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Gelesen: Klaus Jarchow, “Nach dem Journalimus”

23 Okt

“Schreiben in Zeiten des Web 2.0″ hat der Journalist und Blogger sein Buch untertitelt, und genau das findet man darin: Einen engagierten Aufruf, zu schreiben – aber anders.

Vorab: Wer sich bei F.A.Z., Süddeutscher, ZEIT, Broder, Matussek und Seibel stilistisch wie inhaltlich stets gut aufgehoben fühlt, braucht gar nicht weiterzulesen. Wer aber wissen möchte, wie Sprache ‘funktionieren’ kann, wie man einen lesenswerten Text baut, wer Leser auf seine Website locken will, der ist hier richtig.

Besucher von Klaus Jarchows Blogs “Sargnagelschmiede” und “Stilstand” ahnen, was auf sie zukommt: Eine leidenschaftliche und pointierte Auseinandersetzung mit dem Journalismus, mit Schreibweisen, Ideologien und Protagonisten. Vor allem aber mit Sprache. Und mit Blogs. Darum geht es in diesem Buch, denn Schreiben im Internet ist für Jarchow die folgerichtige Fortführung des Journalismus’ auf Papier, nachdem die alte Top-down-Hierarchie sich gerade rasant auflöst: Edelfedern sind nicht mehr die Weltdeuter und Meinungsbildner, die sie jahrhundertelang waren. Blogger, lernt schreiben!

Jarchow vergleicht den Medienwandel mit den Umwälzungen durch die Erfindung des Buchdrucks und die Reformation: Erst durch den Bedarf an Druckerzeugnissen während der Kirchenrevolution konnte sich die neue Technik durchsetzen, während andererseits ohne sie die neuen Thesen niemals solche Verbreitung gefunden hätten. Gleichzeitig hat ein Preisverfall für Druckwerke stattgefunden, der dem heutigen, durch die Digitalisierung und das Lesen am Bildschirm bedingten, absolut vergleichbar ist.

Allerdings erfordert das Medium Internet andere Erzählweisen. Der nächste, womöglich bessere Text ist immer nur einen Klick weit weg, und Leser wollen überzeugt werden, warum sie gerade unseren und eben nicht den anderen bevorzugen sollen.

Als Unterstützung bietet dieses Buch vier sachlich gegliederte Teile an:

Einen, der den Status quo beschreibt und darlegt, weshalb herkömmliche Diktionen nicht mehr funktionieren. Einen ausführlichen handwerklichen Teil, der Gott sei Dank in nichts dem ähnelt, was man bei Schreiblehrern wie Wolf Schneider, in Stein gemeißelt, seit Jahrzehnten lesen kann. Beantwortet wird zum Beispiel die Frage, weshalb man eben doch Füllwörter benutzen soll, oder warum dreimal Gesagtes wahr zu sein scheint. Und wieso hat man eigentlich seit der Schulzeit den Umgang mit Adjektiven so verlernt?
Ein weiterer Teil zeigt, wie man eine gute Geschichte baut, und wie unverzichtbar die ganz eigene Handschrift des Autors ist. Schließlich einer, der sich mit den “Himbeertoni”- und “Tanja-Anja”-Texten der Public Relations-Abteilungen auseinandersetzt. Das ist äußerst unterhaltsam (“Mutanten unter sich”, “Gepflegter pöbeln”) und verleitet sehr zu “ja, genau!”-Ausrufen. In diesem Teil werden außerdem mit einiger Verve “Die Alphajournalisten” durchgenommen und Alphablogger von Don Alphonso bis Johnny Haeusler betrachtet.

Bei alldem ist Jarchow fühlbar engagiert: Er begeistert sich für die Möglichkeiten des Schreibens in einem Netz, das nie voll wird, das durch Verlinkungen viel aufregender ist, als es das zweidimensionale Print je sein konnte, und in dem ein ehrlicherer Ton sich durchsetzt. Diese Begeisterung gibt er weiter.
An vielen Stellen merkt man aber auch die Wut über den “Industrieton”, über langweilige und immergleiche Stücke, über die Ignoranz, die keine anderen Götter neben den Lichtgestalten des deutschen Verlagsjournalismus’ zulassen will, über die Nichtachtung der Leser. Der sterile Verlautbarungsstil der Zeitungen gehört für ihn ebenso auf den Müll wie die grässliche, pseudo-sachliche Verbreitung persönlicher Ideologien.

