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Liebe Online-Presse.

26 Apr

Ich wollte schon länger mal ein Lob loswerden, daß ihr das alle ganz ganz toll macht. Na ja, fast alle. Für die, die’s noch nicht so ‚raus haben, schreib ich einfach mal ein paar Tipps auf.

  1. Nur Qualitätsinhalte aus der Holzzeitung übernehmen. Extra für Online produzieren kostet nur.
  2. Das kann ein Volo besorgen, die paar Handgriffe macht der nebenbei. Nur keine hochbezahlten Redakteure dafür vergeuden.
  3. Recherche? Wie, Recherche? Für’s Internet?! Gibt doch dpa.
  4. Den gesamten Onlineauftritt für Internet Explorer entwerfen, diesen Brauser haben die meisten Leute. Das kann ein Student machen, der ist Ihnen noch dankbar für die Piepen.
  5. Sagen Sie dem auch gleich, Suchmaschinen wie Google müssen Sie ganz vorne listen, verstehen Sie? Ganz vorne!
  6. Klickstrecken bauen, je länger, je lieber, das vermittelt dem Leser das heimelige Gefühl des Umblätterns.
  7. Antwort- oder Kommentarfunktionen vermeiden, der Leser will informiert werden und nicht arbeiten. Außerdem ist er das nicht gewohnt.
  8. Keine Links setzen, das festigt die Kundenbindung. Der Leser weiß, daß er bei Ihnen auch die Hintergründe bekommt, die Sie für wichtig halten.
  9. Online wird genau so benutzt wie Holz, bloß kein wildes Layout. Das bißchen Anpassen für die Werbung kann der Graphikchef leicht mit erledigen.
  10. Werbung prominent mitten im Text plazieren, schließlich leben Sie davon. Text ohne Werbung ist wie Fisch ohne Fahrrad.
  11. Hübsche blinkende Flashanimationen neben, zwischen und über den Texten tanzen lassen, gern auch schön bunt. Das lädt zum Weiterlesen ein.
  12. Überhaupt viel Flash benutzen, moderne Rechner bauen die Seiten heutzutage ja rasend schnell auf.
  13. Verschiedene Schriftauszeichnungen benutzen, möglichst im selben Absatz. So wird die Leserschaft direkt auf wichtige Details hingewiesen.
  14. Häufig abwechselnde Texteinzüge einfügen, Gliederungen sind langweilig.
  15. Möglichst kleine Schriftgrößen vorgeben, im Internet ist ja nicht unbegrenzt Platz.
  16. Nur Serifenschriften benutzen, die Schnörkelchen sehen so freundlich aus.
  17. Niemals Proportionalschriften nehmen. Es geht nichts über ein klares Schriftbild.
  18. Statische Laufweiten verwenden, das erhöht die Lesbarkeit.
  19. Laufweite komprimieren, damit Sie den Webspace bestmöglich ausnutzen, den Sie bezahlen.
  20. Zeilenabstände schön eng halten (siehe 15).
  21. Absätze vermeiden. Die Leser wollen Informationen sehen, keine Lücken.
  22. Text grundsätzlich im Block setzen. Zwei Fliegen mit einer Klappe: ist übersichtlich und nutzt den Platz optimal aus.
  23. Keine skalierbaren Graphiken, die nehmen nur Platz weg und stören beim Lesen. 100 x 100 px reichen. Und thumbnail ist so ein lustiges Wort.
  24. Bildtitel eng ans Bild setzen, so sieht der Leser auf einen  Blick, was abgebildet ist.
  25. Bloß kein Fließtext, abwechselnd Grafik – Text – Grafik ist viel übersichtlicher.
  26. Dieser ganze Social Media-Schnickschnack wird restlos überbewertet. Außerdem haben Ihre gut honorierten Mitarbeiter keine Zeit zum Twittern oder für ähnlichen Firlefanz.
  27. Die Bloggerszene im Auge behalten. Von Journalismus null Ahnung, aber manchmal haben die interessante news echt schnell. Wissenschon.
  28. Obwohl: Aktuelle Neuigkeiten erfahren Ihre Leser auch morgen noch früh genug. War ja immer so, warum sollte sich das plötzlich ändern?
  29. Die Schlussredaktion kann eingespart werden. Die Inhalte im Internet sind ihrem Wesen nach sowieso flüchtig.
  30. Jetzt noch ’ne schöne Paywall drumrum.
  31. Der seit Jahrzehnten bestens eingeführte Name Ihres Blattes sowie der in Ihrem Haus gepflogene Qualitätsjournalismus wird auch online wie von allein für reissenden Absatz sorgen. Und wenn jetzt das Leistungsschutzrecht kommt, sind Ihre Probleme doch eh gefrühstückt. Hehe.

