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#Aufschrei. Eine Frage des Respekts

26 Jan

Wie viele andere, habe ich mich gestern und heute ein paar Stunden durch die Tweets, Posts und Zeitungsbeiträge gelesen. Das war nicht so gedacht, aber das Geschriebene hat mich irgendwie eingesogen. Ich konnte einfach nicht aufhören, zu lesen.

Da kommt so viel Wut und Frust und Angst und Abscheu hoch, dass ich eigentlich gar nicht begreife, warum dieser Ausbruch nicht viel eher kam. Frauen, die ich immer als besonders taff und schlagfertig eingeschätzt habe, haben ganz offen über gemachte, ekelhafte Erfahrungen geschrieben und getwittert. Das fand ich sehr, sehr beeindruckend.

Ich bin froh, dass endlich, endlich das Kind beim Namen genannt wird. Antje Schrupp schreibt: “Zurück in den Sack kriegt Ihr das jetzt nicht mehr.” Gut so, sehr gut. Der Aufschrei kam just in dem Moment, als sich die Helfer um Brüderle formierten, um den Vorfall als läßliches Verhalten eines angetrunkenen älteren Herrn darzustellen. Die übliche Attitüde also: Nun regt euch nicht so auf, das haben wir immer so gemacht!

Auch der Versuch, das Ganze als Pressekampagne zu deklarieren, ging durch die Aktion gründlich fehl. Lassen wir mal außen vor, daß Laura Himmelreich ihr Erlebnis möglicherweise im letzten Jahr in der Redaktion erzählt hat und sich anhören durfte, wääh, das ist doch keine Geschichte, das ist normal, und einer der Verantwortlichen sich nun – im Wahlkampf und angesichts der Querelen innerhalb der FDP – nach dem Motto “das kann man doch noch mal brauchen” daran erinnert hat. Schlüpfrige Storys laufen immer gut, und diese kam eben gerade zupass.

Bei Carta habe ich kommentiert:

Ich finde es legitim, das neuerliche Interesse an der Person Brüderle zu benutzen, um diese Geschichte zu erzählen. Vor einem Jahr wäre sie – vielleicht noch nicht mal – unter “ferner liefen” erschienen. Wenn der Chefredakteur keinen Anlass für die Veröffentlichung sieht, nützen mir die schönsten Texte nichts. Die Veröffentlichung von Ann Meiritz hat das vermutlich befördert, wenn schon eine/r was geschrieben hat, ist es leichter, nachzuziehen.

[Was mich daran ärgert, ist die mehr oder weniger implizite Darstellung von stern und SpOn, sie hätten #Aufschrei erfunden. Das ist nicht so:

Die notleidende Presse greift eben auch nach Strohhalmen.]

Doch #aufschrei ist nicht der Kern. Denn all diese Dinge, von blöden Sprüchen bis zu tätlichen Übergriffen, können nur stattfinden, weil etwas Unabdingbares verloren gegangen ist: Respekt.

Wenn mensch andermensch mit Respekt gegenübertreten würde, hätten wir (auch) dieses Problem nicht. Ich weiß nicht, ob das aus einer falsch verstandenen Entwicklung nach den 60er- und 70er-Jahren kommt, als Autoritäten – endlich – in Frage gestellt wurden; nicht mehr jeder, nur, weil er einen Titel hatte oder eine bestimmte Position, als Meinungsrichtschnur per se angesehen wurde. Was wir heute haben: einen Staat, der seine Bürger nicht mehr achtet und vice versa, Arbeit, die geringschätzig nur noch als Job bezeichnet wird, das sich abgefunden Haben mit der Tatsache, dass Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden, allgemeine und fortschreitende soziale Kälte, ist alles nur Symptom für einen Werteverlust jenseits aller parteipolitischen oder kirchlichen Diskussion (die im Übrigen auch dringendst nötig wäre!).

Aber, noch mal: Diese Symptome sind nicht die Krankheit. Wir haben uns alle ans Weggucken gewöhnt, ans Ausblenden dessen, was uns anpacken könnte. Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Umgang auf Augenhöhe, an dem alle teilhaben. So lange werden wir uns mit den widerlichen Symptomen auseinandersetzen müssen. Wir lassen uns von Machtansprüchen leiten, die de facto nicht mehr bestehen, nur, weil es eben immer so war. Die Schandtaten der katholischen Kirche beispielsweise kann ich in meinem Dorf nicht vermitteln: Ja, schrecklich, furchtbar, grauenhaft, aber weit weg, nicht meine Kinder, nicht meine Vergewaltigung. Und sonntags Kirchgang, Spenden für Bolivien und ehrenamtliche Arbeit bis zum Umfallen. Wieso dürfen die Krankenhäuser leiten? Steuergelder erhalten? Wieso ermittelt da nicht die Staatsanwaltschaft? Einfach: Weil es immer so war.

