RSS

Ägypten: Nach dem Jubel kommt die Arbeit

11 Feb

Endlich. Mubarak ist zurückgetreten, und der Jubel ist unvorstellbar groß. Die Menschen haben friedlich, mit großer Solidarität, Disziplin und Ausdauer, einen ersten, entscheidenden Sieg errungen. Nun müssen Taten folgen, um tatsächlich die ersehnte Demokratie zu errichten.

Durch den Rücktritt Mubaraks hat sich nicht wirklich etwas geändert, er ist vorläufig nur eine Formalie. Immer noch steht der Geheimdienstschef an der Spitze des Staates, immer noch ist die Rolle des Militärs entscheidend. Mit keinem Wort wurde gesagt, daß sie sich als Übergangsregierung, als Provisorium betrachten.

Bis zu den Wahlen dauert es noch sieben Monate. Die demokratischen Bestrebungen sind völlig unorganisiert; es gibt keine politischen Parteien, die nun offizielle Verhandlungspartner stellen könnten. Der Vorteil, daß keine Partei sich den Erfolg der Proteste ans Revers heften kann, ist auch ein Nachteil.
Politische Neulinge stehen erfahrenen Strategen und Taktierern gegenüber. Ein Spektrum von säkular Orientierten bis zu islamisch-fundamentalistischen Muslimen muß möglichst schnell einen gemeinsamen Nenner finden. Westliche wie arabische Kräfte werden versuchen, Einfluss zu nehmen und ihre Interessen zu wahren.

Die Wirtschaft ist, erst recht nach den Unruhen, marode. Nach Jahrzehnten der Vetternwirtschaft und Korruption fehlen unabhängige Fachleute und vor allem die Strukturen, die für eine schnelle Konsolidierung und Neuordnung notwendig sind. Viele für solche Posten geeignete Ägypter leben seit langem im Ausland, Fachwissen ist abgewandert. Viele werden jetzt zurückkehren, aber auch sie müssen einen Kampf gegen die Zeit aufnehmen.

Für Teilhabe ist vor allem in ländlichen Gegenden zu sorgen, angefangen bei der Bildung bis hin zu einer gründlichen Reformierung der Landwirtschaft. Gerade dort ist auch der Einfluß der Moslembrüder am größten, vor denen der Westen seine Ängste erst einmal abbauen muß.

Zwei Fragen stellen sich aktuell: Wer wird die neue starke Kraft? Wer wird von den Ägyptern als Berater, Vermittler oder Helfer akzeptiert? Der Westen sollte sich klug zurückhalten und versuchen, verspieltes Vertrauen wieder aufzubauen. Ob das die Stunde Erdoğans ist, wird sich in den nächsten Tagen weisen. Auf jeden Fall wird Ägypten arabischer werden.

 
18 Kommentare

Verfasst von - 11. Februar 2011 in Politik, Schön!, Welt

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

18 Antworten zu “Ägypten: Nach dem Jubel kommt die Arbeit

  1. rauskucker

    11. Februar 2011 at 19:01

    Ich wünsche mir, daß das Volk die „starke Kraft“ bleibt. Daß sie von der Selbstorganisation und Basisdemokratie, die sie auf dem Tahrir praktiziert haben, lernen und das bewahren und es in allen Bereichen so machen, inklusive Armee und Wirtschaft. Dann ist das mit den Wahlen gar nicht mehr so wichtig.
    Auf einen neuen Präsidenten können sie sich aber auch gleich einigen.

     
  2. opalkatze

    11. Februar 2011 at 19:31

    Das liegt leider wegen der oben beschriebenen Verhältnisse nicht am Volk. Es ist immer noch alles offen, auch, wenn das im Moment niemand gern hört. Das System Mubarak ist ja noch da, auch könnten die Militärs beschliessen, die Macht zu behalten. Die hohe Generalität hat eine Menge zu verlieren, entweder jahrzehntealte ‚Ansprüche‘ oder das Vertrauen der Bevölkerung. Es bleibt eine Gratwanderung.

