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Angst und Fassungslosigkeit

02 Feb

Nach den beinahe fröhlichen, lauten und friedlichen Protesten gestern ist es heute ein Schock, was in Kairo vor sich geht: Mindestens 500 Verletzte und womöglich Tote, die Nachrichtenlage ist verworren. Nachdem gestern erst Merkel und am Abend Obama versäumt haben, mit klaren Worten Mubarak zum sofortigen Rücktritt aufzufordern, hat dieser einen alten Trick benutzt: Er hat seine Anhänger in Bewegung gesetzt, darunter sehr wahrscheinlich auch zivil gekleidete Geheimpolizisten, und die Armee hat den Zusammenstoß mit den Gegnern des Regimes zumindest zugelassen. In wie weit es Absprachen gegeben hat, wird möglicherweise nie herauskommen, klar ist jedoch, daß das Militär nach der Mubarak-Rede die Demonstranten aufgefordert hat, nach Hause zu gehen – man habe seine Meinung kundgetan und nun sei es gut.

Es fehlte bei der allgemeinen Verwirrung nur das Diktum des Präsidenten, er werde nun dem Wunsch des Volks entsprechen und wieder für Ruhe und Frieden sorgen. Das aber dürfte – wenn auch nicht ausgesprochen – das Ziel sein. Entschieden ist noch gar nichts. Fest steht: Die Haltung des Westens ist beschämend.

Beschämend ist auch die von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten betriebene, entschuldigung, Volksverdummung*. Am neunten Tag des Aufstands ist es beim besten Willen nicht mehr erklärbar, daß am Vorabend Sport (ARD), ein Krimi (ZDF) und eine Natursendung (3sat) laufen. Daß wenigstens Phoenix seit dem Nachmittag berichtet und dies mit einigem Aufwand, ist da schon eine Sondermeldung wert. Ab 2013 soll die Haushaltsabgabe eingeführt werden – ein weiterer sehr triftiger Grund, dagegen vehement zu protestieren.

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60 Kommentare

Verfasst von - 2. Februar 2011 in Journalismus, Medien, Politik, Welt

 

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60 Antworten zu “Angst und Fassungslosigkeit

  1. opalkatze

    3. Februar 2011 at 07:50

    @Alien, @VonFernSeher
    Ich find Abdel Samad auch etwas einseitig, wenn er auch eine weitere Stimme ist. Auf jeden Fall nicht immer Scholl-Latour (jaja, er ist ein profunder Kenner usw.).

    Ich glaube, @Angela hatte vorgeschlagen, in Deutschland lebende Ägypter mal zu befragen (statt Touristen in irgendwelchen Miss-Wahlen-Hotels) – das wär doch mal ’ne gute Idee. Macht aber keiner. Wenn es hier welche gäbe, ich würde.

     
  2. Ingo Neitzke

    3. Februar 2011 at 13:34

    :-) Grüßle von ingo.n.nu/stuff-de

     
  3. rauskucker

    3. Februar 2011 at 18:30

    Hamed Abdel-Samad, genau, so hieß der. Ich weiß nicht, was ihr mit einseitig meint. Der tourt gerade durch sämtliche Sender, auch im DLF heute morgen, und ich fand das sehr gut, was er sagte, auch über die Moslembruderschaft, mit denen er gar nichts zu tun hat, die er aber auch nicht für gefährlich hält. Und über Westerwelles Drücken vor klaren Aussagen.
    Er war übrigens mitten drin bei der Riesendemo auf dem Tahrir-Platz.
    (Falls es jemand sehen /hören will, ich habe es ALLES aufgenommen …)

     
  4. VonFernSeher

    3. Februar 2011 at 19:24

    @opalkatze
    Abdel Samad ist wohl ein in Deutschland lebender Ägypter. Und, wenn es nicht unbedingt Deutschland sein muss: el Baradei ist auch ein im Ausland lebender Ägypter.

    @rauskucker (da Sie zwischendurch geantwortet hatten)
    Ich habe überhaupt kein Problem mit Abdel Samad, genauso wenig wie mit den vielen anderen Ägyptern aus Deutschland, die auf der Demo in Kairo schon durch einige deutsche Sender befragt wurden.

