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Ägypten: Und sonst?

09 Feb

In Deutschland spekuliert man über mögliche Pläne Mubaraks, sich in einer badischen Klinik behandeln zu lassen (wenn die Diskussionen um Lena oder Monica Lierhaus dazu Zeit lassen). Deutsche Kommentatoren schreiben derzeit auch gern über das angebliche Erlahmen der ägyptischen Protestbewegung, während ausländische Medien vom Gegenteil berichten.

Sicher ist, daß die Proteste, abgesehen von ersten politischen Zugeständnissen, bereits große Änderungen bewirkt haben. Andererseits können sie nicht ewig weitergehen, irgendwann müssen die Menschen wieder arbeiten. Vizepräsident Omar Suleiman hat das in einer wenig verblümten Botschaft zu verstehen gegeben: im selben Atemzug hat er mit einem Militärputsch gedroht und vor aus den Gefängnissen entwichenen Terroristen gewarnt. Er mag sein Handwerk als Geheimdienstchef verstehen, das auch im Erzeugen von Furcht besteht, die Ägypter jedoch hat er damit nur erbost.

Mr. Suleiman may talk sweetly to Washington and Brussels. But he appears far more interested in maintaining as much of the old repressive order as he can get away with. That is unacceptable to Egypt’s people, and it should be unacceptable to Egypt’s Western supporters.

Quelle: New York Times

Als solle das untermauert werden, twittert Wael Ghonim:

(Habib el-Adly ist der frühere Innenminister, der zur Zeit vor Gericht steht.)

Die westlichen Regierungen, die Mubarak aus Angst vor einer Machtübernahme durch radikale Islamisten gestützt haben, machen einen peinlich unentschlossenen Eindruck. Sie stärken lieber halbherzig einem hochrangigen Mitglied des alten Unrechtsregimes den Rücken, statt die gegebene Chance auf einen grundlegenden Wandel zu fördern. Die hysterische Furcht vor den Muslimbrüdern trübt ihren Blick darauf, wem tatsächlich tiefstes Misstrauen gebührt.

Jetzt ist möglicherweise der Zeitpunkt für den türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan gekommen, seine Rolle als Vermittler anzunehmen. In der arabischen Welt geniesst er hohen Respekt und würde wohlwollend empfangen. Damit wäre allerdings auch der Einfluss des Westens endgültig dahin; allein das beschädigte Ansehen zu reparieren, wird Jahrzehnte dauern.

Mittlerweile stellt die Muslim Brotherhood Mubarak ein Ultimatum von einer Woche, Arbeiter und Gewerkschaften haben sich den Demonstrationen angeschlossen, und auch in ländlichen Gegenden hofft man auf ein besseres Leben. Aber die Protestbewegung bräuchte dringend ein Gesicht. Vielleicht könnte Wael Ghonim, Aktivist und Google-Marketingchef für den Mittleren Osten und Nordafrika, dieser Anführer werden – auch, wenn er das gar nicht sein will.

Für Freitag hat die Opposition erneut zu einem March of the Millions aufgerufen, dann soll auch eine Trauerfeier für die über 300 Toten der Unruhen stattfinden. Es wird eine gefährliche Veranstaltung: Die Regierung steht mit dem Rücken zur Wand, den Menschen auf dem Tahrir-Platz läuft die Zeit weg. Die Entscheidung liegt – immer noch und wieder – beim Militär.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 9. Februar 2011 in Politik, Web 2.0, Welt

 

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Eine Antwort zu “Ägypten: Und sonst?

 
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