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Die Bahn überrollt den Wettbewerb

29 Okt

Ein Gastbeitrag von Dietmar Franzenburg

Update: Gewonnen! (@DeinBus)
Bus-Start-up ringt Deutsche Bahn nieder (SpOn)
Freigabe ab 2013: Linien-Fernbusse bald in ganz Deutschland erlaubt (SpOn)

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Die Macher

Die Studenten der Wirtschaftswissenschaften Alexander Kuhr (26), Ingo Mayr-Knoch (25) und Christian Janisch (28) haben sich an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen kennengelernt.

Alexander Kuhr war im Auslandssemester in Osteuropa und Ingo Mayr-Knoch in Spanien. Dort fuhren beide viel mit Bussen quer durchs Land. Zurück an der Universität fragten sie sich, warum es in Deutschland nur ein verschwindend geringes Angebot an Überlandbusverbindungen gibt. Der Grund war schnell gefunden: Nach einem Gesetz aus dem Jahr 1934 ist es Buslinien auf nationalen Strecken von mehr als 50 Kilometern untersagt, Fahrgäste zu befördern.

Das Gesetz

Gemeint ist das Personenbeförderungsgesetz (PBefG), genauer § 13 Absatz 2 PBefG. Einstmals begründet, um der Deutschen Reichsbahn unliebsame Konkurenz fernzuhalten, stellt es sich heute als Blockade gegen den freien Wettbewerb dar. Nur Berlin ist, bedingt durch die ehemalige Teilung und den Transit, mit Fernbuslinien gut versorgt.

Das Unternehmen

Im März 2009 wurde die Yourbus GmbH gegründet.

Um trotz der Widrigkeit des Personenbeförderungsgesetzes ein Busunternehmen zu gründen, haben sich die drei Studenten einer Gesetzeslücke bedient: das Personenbeförderungsgesetz bezieht sich nämlich nur auf Linienbusse. So ist es aber in § 49 PBefG erlaubt, sich mit anderen Fahrwilligen zusammenzutun und eine Fahrgemeinschaft zu bilden. Das Unternehmen bietet also ein Internet-Portal zum Organisieren von Busfahrten an; wenn sich genügend Interessierte zusammenfinden, stellt die Firma das Fahrzeug und den Fahrer.

Die Konkurrenz

Die Deutsche Bahn AG ist der größte deutsche Anbieter nicht nur im Schienennetz, sondern auch im Fernbusverkehr. Mit der DB Stadtverkehr GmbH betreibt sie 22 eigene Busgesellschaften sowie zahlreiche Beteiligungen an Verkehrsunternehmen. Auch der größte Berliner Anbieter, der Berlin Linien Bus, gehört dazu.

Die Politik

FDP und Die Grünen wollten das Gesetz schon längst ändern – aber SPD und Union wollen der Deutsche Bahn AG weiterhin die Konkurrenz fernhalten. Im Koalitionsvertrag der amtierenden Koalition steht auf Seite 37: „Wir werden Busfernlinienverkehr zulassen und dazu § 13 PBefG ändern“. Sie müssen’s halt auch machen…

Die Gegenwart

Die Deutsche Bahn AG hat Unterlassungsklage gegen die Yourbus GmbH gestellt. In einem 16-seitigen Schreiben wirft die Bahn dem Studentenunternehmen unlauteren Wettbewerb vor. Zitat aus einem Bericht bei Spiegel Online:

Mit der Klage gegen Yourbus geht also der Staat gegen private Konkurrenten vor. Und indirekt helfen die Politiker im Aufsichtsrat, die in Sonntagsreden gerne von jungen Menschen mehr Mut zum Risiko und Firmengründungen fordern, werktags bei der Zerstörung kreativer Konkurrenz.

Am 19. November 2010 ist Gerichtstermin beim Frankfurter Landgericht.

[Links: Deutsche Bahn verklagt Busmitfahrzentrale DeinBus.de, Wie die Bahn kreative Konkurrenz zerstört]

Die Umwelt

Wer nun meint, na ja, Bahnfahren ist eh umweltfreundlicher als Busfahren, der irrt. Zur Bestimmung wird der Energieverbrauch in Benzinäquivalent umgerechnet; damit lassen sich unterschiedliche Verkehrsmittel vergleichen, die verschiedene Energieträger benutzen. Laut einem Vergleich der Emissionen einzelner Verkehrsträger im Personenverkehr des Umweltbundesamtes von 2008 kommt die Bahn im Nahverkehr dabei auf 4, im Fernverkehr auf 2,5 l/100 Pkm (Liter pro 100 Personenkilometer). Reisebusse haben einen Wert von 1,4 und somit sogar den besten Wert im Vergleich mit allen Verkehrsmitteln.

 

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QUELLEN

Berichte (Juni und August 2010) über das Unternehmen Yourbus GmbH

 
9 Kommentare

Verfasst von - 29. Oktober 2010 in Energie, Politik

 

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9 Antworten zu “Die Bahn überrollt den Wettbewerb

  1. VonFernSeher

    30. Oktober 2010 at 21:32

    Es wäre durchaus wünschenswert, wenn diese altertümliche Regelung fällt. Allerdings glaube ich nicht, dass damit eine Renaissance der Reisebusse käme. Es gibt ja schon Fernbuslinien, die Deutschland vor allem von West nach Ost mit seinen Nachbarn verbinden. Ein Wachstumsmarkt ist das allerdings nicht. Busse können halt auch in Zukunft nicht mit 300 km/h ohne Staus durch die Landschaft rasen.