     
  3. rauskucker

    11. Februar 2011 at 19:38

    Da hast Du völlig Recht.
    Was man (ich) leider gar nicht weiß, ist inwieweit sich die einfachen Soldaten schon zusammengeschlossen haben und den Befehlsführern contra gegeben haben.
    Nach dem Bericht von Martin Durm vorhin im DLF kamen auch die „guten“ Befehle (gegen die Terrorpolizisten durchzugreifen und die Demonstranten zu schützen) von oben.

     
  4. nied

    11. Februar 2011 at 20:04

    Sodele, die Menschen in Ägypten haben Geschichte geschrieben. Jetzt muss jeder Diktator um seine Macht fürchten. Wollen wir nur hoffen, dass nicht ein Diktator einen anderen ablöst. Das hätten die Menschen in Ägypten nicht verdient.

     
  5. opalkatze

    11. Februar 2011 at 20:09

    Bitte nicht nur die positiven Dinge sehen, weil man es gern so hätte: Die ägyptische Armee scheint aus (mindestens) zwei Teilen zu bestehen. Da sind die Älteren, von denen wenigstens die oberen Chargen einige Vorteile durch das Mubarak-Regime hatten. Viele der jüngeren Offiziere sind in den USA ausgebildet worden – Kapital, auf das diese jetzt vermutlich zurückgreifen können; jedenfalls werden sie es versuchen. Vorteil: Eine Wehrpflichtarmee. Nachteil: Gewachsene Machtstrukturen auf der Führungsebene. (Leider ist Thomas Wiegold zur Zeit in Urlaub. Ich habe ihn schon gefragt, ob er eine kurze Einordnung schreiben mag, wenn er zurück ist.)

    Positiv bleibt, daß ein Volk sich nach einer solchen Erhebung nicht den Schneid abkaufen lassen wird. Und anscheinend ist der Gedanke der Solidarität wieder in Mode. Trotzdem: Ein wenig Realpolitik muß sein – wenn auch nicht im letztlich inflationär benutzten Sinn.

     
  6. VonFernSeher

    12. Februar 2011 at 03:16

    Ganz schön blauäugig. Mit dem Rücktritt ist überhaupt nichts besser geworden. Mit der kommenden Auflösung des Parlaments wird dem Vizepräsidenten, dem umfangreiche Rechte übertragen wurden, die Kontrollinstanz genommen, für die nächsten sechs Monate ist Ägypten jetzt erstmal eine strengere Militärdiktatur als zuvor. Das Militär hat jetzt genau gar kein Gegengewicht mehr.

    Ich verstehe auch nicht (aber vielleicht bin ich dafür zu sehr Europäer*), warum man es nach dem Aufbau einer Demokratie für notwendig hält, dass sich alle gesellschaftlichen Gruppen weiterhin vereinen, von der Pizza-und-Bier-Fraktion bis zum Islamisten. Sobald man die Gegebenheiten für frei Wahlen geklärt hat, sollte man sich lieber für eine pluralistische Gesellschaft und deren Abbildung im Parlament einsetzen.

    Bis dahin gilt: United we stand, divided we fall.

    *Und die, die am lautesten in die Mikros der Fernsehteams schreien, repräsentieren ja auch nicht zwangsläufig die Meinung aller Demonstranten.

     
  7. opalkatze

    12. Februar 2011 at 04:35

    Öööhm – hatte ich was anderes geschrieben?

     
  8. VonFernSeher

    12. Februar 2011 at 04:47

    Nööö ;) Aber zumindest viele der Ägypter, die befragt wurden (auf vielen Kanälen), glauben wohl, dass jetzt irgendetwas besser ist als gestern. Aber ich schrieb ja auch im Kleingedruckten*, dass das ja keine Mehrheitsmeinung sein muss.

