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Niedriglohnsektor ufert aus

02 Nov

Ein Gastbeitrag von Roberto J. De Lapuente

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Schlimmer als befürchtet ergeht es dem untersten Segment des Arbeitsmarktes; das Minijobwunder, das in alle Gazetten ausgelassen als Aufbruch zu einer beinahen Vollbeschäftigung gefeiert wird, von der aber lediglich wenige Beschäftigte leben können, macht auch vor ehemals einträglichen Sparten nicht Halt. Hierzu gibt der ehemalige Finanzminister beunruhigende Einblicke.

Peer Steinbrück

© Frank Kopperschläger

Überbezahlt habe Steinbrück sich nicht gefühlt, als er damals Minister war. Eine Sieben-Tage-Woche habe er gestemmt, bis zu neunzig Stunden die Woche musste er malochen – das ergebe einen Stundensatz von fünfunddreißig oder vierzig Euro. Wenn er da in die Sportbranche schaue oder in die Kunst oder in die Medienanstalten: da würde viel üppiger bezahlt. Lassen wir mal das Heer an Sportlern und Künstlern beiseite, das für Hungerlöhne radelt, läuft, schreibt oder singt – gemessen an jenen Zweigen verdient ein Minister wahrlich bescheidener. Man könnte aber auch anders messen; die Meßskala geht ja nicht ausschließlich nach oben, man könnte auch hinabschielen.

Anhand Steinbrücks Gejammer auf obersten Niveau, macht sich die Abgehobenheit der politischen Kaste kenntlich. Hierzulande arbeiten Menschen für fünf oder sechs Euro in der Stunde – extreme Beispiele künden sogar von drei oder vier Euro. Die gesamte Misere eines solchen Hungerlohns wird einem gewahr, wenn man denen lauscht, die sich für dieses Butterbrot plagen und zu allem Überdruss auch noch darüber stöhnen, dass sie in der Woche nur vierzig, vielleicht fünfundvierzig Stunden arbeiten dürften – Scheißtarifvertrag!, vernimmt man dann konsterniert. Sie hätten gerne eine solche Sieben-Tage- oder Neunzig-Stunden-Woche, über die sich Steinbrück beklagt – nicht, weil sie mit Vorliebe schwitzten oder sich mühten: sie hätten so einen Galeerendienst deshalb gerne, damit sich ein passables Einkommen läpperte.

Natürlich berücksichtigt Steinbrück nicht, was in den Abgründen des Arbeitsmarktes zur alltäglichen Depression gerät. Er galt stets als ausgemachter Repräsentant der bürgerlichen Mitte; sein schnodderiger Hamburger Charme wirkte immer ein wenig wie der Anmut eines Mitgliedes der Hamburger Nobilität, wie das berechnende Naturell eines hanseatischen Syndikus’. Steinbrücks Beliebtheit ist darauf zurückzuführen, dass er wie der ordinäre Biedermann aus der bürgerlichen Mitte und dem bürgerlichen Mittelmaß riecht. Und als solch exponierte Gestalt, ist er qua seiner gesellschaftlichen Verortung dazu verpflichtet, notorisch unzufrieden zu sein, sich als vollumfänglich verarscht und ausgebeutet wahrzunehmen – vorallem dann, wenn es zum Klagen keinen berechtigten Grund gibt; und auch traurigere Beispiele, Leiharbeiterschicksale und so weiter, dürfen die alte Leier vom Verarschtwerden der bürgerlichen Leitungsträger selbstverständlich nicht aufhalten.

Deshalb entblödet er sich nicht, sein Ministergehalt und seine unerwähnten Pensionsansprüche als eine Art Skandal der Demokratie aufzubereiten, als Einzug einer Niedriglöhnermentalität in die hohen Häuser dieser Republik. Wir haben es hier mit einer Dekadenz zu tun, die Managergehälter nicht gesetzlich deckeln will, damit sie sich an diesen ausbordenden Summen orientieren kann – nach unten, dort wo für wenig Geld viel und schwer gebuckelt wird, da blickt einer wie Steinbrück nicht hinab; in diese Bredouille wird er ja nie kommen. Auch diese Ignoranz im Bezug auf Unterschichten ist eine übliche Verhaltensweise des Bürgertums und daher dem kecken Peer auch nicht fremd.

