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Der Spiegel bloggt

24 Sep

Soso. Der Print-Spiegel hat jetzt also auch ein Blog (Maskulinum). Mathias Müller von Blumencron, von dem es Anfang 2011 noch hieß, er sei weggelobt worden, hat als Chefredakteur Digital mit Spiegel Online ein standfestes Produkt geschaffen, das in den Rankings stets ganz vorne dabei ist (was über die tatsächliche Qualität nichts aussagt). Das hat anscheinend Georg Mascolo, dem Chefredakteur Print, keine Ruhe gelassen. Der kann zwar den Kostenlos-Inhalten bei SpOn nichts abgewinnen, so ganz will er sich aber dem Zug der Zeit wohl doch nicht entziehen. Mit Uwe C. Beyer tritt ab 1. Oktober sogar erstmals ein Art Director für den Print-Spiegel an. Es ist auch nötig.

Mascolo also kündigte am Samstag, pünktlich zur Spiegel-Konferenz über dessen geschichtliche Aufarbeitung, die Schaffung eines “Redaktionsblogs” an. Es zu befüllen, war für die Premiere der Allzweckwaffe Stefan Niggemeier überlassen, der, ähnlich wie Sascha Lobo, immer dann aufgerufen ist, wenn es irgendwie ums Internet geht. Was und worüber (nicht) geschrieben wurde, hat Bole auf seinem Blog sehr lesenswert zusammengefasst.

Mascolo jedenfalls schreibt:

Die Debatte über unsere Arbeit findet heute häufig im Internet statt,

und durch mein Gehirn huscht etwas wie “Schnellmerker”. Was soll das? Wird das die große Auseinandersetzung mit der Blattgeschichte, die schon so lange nur im Verborgenen geführt wird? Denn mit dem Wunsch der Leser, “hinter die Kulissen zu blicken, die Köpfe hinter den Autorenzeilen kennenzulernen”, haben zumindest die ersten beiden Artikel nichts zu tun. Oder ist es einfach ein unbeholfener Versuch, an Popularität gegenüber SpOn aufzuholen? Ebenso unbeholfen, wie seit geraumer Zeit vor allem die Titelgestaltungen, zum Teil scheinbar direkt aus der Hölle, um Leser werben? Mathias Müller von Blumencrons Reaktion wäre sicher interessant gewesen.

Ein klares Konzept sieht anders aus. Spiegel digital ist digital, Print ist jetzt auch ein bisschen digital – oder wie? Leser wird das höchstens irritieren, ein großer Teil wird es nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Wer diskutieren will, wird weiterhin Leserbriefe schreiben, das auf SpOn tun oder ein weiteres Spiegel-Forum benutzen, um allen möglichen Müll dort abzuladen. Welchen Nutzen das haben soll, außer dass man mal zwei Tage darüber gesprochen hat, erschließt sich nicht.

In der Seitenleiste steht “Redakteure auf Twitter”, darunter die Timeline. Und spätestens da stelle ich mir vor, wie Mascolo in den Newsroom kommt und laut verkündet: “Wir machen jetzt das mit Twitter”. Wenn das Nachrichtenmagazin jemals das Attribut ehemalig verdient hat, dann mit diesem unglaubwürdigen Klimmzug, der nur nach Revanchismus und sonst gar nichts aussieht.
 

  • Das war sogar kress ‘ne Meldung wert …

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14 Kommentare

Geschrieben von - 24. September 2012 in Blogs, Journalismus, Marketing, Medien, Web 2.0

 

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14 Antworten zu “Der Spiegel bloggt

  1. AlterKnacker

    24. September 2012 at 13:51

    Ich kann mich gar nicht mehr ‘einkriegen’ bei dem Wort “Maskulinum” … absolute Sahne.