    *das man bei dir (oder bei wordpress.com?) leider nicht kleindrucken darf

     
  9. alien59

    12. Februar 2011 at 07:16

    Mal ganz subjektiv: es wird auch da interessant werden, ob es eine Amnestie gibt – dann könnten viele, die im Ausland leben, heimkehren. Mir fallen da ein paar sehr liebe Menschen ein, einen hörte ich heute morgen beim Sprechen im Fernsehen weinen. Auch er würde wohl gerne in Ägypten sterben….

    Was mich nach aller Freude gleich ärgerte – Obama erteilt seine ersten Befehle: die neue Regierung „MUSS“ den Friedensvertrag mit Israel anerkennen. Nein, muss sie nicht. Wird sie, hoffentlich, nur soweit, als es keinen neuen Krieg gibt – aber nicht soweit, dass sie sich wie die alte zum Komplizen bei der Blockade Gazas macht. Und Gas zum Billigstpreis an Israel verhökert, während das eigene Volk mehr zahlt. Und … ach, generell nicht mehr der Dackel der USA, der EU und Israels ist ….

    Aber, wie richtig gesagt wurde, Mubarak weg, Suleiman weitgehend entmachtet (sehe ich so, da das Armeekommando das Sagen hat. Tantawi war schon länger mein Tip), das bringt noch keine neue, bessere Regierung. Ich könnte mir vorstellen, dass die Oppositionsparteien sich zusammensetzen, aber nicht zusammenschließen – eventuell ensteht da aus Kefaya und dem 6. April noch eine neue Partei.
    Was die einzelnen Spieler angeht – ich denke, ich kennt die pdf, die @arabist ins Netz gestellt hat? Guter Überblick.

    Gibt so viel – Gaza und Ramallah feierten, hoffentlich haben wir wirklich bald etwas zu feiern!

     
  10. Melebert

    12. Februar 2011 at 10:21

    Hey, ganz ehrlich mal, es wäre nicht die erste Revolution, die um ihre Früchte gebracht, ins Gegenteil verkehrt oder in eine Richtung dirigiert, wo der Teufel mit dem Belzebub ausgetauscht wird. Sofern der Druck auf den Straßen nachlässt, werden andere Kräfte, als die, die das ganze angeschoben haben, ihre Interessen durchdrücken. Und selbst wenn sich Wortführer aus der Mitte der Protestbewegung herausschälen, bedarf es verdammt viel Kraft, Herz und Verstand, um weiter im Sinne der Protestler zu „marschieren“.

    Die nächste Zeit wird spannend und ich wünsche den Ägyptern, die die ganze Zeit so friedlich und vehement ihre Interessen vertreten haben, viel Kraft und einen klaren Blick.

     
  11. opalkatze

    12. Februar 2011 at 22:10

    Was ist mit dem Kleingedruckten? Kann dir gerade nicht folgen.

     
  12. opalkatze

    12. Februar 2011 at 22:14

    Lies mal Knut Mellenthin Eingeschränkte Souveränität und
    Werner Pirker Schlecht für Israel? (Links oben unter dem Text), das sehe ich ähnlich. Es bestätigt auch – mal wieder – deine Sicht der Dinge.

     
  13. opalkatze

    12. Februar 2011 at 22:16

    Ebenfalls: Hinweis auf die Links oben. Es ist wirklich sehr spannend, was passieren wird.

     
  14. VonFernSeher

    13. Februar 2011 at 03:07

    Bei dir kann man kein sup, sub, dl, abbr, small oder smaller benutzen, das wird einfach vom CMS großzügig gestrichen. Liegt aber wahrscheinlich mal wieder an den Vorgaben von wordpress.com.

     
  15. opalkatze

    13. Februar 2011 at 04:10

    Ah. Ja, so ist es.

     
  16. Melebert

    13. Februar 2011 at 20:54

    @Opalkatze:

    http://ungenannter.wordpress.com/2011/02/12/aphorismus-980/

    Gerade beim Ungenannten gelesen und ich finde es trifft ziemlich gut, was ich auch denke.

     
  17. opalkatze

    13. Februar 2011 at 21:11

    Passt genau.

     
 
%d Bloggern gefällt das: