitlich verhindert. Kommt noch :)

     
  9. Joachim

    12. März 2012 at 13:47

    Stimmt. Eine Bundespräsidentin wäre wesentlich besser ;-)

    Ich will ja nicht oberschlau sein, aber das Amt selbst ist aber sinnvoll. Due Bundespräsidentin hat überparteilich zu sein. Denn die steht neben Parlament und Regierung, Justiz und Verfassungsgericht “gleichberechtig” da. Die Bundespräsidentin ist eine Art Sicherheitsventil der Demokratie. Wenn die (als letzte Instanz) versagt, dann … ach schaut selbst in die Geschichte Deutschlands.

     
  10. seppl.

    13. März 2012 at 00:34

    “Ich will ja nicht oberschlau sein, aber das Amt selbst ist aber sinnvoll.”

    Einem OS wie Herrn @ Joachim ist vermutlich weder beizukommen noch zu helfen;-)

     
  11. opalkatze

    13. März 2012 at 11:39

    Wie wäre es mit Begründung statt Angriff?

     
  12. Joachim

    13. März 2012 at 13:01

    OS? Operating System? Faszinierend ;-) Es war jedenfalls mein Wunsch auf tinas Frage ernsthaft zu antworteten und nicht sie “zu negieren”. Siehe aber:

    https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Bundespr%C3%A4sident_%28Deutschland%29#Aufgaben_und_Befugnisse

    Dort stehen die Aufgaben des Bundespräsidenten.
    In der Tat muss der Gesetze unterschreiben (und mehr) und kann tatsächlich NEIN sagen. Er agiert damit in ähnlicher Verantwortung wie das Verfassungsgericht. Natürlich ist die Rolle eines Bundespräsidenten stark eingeschränkt – was besondere Fähigkeiten und Verantwortung impliziert – will der Amtsinhaber irgendwie sinnvoll agieren. Finde ich.

    Was die Partner der Bundespräsidenten angeht: Rollenbilder brauchen wir nicht. ich finde es gar nicht schlecht, wenn aus einer bevorzugten Situation soziales Engagement folgen *kann*. Soziale Verantwortung hat nichts mit Geschlechtern zu tun. Ein Partner der “wichtigsten Person im Lande” hat plötzlich die Möglichkeit, sich einzusetzen. Kann das bezahlt (oder auch nur gefordert) werden? Besonders wenn sie auch durch eine herausragende Stellung des Partners ermöglicht wird? Keine Ahnung. Wozu sind Partner da? Noch einmal: Rollenbilder brauchen wir aber nicht! Ganz sicher auch nicht für Frau Schadt.

    Im diesem Sinn: opalkatze, bedankt für die Möglichkeit nachzudenken – wieder einmal.

     
  13. opalkatze

    13. März 2012 at 14:58

    @Joachim
    Just das wollte ich sagen.

    Die Idee der Bezahlung beinhaltet auch die Möglichkeit, sich gegen die Rolle der Begleiterin zu entscheiden und sein eigenes Ding zu machen. Und dafür ist kein Rollenvorbild nötig, sondern ausschließlich Umdenken. “Der Begleiterin”, weil sich bei einem Mann die Frage vermutlich nicht stellen würde.

     
  14. Joachim

    13. März 2012 at 17:30

    Zustimmung, Umdenken ist notwendig. Besonders wenn ich da so durch die Presse schaue. So wie etwa die SZ berichtete würde man es mit dem “Mann” der Bundespräsidentin niemals wagen. Das grenzt an einen “Groschenroman”.

    Es wäre interessant zu wissen, ob ihr das hier anders seht. Was tut die Presse da?

    http://www.sueddeutsche.de/bayern/daniela-schadt-und-joachim-gauck-die-kandidatin-an-seiner-seite-1.967323

    Zur letzten Frage: Was ist nochmal Partnerschaft? Es soll auch Männer geben, die das sogar als OS kapiert haben. Dennoch ist Deine Vermutung im Allgemeinen nicht von der Hand zu weisen. Wir arbeiten dran.

     
  15. opalkatze

    13. März 2012 at 22:31

    Ja, wie schön, dass die Dame zugeknöpft ist. Sehr sympathisch. Es ist – für meinen Geschmack – nicht normal, in home stories für bunte Blättchen sein Zuhause und möglichst auch seine Beziehung plakativ zur Schau zu stellen. Diese Kirmes mag für Auflage sorgen, aber mir kann keiner einreden, dass jemand dadurch etwa an Reputation gewinnt. Im Gegenteil.

     
  16. Joachim

    14. März 2012 at 11:44

    Da bin ich nicht so sicher. Viele lesen das gerne und ich finde das sogar verständlich. Frau Schadt ist Medienprofi. Eine sympatische Geschichte lenkt von Kritik ab. Gauck wird weder der Präsident der “armen-Leute”, noch der Migranten, noch des Internet noch – ups, wessen Präsident wird denn der überhaupt? Der, der Sarrazin mutig nannte und sich dann rausreden musste? Der, den Stoiber Aschamittwoch einen idealen konservativen Kandidaten nannte und die Opposition damit verspottete. Wie korrigiert man das Bild der Öffentlichkeit, das bestenfalls durch missverständliche Sprache entstand?

    Möglicherweise ist Frau Schadt eine weit bessere Gefährtin, als wir ahnen. Möglicherweise sind die Rollenbilder inszeniert und von “Ankleidepüppchen” kann keine Rede sein. Was hätte wohl die frühe Alice Schwarzer dazu gesagt?

     
  17. Publicviewer

    14. März 2012 at 13:10

    Am liebsten wäre mir eigentlich, daß dieser Herr nie Bundespräsident werden würde.
    Aus so einen Neoliberalisten können wir wirklich verzichten.

    Mir ist auch völlig wurscht was seine Geliebte, Freundin, Lebensabschnittsgefährtin, oder wie auch immer Mann/Frau das heute nennt so treibt…

     
  18. opalkatze

    14. März 2012 at 14:00

    Ja, natürlich ist sie Medienprofi, und natürlich wird sie ihre eigene Agenda haben, zu wessen Gunsten auch immer. Darum ging es mir hier aber nicht.

     
 
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