Neidisch nach oben schielen und nach unten die Bodenhaftung endgültig verlieren: das ist die Befindlichkeit der hiesigen politischen Schichten, die ein Minijobwunder bejubeln, das keine vollwertigen Arbeitsplätze, sondern beinahe nur Prekärstellen schafft, von denen keiner ohne staatliche Aufstockung leben kann – und in dieses Klima künstlicher Zuversicht platzen sie mit ihren Gejammer von Unterbezahlung in die Journaille. Zur gleichen Zeit, einige Etagen tiefer, bekommt der Bau oder der Einzelhandel oder die Industrie das Prekärwunder zu spüren: lange Probezeiten, Temporärverträge, Leiharbeit, schlechte Bezahlung – aber Steinbrück ist es, der sich unterbezahlt und ausgebeutet wähnt…

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5 Kommentare

Verfasst von - 2. November 2010 in Gastbeitrag, Kultur, Politik

 

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5 Antworten zu “Niedriglohnsektor ufert aus

  1. VonFernSeher

    2. November 2010 at 16:39

    @Roberto J. De Lapuente
    Schön, dass Sie sich aufgeregt haben. Wenn Sie demnächst mit etwas Abstand auf Ihren Text schauen, werden Sie sich vielleicht auch fragen, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ich greife mal vor: gar nichts.

    Gut, dass sich Steinbrück seine Bezahlung in Stundenlohn umrechnet und dann jammert, ist bescheuert, keine Frage*. Dass Sie aber daraus schließen, er solle sich nach unten orientieren und sich mit Leuten in sittenwidrigen Arbeitsverhältnissen vergleichen, zeigt diese dumm-gefährliche deutsche Mentalität, die sich in zwanzig Jahren gebildet hat.

    Und es zeigt, dass auch Sie den Politikern aus dem (fälschlicherweise) sogenannten bürgerlichen Lager auf den Leim gegangen sind. Auch Sie lassen sich einreden, es würde auch nur ein Stundenlohn steigen, wenn die DAX-Vorstände keine Millionen, sondern nur noch Hunderttausende verdienten. Das ist Blödsinn.

    Der einzige Weg, (auch geringqualifizierte) Arbeit wieder existenzsichernd zu gestalten, ist die gesellschaftliche Inanspruchnahme des Kapitals. In den letzten zwanzig Jahren wurden die Kapitalerträge immer und immer wieder steuerlich entlastet, um angeblich international wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Resultat ist eine Gesellschaft, in der meine Verbindlichkeiten sinken, je kleiner der Anteil an sozialabgabenpflichtiger Arbeit an meinem Einkommen ist. Das schädigt die kleineren und mittleren Unternehmen mit hohem Personaleinsatz und nützt nur Konzernen und Banken.

    Also wettern Sie doch bitte gegen Hungerlöhne, gegen die Verlagerung der Sozialabgaben auf die Arbeitnehmer, gegen Steuerschlupflöcher für internationale Konzerne oder gegen die asozialen Geschäftsmodelle der Investmentbanken.

    Aber lassen Sie bitte diese Neiddebatte. Die lenkt doch nur von den wahren Ursachen ab. Und der so nützliche Zorn wird vergeudet.

    *Wobei ich (ja, auch das ist eine alte Leier) zu bedenken gebe, dass der öffentliche Dienst nicht gerade aufgrund seiner üppigen Gehaltstruktur Gefahr läuft, durch das Abschöpfen der besten Köpfe die deutsche Industrie ausbluten zu lassen.

     
  2. opalkatze

    2. November 2010 at 17:32

    @VonFernSeher
    Ein sehr deutsches Problem ist die Nichtbeherrschung der gemeinsamen zielgerichteten Empörung. Das läßt sich sogar besser instrumentalisieren als das Vorhandensein derselben – wie man sieht.

     
  3. VonFernSeher

    2. November 2010 at 17:50

    @opalkatze
    OT: Ist das „ganz“ oder das „etwas“ jetzt die kleinere Längeneinheit? (Kannst du mir auch in einer Mail erklären.)

    Bei der „Nichtbeherrschung der gemeinsamen zielgerichteten Empörung“, also dem fehlenden sozialen Moment, bin ich ganz (OT: oder doch etwas?) bei dir. Das merken die meisten Deutschen aber nicht, siehe S21, Strommasten und Kleintierzüchterförderverein. Ich ändere meine Meinung aber sofort, sollte ich auf deutschen Straßen eine (nicht von 50 attac-Mitgliedern abgehaltene) Demonstration sehen, wo auf den Schildern „Vollgeldreform jetzt!“, „Transaktions- statt Mehrwertssteuererhöhung“ oder „Vermögenssteuer, bevor das Vermögen steuert!“ steht. (Dürfen gerne auch kreativere Sprüche sein.)

     
  4. opalkatze

    2. November 2010 at 19:29

    @VonFernSeher
    Och nö, der letzte Spruch ist schon richtig gut :]

     
 
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