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Urheberrecht – aber richtig

17 Apr

Zu den Ergänzungen »
Das dringend reformierungsbedürftige Urheberrecht hat es endlich in eine größere Öffentlichkeit geschafft, und im Netz geht es hoch her. Zwischen Blogs, Presse, Verwertungsindustrie und Politik wird hin- und hergeschossen, dass es nur so kracht. Dabei gerät zeitweise außer Acht, dass alle aufeinander angewiesen sind.

Leider sind auch die Begrifflichkeiten durcheinander geraten. Was für einen Journalisten oder Schriftsteller gilt, trifft nicht zwingend auch für einen Hersteller von Büchern, Musik, Grafik, Fotografie oder Software zu. Aber all diese Menschen sind Urheber. Sie alle treiben spezifischen Aufwand, um ihre Werke zu produzieren. Sie benötigen dazu Talent, ihr Denk- und Abstraktionsvermögen sowie ganz unterschiedliche und teilweise kostspielige Ausrüstungen. Und sie müssen damit ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Urheberrecht & Copyright

Die Begriffe (deutsches) Urheberrecht und (US-amerikanisches) Copyright werden oft als gleichbedeutend gebraucht, aber es gibt sachliche Unterschiede. Bei uns ist und bleibt der Schöpfer grundsätzlich der Urheber, ganz gleich, welche Berechtigungen er einem Verwerter abtritt. Im amerikanischen Recht kann ein Werk sofort dem wirtschaftlichen Verwerter zugeordnet werden, während der Schöpfer/Urheber lediglich ein Einspruchsrecht bei missbräuchlicher Verwendung behält. Dennoch muss sich auch ein deutscher Filmregisseur mit dem amerikanischen Recht herumschlagen und wird zusätzlich durch deutsche Vorschriften eingeschränkt.

Obstsalat in einer großen Schüssel

Das Vertrackte an der Debatte: Alle wissen ein bisschen, doch kaum jemand blickt noch durch. Die Einen reden über Spargel, während es um Äpfel geht, Dritte über Broccoli, und alle über Fruchtsalat. Will sagen: Jeder sieht nur seinen Ausschnitt des Urheberrechts. Es werden Dinge in einen Topf geworfen, die wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Naturgemäß nimmt die Sachlichkeit der Diskussion auf diese Weise nicht zu.

Das betrifft vor allem Urheber- und Verwerterrechte. Verwerter sind wichtig. Aber sie sind definitiv keine Urheber. Sie sollten sich auch nicht als solche aufspielen. Ebenso wenig sollten sie weiter damit durchkommen, Urhebern Bedingungen zu diktieren, die diesen kein ausreichendes, sicheres Einkommen gewährleisten.

Die Verleger, zum Beispiel, mögen ruhig Bürgerreporter, -fotografen und Studenten kostenlos für sich arbeiten lassen. Die Leser werden irgendwann gegen die nachlassende journalistische Qualität meutern, sofern sie es noch nicht getan haben. Den Auflagenschwund auf das Internet zu schieben, ist jedenfalls kurzsichtig: Wer bereit ist, in seinen Online-Auftritt zu investieren, hat das Problem nicht und wird auch noch preisgekrönt. Verlage sollten überlegen, womit sie in Zukunft ihr Geld verdienen und welche Leistung für eine Zeitung oder ein Magazin grundlegend und unverzichtbar ist.

Der casus knaxus

Andere Werkhersteller haben andere Probleme. Buchautoren machen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Verlagen, dennoch wird niemand Andreas Eschbachs (satirische) Lösung wollen. Schulbücher und Lehrmaterialien sollten im Rahmen einer allgemeinen Bildungsgerechtigkeit eigentlich unter Open Access-Regelungen zugänglich sein, zumal sie häufig vom Lehrpersonal erstellt werden oder auf staatlich subventionierten Forschungen basieren. Statt dessen sollen nun Schulleiter zu Hilfsschergen der Verlage gemacht werden, und die Industrie sponsert Unterrichtsmaterial.

Fotografen und Grafiker/Illustratoren haben es vermutlich am schwersten. Veröffentlichen sie ihre Werke, können sie gegen die Verbreitung faktisch nichts mehr tun. Den meisten Benutzern ist der Unterschied zwischen einem Knipsbildchen und einer anspruchsvollen Fotografie ebenso wenig bewusst wie der Umstand, dass es sich bei einem Cartoon oder einer Zeichnung um urheberrechtlich geschützte Werke handelt. Das Hauptargument lautet, “aber die haben es ja ins Netz gestellt, also darf ich es auch nehmen”. Das ist so falsch, wie es kostspielig werden kann.

Musiker können ihre Werke im Netz vorstellen und so eine große Fangemeinde generieren, laufen aber auch Gefahr, dass ihre Musik ungewollt kopiert wird. Der widersinnige Streit zwischen GEMA und YouTube ist mittlerweile genauso legendär wie der Rant des Musikers Sven Regener, der offenbar einfach nur Künstler sein will.