Ja, es hat sich viel geändert in den letzten 40 Jahren. Nein, es ist nicht genug. Es ist mühsam, all diesen Alltagsproblemen, die durch das Netz unendlich verbreitet werden, einen Sinn zu geben und die eigenen Prioritäten herauszufischen. Jedem und Jeder, die oder der eine Aktion starten, die wahrgenommen wird, gebührt Dank. #aufschrei hat, wieder einmal, bewiesen, dass Netz und Mainstream bei wirklich wichtigen Themen zusammenspielen. Vielleicht könnten wir uns als Nächstes mit der Diskussion über Respekt befassen.

  • Mein liebster Beitrag zu #aufschrei, weil sehr differenziert und mit hilfreichen Kommentaren: Meike Lobo, Das Schreien der Lämmer
 
16 Kommentare

Geschrieben von - 26. Januar 2013 in Frauen, Journalismus, Kultur, Politik

 

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16 Antworten zu “#Aufschrei. Eine Frage des Respekts

  1. Angela

    26. Januar 2013 at 16:38

    Brüderle oder ähnlich Strukturierte (= alte Säcke mit besten gesellschaftlichen Kontakten) werden vermutlich auch manchmal erfolgreich sein. Es geht dann um folgendes Tauschgeschäft:

    Aktzeptiere Du (= junge, karriereorientierte, attraktive Frau) meine Anmache (oder mehr), dafür biete ich Dir die besten beruflichen Kontakte.

    Mit (fehlendem) Respekt hat das nichts zu tun. Bei der Stern-Frau gab’s eine Abfuhr, andere lassen es über sich ergehen – und profitieren.

    Anders lässt es sich nicht erklären, wie der alte Brüderle annehmen konnte, dass eine mehr als halb so junge, intelligente Frau einen Handkuss eines faltigen, geilen Alten vielleicht mit einem entzückten Lächeln beantwortet.

     
  2. Angela

    26. Januar 2013 at 16:48

     
  3. der Herr Karl

    26. Januar 2013 at 19:28

    Die Diskussionen um Männer und Frauen wird wohl eine ‘never ending story’ bleiben. Seit Tausenden von Jahren…

     
  4. Johannes

    28. Januar 2013 at 22:49

    Ich bin ernsthaft erschrocken, auf welches Niveau sich nicht nur Politiker_innen, sondern auch seriöse Medien in dieser Debatte begeben. Von Niebel und Kubicki, die Journalistinnen ausladen bzw. künftig überhaupt nur noch mit Männern reden wollen, um Sexismusvorwürfe zu vermeiden (sic!) über Jauchs Herrenwitzrunde zum Thema bis hin zu Berthold Kohlers Sprachglosse in der FAZ, der den Diskurs völlig ins Lächerliche und Beleidigende zieht. (” Die Würde der Kuh ist unantastbar, der Griff ans Euter eine Grenzüberschreitung. [...] Falls wir mit dieser Bemerkung einer (dummen) Kuh zu nahe getreten sein sollten, möchten wir uns bei ihr entschuldigen.”)

    Teilst Du (ist’s erlaubt?) meine Befürchtung, dass nach dem #aufschrei unmittelbar der “Lächerlicher shitstorm, habt euch nicht so!”-Backlash folgt?

     
  5. Johannes

    28. Januar 2013 at 22:56

    Um den letzten Satz zu präzisieren: Ich befürchte, dass unterm Strich sogar eine verstärkte Bagatellisierung übrigbleiben könnte – denn “wir haben ja mal über das Thema geredet, wir sind ja offen; und rausgekommen ist, dass wie immer in diesem Internet weit übertrieben wurde und das gar nicht so schlimm ist; das kann man ja auch in den Zeitungen lesen und beim Herrn Jauch sehn und überhaupt war das nur ne Kampagne”, um mal den Geist unter den wenigen meiner Arbeitskollegen wiederzugeben, die sich überhaupt auch nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigt haben. Vielleicht neige ich ja auch zu Schwarzseherei.

     
  6. hardy

    29. Januar 2013 at 04:31

    und schon wieder, die von mir geradezu kultisch verehrte martina schulte (sie ist so “chillig & sophisticated”) in der webschau des drw. alles andere ist kalter kaffee ;-)

    [..] http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/01/28/drw_201301281302_bruederle-debatte_und_reaktionen_50bb5cf9.mp3 [..]