     
  5. VonFernSeher

    4. Februar 2011 at 00:12

    Ich bin ja noch eine Antwort schuldig, ich mache es kurz:

    Ich habe gestern und heute die 19:00-Uhr-Ausgaben von ARTE Journal und heute vergleichend geschaut und stelle fest, dass ich die großen Unterschiede nicht nachvollziehen kann. Keine Sendung ist massiv besser oder schlechter, es gibt aber tatsächlich einzelne Stärken und Schwächen, die es sinnvoll erscheinen lassen, ab und zu beide ergänzend zu schauen (wenn man den soviel Zeit hat)*:

    ARTE Journal:
    + längere Berichterstattung über das Hauptthema
    + mehr internationale Reaktionen
    + Beleuchtung von zugereisten Gruppierungen und deren Interessen
    + Überleitung zum nachfolgenden Jemen-Bericht besser und verständlicher (auch bei ZDF nachfolgend Jemen)
    + Rückblick Amtszeit Mubarak
    nur zugereiste Reporter, aber (+) unterstützt von Einheimischen
    verfälschende Übersetzungsfehler, z.B. „Frage der Ehre“ statt „Frage der Menschenwürde“
    reißerische Schlagzeilen
    0 inhaltliche Aussagekraft in etwa gleich

    ZDF heute:
    + mehrere lange ansässige Korrespondenten mit einheimischer Büromannschaft
    + mehr und längere Augenzeugenberichte
    + gute Zusammenfassungen am Anfang
    + übersichtliche Erläuterung der Geographie
    + gute Hintergrundinfos (02.02.) zur Organisation der Mubarakanhänger (z.B. Desinformation, Nachschub)
    weniger Blick von außen, Reaktionen sehr auf Deutschland und USA fixiert
    kürzere Berichtdauer, weil noch nationale Nachrichten
    Bildmaterial teilweise wenige Stunden älter als bei ARTE
    0 inhaltliche Aussagekraft in etwa gleich

    Mal abgesehen, dass mich dieser Vergleich (das hat man ja mal irgendwann im Studium gelernt) nur in meiner Sichtungsmethodik bestätigt hat, kann ich nicht wirklich behaupten, dass man als ARTE- oder ZDF-zuschauer jeweils wesentlich schlechter informiert gewesen wäre. Nur eins ist sicher: Soviel ich immer auf die heute-Redaktion schimpfe und im Detail meckere, wer Tagesschau guckt, sollte schnell zu einer der beiden ÖR-Alternativen umsteigen.

    *Diese Bewertung bezieht sich natürlich nur auf das Thema Ägypten. Generell: ARTE – weniger Themen, dafür ausführlicher, ZDF – mehr Umsicht, dafür logischerweise kürzer

     
  6. VonFernSeher

    4. Februar 2011 at 00:15

    Ich stelle gerade beim erneuten Lesen fest, dass es bei beiden gleich viele Plus- und Minuspunkte gibt. Das war keine Absicht und sagt ja auch nichts über das Gewicht der einzelnen Punkte aus.

     
  7. opalkatze

    4. Februar 2011 at 02:04

    @VonFernSeher
    Ich ziehe trotzdem vor, mich im Netz schlau zu machen und – bei sprachlichen Voraussetzungen – den jeweiligen ausländischen Sender zu sehen bzw. die entsprechenden Medien zu lesen. Ein großes Stück meiner Informationen beziehe iich aus der Kombination der Medien plus der Information durch Freunde und Bekannte. Außerdem hab ich noch zwei, drei Recherchemöglichkeiten, von Bibliotheken über Auskunftsdienste bis zu ordinären Archiven, aber das ist in dem Zusammenhang natürlich unsportlich ,)

     
  8. VonFernSeher

    4. Februar 2011 at 02:08

    @opalkatze
    Ich habe ja auch nur die Frage beantwortet, ob jetzt ARTE Journal oder heute informativer war. Je vielseitiger man sich informiert, um so besser natürlich.

     
  9. Thomas Weiss

    5. Februar 2011 at 17:59

    Wie unglaublich ist das eigentlich, was da (nicht) passiert ist am Freitag? Ich habe das mal versucht in meinem Blog einzuordnen: http://tinyurl.com/5sjdngx

    Danke Vera, für Deine engagierten Posts!

    T.

     
 
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