Auch die scheinbar ewig gültigen Regeln, die an Journalistenschulen immer noch als Glaubensbekenntnis hochgehalten werden, müssen endlich weg. Jarchow fordert etwa auf, Glaubenssätze wie die W-Fragen (wodurch schon in der Einleitung der gesamte Inhalt zusammengefasst wird), genauso über den Haufen zu werfen wie das sinnlose “Ich-Verbot”. Lieber sollten wieder Geschichten erzählt und die Persönlichkeit des Autors sichtbar werden. Literarische Vorbilder wie der geniale Reporter Hemingway seien dafür eine ebenso gute Richtschnur, wie der Blogger, Journalist und akribische Hintergrund-Rechercheur Jens Berger.

“Nach dem Journalismus” ist ein Buch für alle, die abseits der SEO ‘ins Internet schreiben’ wollen, ganz gleich, ob beruflich oder privat. Es geht um nichts weniger als das Rüstzeug für die Zukunft des Schreibens – sofern man darunter die Wieder-Hinwendung zum Leser und seinen Bedürfnissen versteht.
Neben der Vermittlung eines handfesten Anliegens – Werdet besser! – ist das Buch höchst unterhaltsam zu lesen, was ebenso an der sehr persönlichen Schreibe des Autors wie an den vielen kleinen und größeren Seitenhieben auf bekannte Personen, Zeitungen und Blogs liegt. All diese kleinen Sottisen sind jedoch nicht Selbstzweck, sie werden sorgsam begründet und als lebendige Beispiele herangezogen.

Dabei legt Klaus Jarchow die Latte hoch, denn gutes Schreiben setzt auch die Beschäftigung mit den eigenen Wünschen und Zielen voraus, abseits der gehypten Selbstdarstellung oder flüchtiger Moden. Die vielen Beispiele laden zur Selbstreflektion und zum kritischen Direktvergleich ein. Das Buch ist keine Baukasten-Anleitung nach dem Prinzip, “How to build your own working Pulitzer Price”. Es erfordert Mitdenken, innere Rückfragen und das Eingeständnis der eigenen, schlechten sprachlichen Angewohnheiten, belohnt dies aber mit einigen soliden Techniken und der Fähigkeit, einen guten Text zu erkennen, wenn man ihn sieht. Das größte Plus für mich ist aber die Leidenschaft, mit der Klaus Jarchow streitet: Für lesbare und lesenswerte Texte nach dem Journalismus.
 
Klaus Jarchow, Nach dem Journalismus · Schreiben in Zeiten des Web 2.0
 
 
 
 
Klaus Jarchow, Nach dem Journalismus · Schreiben in Zeiten des Web 2.0,
624 Seiten, Frankenfeld 2012
epubli, E-Book 7,99 €, Book on Demand 39,99 €
 
 
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9 Kommentare

Verfasst von - 23. Oktober 2012 in Blogs, How to, Journalismus, Kultur, Medien, Menschen, Web 2.0, Wissen

 

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9 Antworten zu “Gelesen: Klaus Jarchow, “Nach dem Journalimus”

  1. Max Kuckucksvater

    23. Oktober 2012 at 05:03

    Ein gut lesbarer Artikel – ganz in Deinem Stil – ist Dir ja gelungen. Inwieweit brachte Dir das Buch den nötigen Feinschliff oder war der schon vorher da?

     
  2. Rabin

    23. Oktober 2012 at 08:17

    Wirklich interessant geschrieben, wirft zumindest bei mir auch einige Fragen auf und weckt Interesse, sich das Buch einmal näher unter die Lupe zu nehmen.

     
  3. Nic

    23. Oktober 2012 at 10:50

    Danke für den Hinweis – wird gekauft :-)

     
  4. opalkatze

    23. Oktober 2012 at 11:35

    Ach du lieber Himmel, von Feinschliff bin ich meilenweit entfernt. Nenn es Schreiblust oder Schreibzwang. Es geht darum, sich selbst zuzuhören und die eigenen Sprachschlampereien zuzugeben, die ganzen Manierismen, die man sich so angewöhnt hat. Das ist vergleichbar mit der Bemühung, sich das ‘äh’ abzugewöhnen. Das geht, erfordert aber Disziplin.