    Die meisten Passagiere auf den Linien wie z.B. Aachen-Krakau kommen wegen der niedrigen Preise und dem eingebauten Paketdienst. Vom Komfort und der Reisezeit ist das Ganze aber eine Zumutung.

     
  2. Dietmar Franzenburg

    31. Oktober 2010 at 14:27

    Renaissance der Reisebusse hin oder her – es kann einfach nicht angehen, daß die Bahn, welche zwar privatisiert aber dennoch ganz ein Staatsunternehmen ist, den Wettbewerb mit mehr oder weniger kruden Methoden ausbremst. Zumal die Bahn ja auch gleichzeitig der größte Anbieter von Fernbuslinien ist.

    Mit Komfort und speziell der Reisezeit können und wollen die Macher von DeinBus gar nicht punkten. Aber für Studenten und Leute mit wenig Geld, die es laut Armutsbericht auch in unserem Land zuhauf gibt, ist der Preis unschlagbar. Von daher sehe ich schon Potential.

     
  3. Maik

    31. Oktober 2010 at 15:07

    Im Juni hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die gängige Veto-Praxis der Bahn gelockert. Pauschale Verbote darf es demnach nicht mehr geben. Ein deutlicher Preisunterschied reicht aus, um einen Mehrwert für die Kunden und damit die Genehmigung zu begründen.

    Man muss im übrigen nicht einmal den UBA nach einem Verkehrsträgervergleich heranziehen. Die Bahn bestätigt den Vorteil des Linienbusses selber. Man muss nur etwas suchen…

    Die Links habe ich hier zusammengefasst: http://www.darktiger.org/home/content/bus-bahn-mehr-wettbewerb-mehr-umweltschutz

    (sorry ist jetzt Eigenwerbung, erspart mir aber die ganzen Links rauszucopypasten)

     
  4. Dietmar Franzenburg

    31. Oktober 2010 at 18:28

    @Maik

    Daß die Bahn den Vorteil von Linienbussen auch selbst bestätigt habe ich auch gelesen.

    Aber da die Bahn eben, neben der Bahn als solches, auch der größte Anbieter von Fernbussen ist, wollte ich nun wirklich nicht einen Link auf die Bahn setzen!

    Und zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts sagt Alexander Kuhr von ‚DeinBus‘: „Die Leipziger Richter haben die Chance vertan, rechtzeitig ein deutliches Zeichen für die Liberalisierung im Fernverkehrsmarkt zu setzen“. Hier ist die Presseerklärung von ‚DeinBus‘ zum Leipziger Urteil.

     
  5. Dietmar Franzenburg

    31. Oktober 2010 at 18:34

    Da die Bahn an keinerlei verpflichtendes Preismodell gebunden, und somit jederzeit ihre Preise ändern und damit Konkurrenz ausstechen kann, ist das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts de facto obsolet.

     
  6. Maik

    1. November 2010 at 14:17

    @Dietmar Franzenburg: Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass dadurch, dass die Bahn die Zahlen auch vergibt, die Daten „valider“ werden. Von Busunternehmen und leider auch vom UBA kann man nicht immer eine „neutrale“ Sicht erwarten. Aber wenn das sogar die Bahn bestätigt, muss da wohl was dran sein :-)

    Das die Bahn ihr Preismodell wegen dem BVerwG-Urteil ändern wird halte ich nicht für plausibel. Im Prinzip machen sie den Reisebussen preislich schon mit ihren Sparpreisen Konkurrenz. Da aber keine zeitl. Konkurrenz droht, werden viele Kunden einen „Zeit-Aufpreis“ in Kauf nehmen und die Bahn hat es gar nicht nötig durch Preissenkungen im gesamten Streckennetz mögliche Konkurrenz auf einigen Strecken zu unterbinden.

    Zw. Bus und Bahn wird sich eine Preisdifferenzierung herausbilden: Kunden mit geringer Zahlungsbereitschaft fahren mit dem Bummel-Bus. Die anderen haben eine höhere Zahlungsbereitschaft und zahlen mehr für den Zeitvorteil. Da gibt es schlechtere Lösungen

    Aber selbst wenn die Bahn die Preise auf „Bus-Niveau“ im gesamten Streckennetz senken würde: Dann hätten wenigstens die Kunden was davon :-)

    Dass das Urteil des BVerwG ruhig etwas durchgreifender hätte ausfallen können, da stimme ich allerdings zu. Wie so oft sollte man von Gerichten aber keine Revolutionen erwarten. Hier sind v.a. die Politik und die Kartellbehörden gefragt. Bei ersteren wird es wohl an der Kuh, die man melkt scheitern… Wichtig ist es jetzt natürlich, dass Busunternehmen ihre Linien ohne größeren bürokratischem Aufwand auch aufgrund des BVerwG-Urteils schnell auf den Markt bringen können.

     
  7. opalkatze

    2. November 2010 at 11:22

    @Maik
    Eigenwerbung ist völlig okay – sharing is caring :)

     
  8. Thomas Albrecht

    18. Dezember 2010 at 11:21

    Kleine Wiederbelebung des Blogs:
    Das Gericht hat am 19.11. nicht entschieden, sondern auf 21.1.2011 vertagt (Landgericht Frankfurt, Raum 123 Geb. A, Justizgebäude Gerichtsstr. 2, öffentlich).
    Natürlich fahre ich von Stuttgart nach Frankfurt gerne im ICE in Nullkommanix. Aber für viele mittellange Strecken wären Fernbusse eine gute Ergänzung des ÖPNV. Das würde uns als Nutzern und der Umwelt nützen.
    Öffentliche Aufgabe wäre dann insbesondere, dass es eine Reiseauskunft gibt, die alle regelmässigen Verbindungen fair berücksichtigt.

     
 
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