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Amanpour interviewt Mubarak

04 Feb

Die großartige Christiane Amanpour hat gestern für eine halbe Stunde Husni Mubarak getroffen. Die hoffnungsvollen Worte, er habe es satt und würde gern gehen – „I am fed up. After 62 years in public service, I have had enough.“ – werden jedoch gleich wieder zunichte gemacht. Weiterhin strapaziert er das westliche Schreckgespenst Muslimbrüder, die ihn daran hinderten, zurückzutreten, denn dann bräche das Chaos aus. Ihm wird derweil bewußt gewesen sein, daß dieses Chaos bereits minutiös geplant ist.

In dieselbe Kerbe haut später, ebenfalls im Gespräch mit Amanpour, Geheimdienstchef, Vizepräsident und zur Zeit der starke Mann in Ägypten, Omar Suleiman. Bereits kurz zuvor hatte er dieses erprobt wirksame Argument angeführt, um dann „ausländische Kräfte“ für die Anfachung der Unruhen verantwortlich zu machen.

Diese Beschuldigungen, augenscheinlich bereits vorher im Rahmen sorgfältiger Planung gestreut, lösen eine regelrechte Jagd auf Ausländer und vor allem auf Journalisten aus. Organisationen wie Reporter ohne Grenzen berichten von Übergriffen und massiven Einschränkungen ihrer Arbeit; auch deutsche Auslandskorrespondenten berichten seit gestern aus Sicherheitsgründen überwiegend per Telefon.

Suleiman hat unterdessen den Muslimbrüdern Gespräche angeboten – nicht jedoch Muhammad Al Baradei. Damit zeigt er dem Westen die kalte Schulter, der Al Baradei als Führer einer Übergangsregierung akzeptieren würde, aber vor den Islamisten Angst hat. Außerdem macht er mit seiner Unterstützung Mubaraks klar, daß die gewohnte Machtpolitik des Schreckens weiterhin ausgeübt werden soll.

Heute nach dem Freitagsgebet, wo traditionsgemäß das téléphone arabe, die Mundpropaganda, stärker ist als das Internet, wird es eine Machtprobe geben. Es wird ein sehr blutiger Freitag – auch, weil der Westen versäumt hat, die Protestierenden rechtzeitig zu ermutigen und damit ein klares Zeichen gegen die Militärdiktatur zu setzen. Die Todesopfer werden nicht vergessen werden.

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Update, 2:02

Even though Mr. Mubarak has balked, so far, at leaving now, officials from both governments are continuing talks about a
plan in which, Mr. Suleiman, backed by Sami Enan, chief of the Egyptian armed forces, and Field Marshal Mohamed Tantawi, the Defense Minister, would immediately begin a process of constitutional reform.

The proposal also calls for the transitional government to invite members from a broad range of opposition groups, including the banned Muslim Brotherhood, to begin work to open up the country’s electoral system in an effort to bring about free and fair elections in September, the officials said.

© NYT, 4.2.2011

Update, 14:25

Ian Black, the Guardian’s middle east editor, writes that President Hosni Mubarak faces four possible scenarios in the short-term future. Weiterlesen »

 
14 Kommentare

Verfasst von - 4. Februar 2011 in Journalismus, Medien, Politik, Welt

 

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14 Antworten zu “Amanpour interviewt Mubarak

  1. VonFernSeher

    4. Februar 2011 at 02:05

    Ihm wird derweil bewußt gewesen sein, daß dieses Chaos bereits minutiös geplant ist.

    Na, er wird wohl eher genau wissen, was er und die seinen geplant haben und was nicht.

    Es wird ein sehr blutiger Freitag…

    Ist das jetzt eine relative Wertung zu den Vortagen? Das ist dann aber für 3:00 Ortszeit eine gewagte Einschätzung. Ich hoffe, du behälst nicht recht.

     
  2. AlterKnacker

    4. Februar 2011 at 02:19

    Der sogenannte Westen mit all seiner dumpfen Angsthysterie vor Islamisten hat inzwischen so viel Schuld auf sich geladen, um noch klar erkennen zu können, wie dämlich sich diese Politfuzzys anstellen.

     
  3. opalkatze

    4. Februar 2011 at 02:38

    @VonFernSeher
    Just das wollte ich ausdrücken. Scheint misslungen; hilf mir.