Filme werden hauptsächlich kopiert, weil sie in Deutschland erst viel später und bis dahin nicht legal erhältlich sind – obwohl die Notwendigkeit, zu warten, im Internet nicht mehr wirklich besteht, sondern künstlich erzeugt wird. Die Möglichkeit, sie beispielsweise zu streamen, besteht. Sie wird nicht genutzt.
Besondere deutsche Spielarten sind das Depublizieren zum Teil gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Inhalte sowie der Streit um die Tagesschau-App.

Die wenigsten Schwierigkeiten haben wohl Softwareentwickler: Sie werden für eine Auftragsarbeit bezahlt (auch, wenn sie ihre Rechte vollkommen aus der Hand geben), entwickeln sie allerdings Open Source-Software, müssen sie stets mit Patentklagen rechnen.

Der Nutzer ist der zweite Dumme

Nutzern kann nicht zugemutet werden, diese Bestimmungen alle auswendig zu lernen und richtig anzuwenden. Konsequent wäre nur das Verbot kommerzieller Dienste wie tumblr, facebook oder Pinterest, auf YouTube gäbe es nur noch einige selbstgemachte Katzenfilme. Zu Ende gedacht, entstünde eine Internet-Wüstenei, in der es keine Bilder, Videos und Töne mehr gäbe. Leider gibt es deutsche Politiker, denen das nicht unrecht wäre und die sich so in Konflikte hineinziehen lassen, denen sie nicht gewachsen sind.

Bei all den unter dem Begriff Urheberrecht vermengten Streitigkeiten geht es aber weder um die juristische Unbedarftheit noch um die Zahlungsunwilligkeit der Konsumenten. Tatsächlich geht es um Geschäftsmodelle, die mit Krallen und Klauen verteidigt werden. Die milliardenschwere Filmindustrie Hollywoods ist dafür sogar bereit, weltweite Grundrechtseinschränkungen durchzusetzen; einige Nummern kleiner, aber ebenso falsch, ist der deutsche Versuch der Besitzstandswahrung durch die Einführung eines Leistungsschutzrechts.

Die Digitalisierung ist aus der Flasche, es wird nicht gelingen, sie wieder zu verkorken. Alle Betroffenen – Urheber, Verwerter und Politik – müssen miteinander verhandeln: Nicht nur, um jeweils eine fachbezogene, gerechte Entlohnung der Urheber zu gewährleisten und Auswüchse der Verwertung künftig zu vermeiden, sondern auch, um die Kriminalisierung ganz normaler Verbraucher und das florierende geschäftsmäßige Abmahnwesen aus der Welt zu schaffen.

Alles Scheren über einen Kamm hat Handeln nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zur Folge. Weder ist das gerecht, noch erzeugt es Zufriedenheit. Ökonomisch vorausschauend ist es auch nicht. Wenn das Netz bunt bleiben und Gewinn bringen soll, wird es allerhöchste Zeit für tragfähige Vereinbarungen.

Nachsatz, ein paar Stunden später

Nein, ich habe keine Lösung. Ich kenne auch niemanden, der eine hat. Ein wirklich alter Hase (Journalist) bemerkte neulich, er habe sich seit über 20 Jahren keine Verträge mehr durchgelesen, vielleicht solle er das sicherheitshalber doch mal wieder tun, man höre ja jetzt so viel. Er hat es getan. Zum Glück hat er eine stabile Gesundheit. Wenn Urheber sich ihrer eigenen Rechte kaum bewusst sind, viele sie noch nicht einmal genau kennen – woher sollen da Lösungen kommen? Die wachsen auch nicht auf Bäumen. Die muss man erarbeiten.

 
64 Kommentare

Geschrieben von - 17. April 2012 in Journalismus, Medien, Politik, Web 2.0

 

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64 Antworten zu “Urheberrecht – aber richtig

  1. Jakob B.

    24. April 2012 at 23:23

    PS: Ich wollte noch einen Smiley drunter setzen, da mein Kommentar nicht mürrisch gemeint war. :)

     
  2. opalkatze

    25. April 2012 at 02:21

    Ja, aber das Thema überlasse ich gerne kampflos den Mädelz und Junx von den SciLogs u.a. als deren Domäne (oder Schlachtfeld). Bestätigt nur meine Meinung: Es fallen so viele verschiedene Rechte unter dieses eine Urheberrecht, dass es allerhöchste Zeit wird für eine Reform.

    Hatte ich nicht als mürrisch verstanden, und selbst wenn dem so wäre, fände ich es einigermaßen verständlich.

     
  3. opalkatze

    25. April 2012 at 07:30

    Fefe, extra für dich. Passt so schön.

