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Quo vadis?

26 Mai

Nein, der Papst ist nicht gestorben, auch nicht Helmut Kohl. Es ist gar niemand von uns gegangen. Außer, auf eine Art und in viel perfiderem Sinn, Roland Koch.

Die unverhältnismäßig ausführliche Berichterstattung – immerhin handelt es sich um nicht mehr als den Rücktritt des hessischen Ministerpräsidenten – wirft ein scharfes Licht auf den Zustand der deutschen Politiklandschaft. Und auf den ihrer Kartographen. 

Wie arm muß eine Partei sein, wenn sie einem sicher hochintelligenten, zu scharfer Analyse fähigen, aber auch spaltenden und Unruhe stiftenden Politiker so offen hinterher weint? Wieviel ärmer noch die Journaille, die bereits jetzt Kochs polarisierende Eigenschaften, das Wahlkampfgetöse unterhalb der Gürtellinie mit Attributen wie weitsichtig und fachlich hoch begabt vorsichtig zu verbrämen beginnt? Ihn als konservative Leitfigur lobt, und Giovanni di Lorenzo von der ehrwürdigen ZEIT gar ungeniert postuliert, man werde ihn noch einmal vermissen?

Es ist was faul im Staate Deutschland. So faul, daß selbst der Rücktritt eines politischen Egomanen als Verlust gilt. Bei aller Notwendigkeit der staatsmännischen Kontroverse sollten wir ohne Weh und Ach auf menschenverachtende Volksredner verzichten können. Ein Staat und sein Personal müssen in der Lage sein, in der Sache zu argumentieren, ohne die Regeln der Fairness und des gegenseitigen Respekts zu verletzen.

Wer sagt denn, daß die derzeit herrschenden berliner Akteure nicht durch Jüngere zu ersetzen sind? Wo steht geschrieben, daß Nachfolger aus der Altersgruppe zwischen 50 und 60 Jahren kommen müssen? Müssen sie ebenfalls stockkonservative Galeonsfiguren sein, die eine neue Wählergeneration vor den Kopf stoßen? Der Mangel an geeigneten Parteimitgliedern könnte der Anfang für etwas Neues sein, daß so noch nicht gewagt wurde; es wäre hohe Zeit. Aber auch das wird die angeschlagene Kanzlerin lieber aussitzen.

Und wer sagt denn, daß Koch nicht wiederkommt? Um dann umgehend – wetten? – in den journalistischen Orkus befördert zu werden.

[tweetmeme source=”kaffeebeimir” https://opalkatze.wordpress.com%5D

Auch der Guardian Of The Blind hat sich seine Gedanken über Herrn Koch gemacht: Koch geht – das System Koch bleibt

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10 Kommentare

Verfasst von - 26. Mai 2010 in Journalismus, Medien, Politik

 

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10 Antworten zu “Quo vadis?

  1. Lena

    26. Mai 2010 at 18:54

    Gut beobachtet. Wieder einmal eine ZDF-Sondersendung, und Interpretationen am laufenden Band über die Gründe, und reihenweise eine Darstellung, die es nie offen sagte, aber deutlich suggerierte: Jetzt hat Merkel endlich ihren letzten Widersacher aus dem Weg geräumt.

    Haben wir jetzt vielleicht sogar schon trotz Eurovision Song Contest ein Sommerloch? ;)

     
  2. opalkatze

    26. Mai 2010 at 20:17

    @Lena
    Ich weiß nicht, ob Merkel darüber so schrecklich glücklich ist – ich glaube, nein. Denn Koch war (außer Wulff vielleicht) der letzte Grande der CDU, der auch für Stimmen gut war.

    Der Rest ist Schweigen: Weicheier, laufende Kleiderbügel, und Bouffier hat anscheinend genügend Dreck am Stecken, um ihn aus der Opposition sehr angreifbar zu machen. In der FDP hat sie auch keine Unterstützung. Ich würde jedenfalls nicht mit ihr tauschen wollen.

