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Positionen

17 Sep

Seit geraumer Zeit zerfasert die Gesellschaft. Die Gründe sollen Soziologen untersuchen, mir fällt nur die Tendenz auf. Als Kind der späten Fünfziger habe ich Zeiten großer Solidarisierung erlebt, Abspaltungen kamen lange nur im Extrem vor. Wie das Wort Abspaltung sagt, trennten sich dabei gesellschaftliche Splittergruppen von der Masse, während jetzt eine Aufspaltung der Masse selbst in verschiedene große Gruppen zu beobachten ist.

Die Zuordnungen ihr und euer waren Diskussionen vorbehalten, allerdings, wenn diese sich bereits an der Bruchstelle zur Unsachlichkeit bewegten. Zunehmend höre ich diese Worte wieder in Debatten und in eben diesem Sinn: die Einen werfen den Anderen etwas vor. Wohlhabende schmähen Hartz IV-Bezieher, Atombefürworter Atomgegner, Konservative Liberale. Das setzt sich bis in den Bekanntenkreis fort; wo früher die Präferenz des Fußballvereins für erträgliche Differenzen sorgte, ist es heute der Einsatz für eine Sache, das beharrliche Vertreten einer anderen Meinung, eine bestimmte Sicht auf die Dinge.

Die einstmals übliche Diskussionskultur ist uns abhanden gekommen. Ihre Grundlage, die Bildung der eigenen Meinung, ist weitgehend der Übernahme fremder Positionen gewichen, die angehört oder -gelesen sind. Die zerfasernde Gesellschaft sucht sich ihre Vorbilder und Gruppenzugehörigkeiten, wo sie zu finden sind; wer laut redet, bekommt mehr Anhänger als der mit den besseren Argumenten. Selbst, eine kontroverse Meinung zu vertreten ist schick: es kann ja nichts passieren, finden sich doch immer noch genügend andere, die sie teilen. Viele nehmen sich nicht die Zeit zur Reflektion, dringen zum eigentlichen Problem unter dem populistischen Zaubermantel gar nicht erst vor und plappern fremde Standpunkte als eigene nach – Hauptsache, man tut eine Meinung kund. Keine zu äußern, geht gar nicht, und für ruhige Gespräche im Freundeskreis bleibt kaum Zeit.

Schreien statt sprechen ist plötzlich wieder in Mode. Die Lautsprecher erfreuen sich großer Anhängerschaft, ihre Präsenz auf den Stühlchen der Talksendungen sorgt für gute Quoten. Die Zuschauer bekommen ein Stück Vorgedachtes zur gefälligen Bedienung: es ist einfacher, den Protagonisten am nächsten Morgen im Kollegengespräch mit den Worten ‚find ich ja auch‘ Recht zu geben, als etwa differenziert auf Einzelpunkte einzugehen oder gar kontrovers zu argumentieren.

Dieser Tage las ich irgendwo, der neue Luxus sei ‚mein Haus, mein Boot, meine Meinung‘. So ist es.


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10 Kommentare

Verfasst von - 17. September 2010 in Journalismus, Kultur, Leben, Mensch bleiben, Menschen, Politik

 

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10 Antworten zu “Positionen

  1. Lakritze

    17. September 2010 at 16:20

    Ähnliches beobachte ich auch im Kleinen.
    Streiten ist halt schwierig, schmähen viel einfacher und effektiver. Vor allem dann, wenn es nicht um die Sache geht, sondern darum, wer recht hat.
    Ich frage mich manchmal, wer Kindern (und damit zukünftigen Arbeitern, Politikerinnen, Führungskräften) beibringt, daß sie recht haben müssen?

     
  2. Angelika

    17. September 2010 at 17:08

    Vielen Dank, das beobachte ich auch um mich herum.
    Und ich vermisse auch eine entsprechende verbindende Diskussions- und Dialogkultur als Basis für eine unaufgeregte Sachlichkeit.
    Ich mag es garnicht und bin lieber für mich alleine – es wäre Zeitverschwendung für mich (diese Nach-Vaseleien und nachgeplatterten Platitüden) hören zu müssen.

    Frau Beissholz hat es für mich in Worte gefasst :

    „Erst zuhören, dann agieren gilt für alle

    Die Realistin in mir hat schon lange Konsequenzen gezogen, und hält die interne Idealistin in Schach: Wenn ich auf jemanden treffe, der mir ernsthaft zeigen kann, daß ein Interesse am Zuhören und Lernen besteht, klasse. Bei anderen versuche ich das zwar auch ab und an, aber wer gegen die Wand laufen will oder Zeit seines Lebens am Stammtisch bleiben möchte, bitte.“

    (poste gerne den Link falls erwünscht)

    Richtig, wer will sich denn Zeit nehmen, um sich selbst „eine Meinung“ zu bilden – das ist mühsam, erfordert fortlaufend Zeit (meine Meinung ist nix starres sondern entwickelt sich weiter) und auch (selbstkritische) Selbstreflektion.
    Ich kenne es nicht anders und werde da mit mir selbst „stur“ bleiben ;-)

    Ich frage mich dann lediglich, innerlich verwundert
    „Was ist mit den Leuten los ? Wo ist die Mit-Menschlichkeit in Gesprächen geblieben ?“

     
  3. opalkatze

    17. September 2010 at 17:54

    @Lakritze
    Mal wieder mir aus der Seele …

    @Angelika
    Bitte Links immer gleich mitbringen – Vernetzung ist WICHTIG!

