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So geht Qualitätsjournalismus

15 Jun

So geht das also.

Futurezone wird platt gemacht. Damit der Betreiber ORF durch einen Kuhhandel mehr Werbegelder einnehmen darf.
Futurezone ist neben Heise das einzige große deutschsprachige Onlinemedium, das sich tagesaktuell mit der europäischen Netzpolitik beschäftigt, und oft das schnellere von Beiden. In einer Zeit, in der es zunehmend um Politik im Zusammenhang mit dem WWW geht, ist das eine kurzsichtige und äußerst fragwürdige Entscheidung*. 
Es geht nicht nur eine wichtige Informationsquelle verloren, sondern auch das angesammelte Fach- und Hintergrundwissen der Journalisten, die sich jahrelang mit dem Thema beschäftigt haben, ganz zu schweigen von der Frage, was mit deren Arbeitsplätzen geschieht.

Etwa zeitgleich bringt die FAZ einen Artikel über die Freitags-Blogger, nicht erkennend, welches Potential sie da mit einiger Häme beschreibt.

Journalismus hat nichts mit Zugehörigkeit zu einem Verlag, (meist schlecht bezahlter) Festanstellung oder Etabliertheit zu tun. Wer seine Leser gut informiert oder unterhält, macht gute Arbeit – bei dem fiktiven Kampf Journalisten gegen Blogger wird der Leser allerdings meist völlig vergessen. Übersehen wird auch der unschätzbare Vorteil des Bloggens: einen direkten Dialog führen zu können. Die FAZ hat statt dessen ‚Öffnungszeiten‘ und eine rigide Redaktion der abgegebenen Kommentare.

Focus‘ Helmut Markwort schreibt ein Tagebuch. Getreu seinem Motto „Fakten, Fakten, Fakten!“ formatiert er dort die Ereignisse der Woche zu leicht verdaulichen Häppchen, die zum großen Teil seine höchst persönliche Sicht der Dinge ausdrücken. Auch sonst legt er Wert darauf, den Leser zu fesseln, ohne ihm jedoch allzuviel greifbare Information zuzumuten.

Daß derartige Qualität auch weiterhin gefördert werden soll, hat gerade gestern unsere Justizministerin in einer Grundsatzrede zum Urheberrecht klar gemacht. Darin spricht sie einem Leistungsschutzrecht das Wort, das Verwerter unterstützt und Schöpfer benachteiligt.

Wenige Tage zuvor haben die Ministerpräsidenten eine Novelle zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) auf den Weg gebracht, die vor Weltfremdheit und Technophobie nur so strotzt. Damit werden nicht nur Medienschaffende aller Disziplinen, sondern vor allem Blogger eingeschränkt, die ihre Beiträge nun nach Regeln, vergleichbar denen der FSK, selbst bewerten müssen. Dabei weiß heute jeder 12-jährige, wie er an Inhalte kommt, die nicht für ihn bestimmt sind, oder wie er Sperren umgehen kann.

Rundum werden Journalismus und Berichterstattung, gleich welcher Form, Beschränkungen von vielerlei Art auferlegt. Da hilft auch Beten nicht mehr: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

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* Jacqueline Godany hat unter ihrem Artikel einige eMailadressen, an die man seinen (höflichen) Protest richten kann. Freitag fällt die Entscheidung über Futurezone.

Um doch noch etwas Hoffnung aufschimmern zu lassen: Matthias Spielkamp berichtet über ein tolles Projekt, das bereits online und in gedruckter Form vorliegt, und darüber, wie Journalismus auch sein kann.

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5 Antworten zu “So geht Qualitätsjournalismus

  1. Juchu

    24. Juni 2010 at 17:20

    > Futurezone ist neben Heise das einzige große
    > deutschsprachige Onlinemedium, das sich tagesaktuell mit…

    Und was ist mit Gulli? Das ist für mich das dritte im Bunde.
    http://www.gulli.com/news/

     
  2. opalkatze

    24. Juni 2010 at 17:44

    @Juchu
    Gulli wird hier regelmäßig als geschätzte Nachrichtenquelle zitiert. Ich finde es aber als Jedermann-Medium zu anspruchsvoll, weil in Beiträgen häufig Vorwissen vorausgesetzt wird, das ein lediglich an Netzpolitik interessierter Leser nicht hat. Oft sind die Texte sehr ausführlich und erschließen sich erst durch Zusatzinformationen; die sind zwar vorhanden, das Durchklicken und -lesen kostet aber Zeit. Vielleicht spielt auch eine Rolle, daß Gulli ohne weitere starke Firmierung auskommt und auch daher eher etwas für ‚Eingeweihte‘ ist. Ich würde es auf jeden Fall eher als an ein Fachpublikum gerichtet betrachten als Heise oder Fuzo.

     
 
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