     
  7. hardy

    29. Januar 2013 at 04:57

    und, weil ich es gerade über mir sehe: ich verstehe das richtig, daß eine seite, auf der zwei bekannte namen der deutschen bloggosphäre sexueller übergriffe beschuldigt werden, hier über mir verlinkt sind?

    das ist schon grenzwertig, oder?

    ich bin ja nun wirklich nicht immer ein anstandswauwau und schlage durchaus selbst gerne polternd über die stränge … aber mir wäre nicht wohl bei dem gedanken, postermaid für einen öffentlichen pranger zu spielen oder die räuberleiter für denunziation zu halten.

    liebe grüße

     
  8. hardy

    29. Januar 2013 at 09:13

    angela, man(n) kann das auch …

    ich bin eingeschworener fan und liebe vor allem ihr hörspiel “das wird schon – nie mehr lieben”, das ich meinen töchtern als vorwarnung auf kommende ereignisse und erfahrungen präventiv “verabreicht” habe.

    thema: ein seminar, in dem frauen jenseits der menopause lernen, sich bloß nie wieder zu verlieben. zum schreien (sic!) komisch. lag 2006 als teil der ard-hörspieltage als podcast aus, aber zu dem zeitpunkt war es schon ein gutes halbes jahr in meiner ewigen top ten .. und ist es noch.

    sollte frau dringendst kennen … wenn ich jetzt sage “das war ein befehl”, werde ich wahrscheinlich gelyncht, aber … so viel (erleuchtender!) spaß in knapp 57 minuten sollte hier (bitte! bitte! bitte!) wirklich niemand verpassen …

    http://www.hoerspieltipps.net/daswirdschon.html
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hoerspiel/542736/

    ich sehe gerade, daß man es (als hörspiel) nicht kaufen kann – und kann mich natürlich (öffentlicher ort) nicht zu einem illegalen akt hinreissen lassen. aber wenn was in die “wolke” gehört, dann das …

     
  9. Becker T.

    29. Januar 2013 at 17:25

    Zitat: “Da kommt so viel Wut und Frust und Angst und Abscheu hoch, dass ich eigentlich gar nicht begreife, warum dieser Ausbruch nicht viel eher kam.”

    Weil keine das Gefühl hatte, dass ihr auch nur das Recht zugestanden wird, sich erniedrigt zu fühlen, weil keine das Gefühl hatte, dass jemand sie überhaupt versteht, dass alle Männer Frauen nur als Ware betrachten und alle anderen Frauen nichts anderes wollen, als nur ihren Warenwert zu steigern – so funktioniert Diskriminierung immer: Ein leicht sichtbares gemeinsames Merkmal einer Untergruppe xyz wird herangezogen, mit negativen Attributen versehen und so lange wiederholt, bis die Leute bei jedem zufälligen Zutreffen wissend mit dem Kopf nicken: “Ja, die xyz halt, die sind halt so”. Auf die Auswahl der negativen Attribute ist dabei keine besondere Aufmerksamkeit zu legen, denn jeder Mensch hat Schwächen und vor allem: jede Situation erzeugt Schwächen und Stärken, man muss sich also nur eine bestimmte Situation herausgreifen, dort die induzierten Fehler betonen und schon kann man all diejenigen, die häufig dieser Situation unterworfen sind, damit verunglimpfen. Deshalb wurde den chinesischen Eunuchen dieselben Schwächen nachgesagt wie den Frauen (heimtückisch, verlogen, diebisch), weil sie in derselben ohnmächtigen Situation steckten wie die Frauen. Deshalb waren dunkelhäutige Menschen (ich hoffe, diese Formulierung ist nicht rassistisch) lange nichts anderes als Dienstboten und letztlich Witzfiguren in Hollywood-Filmen und konnten auch noch in den 80er und 90er Jahren darauf wetten, dass Dunkelhäutige die ersten waren, die sterben mussten, wenn sie schon eine halbwegs respektable Rolle hatten.

    Um dunkelhäutige Menschen nicht zu beleidigen, werden heute sogar Kinderbücher redigiert (“Neger” wird in der “kleinen Hexe” ersetzt, las ich) – und das ist gut so. Denn Ausgangspunkt jeder Diskriminierung ist die Sprache, sie ist das, was die Weltbilder der Sprecher darstellt und verknüpft. Wer in der Sprache verächtlich ist, der verachtet auch im Denken und wer im Denken verachtet, der tritt verächtliche Entscheidungen und treibt die Welt damit in die Verachtung für den Verachteten.