    @AlterKnacker
    Muss dich schon wieder berichtigen: Mit all seinen Angsthysterien. Plural.

     
  4. AlterKnacker

    4. Februar 2011 at 02:54

    von mir aus auch Plural…*grinZ*

     
  5. opalkatze

    4. Februar 2011 at 03:37

    @VonFernSeher

    Ich meine das so, sonst schriebe ich es nicht. Die dort etwas zu verlieren haben, haben sehr viel zu verlieren, wie in allen Gesellschaften, in denen es praktisch keine Mittelschicht gibt. Seit die Generalstaatsanwaltschaft jetzt auch noch anfängt, bestimmte Konten einzufrieren, dürfte Mancher sich mit dem Rücken zur Wand stehend fühlen. Nichts macht mächtige Menschen so wütend wie der Verlust von Macht und Einfluss.

    Das Militär wird den Ausschlag geben, und selbst, wenn es sich mit den Protestierenden verbündet (immerhin eine Wehrpflichtarmee), bedeutet das noch keinen Erfolg. Das zur Verteidigung der Macht notwendige Geld ist da, die Mittel – und die Übung – Angst und Schrecken zu verbreiten, ebenfalls. Heute Nacht geht es in Kairo und anscheinend auch Alexandria massiv gegen alle Berichterstatter. Sie werden in ihren Hotels von Ordnungskräften ihrer Arbeitsmittel beraubt, z.T. festgenommen und insgesamt so weit bedroht und eingeschüchtert, daß die ausländischen Arbeitgeber es vorziehen, sie in Sicherheit zu bringen. Wahrlich sauber vorbereitet!

    Also: Wenn kein Wunder geschieht, wird es ein ganz schrecklicher Freitag.

     
  6. alien59

    4. Februar 2011 at 08:19

    Suleiman selbst ist aber das nächste Problem – der ist nicht besser, sondern eher schlimmer: u.a. war/ist er der Verantwortliche für die Auftragsfolterung von durch die US ausgelieferten Gefangenen.
    Die Mannschaft, die Mubarak da bestimmt hat, ist eine Junta, kein Neuanfang.
    Suleiman versuchte gestern mit den Andeutungen, wer von der Oppostion bereits mit ihm verhandle, gezielt Zwietracht zu säen. Gerade die MB werden allerdings vermutlich den Teufel tun – die haben unter ihm mit am Meisten gelitten.
    Baradei ist kaum zu sehen oder zu hören – das wird eher nichts, denke ich.

    Die Hatz gegen die Journalisten macht mir auch große Sorgen – ich hätte befürchtet, die Armee könnte Schießbefehl bekommen, aber abgesehen davon, dass das bereits ausdrücklich verneint wurde, könnte ich mir vorstellen, dass die Armeeführung das nicht tun möchte, weil sie sich nicht einer Meuterei gegenüber sehen mag. Nach Tagen friedlicher Zusammenarbeit mit den Demonstranten halte ich es für wahrscheinlich, dass die wenigsten es fertigbrächten, in die Menge zu schießen. Jedenfalls nicht in diese Richtung….

    Die Frage wird sein, ob es gelingt, die Polizei und Sicherheitskräfte in Schach zu halten. Auch da hat die Armee Beißhemmung, und das könnte gefährlich werden.
    Ein etwas zu aufregender Freitag.

     
  7. VonFernSeher

    4. Februar 2011 at 08:33

    @opalkatze
    Mir hat sich der sarkastische Unterton in deinem Text, der wohl da ist, nicht offenbaren wollen. Muss ja nicht an deinem Text liegen.

    Die Frage nach der Relation war sehr ernst gemeint. Denn soweit sehe ich schon eine überdurchschnittliche Eskalation in Ägypten, aber die Angriffe auf Journalisten und der Straßenkampf haben mich – mal international vergleichend betrachtet – nicht besonders überrascht. Das mag aber auch an der eigenen Perspektive liegen. Auch hier bei uns weiß die Polizei (und zwar die, die man als Präsidentengarde bezeichnen könnte) manchmal auch schon vor den Randalierern, wo sie randalieren werden. Nur die Presse braucht man hier nicht zu jagen, die hat nämlich sowieso keinen Plan, wenn es nicht um Sport oder Verkehr geht. Und die dünne und halbwegs gebildete Mittelschicht schüttelt mit dem Kopf und kann nichts machen. Hier gibt es aber einen großen Unterschied: das nächste Konsumobjekt, für das es sich scheinbar auszuhalten lohnt, ist näher, egal ob Blackberry oder Strandvilla.

