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Im Zusammenhang

01 Mrz

Am Samstag bin ich über das Hashtag #piratinnen gestolpert, habe mich erst gewundert und dann im Netz gesucht. Darauf habe ich Lena gefragt,

würde Euer Schreiben von der Piratinnenseite gerne bei mir auf dem Blog veröffentlichen und zu Eurer Seite verlinken. Ich find’s spannend, was da gerade passiert, und es paßt gut zu meinen Themen.

Daraus wurde dann der Beitrag ‚Unter Piraten – die Gender-Debatte‘. Weil es mich interessiert hat, wie eine solche Diskussion gut 30 Jahre nach meiner feministisch aktiven Zeit geführt wird, und durch ‚Xynthia‘ an Rausgehen sowieso nicht zu denken war, habe ich die Entwicklung verfolgt. Und war erschrocken. 

Vorab: Daß etwas kontrovers diskutiert wird, ist gut und richtig, ohne Kontroversen gibt es keinen Fortschritt. Daß Frauenthemen immer umstritten waren, ist eine Tatsache. Daß man sich in einem Streit – zumal, wenn er öffentlich geführt wird – ereifert, ist verständlich.

Was mich erschreckt hat, war die Unsachlichkeit – nicht von allen, aber von einigen, die dieserart die Stimmung angeheizt haben. Ich habe vorausgesetzt, es sei mittlerweile möglich, eine Diskussion scharf in der Sache, aber doch moderat im Ton zu führen. Hier gab es teilweise Hauen und Stechen, und zwar auf beiden Seiten: Frauen und Männer wie auch Piraten und Piratinnen hieben da aufeinander ein; von subtiler Hetze bis zu offenen Angriffen war alles dabei. Es mögen wenige gewesen sein, die auf diese Weise eingegriffen haben, aber genug, um die gesamte Debatte als ziemlich unschön zu erleben.

Antje schrieb in einem Tweet,

Die Piraten führen jetzt dieselbe Diskussion, wie sie der Rest der Welt vor 35 Jahren geführt hat, nur noch dümmer

(wobei sie ‚dümmer‘ auf das Hickhack auf dem Piratenwiki bezog).
Ja, genau die Diskussion hatten wir vor 35 Jahren nicht nur schon einmal, sondern unzählige Male. Der Ton war derselbe, die Attacken wurden auf dieselbe Art geführt, auch damals haben Frauen andere Frauen und Männer andere Männer angegriffen.

Was sich geändert hat, ist der Hintergrund: In den 70er und 80er-Jahren ging es um gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge, Grundlagen und Voraussetzungen zuerst für eine Diskussion, dann für die konkrete Durchsetzung von frauenrechtlichen Zielen mussten erst, ganz neu, geschaffen werden. Mit dem Kampf um Frauenrechte ging auch ein Generationenkampf einher; es galt auch, einer ganzen älteren Generation ein neues Frauenbild zu entwerfen, von dem sie überzeugt werden sollte. Hinzu kamen andere Schlachtfelder wie die Neudefinition von Lehrenden und Studierenden, personelle Überbleibsel aus der Hitlerzeit, das giftige politische Klima im Deutschland der Strauß-Ära, der Vietnamkrieg, auf denen man sich je nach persönlicher Einstellung auch noch engagierte. Ein riesiges Konfliktpotential; dazu noch die ewigen Diskussionen in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis.

Vieles hat sich seitdem geändert, und vieles ist sogar besser geworden.
Um so weniger verstehe ich, daß man, immerhin mit sehr ähnlichen politischen Vorstellungen in einer Partei vereint, nicht diese gemeinsame Basis benutzen können soll, um Diskussionen über Anliegen Einzelner oder kleiner Gruppen konstruktiv zu führen.
Liegt es daran, daß Deutsche gerne Recht haben und sich gern auf Paragraphen, Vorfahrtsregeln, Satzungen berufen? Daran, daß es innerhalb einer Partei so viele unterschiedliche Meinungen gibt? Oder einfach daran, daß uns Zuhören schwer fällt?

Ich kann nicht glauben, daß sich dieser ganze Streit wirklich nur um die Mailingliste einer Frauengruppierung mit einem – in meinen Augen berechtigten – Anliegen dreht.
Beide haben Fehler gemacht; das kann man von außen ja immer sehr gut beurteilen, nicht wahr? Die einen hätten vielleicht vor der Veröffentlichung mit den anderen über die Form derselben sprechen sollen; die anderen hätten nicht direkt mit der Löschhacke losziehen müssen. Mag sein.