Aus gegebenem Anlass (commentarist) ergänzt:

  • 31. Diese Aggregatoren, wissenschon, die Dinger, die Ihnen immer die Texte klauen, direkt verklagen. Überflüssig, absolut unnütz. Schließlich können die Leser Ihr Angebot auch so finden. Technik wird sowieso völlig überbewertet. (s. 26.)

Im Spiegel steht mehr: Verlage kippen commentarist.de aus dem Netz

[tweetmeme source=”kaffeebeimir” https://opalkatze.wordpress.com%5D

 
44 Kommentare

Verfasst von - 26. April 2010 in Glosse, Journalismus, Medien, Web 2.0

 

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44 Antworten zu “Liebe Online-Presse.

  1. Anna

    26. April 2010 at 13:45

    Wunderbar.

     
  2. opalkatze

    26. April 2010 at 14:33

    Chère Mademoiselle, je vous remercie beaucoup!

     
  3. Guardian of the Blind

    26. April 2010 at 16:00

    Zu 3: Und Wikipedia. Aber nur die deutschsprachige! Alles andere ist nicht relevant!

    Klickstrecken, jaa!!1! Und dazwischen Werbung! Und vielleicht noch ne Abstimmung (hat der Leser wenigstens das Gefühl, dass man Wert auf seine Meinung legt).

    Sollte man doch Kommentare zulassen, sollten diese über mehrere Seiten aufgeteilt sein, man sollte höchstens 5 Kommentare pro Seite haben.
    Überhaupt sollten auch die Artikel möglichst über mehrere Seiten gesplittet sein.

     
  4. opalkatze

    26. April 2010 at 17:36

    Hehe. D’accord, Markus. Abstimmungen natürlich mit Suggestivfragen, die das gewünschte Ergebnis liefern. Kommentare max. fünf ist ok, aber unbedingt noch Zeilenbeschränkung, sagen wir auf max. sieben, oder besser, direkt max. 200 Zeichen. Oh, und Artikel natürlich über mehrere Seiten, und keinesfalls mit der Option ‚auf einer Seite lesen‘ (wie die ZEIT sie hat). Mir fällt noch was ein: Öffnungszeiten von 10 – 18 Uhr! Was meinst Du?

     
  5. vilmoskörte

    26. April 2010 at 23:16

    Ich empfehle http://clicktoflash.com/ um Flash zu entsorgen und nur bei Bedarf und bei großer Neugier anzuzeigen.

     
  6. vilmoskörte

    26. April 2010 at 23:17

    Ach so, wann wird den die Kommentarreihenfolge umgedreht? Duck und wech …

     
  7. opalkatze

    26. April 2010 at 23:37

    @vilmoskörte
    neinneinnein, du hast das nicht richtig verstanden! flash ist toll.

    duck & wech: wenn du schlau bist…
    nee, ernsthaft: wenn jeder abstimmen würde, wären wir schon durch, aber bis 50 will ich mal abwarten. hab ja noch hoffnung.

     
  8. Guardian of the Blind

    26. April 2010 at 23:37

    Und Kommentare sollten auch willkürlich zensiert und gelöscht werden.
    Öffnungszeiten von 10 – 18 Uhr? So jugendschutzmäßig?

     
  9. opalkatze

    27. April 2010 at 00:13

    @Markus
    ja natürlich. man kann ja nie wissen in diesem bösen internetz.

     
  10. Ulrike Langer

    27. April 2010 at 09:38

    Sehr schön!

    ergänzend:

    Den gesamten Online-Auftritt schön schmal gestalten. Dann sieht man alles auf einen Blick und es bleibt noch genügend Platz für die Werbung drumherum. Großzügige Online-Auftritte können sich eh nur die Amis leisten. Die haben ja auch viel größere Bildschirme.

     
  11. opalkatze

    27. April 2010 at 10:02

    Oh, das tut mir gut, wenigstens Du verstehst mich. BildBlog behauptet tatsächlich, das sei ‚womöglich nicht ganz ernst gemeint‘! Ah bah. Banausen. Keine Ahnung vom Online-Geschäft.

