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Sentimentalitätsanfall

11 Nov

Tschuldjung – ich bin heute peinlich #mussjetztmalsein. Es ist der 11.11., um 11:11 Uhr geht in Köln auf dem Heumarkt (wegen Bauarbeiten, sonst auf dem Alter Markt) der Karneval los, op kölsch: der Fasteleer.

Rheinland steckt an. Ich bin keine Kölsche, hab da nur viele Jahre gelebt. Aber weil ich u.a. am Niederrhein aufgewachsen bin, ist mein Heimweh vielleicht ebenso verständlich wie meine damalige Begeisterung für die Fohlenelf: Die Spieler lagen immer auf der Station meiner Mutter, und Besucher wie Günter Netzer mussten sich Besuche bei den Vereinskameraden mit Freikarten und/oder Werbegeschenken erkaufen.

In diesem Jahr reagiere ich wohl mal wieder sehr emotional auf die Eröffnung des Karnevals, die in der Nähe eines früheren Arbeitsplatzes stattfindet. Früher hieß das: Kerle, sonst im Anzug, in Jeans und Tshirt, Mädelz, statt in Kostüm oder Hosenanzug, ab 8:00 morgens mit Luftschlangen um den Hals, und ’ner Pappnas em Jeseech (= im Gesicht). Mettbrötchen zum ersten Frühstück, Kölsch ab neun, halb zehn, dazu Frikadellen, Kartoffelsalat und viel Senf – Grundlage für erwartungsgemäß später am Tag zu trinkende grössere Mengen Kölsch. Nach dem obligatorischen ‚Kölle Alaaf – un laast et üch joot jon‘ war ab ca. 12:00 Uhr Feierabend – und begann der Karneval. Und den geh ich jetzt auch feiern, per Netz und Fernsehen – Alaaf!

 
13 Kommentare

Verfasst von - 11. November 2010 in Leben, Mensch bleiben

 

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13 Antworten zu “Sentimentalitätsanfall

  1. Volker

    11. November 2010 at 11:22

    Na dann mal viel Spaß :)

     
  2. gerdos

    11. November 2010 at 13:04

    Da werde ich als staatlich anerkannter Karnevalsverweigerer demnächst wohl wieder stundenlang mit Live-Übertragungen von Schwachsinnsgesängen angetrunkener Pseudohumoristen in lächerlichen Kostümen vollgedröhnt, die sich den Rest Verstand aus der Birne schunkeln. Humor nach dem Kalender zeugt nicht gerade von Authentizität. Spontanität will eben sorgfältig geplant werden.

    Und an die Semantiker stelle ich die ganz ganz böse Frage: Warum haben Fasching und Faschismus so viel gemeinsame Buchstaben?

     
  3. gerdos

    11. November 2010 at 13:05

    Na? Ob der freigeschaltet wird?

     
  4. vasistas?

    11. November 2010 at 14:00

    Alaaf! Super Motto auch für die Saison „Köln hat was zu beaten“ – total hip!;)

     
  5. VonFernSeher

    11. November 2010 at 17:39

    Ha, @gerdos gehört zu der Klasse wie der Hannoveraner Firmenchef, der vor Jahr und Tag bei uns (da wo ich als Schüler arbeitete) für den 12.11. die Anlieferung seiner fabrikhallengroßen Sondermaschine einforderte. Der hatte auf einen Schlag 300 neue Freunde.

     
  6. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    11. November 2010 at 20:26

    @opalkatze
    So, Du gehst also mit Netz und Fernsehen Fasching (so heißt das in Franken) feiern. Hm, da vermute ich fast, Du bist eine Fischerin (man verkleidet sich da ja). Fängst dem Hadji seinen geliebten Thunfisch und uns die geliebten Artikel ;-)

    Na, dann wünsch‘ ich ‚mal viel Spaß an der Sache.

    @VonFernSeher
    Bis auf den letzten Satz stimme ich @gerdos zu. Ich halte auch nichts von spaßig sein nach Kalender. Und hier noch dazu nach Uhr (11:11). Nö nö

     
  7. VonFernSeher

    11. November 2010 at 21:25

    @(,,,)—=^.^=—(,,,)

    Nach der Devise könnte man sich aber auch von Karfreitag, Weihnachten, Mutter-, Vater-, Kinder-, Valentinstag und sowieso allen Nationalfeiertagen verabschieden.

