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So froh, unrecht zu haben

05 Feb
Source: Al Jazeera and agencies

„Wir haben gesiegt“

Glückliche Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo: Präsident Mubarak ist zwar bislang nicht zurückgetreten, doch der Widerstand des morschen Systems scheint zusammengebrochen. Keine Schlägertrupps, keine neuen Straßenschlachten, alles blieb ruhig. Die Demonstranten fühlen sich als Sieger.

Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Und ich hoffe sehr, daß es dabei bleibt. Blöde Skepsis.

 
11 Kommentare

Verfasst von - 5. Februar 2011 in Menschen, Politik, Schön!, Welt

 

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11 Antworten zu “So froh, unrecht zu haben

  1. alien59

    5. Februar 2011 at 05:26

    Ich hoffe es auch – fürchte es aber gleichzeitig. Natürlich, niemand wünscht sich ein Blutbad. Aber so, wie das gestern aussah, sind Mubarak und seine Leute erheblich gerissener als die meisten diktatorischen Regimes. Sie scheinen realisiert zu haben, dass bei dieser Art friedlicher Demonstration (und die sind wirklich erstklassig mit Ruhe und Ordnung) jede Gewalt zu ihrem Nachteil ausgelegt wird. Versucht haben sie es ja, und es hätte die Lage fast zum Kippen gebracht.
    Jetzt scheint mir eher die Taktik zu sein, die Sache auszusitzen, bis die Démonstranten müde werden und außerhalb des Platzes die Rufe nach Rückkehr zur Normalität lauter werden.
    Ich habe gestern mit Misstrauen den Verteidigungsminister Tantawi auf dem Platz beobachtet. Im Gegensatz zu Suleiman hat er keine so blutigen Hände, keinen so sehr schlechten Ruf, dafür aber durch die enge Zusammenarbeit mit der US-Army jede Menge Freunde in den USA. Wenn der die beiden anderen kicken würde, könnte er auf massig Hilfe rechnen, eine „Übergangs-Militärregierung“ ausrufen und das vielleicht sogar der müden Bevölkerung verkaufen. Damit wäre aber nichts gewonnen, gar nichts.

    An diesem Punkt macht es sich für mich negativ bemerkbar, dass es keine führenden Köpfe gibt. Ayman Nour hält sich merklich zurück, ich habe ihn kaum gesehen. Baradei hat aufgegeben, finde ich gut. Amr Moussa wurde gestern in den ZDF-Nachrichten genannt – das wäre auch more of the same. Und sonst? Die Führer der anderen Oppositonsparteien wollten wohl alle nicht den Eindruck erwecken, die Demos für sich instrumentalisieren zu wollen. Machte einen guten Eindruck, aber jetzt müsste mal jemand etwas tun.

    Mubarak sitzt es aus – vielleicht auch, weil er wirklich den Bezug zur Realität verloren hat. Suleiman – bloß nicht, da wird mir übel.
    Ich versuche, mich damit zu trösten, dass die Anti-Schah-Demos vier Monate gebraucht haben, seinerzeit….

     
  2. alien59

    5. Februar 2011 at 05:37

    Ergänzung: ich sehe grade, ich bin nicht auf der Höhe der Nachrichtenlage.
    Fisk schreibt in der NYT einen ausführlichen Artikel, in dem ein Kommitee beschrieben wird, das mit Suleiman verhandeln soll:
    http://www.independent.co.uk/opinion/commentators/fisk/robert-fisk-exhausted-scared-and-trapped-protesters-put-forward-plan-for-future-2205079.html

    Fand an dem Text nichts zu meckern – oft schätze ich Fisk nicht, diesmal passt es aber ziemlich. Was er genauso sieht wie ich: die Gefahr für alle, die den Tahrir-Platz verlassen. Lösen sich die Demos auf, könnten die „Sicherheitskräfte“ einen nach dem anderen einsammeln und verschwinden lassen. Etliche aus meiner Timeline schreiben daher, dass sie den Platz nicht verlassen können. Es gibt auch schon Vermisste.

     
  3. VonFernSeher

    5. Februar 2011 at 06:18

    @alien59
    Auch, dass el Baradei nicht kandidieren will, war wohl bloß ein absichtlich gestreutes Gerücht.

    Und die Leute auf dem Platz sollten wirklich dort ausharren, das Versprechen der Regierung, die für die Gewalt Verantwortlichen zu bestrafen, war bestimmt nicht nur an die Mubarakunterstützer gerichtet.

