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Allheilmittel

19 Nov

Mir platzt der Kragen. Sucht einfach nach #leistungsschutzrecht und macht Euch schlau.

Darum geht es in Kürze: Die Verlagsindustrie will ein Gesetz, um sich die Taschen noch voller zu stopfen. Eine Meldung soll dem ‚gehören‘, der sie zuerst hat, jedwede Weiterverbreitung nur gegen cash.

Journalisten müssen schon seit geraumer Zeit alle Rechte an die Verleger abtreten, sie dürfen z.B. Texte, deren Urheber sie sind, nicht für sich verwerten (‚unterschreiben Sie das mal, wenn Sie wieder für uns arbeiten wollen‘; angestellte Journalisten sind dazu per Arbeitsvertrag verpflichtet). Die Verlagsindustrie sichert sich durch bereits bestehende Gesetze alle möglichen und unmöglichen Rechte.

Sie darf beispielsweise einen Journalisten abmahnen, der trotz Abtretung einen seiner eigenen Texte anderweitig verwertet, und bekommt Recht. Eine regelrechte Abmahnmafia ist im Entstehen begriffen, die auch vor kleinen Bloggern nicht halt macht; letztes unrühmliches Beispiel war Eva Schweitzer gegen den Blogger Philipp (und seht Euch mal an, was in England gerade abgeht).
Wenn die Abmahner aber selbst kopieren (und das tun sie nachweislich, letzter Fall Kai Diekmann und das Sarrazin-Interview), ist das natürlich etwas völlig anderes.

Die Herren der Verlagsindustrie weisen gebetsmühlenartig auf die tolle Qualität ihrer Erzeugnisse hin, und die wollen sie jetzt unter eben dieses Leistungsschutzrecht stellen. Es geht u.a. natürlich gegen Google, und deshalb sollen jetzt auch die winzigen Textfitzelchen, die man bei Google News findet, bezahlt werden. Von Google, na klar.

Man könnte sich totlachen, wenn’s nicht so schlimm wäre: Läge den Verlegern wirklich an der Qualität, würden sie Journalisten – angestellte und freie – ordentlich bezahlen, sorgfältige Recherche ermöglichen und nicht dpa-Meldungen frisieren, Anzeigentexte nicht wie eigene erscheinen lassen, keine Redaktionen drastisch verkleinern oder schliessen.
Und, vor allem, sie würden mit zwei einfachen HTML-Befehlen in den Artikelheadern Suchmaschinen abweisen. Punkt, Ende der Diskussion. Da diese Diskussion aber immer heftiger wird, kann der vorgebrachte Grund ‚Google ist ganz ganz böööse!‘ nicht der wahre sein.
Es geht schlicht um Kohle, Geld, Profit.

Auf Google sind sie sauer, weil ihnen das nicht selbst eingefallen ist. Überhaupt, einfallen: Genau das ist der springende Punkt. Den Herrschaften fällt nämlich nichts ein, womit sie im Web 2.0 Geld verdienen können, deshalb versuchen sie so verzweifelt, ihre Geschäftsmodelle aus dem letzten Jahrhundert zu schützen.

Auf einer Podiumsdiskussion am Montag in Berlin wurde von einem der Teilnehmer allen Ernstes vorgebracht, künftig sollten auch Links zu Pressetexten kostenpflichtig werden (wer die Diskussion nachträglich verfolgen möchte, kann hier den aufgezeichneten Stream ansehen oder auf twitter mal die Kommentare unter #lsdb suchen). Dass jegliche sonstige Verwertung, auch das ’sich zu Eigen machen‘, bspw. in einem Blog, kosten soll, ist ohnehin klar.

Bei uns schreit Hubert Burda ja schon länger am lautesten. Rupert Murdoch ist mit mehreren Verlegerkollegen jetzt dabei, Zeitungen gleich im Ganzen hinter paywalls verschwinden zu lassen, ein Modell, das ganz im Sinne Burdas sein dürfte. Und unsere Kanzlerin findet die ‚Gratismentalität‘ empörend und wird den Wünschen der Contentlobby sicher gerne weitgehend entgegenkommen. Welche Auswirkungen das letztlich aber haben wird, ist den Wenigsten klar. Auch wenn ich gerade sehr wütend bin, der folgende Satz ist nicht diesem Gemütszustand zuzuschreiben:
Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet diese Regelung das Ende der Presse- und Meinungsfreiheit. Denn wer eine Meldung zuerst hat, kann sie veröffentlichen – oder zurückhalten. (Bitte selbst zu Ende denken.)

Zu hören gibt es dazu Breitband vom Deutschlandradio (Links zu zwei Interviews unten auf der Seite, eines pro, eines contra). Lesestoff zum Thema findet man in verschiedenen Artikeln bei carta.info, netzpolitik.org, in der ZEITonline oder hier. Eine Grafik und weitere Links hat Kris Köhntopp.

Markus hat die folgenden Zeilen unter einen seiner Artikel zum Thema geschrieben. Ich werde sie ab sofort unter alle Artikel setzen, die Links zu Pressetext enthalten (Nachahmung empfohlen):

Diese Zusammenstellung von Informationsquellen (Verlinkung) könnte bei Einführung eines Leistungsschutzrechts vielleicht nicht mehr legal sein.

***
Update: Carta hat einen sehr langen Artikel des Burda-Rechtsvorstands Robert Schweizer, in dem er erklärt, was die Verlegerseite sich unter dem Leistungsschutzrecht genau vorstellt.
Wer àjour bleiben oder sich weitergehend mit dem Thema beschäftigen will, kann das sehr gut bei iRights.info von Matthias Spielkamp.

Update: Der Jurist, Mitgründer und Redakteur von iRights.info, Till Kreutzer hat Schweizers Wischi-Waschi analysiert (man kann auch sagen, auseinander genommen) und sehr schön auf den Punkt gebracht. Hier noch ein weiterer Artikel von ihm zum Thema.

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3 Kommentare

Verfasst von - 19. November 2009 in Journalismus, Kultur, Medien

 

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3 Antworten zu “Allheilmittel

  1. Muriel

    5. Januar 2010 at 09:44

    Ja, stimmt. Aber so unsympathisch ich Eva Schweitzer finde, sie passt hier meiner Meinung nach nicht rein. Sie ist kein Verlag und sie will auch kein Leistungsschutzrecht oder Geld von Google, sondern ihr geht es um ihr Urheberrecht, das meiner Einschätzung nach auch tatsächlich verletzt wurde. (Dass sie eine unsinnig hohe Summe gefordert hat und sich überhaupt wie die dümmste Axt im Walde aufführte, ist eine andere Sache.)

     
 
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