     
  12. dot tilde dot

    27. April 2010 at 11:12

    und natürlich das layout alle jahre mal umdrehen, damit die werbung wieder wahrgenommen wird. einführen lässt sich das wunderbar mit einem design-award.

    .~.

     
  13. Jeeves

    27. April 2010 at 11:25

    Zu Punkt 26:
    Ist es nicht so? So ist es.

     
  14. opalkatze

    27. April 2010 at 11:26

    Ausgezeichneter Vorschlag. Aber wie jetzt, alle paar Jahre?! Das passiert alle paar Wochen; der Student (s.o.) verdient noch ein paar Piepen, der Grafikchef freut sich auch, weil er dann mal Design machen kann, und die Leser werden begeistert sein. Natürlich muß man ihnen sagen, das sei innovativ, sie verstehen das sonst vielleicht nicht sofort richtig. Aber seitdem die Menschen wissen, warum REWE und Edeka das machen, meckern sie viel weniger.

     
  15. Klaus

    27. April 2010 at 11:35

    Gerade in einem Kommentar beim Don gefunden:

    „Alles in den Gulli und warten bis der Hype vorbei ist.“

    Damit ist durchaus und zu Recht wieder Punkt 26 gemeint.

     
  16. opalkatze

    27. April 2010 at 11:54

    Hab hier gerade selber Hype :D Ist mir im Augenblick zu ernsthaft, würd aber gerne mal ein Gespräch mit jemand führen, der auch nicht in dieser Richtung unterwegs ist.

     
  17. Lena

    27. April 2010 at 13:15

    „Text ohne Werbung ist wie Fisch ohne Fahrrad.“ Hihi… Äh, ich meine natürlich, Recht hast Du, und: Sehr schön geschrieben!

    Magst Du nicht ein Beratungsunternehmen gründen? Ich glaube nämlich, es gibt eindeutig noch zu wenig Klickstrecken, da besteht noch ganz klar Potenzial nach oben…

     
  18. Kerstin

    27. April 2010 at 13:36

    Einen Punkt hab ich noch:

    Falls man doch eine Kommentarfunktion bietet, sollte man die Kommentare immer chronologisch rückwärts anzeigen lassen. Internetseiten lesen sich schließlich am besten, wenn man „zur Mitte hin“ lesen muss: Den Text von oben nach unten und die Kommentare von unten nach oben ;-)

     
  19. opalkatze

    27. April 2010 at 14:30

    Touché. Hier findet zur Zeit ein miniwinziger Glaubenskrieg statt, den ich – vorsichtshalber eben nachsehen; ja – gerade verloren habe. Ich werde also jetzt gemäß Versprechen zu Kreuze kriechen und die Reihenfolge ändern, lieber erz, lieber Guardian, liebe Kerstin. Pööh. Ich versprech nie wieder was. Auf DIE Kommentare freu ich mich schon :(

     
  20. opalkatze

    27. April 2010 at 14:32

    @Lena
    Werd drüber nachdenken, ist doch ’ne echt gute Geschäftsidee ,) Nicht, daß Du beteiligt werden willst?!

     
  21. Kerstin

    27. April 2010 at 15:04

    Juhu, das mit der Reihenfolge ging ja fix ;-)

    Nach dem Meckern möchte ich nun aber auch einmal loben, denn mir hat der Text sehr gut gefallen. Ist mal eine etwas andere Herangehensweise an ein Thema, dass man entweder als „heißt diskutiert“ oder auch als „ausgelutscht“ bezeichnen könnte.
    In jedem Fall hoffe ich, dass diese Diskussion insgesamt Früchte tragen wird, die für Journalisten und Leser genießbar sind.

     
  22. opalkatze

    27. April 2010 at 15:40

    @Kerstin
    Ich habe ehrenvoll verloren.

    Och, manchmal schreib ich ganz nette Sachen, stöber mal ein bißchen. Am besten immer, wenn ich giftig bin ,)

    Es ist weiß Gott genug darüber geschrieben worden. Solange drei grundlegende Begriffe nicht in den Gehirnen ankommen, wird das nix: Vernetzung/Verlinkung, Berichterstattung, Authentizität. Der Einbahnjournalismus ist tot.