     
  4. Richard Albrecht

    25. April 2012 at 10:15

    @ Jakob B. 24. April 2012 at 23:15

    Sie beschrieben (als Kollege?) einen Ist-Zustand: so ist´s bei mit BIG MONEY verbundener BIG SCIENCE, die meist Natur”wissenschaft” genannt wird; und Sie führen subkutan Ihre natur”wissenschaftlichen” Kollegen (und sich selbst?) als Sozialwichte, die faktisch ihre Enteignung selbst unterschreiben, vor.

    Hierzulande freilich gilt die Regel(ung): Wenn nichts Anderes vereinbart, fallen bei wissenschaftlichen Publikationen in Fachzeichschriften nach einem Jahr alle Publikationsrechte an den Autor zurück, genauer: Bei unentgeltlich in Zeitschriften oder Sammelbänden veröffentlichten Aufsätzen hat der Autor nach einem Jahr das Recht, den Aufsatz erneut zu publizieren (so HHUD-Hinweise -> http://docserv.uni-duesseldorf.de/authoring/urheberrecht.xml (ähnlich RUB-Hinweise -> http://c1-7-16.rz.rub.de/authoring/urheberrecht.xml ).

    Die von Ihnen angesprochene Publikationspraxis verwest in der Tat auf Tieferliegendes als Subjektexpressionistisches wie „Die Kopie-Blogs stinken mir“ hier -> http://opalkatze.wordpress.com/2012/04/10/die-kopie-blogs-stinken-mir/

    Im Übrigen gilt auch für mich (dem Beispiel Joachims 23. April 2012 at 19:43 folgend): Ende der Diskussion hier,

    freundliche Grüße von Richard Albrecht

     
  5. opalkatze

    25. April 2012 at 11:03

    FYI: Noch was übers Einbetten, von Thomas Stadler.

     
  6. Jakob B.

    26. April 2012 at 00:10

    Danke, dass Du mich daran erinnerst, dass ich meine eigene Publikation von vor 18 Jahren als PDF-File lesen könnte, wenn ich ein Jahrenabonnement für € 1255 bei J. Comp. Neurology hätte. Und das ist noch ein Sonderpreis für eine von 1500 wissenschaftliche Zeitschriften, die dieser Verlag herausgibt – apropos “Für Lau-Mentalität”, wie Frank Schätzing das genannt haben soll.

    Das erinnert mich an das Taschenbuch “Der Spielverderber” von Siegfried Lenz, das ich in der Ausgabe von 1972 für DM 2.80 (für die Jungen: 1.40 Euro) von dtv vorliegen habe. Heute kostet das selbe Buch 8 Euro. Sein Preis ist also 30 Jahre lang doppelt so schnell gestiegen, wie die allgemeine Inflation.

    Welcher Bäcker, liebe Barbara Saladin, kann eigentlich Lohnerhöhungen von mehr als 5 % pro Jahr durchsetzen für ein Brötchen, das er schon vor 30 Jahren gebacken hat?

    Aber davon abgesehen ist dies ein herrliches Schlachtschiff (ein richtiger Piratenjäger):
    http://www.das-syndikat.com/das-syndikat/das-syndikat-sagt-ja/ja/

     
  7. Jakob B.

    26. April 2012 at 00:43

    Was ist ein Sozialwicht?

     
  8. Dr. Richard Albrecht

    26. April 2012 at 18:53

    zu Jacob B. at 00:43 siehe oben, Richard Albrecht at 10:15:

    “Sozialwichte, die faktisch ihre Enteignung selbst unterschreiben”

    Und Tschüss…

     
  9. Jakob B.

    27. April 2012 at 00:57

    Sozialwichte, die faktisch ihre eigene Enteignung selbst unterschreiben? Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Warum ist jemand ein Wicht, der gezwungenermassen seine Enteignung unterschreibt? Ich halte es für ziemlich absurd zu glauben, ein Wissenschaftler hätte die Zeit um einen Rechtsstreit hierum zu führen. Zumal der nächste temporäre Arbeitsvertrag von der Publikationsliste abhängt.
    Das erinnert mich an Musils Ulrich, den Mann ohne Eigenschaften: Gerade Prostitution ist ja eine Angelegenheit, bei der es einen großen Unterschied macht, ob man sie von oben sieht oder von unten betrachtet.

     
  10. richard albrecht

    27. April 2012 at 10:10

    Jakob B -> s.o. 25. April 2012 10:15

    “Im Übrigen gilt auch für mich (dem Beispiel Joachims 23. April 2012 at 19:43 folgend): Ende der Diskussion hier,

    freundliche Grüße von Richard Albrecht”

     
  11. Jakob B.

    27. April 2012 at 10:24

    Das erwähnten Sie schon. Ich hoffe es wirkt nicht unhöflich, wenn ich trotzdem weiter diskutiere.

     
  12. Publikviewer

    27. April 2012 at 14:16

    Fakt ist jedenfalls, das durch die Diskussion um das Urheberrecht manch kritischer Artikel eben gar nicht mehr im Netz erscheint: Link zu YouTube

     
 
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