    Zitat: “Frauen, die ich immer als besonders taff und schlagfertig eingeschätzt habe, haben ganz offen über gemachte, ekelhafte Erfahrungen geschrieben und getwittert”

    Es müssen ja gar nicht immer die ekelhaften Erfahrungen sein – es genügt auch, wenn permanent und völlig selbstverständlich Erniedrigung erduldet werden muss, einfach nur, weil man Teil einer diskriminierten Gruppe ist. Gesten, Formulierungen, die ausdrücken, wie uninteressant und minderwertig du oder dein Beitrag ist – alltägliches Mobbing nur wegen des Diskriminierungs-Attributs “Geschlecht”. Und wie bei beruflichem Mobbing ist es schwer, Hilfe zu bekommen und wie bei beruflichem Mobbing zersetzt es das Selbstwertgefühl, bis am Ende nichts mehr übrig ist.

    Ich muss auch zugeben – abgesehen von der massiven, typischen Reaktion jetzt auf Hashtag#aufschrei, die Frauen lächerlich zu machen, weil man sich im Gegensatz zu den Frauen sicher sein kann, Unterstützung vom eigenen und erst recht vom anderen Geschlecht zu bekommen – hat mich die Vielzahl der ernst gemeinten Meldungen dort sehr aufgewühlt. Wir kämpfen für eine gerechte Welt, für einen Sozialstaat, der Gesundheitskosten nicht deckelt wie Großbritannien, das Leute sterben lässt, die nicht bezahlen können, wir kämpfen für Schulbildung und gerechte Bezahlung

    aber die Hälfte unserer Bevölkerung behandeln wir so, dass viele davon sich wie Dreck vorkommen und andere sich analog dem Stockholm-Syndrom mit den Angreifern verbünden, um wenigstens persönlich so schmerzfrei wie möglich davon zu kommen

    ich schätze, da ist es kein Wunder, dass wir Finanzkrisen und globale Erwärmung haben – wir haben überhaupt keinen Begriff mehr davon, was Gerechtigkeit und Anstand ist und wozu die Natur das in unsere Köpfe gepflanzt hat: Weil Kooperation schlicht effektiver ist als Einzelkampf

     
  10. altautonomer

    4. Februar 2013 at 08:37

    Sehr süffisanter Kommentar dazu in der taz:

    Niebel allein im Lift (Auszug)
    Niebel warnt außerdem vor einer „Situation wie in den USA“, wo man als Mann einen Fahrstuhl nicht mehr betrete, wenn dort eine Frau allein unterwegs sei. „Und das aus Sorge, es könnte gegen ihn verwendet werden.“
    Man sieht sie regelrecht vor sich, die FDP-Parteigranden, wie sie in der Parteizentrale im Erdgeschoß sich sammeln und ungeduldig darauf warten, dass endlich ein leerer oder wenigstens nicht von Frauen besetzter Aufzug kommen möge.

    http://www.taz.de/Kolumne-So-wird-ein-Schuh-draus/!110312/

    köstlich

     
  11. gerdos

    6. Februar 2013 at 08:07

    Heute im Nachbarblog bei ad sinistram wieder mal die als Medienkritik verschleieerte Frauenfeindlichkeit als Indiz dafür, wie schwer es ist, Männer zum Nachdenken/Reflektieren zu bewegen. Wenn zehntausende einzelner Frauen ihre üblen Erfahrungen mit einzelnen Männern veröffentlichen, fühlen sich alle Männer angegriffen und müssen schleunigst zur Verbrüder(le)ung schreiten, schließlich ein Auch-Penis-Träger. Die endlose Liste von TV-Sendungen, Printmedienveröffentlichungen und Blogthematisierungen hat er nicht durchgehen lassen. Diese Verharmlosung, Bagatellisierung und Marginalisierung der Debatte (ist doch nur ein Nebenwiderspruch) ist der typische Reflex sich als links bezeichnender Männer.

     
  12. altautonomer

    6. Februar 2013 at 12:33

    Da es noch kein neues Thema gibt und die Debatte nicht zu Ende ist, hab ich noch einen aus dem Bereich deutsche Kultur/Romantik/Verführung:

    “Gern hab ich die Frauen geküsst,
    hab nie gefragt, ob es gestattet ist,
    dachte mir,
    nimm sie Dir,
    küss sie nur,
    dazu sind sie ja hier!”

    aus Paganini von Franz Lehar

    (Sarkasmus aus)

     
  13. opalkatze

    6. Februar 2013 at 12:38

    Ah, Joopie Heesters at his best! [Du kommst auf Ideen ...]

     
  14. Geraldine

    13. Februar 2013 at 19:49

    Mich beeindruckt die Offenheit mit der viele Frauen nun Licht in das Dunkel bringen, während andere weiterhin so tun, als gäbe es gar kein Problem. Vor allem für Frauen, die die Existenz von Sexismus gänzlich abstreiten, fehlt mir jegliches Verständnis.

     
 
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