    Oder hälst du mehr davon nach Kalender traurig, besinnlich, nachdenklich oder dankbar zu sein?

    Darum geht es doch nicht. Es geht um die Einleitung der närrischen Zeit, auf deren Höhepunkte sich die Närrinnen und Narrhallesen in freudiger Erwartung vorbereiten. Sowie Adventssonntage und Geschenke besorgen vor Weihnachten. Oder die Fastenzeit bis zur Osternacht.

     
  8. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    11. November 2010 at 22:29

    @VonFernSeher
    Soll feiern wer, wann, wo und warum auch immer. Ich habe nur für mich gesprochen.

    Daß ich Fasching, diversen kirchlichen, staatlichen oder sonstwas Feiertagen nichts abringen kann ist halt so. Ist halt bei mir so. Und sollte jetzt noch eine Frage nach Geburtstagfeiern aufkommen: Auch da gibt es für mich nichts zu feiern. Das ist halt bei mir so.

    Dennoch möchte ich niemandem den Spaß, die Freude, das Nachdenken, das Besinnlichsein, kurz Gefühlsaußerungen gleich welcher Art in Bezug auf Gründe zum/der Feier(n) vermiesen.

     
  9. VonFernSeher

    11. November 2010 at 22:45

    @(,,,)—=^.^=—(,,,)

    Das war so auch nicht gemeint. Ich habe kein Problem mit Karnevalsverweigerern, aber meine Ansicht, dass diese Leute oft auch mit anderen Feiertagen wenig am Hut haben, hast du bestätigt.

    Ich finde es aber gut, wenn du das so klar sagst und zuhause bleibst. Viel schlimmer finde ich den Karnevalsterror, den Leute, die eigentlich gar nichts damit anfangen können, abziehen, indem sie sich ein Kostüm anziehen und dann meinen, sie könnten sich (bevor sie besinnungslos in der Ecke liegen), jetzt alles erlauben.

    Der Teil ist – meinen persönlichen Erfahrungen nach – in der Alaaf-Ecke leider noch höher als in der Helau-Ecke.

     
  10. gerdos

    12. November 2010 at 12:29

    1.Man muss sich vor allem von dem Gedanken frei machen, dass Karneval etwas mit Unbeschwertheit und Glück zu tun habe. Ein Beobachter, Tobias Chmura vom Merian-Magazin, hat sich beim Karneval in Westfalen umgesehen und stellt fest: „Ich habe mir die Mühe gemacht in die Gesichter der Menschen auf der Straße zu schauen und musste feststellen, dass fast niemand lacht. Es klingt unglaubwürdig, aber es ist wirklich so, niemand war froh.“ (2) In Köln und Düsseldorf wird zwar gelacht, aber man hat nicht den Eindruck, es sei irgendwer außer einigen Kindern glücklich dabei. Die Fröhlichkeit des Karnevals ist eine verbissene, aufstampfende und deshalb auftrumpfende. Sie manifestiert sich vor allem in Lärm. Dieser übertönt die Zweifel der freudlos Feiernden an dem, was sie tun, und beweist denjenigen, die nicht mitmachen wollen, dass sie sich zu ducken haben. Karneval ist totalitär: es ist unmöglich, sich ihm zu entziehen, denn das dumpfe Dröhnen der Trommeln und die an jeder Straßenkreuzung aus städtischen Lautsprechern tönenden Schlager lassen sich nicht überhören.

    2. Karneval mit Antisemitismus in Verbindung zu bringen, mag hart und übertrieben erscheinen. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Karneval nie bloß ein harmloser Unsinn gewesen ist. Die Fastnachtsspiele im Spätmittelalter waren gegen die Juden gerichtete, von Fäkal-Komik geprägte, pseudo-antiautoritäre Veranstaltungen (16). Den Charakter als Versammlung der Meute zur Verulkung von Außenseitern hat der Karneval nie ganz abgelegt, was die Nationalsozialisten begriffen, die ihn 1933 in ihr Veranstaltungsprogramm übernahmen. Heutige Karnevalsvereine, die stolz herausstreichen, dass sie nie gleichgeschaltet wurden, aber nichts dabei finden, dass der Frohsinn im nationalsozialistischen Köln unter Motti wie „Singendes, klingendes, lachendes Köln“ (1939) bis zum Beginn des Krieges einfach weiterging, vergessen gern zu erwähnen, wie die Karnevalswagen dieser lustigen Umzüge aussahen. Schon 1934 fuhr in Köln ein Wagen mit, auf dem Männer mit schwarzen Anzügen, Hüten und künstlichen Bärten als Juden posierten und der mit den Aufschriften „Die Letzten ziehen ab“ .