    Meine Glaskugel:
    In den einzelnen Häusern wird es keinen Schutz geben, aber sollten die Regimebanden den gesamten Platz angreifen, würde es für die westlichen Länder sehr schnell zu heiß. Im schlimmsten Fall wird man vielleicht wieder sehen, wie schnell sie einen Luftraum am Wasser übernehmen können. Da das Regime nicht dumm ist und auch weiß, wie das geht, wird es kaum den Platz selbst überrollen.

    Sollte das Regime den Platz trotzdem überrollen und der Westen nur zuschauen, wird es ein harter Bürgerkrieg werden. Aber egal, wer dann gewinnt, er wird sich eindeutig und alleinig zu den blockfreien Staaten orientieren und nicht mehr gen Westen.

     
  4. opalkatze

    5. Februar 2011 at 16:35

    @Alien
    100% Zustimmung. Die Militärregierung halte ich auch für die wahrscheinlichste Option, wenn es nach den ‚Realpolitikern‘ in aller Welt geht. Der Luftwaffengeneral Mubarak hat in vielen Jahren seine Kameraden in der Regierung und wichtigen Ämtern um sich geschart – ein überwältigend großer Teil der höheren und hohen Militärs wurden in den USA ausgebildet, die Beziehungen sind bestens. Dem Westen erscheint das als Lösung des Problems: Appelle an die Vernunft der Freunde, Blutvergiessen zu vermeiden, und dann sehen wir weiter.

    „In Washington hören sie auf ihn“ titelt die Tagesschau, das gilt anscheinend als ausreichendes Qualitätskriterium für ein gelungenes Anforderungsprofil. Al Baradei wird bei uns überbewertet, einfach, weil er hier bekannt ist. Amr Moussa dürfte nach wie vor beliebt sein; besser als Suleiman ist er allemal. Wer hat schon über die Jahre den Nahen und Mittleren Osten beobachtet? Ayman Nour wäre mir der Liebste, womöglich zusammen mit Ahmed Zewail (wo steckt der eigentlich?) Mich fragt ja wieder keiner … Gerade hängt sich auch der Iran mächtig rein, natürlich aus ganz altruistischen Gründen.

    Steht es im Handbuch für Revolutionen, daß sie schnell ablaufen? Setzt man die vergangenen über 30 Jahre in Relation, ging das bis jetzt doch ganz hübsch fix.

    Al Baradei wird bei uns überbewertet, einfach, weil er hier bekannt ist. Wer hat schon über die Jahre den Nahen und Mittleren Osten beobachtet? Ayman Nour wäre mir der Liebste, womöglich zusammen mit Ahmed Zewail (wo steckt der eigentlich?) Mich fragt ja wieder keiner … Gerade hängt sich auch der Iran mächtig rein, natürlich aus ganz altruistischen Gründen.

    Steht es im Handbuch für Revolutionen, daß sie schnell ablaufen? Setzt man die vergangenen über 30 Jahre in Relation, ging das bis jetzt doch ganz hübsch fix.

     
  5. opalkatze

    5. Februar 2011 at 16:36

    @Alien
    Ja, hatte ich gestern gelesen, hat Recht.

     
  6. alien59

    6. Februar 2011 at 06:00

    Fisk erstaunt mich immer mehr – was ist denn in den gefahren?
    Neuer Tag, lesenswerter Artikel:
    http://www.independent.co.uk/opinion/commentators/fisk/robert-fisk-mubarak-is-going-he-is-on-the-cusp-of-final-departure-2205852.html

    Zwei Zitate – besser ganz lesen!:
    „Only when the power of youth and technology forced this docile Egyptian population to grow up and stage its inevitable revolt did it become evident to all of these previously „infantilised“ people that the government was itself composed of children, the eldest of them 83 years old. Yet, by a ghastly process of political osmosis, the dictator had for 30 years also „infantilised“ his supposedly mature allies in the West. They bought the line that Mubarak alone remained the iron wall holding back the Islamic tide seeping across Egypt and the rest of the Arab world. The Muslim Brotherhood – with genuine historical roots in Egypt and every right to enter parliament in a fair election – remains the bogeyman on the lips of every news presenter, although they have not the slightest idea what it is or was.“

    „The demonstrators in Cairo and Alexandria and Port Said, of course, are nonetheless entering a period of great fear. Their „Day of Departure“ on Friday – predicated on the idea that if they really believed Mubarak would leave last week, he would somehow follow the will of the people – turned yesterday into the „Day of Disillusion“. They are now constructing a committee of economists, intellectuals, „honest“ politicians to negotiate with Vice-President Omar Suleiman – without apparently realising that Suleiman is the next safe-pair-of-hands general to be approved by the Americans, that Suleiman is a ruthless man who will not hesitate to use the same state security police as Mubarak relied upon to eliminate the state’s enemies in Tahrir Square.