     
  2. opalkatze

    24. September 2012 at 13:55

    :]

     
  3. AlterKnacker

    24. September 2012 at 18:37

    Wenn ich jetzt noch das Emoticon erkennen würde, wäre mein ‘Glück’ perfekt …

     
  4. opalkatze

    24. September 2012 at 19:16

    *schäbiges Grinsen*

     
  5. AlterKnacker

    24. September 2012 at 19:33

    Danke … jetzt bin ich immerhin um einiges … schlauer?

     
  6. opalkatze

    24. September 2012 at 20:36

    Bist du?

     
  7. stefan niggemeier

    24. September 2012 at 22:26

    Na, das könnte man aber schlicht nachgucken, wie lange die Leute, deren Tweets jetzt in dem Kasten abgebildet werden, schon twittern.

    Und, weil ich’s wirklich nicht verstanden habe: Was genau ist jetzt der “unglaubwürdige Klimmzug”, durch den das Nachrichtenmagazin endgültig zum “ehemaligen Nachrichtenmagazin” geworden ist? Und gegen wen richtet sich der “Revanchismus”?

     
  8. opalkatze

    24. September 2012 at 23:08

    Sagen wir mal so: Ich hab den Spiegel so gute 30 Jahre gelesen, drauf gewartet und mich drauf gefreut. Irgendwann ließ die Freude immer mehr nach (was ich ziemlich traurig fand), und irgendwann war es dann aus mit dem Abo. Bis auf die Netzwelt und einige Kolumnen – ich meine jetzt online, weil ich ihn nicht mehr kaufe – zehrt das Produkt Spiegel von seinem Ruf, der früher mal verdient war. Mittlerweile finde ich schon manche Schlagzeilen so abschreckend, das ich woanders nach dem Thema suche und dort weiterlese.

    Nach den voraufgegangenen Hahnenkämpfen beobachte ich das Ganze mit einem etwas grimmigen Vergnügen und unterstelle Mascolo Revanchismus. Gib mir eine richtig gute Erklärung, warum er plötzlich ein Blog haben muss? Schließlich ist er der V.i.S.d.P., und online gibt es ja schon. Schwierig, nicht auf diesen Gedanken zu kommen.

     
  9. stefan niggemeier

    24. September 2012 at 23:26

    Du liest den Spiegel nicht mehr, weißt aber, dass er nur noch von seinem Ruf zehrt. Das ist in der Kombination ein bisschen schwierig.

    Ich finde, dass dem Magazin ein Blog gut tut (und hab grad bei mir im Blog erklärt, warum ich das finde). Nenn mich gern naiv, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand denkt: “Der olle Blumencron ist mit seinem SPIEGEL ONLINE so erfolgreich, dem zeig ich’s jetzt und gründe ein Blog.”

    Ja, online gibt es schon, aber online gibt es SPIEGEL ONLINE und nicht den SPIEGEL. Das sind zwei sehr unterschiedliche Marken, was viele Leute nicht so wahrnehmen. Das Blog verstehe ich auch als Versuch, online zu zeigen, dass es noch ein anderes Medium gibt, das nicht online ist.

     
  10. opalkatze

    25. September 2012 at 00:33

    Ich kaufe ihn nicht mehr, aber ich lese ihn nur noch ganz unregelmäßig. Es ist doch bei allen Print- und Online-Produkten mittlerweile nur noch mehr oder weniger atemloses Warten auf die nächste Sau, die vorbeikommt. Die Zeiten haben sich eben geändert, das muss ich aber nicht gut finden. Ebenso, wie es weniger geduldig erzählte Geschichten gibt, gibt es auch weniger geduldige Leser – die Menge der Informationen ist so stark angewachsen, dass Filtern die einzige Möglichkeit ist, überhaupt noch einigermaßen am Ball zu bleiben. Es ist verständlich, dass Menschen lieber sieben Informationen in Kürze haben möchten, als einen langen, ausführlichen Riemen, der Tag hat ja nur 24 Stunden.