    3. Tja. Fernseher: Adorno würde im Grab rotieren wie ein Ventilator.

     
  11. gerdos

    12. November 2010 at 12:37

    @(,,,)—=^.^=—(,,,)

    Zum Faschismus:
    Sind Uniform und Mütze das Erkennungszeichen der hart gesottenen Berufskarnevalisten, dient das Schunkeln der Erzeugung umfassenden Gemeinschaftsgefühls in der großen Masse. Es setzt beinahe automatisch ein, wenn irgendwo ein Karnevalsschlager zu hören ist – ein Vorgang, der in der Kölner Fernsehsendung Nightwash einmal in seiner ganzen Idiotie vorgeführt wurde, als der ortsfremde Showmaster das Kabarettpublikum zu den Worten „Et kütt ene Weltkreesch“ („Es kommt ein Weltkrieg“) schunkeln ließ, was die Genasführten erst merkten, als es zu spät war. Man kann Michail Romm das Befremden nachfühlen, mit dem er in dem Film „Der gewöhnliche Faschismus“ feststellte, dass die Deutschen während des Nationalsozialismus bei jeder Gelegenheit schunkelten, was ihn zu der Bemerkung veranlasste, es handle sich offenbar um ein typisch faschistisches Ritual. Immerhin soll das Schunkeln gelegentlich sogar den Jecken selbst auf die Nerven gehen, wie Gisela Probst berichtet: es werde „von vielen Teilnehmern karnevalistischer Veranstaltungen als eine lästige Pflichtübung empfunden“.

     
  12. VonFernSeher

    12. November 2010 at 18:23

    @gerdos

    1. Waren Sie schon einmal am Rosenmontag in Mainz? Oder irgendeinem kleinen Kaff in der Nähe? In Trier? Oder irgendeinem kleinen Kaff in der Nähe? In Konstanz? Oder irgendeinem kleinen Kaff in der Nähe?

    Sie werden feststellen müssen, dass der anstrengende Gardekarneval in Köln und Aachen nicht das Maß aller Dinge ist. Ich habe ein einziges Mal den gesamten Zug in Köln mitgemacht, seit sechs Uhr morgens einen Platz gesucht und neun Stunden mit kurzer Mittagspause in der Kälte gefroren. Einmal.

    Aber nach Mainz oder Langenlonsheim oder in mein Heimatkaff würde ich immer wieder zum Zug gehen, denn da kann es -10° sein, da wird einem nicht kalt. Und die Menschen tanzen und feiern auf und neben den Wagen. Und die Wagen nehmen von der Lokal- bis zur Bundespolitik alles auf Korn, oft sehr feinsinnig und bitterböse.

    2.

    Karneval mit Antisemitismus in Verbindung zu bringen, mag hart und übertrieben erscheinen.

    Vor allem erscheint es mir unüberlegt und gestrig. Wenn Sie den Karneval heute wegen dem Verhalten einiger Karnevalisten in der NS-Zeit verurteilen, macht das so wenig Sinn, als wenn Sie deswegen das Fußballspielen oder Kinderkriegen verurteilen. Es gab im Karneval genauso wenig Widerständler wie überall sonst. Leider.

    Der Karneval hat seine Ursprünge schon in der Antike, der heutige politische Karneval kommt aber aus den nationalen Bewegungen und der Zeit der französischen (Mainz) und preußischen (Köln, Niederrhein) Besatzung der Rheingebiete nach dem Wiener Kongress.

    3. „Mimesis und Konstruktion“: Bereits durch die gelungenere Zusammenfügung von Teilen der Wirklichkeit kann Kritik an dieser ausgedrückt werden. Ich würde noch einmal über die Funktion der Garden nachdenken.

     
 
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