    (Das klingt jetzt alles ziemlich böse und zynisch, ist aber nicht so gemeint. Ich bin weder unter die Kommunisten gegangen noch habe ich ein Herz aus Stein. Ich hoffe ehrlich, dass es so friedlich wie möglich zugeht. Aber wenn ich auf die kurze Zeit zurückblicke, die ich auf dieser Welt zugebracht habe, kann ich – auch das ist ehrlich – nicht sagen, dass es sich um eine herausragende oder ganz andersartige Geschichte handelt. Wenn ich nachher wieder aufwache, wirst du schon mehr wissen als ich. Ich hoffe für die Menschen in Ägypten, dass keiner von uns beiden Recht behalten wird.)

     
  8. opalkatze

    4. Februar 2011 at 08:41

    @VonFernSeher
    Bei Dir ist es jetzt halb 3 (?) – husch ins Bett. Dann kann ich Dir ja nachher antworten :)

     
  9. opalkatze

    4. Februar 2011 at 09:01

    @Alien
    Meine Wahl ist Suleiman sicher nicht; ich könnte mir Aiman Nur vorstellen. Ich halte den Vorschlag Obamas im Ganzen für fragwürdig und die Ansicht von Jens (Spiegelfechter) für gar nicht so abwegig. Vor allem der Idee einer Vermittlung durch die Türkei könnte ich was abgewinnen. Im Augenblick muß vieles – auch bisher Ungewohntes – neu gedacht werden, das fällt den Europäern und den Amis erfahrungsgemäß besonders schwer.

    Ja, die Armee macht mir auch am meisten Kopfzerbrechen, weil alle möglichen Gründe sowohl für die eine als für die andere Möglichkeit anzuführen wären. Alles ist offen. Besonders besorgniserregend finde ich mittlerweile die Verbannung der berichtenden Zunft. Daß jemand wie CNNs Anderson Cooper – keine Ahnung, ob er ein Adrenalinjunkie ist – aus einem Versteck berichten will, ist sicher ehrenwert, aber auch höchst leichtsinnig. Allein dieser Umstand ist höchst bedenklich: Alle bekannten Berichterstatter verscheucht, abgezogen, ausgewiesen – das gibt mir einen ganz miesen Vorgeschmack. Der Tahrirplatz ist mittlerweile weiträumig umstellt, die Zufahrten bewacht, und es wurde angekündigt, am Mittag werde der Platz leer sein. Ich hoffe sehr, es wird nicht so schlimm, wie es jetzt aussieht, Alhamdulillah.

     
  10. opalkatze

    4. Februar 2011 at 09:49

    @VonFernSeher
    Nicht sarkastisch, nur einigermaßen realistisch.

    Die Relation kann ich nicht herstellen, weil an den drei Tagen unterschiedliche Voraussetzungen herrschten. Das Kalkül lag im „plötzlichen“ Erscheinen der Schläger direkt nach Mubaraks Rede. Damit wurde ein abrupter Umschlag von friedlichen Protesten in einen fast-schon-Bürgerkrieg bewirkt.

    Der Unterschied in der Mentalität ist wohl auch ein bißchen zu groß, um Araber und Latinos vergleichen zu können. Amanhã heisst ‚morgen‘, ist aber auch Umschreibung für ein Lebensgefühl, eine gewisse Wurschtigkeit: ‚Kommste heut nicht, kommste morgen‘ beschreibt es etwas unzulänglich. Du wirst aber wissen, was ich meine.

    Das ganz Andersartige an diesem Teil der jüngsten Geschichte ist die sonderbare Nähe, die durch die virtuelle Anteilnahme entsteht. Man ist ’näher dran‘, allein dadurch, daß man einige der Blogger, Twitter- und Facebook-Bekanntschaften schon eine Weile kennt. Man kann auch die Wahrscheinlichkeit ihrer Berichte ganz gut einschätzen: Vom Einen weiß man, daß er schon mal ein bißchen aufschneidet, die Andere ist eher zurückhaltend; man hat ähnliche Ansichten oder Überzeugungen, hört dieselbe Musik, usw. Wenn dann etwas Ungewöhnliches geschieht, fühlt man sich natürlich irgendwie verbunden und erlebt z.B. die derzeitigen Unruhen sehr viel emotionaler und macht sich auch mehr Gedanken darüber.