Beweisen müssen aber jetzt beide, wie weit es mit dem Anspruch her ist, eine neue Art von Partei mit einer neuen Art der Kommunikation zu sein. Schließlich sollen sie gemeinsam Politik machen, und das ist immer auch eine Frage der Konsensfähigkeit.

***
Jakob hat in der Kontextschmiede einen Denkanstoß versucht, ‚Wozu noch Feminismus in Blogs? Eine Frage der Perspektive‘. Dabei geht es zwar um Blogs, aber eben auch um Feminismus.
Der Freitag hat diese Woche einen Themenschwerpunkt ‚Frauen‘. Was sich in der Arbeitswelt verändert hat, spiegeln gleich zwei Artikel: Ulrike Baureithel interviewt die Soziologin Christa Wichterich, und Susanne Klingner schreibt über Aufstiegsmöglichkeiten.

Update: Ein kurzer Artikel zu den Piratinnen ist eben auf SpiegelOnline erschienen.
Update Offener Brief auf dem Piratenwiki: Vielfalt statt Grabenkaempfe

 
4 Kommentare

Verfasst von - 1. März 2010 in Frauen, Kultur, Politik

 

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4 Antworten zu “Im Zusammenhang

  1. Erdrandbewohner

    3. März 2010 at 21:40

    Der Ton dieser Diskussion bei den Piraten hat mich sehr erschreckt. Mit welch einer Hingabe, Wut und Häme von einigen Leuten (egal welchen Geschlechts) auf die Lena eingedroschen wurde zeigt mir deutlich, daß diesen Personen von einer grundlegenden persönlichen Reife noch weit entfernt sind.

    Besonders peinlich fand ich, daß diesen Piraten nicht einmal klar war, was „Gender“ überhaupt bedeutet, was die Hintergründe sind und zu welchen Aussagen die Genderforschung kommt. Kurz: Ein Haufen Piraten sind der Meinung, daß Gender gleichbedeutend mit dem Binnen-I ist oder die Besetzung von Ämtern nach Geschlechterquoten.

    Aber zurück zur Diskussions- bzw. zur Streitkultur unter den Piraten. Bei Twitter lief eine besonders perfide Hetzkampagne gegen die „Piratin“ ab. Der Lena wurde mehrmals unterstellt, sie sei psychisch krank. Oder es wurden Verbindungen zu dem umstrittenen Bundesvorstandsmitglied Stefan „Aaron“ König (der durch rechtspopulistische Äußerungen aufgefallen ist) hergestellt. Zum einen, weil die Beiden wohl in einer Band miteinander musizieren, zum anderen wurde das Gerücht gestreut, Stefan „Aaron“ und Lena würden miteinander ins Bett gehen. Unterste Schublade also. Zu weiteren Beleidigungen und Zynismen möchte ich mich hier garnicht weiter äußern.

    Wenn etwas mein Vertrauen in die Piraten erschüttert hat, dann ist das nicht der Vorstoß der „Piratinnen“ oder die Debatte um das Gender-Thema, sondern wie einige Piraten miteinander umgehen. Was mich letztlich bei den Piraten hält, ist das Wissen, daß viele intelligente und differenziert denkende Menschen in der Piratenpartei sind, denen ein solcher Diskussionstil fern liegt und dabei sind, die Scherben aufzukehren und die Diskussion auf ein konstruktives Fundament zu stellen.

     
  2. opalkatze

    3. März 2010 at 22:02

    Ich hab das auf Twitter mitgelesen, das war schon mehr als perfide und hat mich mit veranlaßt, den Beitrag zu schreiben. Ich habe es nicht erwähnt, weil ich dem nicht noch mehr Leser gönnen wollte. Das Schlimme ist, daß die Piraten durch diejenigen, die so etwas vom Zaun brechen, diskreditiert werden, dabei werden sie von der Allgemeinheit eh schon mißtrauisch beäugt.
    Update: – upps, hatte es doch verlinkt. Geht schon automatisch –

     
  3. opalkatze

    3. März 2010 at 22:17

    @Erdrandbewohner Guter Hinweis, danke. Hab unter ‚Gender‘ in Deinem Kommentar einen Link gesetzt.

     
 
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