    Zurück zum Spiegel. Natürlich haben Menschen (vor allem solche, die nichts ‘mit Medien’ machen, also die weitaus meisten) Probleme, Print und Online zu trennen. Was sich hier wie dort verkauft, ist die Marke, und zwar eine bestimmte Marke mit einem bestimmten Image. Zunächst will mensch ja nicht Wagner oder Schirrmacher lesen, sondern sucht sich ‘seine’ Zeitung aus, die ihn in seinen Ansichten bestätigt und ihm die Informationen gibt, die er am besten verarbeiten kann, intellektuell wie zeitlich. Und da macht er eben nicht den Unterschied zwischen den Darreichungsformen, sondern erwartet, in etwa ähnliche Inhalte vorzufinden, wenn derselbe Name draufsteht.

    Ich postuliere mal ganz keck, dass gerade der Spiegel eine Übermarke ist, mehr als Zeit oder FAZ oder SZ, über die Jahre in seiner erarbeiteten Sonderstellung nur mit Bild vergleichbar. Wenn man den Spiegel kauft, erwartet man immer noch mehr, tiefergehende, ‘bessere’ Recherche als bei einem anderen Blatt. Das ist aber nur noch ein übermächtiger Schatten, der immer blasser wird. Das ist ein Jammer, denn gerade so ein Blatt würde dringend gebraucht. Statt dessen gibt es viel populären Kram, den man halt so wegliest – die Erkenntnis, die man früher aus Artikeln oder Serien ziehen konnte, stellt sich einfach nicht mehr ein, und wenn, nur noch in kurzen Sätzen oder Abschnitten (und dabei ist von dpa & Co. noch gar nicht die Rede). Die knalligen Recherchestücke bezahlt aber niemand mehr, und es sieht so aus, als müssten wir tatsächlich abwarten, was die jungen Journalisten sich ausdenken, um die Stücke, die sie machen wollen, zu finanzieren.

    Natürlich kann der Spiegel so viele Blogs machen, wie er will. Die Marke zerfasert aber immer weiter, die Verdünnung der Verdünnung wird geboten, wo Essenz not täte.

     
  11. BoleB

    25. September 2012 at 08:45

    Guten Morgen Vera,
    erstmal vielen Dank für die Erwähnung meines Posts, gerade aus deiner Feder schmeichelt ein so wohlmeinender Hinweis immer wieder :)
    Ansonsten kann ich mich nur anschliessen: auch ich gehöre zu den Spiegel-Sozialisierten. Da schmerzt der Abschied natürlich umso mehr, wenn mal eine tiefe Beziehung bestand, das merke ich selbst und lese aus den vielen Kommentaren der unzähligen Ex-Spiegelleser Ähnliches heraus. Bei mir war es übrigens das Aust’sche Pushen von rot-grün, was mich kurz darauf in die Arme der Zeit trieb, die mich dann mit der Schmidt-Vergöttlichung ähnlich enttäuschte. Jetzt bin ich frei von jeglichem papiernen Presseprodukt. Das Problem, sowohl bei Aust als auch bei di Lorenzo, war/ist die Agenda, glaube ich.
    Aber zum Thema: Zerfasern ist der richtige Ausdruck. Wenn schon die Trennung zwischen Spiegel und Spon für Uneingeweihte so schwer zu erkennen ist, warum bringt man dann den [ich bleib mal beim Maskulinum] Spiegel-Blog, der diese Trennung akzentuieren soll, in der Spon-Abstellkammer unter? Wieso bekommt er keine eigene Adresse? Und das Konzept: Ich schrieb, unter dem Eindruck von Mascolos Eröffnungsstatement, dass ich mich an “heute plus” erinnert fühle. So eine Art permanenter Tag der offenen Tür, wo jeder sich mal die Kulissen anschauen darf, aber das war’s dann auch. Nach der VS-Geschichte kommt noch ein wenig WAZ-Rechercheblog hinzu (das ich im Gegensatz zu heute plus regelmässig verfolge und ganz gelungen finde).
    Klar ist, dass es erst mal Häme gibt, wenn der Spiegel was Neues startet, egal wie gut das sein mag, so sind die Reflexe nun mal leider. Aber das könnte er überzeugend entkräften, was beim Start schon mal in die Hose gegangen ist, meiner Meinung nach. Ist halt nicht so einfach, da als Blog-Nachzügler noch einen Stich zu machen. Die Konferenz mag ein passender Anlass für den Start gewesen sein, die Berichterstattung dazu im Blog aber leider kein Grund, weil sie eben nichts Hintergründiges lieferte, und das wäre das Mindeste gewesen.
    Und wenn Stefan oben schreibt “ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand denkt: “Der olle Blumencron ist mit seinem SPIEGEL ONLINE so erfolgreich, dem zeig ich’s jetzt und gründe ein Blog.” – denken werden sich das viele, und viele könnten es auch besser, nur fehlen ihnen die Mittel dazu, vor allem die finanziellen, aber das brauch ich hier bei der Carta-Redaktion in Person ja wohl nicht schreiben…. :)