    Nur, wie ich die alte Tante SPD kenne, kann sie noch nicht einmal diese idealen Bedingungen nutzen, um wieder Land zu gewinnen…

     
  3. Frank Benedikt

    26. Mai 2010 at 21:31

    Liebe Kollegin,

    die SPD WILL das doch gar nicht nutzen ;-) Zu sehr hat sie selbst Dreck am Stecken, zu sehr steckt sie mitten „im System“.
    Man kann sich freuen, daß diese Hasskappe (Koch) einstweilen nicht mehr direkt im Fokus der Politik steht, Einfluß aber wird er (bis zu seiner eventuellen Rückkehr) behalten und sein Nachfolger wird keinen Deut besser sein. Das hessische System, über das Wolf Wetzel heute beim Spiegelfechter u.a. eine weitere Zusammenfassung bot, läuft ungebremst weiter – so wie der Sumpf im Saarland und von „meinem“ bayerischen Sumpf zu berichten, verbietet mir mein Lokalpatriotismus ;-)

    Vielleicht sollten wir uns alle doch mal wieder auf den Weg machen, so als „Politnomaden“? *g*

     
  4. opalkatze

    27. Mai 2010 at 01:15

    @Frank
    Weil ich ganz doll müde bin, beschäftige ich Dich bis morgen nonchalant mit der Frage, was denn, bitte schön, Du unter Politnomaden verstehst? Wenn es das ist, was ich meine, ist es nicht nett. Müüüde –

     
  5. Frank Benedikt

    27. Mai 2010 at 01:43

    @ Vera:

    Liebe Kollegin – das ist lange nicht so ermüdend, wie Du es zu empfinden scheinst ;-) Imo lernen wir im Laufe unseres Lebens, nicht mehr „jedem Schmarrn“ (sorry, Bayrisch!) zu vertrauen, sondern unsere Pfade selbst zu wählen. Ein „Berliner Jude“ namens Kurt Eisner hat das damals für die Bayern vorexerziert und damit schließt sich für mich der Kreis.

    BG
    Frank

     
  6. Frank Benedikt

    27. Mai 2010 at 01:44

    Ach, „Schpatzl“ – soo lange kannst Du mich doch nicht beschäftigen ;-)

    LG

     
  7. opalkatze

    27. Mai 2010 at 02:06

    @Frank
    Ach so, ja, hab den Tucholsky gerade wieder zwischen und auch Th. Manns Tagebücher kürzlich noch mal gelesen. So gesehen, hast Du Recht. Ach, wenn ich könnte, wie ich will… Aber jetzt will ich erst mal schlafen.

     
  8. Frank Benedikt

    27. Mai 2010 at 02:16

    Schlaf(f) gut, geschätzte Opelkatz ;-) Bin selber eben dabei, mich aus diesem Leben wieder rauszubugsieren.
    Zu Tucho schreibe ich vllt. vorher noch was, zum Männchen bestimmt aber nix :-D

     
  9. opalkatze

    27. Mai 2010 at 13:38

    @Frank
    Was hast Du gegen Thomas Mann? (Nach Heinrich Mann brauche ich nicht zu fragen, der war ja wohl politisch korrekt.) Thomas‘ Tagebücher sind ein wunderbares Zeitzeugnis – wie übrigens auch Fontanes Briefe.

     
  10. Frank Benedikt

    27. Mai 2010 at 15:18

    Sorry, aber die „Männer“ (wesentlich Thomas) waren mir immer zu „selbstbeweihräuchernd“ – etwas, was ich schon an Brecht immer verabscheut habe.
    Dabei geht es mir auch nicht um „PC“, sondern einfach um die Art der Eigenwahrnehmung/-darstellung. Eben schreibe ich was zu Punk und ich hoffe, daß die unterschiedlichen Gedanken (und Gespräche), die darin stecken, auch dazu ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen.

     

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