    Betrayal always follows a successful revolution. And this may yet come to pass. The dark cynicism of the regime remains. Many pro-democracy demonstrators have noticed a strange phenomenon. In the months before the protests broke out on 25 January, a series of attacks on Coptic Christians and their churches spread across Egypt. The Pope called for the protection of Egypt’s 10 per cent Christians. The West was appalled. Mubarak blamed it all on the familiar „foreign hand“. But then after 25 January, not a hair of a Coptic head has been harmed. Why? Because the perpetrators had other violent missions to perform?

    When Mubarak goes, terrible truths will be revealed. The world, as they say, waits. But none wait more attentively, more bravely, more fearfully than the young men and women in Tahrir Square. If they are truly on the edge of victory, they are safe. If they are not, there will come the midnight knock on many a door.“

    Wobei ich mich über Suleiman noch ganz anders äußern würde – mit dem sollte keiner verhandeln, der ist kein Wort und erst recht keinen Händedruck wert.

     
  7. opalkatze

    6. Februar 2011 at 06:09

    Werde mich gleich drüber her machen, danke (guten Morgen, btw :)

    Ich hatte eben den hier https://www.nytimes.com/2011/02/06/world/middleeast/06egypt.html?hp und das hier http://www.scienceblogs.de/zoonpolitikon/2011/02/funf-westliche-mythen-uber-die-arabische-welt.php.

    Schreibe wohl gleich noch was Kurzes über diese Schaukelei.

     
  8. VonFernSeher

    6. Februar 2011 at 08:52

    El Baradei hat einfach einen taktischen Fehler gemacht (den man ihm aber schwer vorwerfen kann). Er ist zu schnell nach Ägypten, weil er 1. es wohl nicht aus dem Ausland erleben wollte (sehr menschliches Bedürfnis) und 2. nicht zu spät kommen wollte. Jetzt ist er zu früh gekommen. Da untern kennt ihn keine Sau und in Europa, Israel und dem Iran kann man ihn jetzt nicht mehr hören, weil er als einer von vielen auf dem Platz steht.

    Er hätte wohl besser über die ausländischen Medien gegen Mubarak gefeuert und gedroht, dass er, sollte Mubarak nicht augenblicklich die Koffer packen, mit einer Heerschar Intellektueller nach Ägypten stürmen und das Regime hinwegfegen werde (dazu noch etwas in Richtung „Glauben Sie nicht, Mubarak, dass das ägyptische Volk ein dummes ist, das länger auf ihre Lügen hereinfallen wird!“). So darf er jetzt als Passagier auf den Revolutionszug. Für sein Ego nicht so gut. Ob es für die Sache gut oder schlecht war, werden wir erst nachher wissen.

     
  9. VonFernSeher

    6. Februar 2011 at 09:10

    Betrayal always follows a successful revolution.

    Das ist natürlich absoluter Quatsch und historisch wie theoretisch nicht haltbar. Vielmehr gibt es immer und überall Betrüger und sie werden nach eine Revolution nicht mehr oder weniger. Und sie werden auch nicht wahrscheinlicher an die Spitze gespült.

    Das ist ein bisschen so mit der KI, die Panzer auf Bildern erkennen sollte und das auch anscheinend tat, bis man statt Bildern Echtzeitaufnahmen verwendete. Die KI hatte nämlich keineswegs Panzer, sondern „blauen Himmel“ erkannt, da die Leuchten natürlich ihre Maschinen nur bei schönem Wetter zum Fotografieren vor die Tür gefahren hatten. (Anekdote ist zu alt, finde keinen Link darauf.)

     
  10. VonFernSeher

    6. Februar 2011 at 09:13

    Entschuldigung, versteht man trotz meiner grammatikalischen Fehler eigentlich noch, was ich sagen möchte? (Ich muss jetzt mal schlafen.)

     
  11. alien59

    6. Februar 2011 at 13:47

    Nicht ganz, denke ich.
    Baradei hat auch deshalb ein Problem, weil er letztes Jahr bei der Parlamentswahl keine sonderlich überzeugende Vorstellung gab, dann – schmollend? – wieder ins Ausland ging, und nun auf einmal auftauchte, um im Kielwasser einer von anderen begonnenen Revolution einzusammeln.

    Und – bei den Ägyptern, die ihn kennen, hat er ein Glaubwürdigkeitsproblem, bei denen, die ihn nicht kennen – nun ja ;-)

     
 
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