     
  11. VonFernSeher

    4. Februar 2011 at 19:41

    @opalkatze
    Jetzt kommt aber ganz viel auf einmal und durcheinander.

    Mit „sarkastisch“ bezog ich mich auf das „Bewußtsein“ als „der weiß ganz genau, was er tut“, nicht auf deine Einschätzung des heutigen Tages.

    Der Mentalitätsunterschied ist aber wiederum genau das, warum es in verschiedenen Gegenden verschieden abläuft. Araber vs. Latinos finde ich aber etwas zu verallgemeinernd. Man darf da nicht immer Kultur und Mentalität vermischen. Manche Völker lassen sich zu manchen Zeiten mit Geschenken die Demokratie abkaufen, andere nicht. Dass da ein Erdteil idealistischer wäre als ein anderer, ist mir noch nicht aufgefallen.

    Und dann ist da der Aspekt der gefühlten Nähe. Ja, es fühlt sich wohl anders an, weil man mehr weiß und andere Details kennt. Nein, der Erfolg von Revolutionen hat sich dadurch nicht geändert. Das ist aber auch nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass sich gesellschaftliche Fortschritte länger halten, je mehr Bildung Menschen besitzen und je mehr sie über die Menschen in anderen Ländern wissen. Das Verständnis, das es auch anders geht, und die Fähigkeit, die eigene Situation in ein Ganzes einzuordnen, tragen zur Stabilisierung von demokratischen Strukturen bei. Der Anteil derer, die es als Teil ihrer Bildung begreifen Menschen in anderen Kulturen kennen zu lernen, steigt.

     
  12. opalkatze

    4. Februar 2011 at 20:31

    @VonFernSeher
    Ah, sarkastisch ist damit abgehakt.

    Mentalität: war gar nicht auf so grundsätzliche Dinge bezogen, sondern auf die völlig unterschiedliche Lebensweise und Gesellschaftsform, nicht zuletzt bedingt durch Islam und Katholizismus. Amanhã haben beide, aber in völlig unterschiedlicher Ausprägung. „Idealistisch“, was das angeht – da sind glaube ich alle Menschen gleich. Und einige gleicher.

    Kulturen: Kinder lernen das ganz einfach, und die kindliche Neugier zu fördern, ist die Grundlage jeder Bildung. Grundlage der Bildung ist nicht, Turbokinder großzuziehen, die mit 2 Jahren bereits chinesisch lernen und ihr Harvardstudium vertraglich gesichert haben. Regelmässiges Vorlesen und das Erlernen eines Musikinstruments halte ich für nachhaltiger, als mit sechs bereits in Singapore, Alaska und im Regenwald gewesen, sich ansonsten aber selbst überlassen zu sein. Oder der Nanny, die alle zwei Jahre abhängig von der Muttersprache ausgewechselt wird.
    Da kommen wir aber auf einen ganz anderen Baum, wenn ich mich da erst mal reinrede … Das würde ich gerne auf eine passende Gelegenheit verschieben, denn darüber schreib ich garantiert demnächst was.

     
  13. VonFernSeher

    4. Februar 2011 at 20:43

    @opalkatze

    Bäh, Bildungsdebatte. Da könnten wir uns trefflich drüber unterhalten, aber bitte nicht aus dem deutschen Blickwinkel, da hab ich schon genug Zeit dran gelassen. Austauschprogramme funktionieren nur dann, wenn die Leute reif dafür sind, also allerfrühestens in der Oberstufe. Und wenn man sie mit ausreichender Vorbereitung angeht.

     
  14. opalkatze

    5. Februar 2011 at 02:03

    Nee nee, ich meinte schon das Thema Turbokinder, dazu hab ich ein klinisch interessantes Beispiel in der Nachbarschaft. Da muß ich mal irgendwann Dampf ablassen.

    Mit der ’normalen‘ Bildungsdebatte hab ich irgendwann in den 70ern in der SMV angefangen und seitdem irgendwie immer wieder reingebissen. Ja, es nervt.

     
 
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