    Da zupft Klaus eine Saite, die schon da war. Du liest ja nichts, was dich nicht sowieso anspricht. Ich hab mich immer schon über Texte geärgert, die sichtlich dem Ruhm des Autors dienen sollen, seine scheinbare Belesenheit und Büldung (sic) belegen, aber einen grauslichen Satzbau haben und nichts aussagen, beschreiben oder erklären.

    Ich überlege immer nur: Steht da, was ich sagen wollte? Sind da überflüssige Wörter drin? Ist das verständlich? Ist das einfach? Muss ich den Satz nochmals lesen, weil er zu kompliziert ist? Ist das ein gutes Bild? Und bleibe ich in dem Bild, oder vermenge ich gerade Dinge, die nicht zusammengehören? Welches Bild entsteht im Kopf des Lesers? Ist da ein roter Faden, ein durchgehender Gedankengang, den der Leser mitdenken kann? Kann ich damit – darum geht es ja schließlich – mein Anliegen vermitteln? Wenn ich in zwanzig Minuten was geschrieben habe, sitze ich drei Stunden an dem Text, bis er einigermaßen so ist, dass ich ihn rauslassen kann, ohne mich allzusehr zu schämen.

    Nachtrag: Auf der Journalistenschule hab ich das alles nicht gelernt. Da ging es noch streng nach Wolf Schneider. Der hat viele richtige Dinge geschrieben, die immer noch gelten, aber die Zeiten haben sich geändert. Schneider ist eben nicht die Anleitung zum selber Denken, sondern die Lehre von der einzig wahren Form, und das ist Unfug. —

    Wenn du mehr über Texte lesen und dich dabei noch gut unterhalten willst, lies mal Constantin Seibts Deadline im schweizer Tagi. Und die oben verlinkten Blogs von Klaus; besonders in der “Sargnagelschmiede” hat er die Knappheit zur Kunst entwickelt.

     
  5. opalkatze

    23. Oktober 2012 at 11:38

    Viel Vergnügen! Kann man ja eher selten zu einem Buch wünschen.

     
  6. Max Kuckucksvater

    23. Oktober 2012 at 17:36

    Ja, ist wirklich gut, was ich bei der Sargnagelschmiede und bei Deadline vorfand. Die einen schönen Schreibstil – trotz aller Gegensätze – gemeinsam haben.

    Nicht selten geht es mir mit meinen Texten ähnlich mit dem Zeitverhältnis von Erstellung und Überarbeitung, wie es bei Dir der Fall ist. Da hat man doch den Text dahingezimmert und bereits zwei Mal aufmerksam überarbeitet und himmelzapperlot: Da steht noch mehr Arbeit an! Besonders bei meinen Kommentaren zu den Familienrechtsurteilen von EGMR und BVerfG ist es eine echte Aufgabe einerseits sachlich, strukturiert und detailiert auf die Urteilsbegründung einzugehen und andererseits es für Laien und Profis lesbar und nachvollziehbar zu gestalten. Wenn das gefällte Urteil gegen jedes Rechtsempfinden eines Normalsterblichen spricht, muß ich mich ganz schön am Riemen reißen, daß mir im Text nicht gleich erkennbar die Hutschnur platzt, ganz besonders, wenn sich das Gericht hinter dem Begriff ‘Kindeswohl’ versteckt. Das mir selten beim EGMR, manchmal beim BVerfG, häufig beim BGH aber meist bei Oberlandesgerichten vorkommt. Da hilft dann mir nur noch eine Tasse Tee, wobei ich mich auch zu einem Kaffee bei Dir einladen lassen würde ;-)
    Grüße aus Kolumbien
    Max

     
  7. opalkatze

    23. Oktober 2012 at 18:04

    Hm, ich würde dann erst mal ranten und nach zwei Tagen versuchen, das in eine Form zu kriegen: erst die Gräten, dann Fleisch dran. Es allen gleichzeitig recht zu machen, ist ohnehin unmöglich, also würd ich’s für die schreiben, die es eher nötig haben, im Zweifelsfall also die Laien. Die Anderen haben ihre eigenen Biotope, wo sie sich unter Fachleuten wegen Unterproblemen, Einzelaspekten und auf der Metaebene an die Gurrrrgel gehen können.

    Tee ist auch ok, irgendwas muss ich schließlich auch trinken, wenn ich wach werden / bleiben will .. ,) Earl Grey, an kalten Tagen Lapsang Souchong (tarry, bittschön), oder einfach Darjeeling mit einem Stück Ingwer.

     
 
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