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Frauen über 50

06 Sep

[Hatte heute Morgen einen Link in den Kommentaren, den ich weiter verfolgt habe. Dann hab ich mich aufgeregt. Jetzt muß ich wieder einen Beitrag mit 'Soso.' anfangen.]

Soso. Da beschreibt ein anscheinend sonst ganz netter Pappi, wie Frauen über 30 angeblich so ticken.

“Einfach tief in die Augen gucken, bisschen an- und auslachen und sie fragen, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat. Dann muss man ihr nur noch sagen, dass sie mit dem Scheiß aufhören und auf der Stelle zu dir kommen soll. Dann kommen die angedackelt, du nimmst sie in den Arm und fertig. Normalerweise reicht das schon.”

Nee, das Sexismus-Gedöns spare ich mir jetzt mal, das können Andere besser. Ich sag jetzt mal was über’s Älterwerden, Männer und Sex.

Also, lieber Rome, wenn du glaubst, das sei so einfach, hast du dich ganz feste vertan. Es mag sein, daß das in Einzelfällen genau so klappt. Dann tun mir allerdings die Mädels leid, die sich von Typen abschleppen lassen, die sich halb besoffen von ihrem Auto sagen lassen müssen, was sie eigentlich wollen. Egal. Als ich 30 war, hättest du dir einen netten Satz warmer Ohren geholt. Ich hätte dich angemacht, daß dir Hören und Sehen vergeht und wäre dann wolfsmäßig grinsend nach Hause gegangen. Ohne dich und zufrieden grunzend.

Jetzt bin ich über 50 und frisch verliebt. Wie’s aussieht, was Ernstes. Ich erfinde mich gerade neu – ich hab mich noch nie so lebendig gefühlt, so ganz hier und genau jetzt. Ich erlebe alles viel bewußter, und das hat nichts mit ‘könnte ja das letzte Mal sein’ zu tun (das ist hier nämlich kein Nouvelle Vague-Film, ebenso wenig wie eine Russenmafia-Posse). Ich habe gelernt, daß Liebe sehr viel mit Respekt und Achtung zu tun hat, und daß ein gehöriges Stück Arbeit zu einer Beziehung gehört, damit sie hält, was sie verspricht. Für one-night-stand-Junkies ist das natürlich zu schwierig, sie investieren ihre Kraft lieber in die vielen Rollen, die sie anderen vorspielen. Als immer dieselbe, ganze Person zu agieren, die aus sich selbst Kraft bekommt statt sie aus anderen zu ziehen, erfordert ein bißchen – ja – Reife.

Das soll nicht heißen, daß ich mich erwachsen fühle. Werde ich wohl nie. Immer noch spiele ich gern mit meiner Modelleisenbahn, träume weiter davon, eines Tages eine Carrera Sprint zu besitzen und habe auch sonst ziemlich viel Unfug im Kopf. Den kann ich jetzt mit einem ebenbürtigen Gefährten teilen, der begeistert mitspielt. Aber er ist auch da, wenn es mal nicht so rund läuft und die Spielzeuge unbenutzt im Schrank liegen.

Noch was. Frauen über 50 haben Sex. Will man nicht glauben, wenn man so um die 30 ist, dann erscheint einem das sehr weit weg und etwas unappetitlich. Ist es nicht. Ich sag mal so: Ihr werdet euch wundern.
Wenn man etwas Gemeinsames aufbauen will, kann man Liebe voraussetzen, und die entsteht zunächst auch dadurch, daß man Gedanken und Erfahrungen teilt. Dazu gehört ab einem gewissen Alter auch, daß man sich gegenseitig seine Zipperlein klagt und seine Blessuren zeigt. Natürlich überlegt man sich dreimal, ob das ästhetisch korrekt ist, zusammen ins Bett zu gehen, und natürlich hat man Angst. Der Andere hat die auch: auch er hat seine Verletzungen und Schrammen, auch er funktioniert nicht mehr wie mit 20 oder 30. Es entsteht eine andere Nähe als 20 Jahre früher – oder überhaupt erst: Nähe.

Darauf muß man sich einlassen. Das tut auch ein bißchen weh, weil man sich einen Ruck geben und zugeben muß, daß der Lack zumindest Risse hat. Die Einsicht, daß die Hälfte des Lebens vorüber ist, ist schmerzhaft. Bei mir kommen noch Gedanken hinzu, die man hat, wenn der Liebste jünger ist. Daß er auch nicht unbeschädigt ist, tröstet mich ein wenig.