    Viele Freie sind mit guten Konzepten unterwegs, und flattr wird sich durchsetzen (genialer Marketing-Coup, das mit den invites, Respekt). Die Verleger haben zu lange vergessen, womit sie ihr Geld verdienen, und wenn sowieso alles im Umbruch ist, wird manch einer überlegen, ob er nicht die unsichere Selbständigkeit der unsicheren Lohnsklavenhaltung vorzieht.

    Der Journalismus hat immer überlebt, auch, weil er sein Kapital im Koppe trägt und nicht in großen Hallen stehen hat. Wart mal ab, im kommenden Jahr werden Viele laut staunen. Ich freu mich drauf.

     
  23. Lena

    27. April 2010 at 18:19

    Opalkatze, gut erkannt, selbstverständlich will ich mitmachen. Wenn schon…

    Ich sag’s Dir, das wird ganz ganz groß!

     
  24. opalkatze

    27. April 2010 at 18:26

    Siehst, dacht ich mir doch gleich. Na ja, aber bei dem Potential wird’s schon für zweie reichen ,)

     
  25. Piratenweib

    27. April 2010 at 19:47

    Mensch, genial! Du hast es perfekt erfasst.
    Winzigkleine Anmerkung noch: Bei der Kommentarfunktion nicht vergessen, dass Leser sich dazu unbedingt mit allen Angaben, wie Name, Telefonnummer, Adresse etc. registrieren müssen. Kommentieren können sie erst, wenn sie den Bestätigungslink in der Bestätigungsemail in die Brauser-Adressleiste kopiert haben (klickbarmachen wäre zu einfach, schließlich sollen Kommentator/innen auch ein bisschen intelligent sein). Erst dann und nach dem erneuten Einloggen (remember Funktion gibt´s natürlich keine!) kann kommentiert werden. Am besten wird dann noch die Registrierung nach 2 Tagen Inaktivität gelöscht, so dass dieser Vorgang laufend wiederholt werden muss.

    Super, klasse, toller Text! Chapeau!

     
  26. opalkatze

    27. April 2010 at 20:38

    WOW. Du kannst sofort mit einsteigen in die Firma, die Lena (nein, eine andere, s.o.) und ich gründen. Du hast genau den richtigen Riecher, Mädel :D

    Quäl mich seit gestern mit dem Einbau von flattr (das ist klasse). Find keinen Button für WP.com und weiß jetzt irgendwie gar nix mehr. Brauch fleisch mal ’n Päuschen…

     
  27. Schaps

    28. April 2010 at 10:40

    Sehr gut!

     
  28. Louloularoux

    28. April 2010 at 19:15

    sehr , sehr gut !!!

     
  29. der_michael

    28. April 2010 at 21:50

    Und ob es WordPress-Plugins für Flattr gibt. Derer sind es schon 3 und ich arbeite bereits an einem vierten. ;)

    z.B.: http://wordpress.org/extend/plugins/profile/aphex3k

     
  30. opalkatze

    28. April 2010 at 21:53

    Danke für die Antwort – aber plugins für wp.com? Die für .org hab ich gesehen.

     
  31. opalkatze

    28. April 2010 at 21:55

    Das nenn ich clever reagiert.

     
  32. Uwe (erforderlich)

    29. April 2010 at 07:37

    Guter Artikel!

    Die für mich unübersichtliche Vermischung aus Systemkritik und technischer Kritik könnte durch eine Gruppierung der Themen verbessert werden.

     
  33. opalkatze

    29. April 2010 at 12:16

    Oh, aber wenn es Kritik wäre, hätte ich mich eines sachlicheren Duktus‘ befleißigt ,)

     
  34. opalkatze

    2. Mai 2010 at 17:30

    Hinter dem voraufgehenden Link steckt eine kleine Bilanz der ersten Flattr-Tage in Deutschland, sehr ausführlich und erhellend.

     
  35. Mani.

    2. Mai 2010 at 21:34

    Hab‘ den Text erst jetzt entdeckt und wollte trotzdem noch dazu gratulieren..

    Was vielleicht noch fehlt ist:
    31. Überall rumerzählen, dass sich mit online-content sowieso niemals wird Geld verdienen lassen. Diese Aussage auch in der eigenen Zeitung mehrfach abdrucken.

     
  36. opalkatze

    13. Mai 2010 at 05:06

    Fefe hat auch noch Einen.

     
  37. opalkatze

    13. Mai 2010 at 05:52

    @Mani
    Artig bedankt.

     
 
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