     
  12. AlterKnacker

    25. September 2012 at 10:35

    Ich sags mal ‘diplomatisch: Ansatzweise … :-)

     
  13. opalkatze

    25. September 2012 at 11:40

    Jo, damit bin ich in toto einverstanden.

    Mascolo: Manche sagen es sogar, leider aber nur entre nous, am Telefon oder per Mail.

    Hat auch mit Häme nix zu tun, wie ich unten schon schrieb, ist eher eine Art Enttäuschung und die Einsicht, dass es keine bissige Presse mehr gibt – oder sie geht unbemerkt an mir vorbei, was bei meinem täglichen Lesepensum ein Armutszeugnis für mich wäre. Die wenigen guten Texte beschäftigen sich interessanterweise meist mit Dingen, die nicht soo wichtig sind. Letzte Woche gab es zum Beispiel einen schönen Artikel über Wulff im FAZnet-Föjettong. [Nein, über Feuilleton reden wir besser nicht, das sollen Berufenere tun.]

    Die Sachen, auf die sich der Spiegel früher mit Lust und Appetit gestürzt hätte, finden, wenn nicht gleich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so doch im Kleingedruckten statt. Die fragwürdigen Ergebnisse werden oft erst durch Blogger zu Themen. Überhaupt gibt es Interessanteres, Kritischeres, Hintergründigeres als in der Presse auf – echten! – Blogs, dafür ist Stefan ja selbst ein gutes Beispiel. Andererseits wird kollektives Aufheulen “der Blogosphäre” zum Shitstorm erklärt (oder umgewertet?), statt sich des Themas mit Geld und Leuten anzunehmen. Traurige Republikpresse – in demselben Ton hätte man früher ‘Provinzblättchen’ gesagt.

    Dass die Verlage ihr Geld unterdessen mit anderen Dingen verdienen und sich damit den kostspieligen Luxus Recherche nach und nach selbst kaputt machen, ist wohl ein Weg, den Wirtschaftsunternehmen mit der Zeit gehen. Leider braucht es, um Journalismus zu finanzieren, ziemlich viel Geld und also in der Tat ein profitorientiertes Unternehmen. Die Alternative ist Ideenreichtum (und Selbstausbeutung), außerdem sind viele Themen, gerade über einen längeren Zeitraum, nicht zu stemmen ohne solide pekuniäre Basis. Vom Spendenjournalismus sind wir noch ein gutes Stück entfernt, auch wenn die Idee langsam bekannter wird. Letztlich landen also die Hoffnungen auf Besserung doch wieder bei den Verlagen (und Agenturen?), weil die es können und das Geld hätten, wenn sie es wollten. Katze ⇔ Schwanz. [Tiefer Seufzer. Abgang.]

     
  14. VonFernSeher

    30. September 2012 at 03:55

    Ich bin übrigens (aber nur was das betrifft) noch nichth wirklich schlauer. Ich weiß auch, wie das mit erklärten Witzen ist, aber versuch es doch trotzdem einmal…

     
 
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