Mehr als aufgewogen werden meine Zweifel durch die Freude, Gemeinsamkeiten zu entdecken, sich zusammen an Dinge zu erinnern, die fast vergessen waren, blöde Witze zu verstehen, die Jahrzehnte auf dem Buckel haben, alte Lieder im Duett mitzugrölen. Es ist schön, sich zu zweit zu freuen, daß man trotz aller durchlebten Tiefs noch da ist, noch mitreden kann und immer noch und wieder Pläne macht. Und natürlich auch, daß man nicht mehr allein einschlafen muß.

Klar, mit 20 und mit 30 hatte ich eine mordsmäßige Zeit. Aber noch mal 20 sein? Ganz sicher nicht. Ich finde es, wie es hier und jetzt gerade ist, wunderschön, weil ich gelernt habe, mich selbst zu mögen. Ganz bestimmt kann ich auf Typen verzichten, die sich ständig beweisen müssen, wie toll sie sind. Statt dessen habe ich jetzt einen Mann, der wie ich zu seiner Vergangenheit steht, Verantwortung übernimmt und Nähe aushalten kann. Und der seinem Auto ganz nüchtern befiehlt, wo es ihn absetzen soll.

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22 Kommentare

Geschrieben von - 6. September 2010 in Frauen, Geniessen, Leben, Mensch bleiben, Menschen

 

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22 Antworten zu “Frauen über 50

  1. Angelika

    6. September 2010 at 18:31

    … wow könnte ich genauso mit “unterschreiben”.
    und was soll dieses alter-gedöns von seiten solchen “herren der schöpfung” , besonders in bezug auf frauen – age is a number …

    was bei typen Ü 50 so los ist sehen wir ja, Herr S., Herr Fischer usw. usf.

    und vielen dank, dass ich ihren blog mitlesen und mitdenken darf :-)

     
  2. rauskucker

    6. September 2010 at 19:26

    Ich freu mich für dich, daß du das so erlebst. Und schön, daß du es so beschreiben kannst. Das eine oder andere habe ich irgendwann auch mal ähnlich erlebt.

    Das mit den Witzen finde ich witzig. Passiert mir auch manchmal, auch ganz allein (sog. Treppenwitze). Liegt wohl daran, wenn man viel an früher denkt.

     
  3. opalkatze

    6. September 2010 at 20:17

    @Angelika
    Du bist immer herzlich willkommen, und über Deine Kommentare freu ich mich natürlich sehr :)

    @rauskucker
    Ja, und weißt Du, was daran das Tollste ist? Daß ich noch viel mehr an die Zukunft denke.

    Und mal ehrlich – ich kann mich an Zeiten erinnern, als 40-jährige plötzlich nur noch gedeckte Farben trugen, insgesamt bloß als graue Mäuschen, Schwieger- oder Großmütter vorkamen und mir ziemlich scheintot vorkamen. Das ist doch mal ein echter Fortschritt, der auch der Frauenbewegung zu verdanken ist. Bei solchen Beobachtungen denke ich, es war doch nicht alles umsonst …

     
  4. Altgruftipunk

    6. September 2010 at 21:34

    Oh, schön …
    (Dein Erleben, Dein Erzählen – den Schrieb von dem Doofie tu’ ich mir jetzt nicht an. Andermal vielleicht.)

    Ha, eine ähnlich Denkende. Mit meinem “Wieder 20 sein? Nein! Bloß nicht!” bin ich schon oft angeeckt. ;)

     
  5. Angelika

    6. September 2010 at 22:23

    … ui danke liebe Opalkatze :-)

    apropos anecken : das tue ich ständig, schon gedanklich – und bin unterdessen sehr wählerisch geworden wie ich wann und wo meine frei/zeit einsetze. und fühle so ganz viel mehr für mich.
    und auch ja, gedanklich habe ich das von wg. “noch mal 20 sein” bei mir/auch behandelt und ganz klar “neeeeiiin danke”

    an dem mit dem “jüngeren mann” bin ich bei mir noch dran (nicht zecks einer sog. beziehungskiste), ist schwierig wenn frau sowas wie mindest-standards i.d. kommunikation hat ;-)

     
  6. opalkatze

    7. September 2010 at 13:20

    @Leo
    Och weißte, das mit dem Anecken wird immer viel negativer dargestellt, als es ist ,)

    @Angelika
    Das Problem mit den Mindeststandards kenn ich. Auch das hat sich für mich erledigt :)

     
  7. Angelika

    7. September 2010 at 16:14

    @Opalkatze – das ist ja das, was mich so sehr für Sie freut !!!
    Ich “verliebe” mich einfach weiterhin in Bücher, Regenbögen und geniesse “gute Lebensqualität” die ich mir selbst schaffe.
    btw, den Artikel selbst habe ich mir auch nicht angetan.