    Deine Argumentation kann man ja wunderbar weiterspinnen:
    –>Menschlichkeit??

     
  4. Angelika

    17. September 2010 at 18:44

    @Opalkatze : oki danke :-)

    Hier der Link zum Artikel den ich mir erlaubt habe zu zitieren :
    http://beissholz.de/pivot/artikel-1665.html

    hm ja, mir fehlt es tatsächlich in „der dt. Gesellschaft“ wie ICH sie um mich herum erlebe tatsächlich an Mit-Menschlichkeit.

    Als Realistin weiss ich auch, dass sich dies nicht verbessern wird, weil mir da kein „mehrheitlicher Ruck der Gesellschaft“ in verbessertem Verhalten erkennbar ist – pars pro toto wie von Dir geschildert von wg. Meinungs-Bildung (das geht m.E. eben nicht mittels SpOn u.a.)
    „Nischen“ bleiben davon unberührt.

    Von der so von mir beobachtettn medialen Manipulation/mangelinformation mal ganz abgesehen.

    Als nächstes werde ich das Buch „Am besten nix Neues“ von Tom Schimanek lesen.

    (Hier der Link über sein Gespräch bei telepolis, wer lesen
    mag ) Finde ich leider nicht mehr sorry.

     
  5. Angelika

    17. September 2010 at 19:00

    hoppla Nachtrag. Korrekt heisst’s Tom Schimmeck

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32847/1.html

     
  6. opalkatze

    17. September 2010 at 19:04

    @Angelika
    Kann ich nur empfehlen, sehr gute Wahl. Vielleicht magst Du dann eine kleine Besprechung machen?

     
  7. Sabine Engelhardt

    17. September 2010 at 19:30

    Ich halte das für einen „Kollaterialschaden“ der politisch gewollten Ellenbogengesellschaft. Jeder kämpft für sich, auch in Diskussionen. Dafür, sich inhaltlich genauer mit einem Thema zu befassen, ist keine Zeit — die einen arbeiten den ganzen Tag und fallen dann todmüde ins Bett, die anderen sind damit beschäftigt, Arbeit zu finden. Da reicht’s dann grade noch für die BLÖD, deren Artikel ja praktischerweise so schön kurz sind und einem das Denken abnehmen.

    Gruß, Frosch

     
  8. Angelika

    17. September 2010 at 21:04

    @Opalkatze danke, lieb von Dir ;-)
    Im Heise-Interview ist doch eigentlich ganz gut zusammengefasst worum’s geht – und ich bin leider ungeeignet für eine Buchbesprechung :(

     
  9. Maschinist

    17. September 2010 at 21:57

    Kann es nicht auch an der mit immer weniger sachlicher Qualität immer mehr hyperventilierenden Medien liegen? Die leben solche Arten der argumentationslosen Aufpeitschung doch täglich vor, bis hin zu den ÖR-Sendern.
    Sei es die Hatz auf „Perverse“ aller Art, besonders natürlich die „Kinderschänder“. Bei denen kein (Qualitäts-) Journalist sich nur die Mühe macht den mittelalterlichen Schandbegriff mal zu hinterfragen. Das BKA wusste das gut zu nutzen bei seinen Vorbereitungen der Kommunikation für die Netzsperren. Gerade aktuell wird ja wieder der Begriff „Kinderpornographie“ mit dem Wort „Internet“ gekoppelt. Interessant wäre für mich die Frage wie lange das BKA schon im Besitz der fraglichen Bilder ist, die gerade jetzt überall zur Jagd gezeigt werden. Denn die Zeit der Evaluierung der Netzsperren läuft bald ab und es geht von vorn los.
    Oder die wirklich heuchlerische Opfer-Show bei dem aktuellen Winnenden-Prozess, wo keiner mal wagt zu fragen wie die Jugendlichen vor der Tat mit Tim umgesprungen sind. Statt kritisch zu hinterfragen wird auf allen Kanälen, in allen Gazetten munter mitgemacht. Gerade ein ÖR-Rundfunk ohne Kostendruck sollte hier mal sein Tun überdenken.

    Ich könnte so immer weiter machen und mich nur selbst aufregen.
    Stattdessen kann ich Dir nur beipflichten und immer in meinem Umfeld darauf hinwirken dass mal mit Fakten und Empathie diskutiert wird.

    Und weil es mir kürzlich als angenehm differenziert aufgefallen ist, hier mal ein Beispiel gleich aus meiner Umgebung: http://bit.ly/aklUiD
    Man muss nicht allem zustimmen, aber die austarierten Argumente finde ich nachahmenswert. Gerade bei dem Thema.

     
  10. Angelika

    18. September 2010 at 15:09

    @Opalkatze – danke für den Link !
    dass der im „empfehlen“ steckt habe ich jetzt bemerkt :-)
    werde ich mir später in Ruhe anhören.

     
 
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