     
  8. Frank Benedikt

    7. September 2010 at 18:31

    Ein fulminantes Plädoyer für ein Leben jenseits der 50, liebe Nachbarin :-) Da auch ich nicht mehr weit dahin habe, lese ich derlei natürlich mit Vergnügen. Früher hatte ich schon ein Problem damit, 40 zu werden und habe auch Sex nach Vierzig als “Rentnersex” abgetan, aber inzwischen habe ich umdenken gelernt. Übrigens ist meine jetzige Lebensgefährtin auch schon jenseits der 50, was aber ihrer Vitalität und Lebensfreude keinen Abbruch tut, und ich war nie mit einer tolleren Frau zusammen. Ach ja, die Lust macht auch wieder Lust … ;-)

    Schöne Grüße vom Nachbarn

     
  9. piratenweib

    8. September 2010 at 16:59

    Jaaa!

    Ihr werdet euch wundern.

    (Fängt übrigens schon mit unter 50 an …)

    Ich freue mich für dich, liebe opalkatze!

     
  10. piratenweib

    8. September 2010 at 17:00

    Huch! Falsches blockquote. Vielleicht magst du´s korrigieren? Wenn nicht, auch egal. Da steh ich drüber … :-)

     
  11. opalkatze

    8. September 2010 at 17:14

    @piratenweib
    Hab’s korrigiert :) Und sonst: Aber ja.

     
  12. rome

    9. September 2010 at 01:56

    Hallo, Oma Katze.

    Entweder hast du meinen Text gar nicht gelesen oder nicht verstanden. Beides geht in Ordnung. Gut finde ich auch, dass ich nicht mit dir in die Kiste muss, und du nicht in meiner Gegenwart grunzt. Es scheint: alles ist gesagt.

    Liebe Grüße
    rome

     
  13. opalkatze

    9. September 2010 at 11:03

    Hai @rome, Du unverschämter Dachs,
    ich hab Deine Kurzgeschichte gelesen und verstanden, sie aber gern als Aufhänger benutzt für etwas, das ich mal sagen mußte. Ich denke, auch das geht in Ordnung :]

     
  14. Christian - Alles Evolution

    9. September 2010 at 19:12

    Männliches Auftreten als Gegenmittel zum Shittest ist ein klassiker. Nicht nur für Frauen ab 30.

     
  15. Claudia

    13. September 2010 at 14:31

    Toller Text – und so wahr! :-) Witzig der Spruch über “ästhetisch korrektes” zusammen ins Bett gehen!

    Meine Güte, was war ich doch mit 20 und 30 BESORGT, den ästhetischen Vorgaben nicht zu entsprechen – das hat mich vom eigentlichen Spaß am Sex oft genug ziemlich abgelenkt. Dabei war ich diesem”Entsprechen” damals alters- bzw. jugend-bedingt so nah wie nie! Hab das aber einfach nicht gesehen, sondern immer nur “hier und da ein Kilo zuviel” bemerkt und all sowas…

    Heute weiß ich, dass guter Sex nicht von der Werbe-technisch perfekten Optik abhängt, sondern von ganz anderen Qualitäten. Kann genießen, was ich gerade erlebe und muss nicht grübeln, was besser oder anders sein sollte. Kann mit dem (ebenfalls jüngeren) Liebsten wunderbar spielen, ohne dass wir uns was vorspielen müssten – kein Stress mehr, dauernd was anderes/besseres/schöneres/weiblicheres/männlicheres sein zu wollen bzw. zu sollen.

    Mir tun alle, die diese Angst vor dem Altern haben, mittlerweile richtig leid!

    Grüße dich herzlich
    Claudia, 56

     
  16. opalkatze

    13. September 2010 at 14:48

    @Claudia
    Du sprichst mir aus der Seele :)

     
  17. mo jour

    30. Dezember 2010 at 20:44

    hallo frau opalkatze!
    habe dein blog gerade entdeckt auf der suche nach orten, wo ich noch ein paar schmeicheleinheiten lassen könnte …. is schön hier!
    ich mag deine texte und komme gerne öfter.
    gruß an dich aus dem büro für besondere maßnahmen
    und an den kater von der einäugigen http://katzebutz.blogspot.com

     
  18. opalkatze

    31. Dezember 2010 at 10:21

    @mo jour
    Ach, das tut gut! Besonders hübsch fand ich es aber, bei Dir meine geliebten Mumintrolls wiederzufinden. Bis nächstes Jahr dann :)

     
 
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