RSS

Einzigartig: Kampfjets gegen das Volk

22 Feb

Es dürfen keine Journalisten ins Land, Internet und Mobiltelefonie sind massiv eingeschränkt. Die einzigen Informationen sind zusammengestückelt aus YouTube-Videos, Twitter- und Facebook-Splittern sowie Fetzen aus Al Jazeera-, Al Arabiya und Guardian-Berichten. Heute morgen hat sich CNNs Ben Wedeman (@BenCNN) nach Libyen aufgemacht, er wird heimlich ins Land gehen.

Die wenigen Bilder, die uns erreicht haben, waren zu verwackelt, um sie überhaupt einordnen zu können. Was mich erschüttert hat, waren die Telefonate mit Al Jazeera und die Hilferufe und Abschiedsnachrichten auf Twitter. Die Gründe für das dort beschriebene Grauen haben sich im Nachhinein durch Berichte von Botschaften im Ausland und aus Libyen Ausgereiste bestätigt: Gaddafi hat nicht nur Söldner engagiert, er hat auch seine Luftwaffe angewiesen, auf das eigene Volk zu schiessen. Zwei Piloten haben sich mit ihren Maschinen nach Malta abgesetzt und damit dieses unglaubliche Gerücht verbürgt.

Die europäische Union sieht tatenlos zu. Es geht um Öl, Erdgas und die fragwürdige Befriedung eines Teils des Mittelmeerraums, da kann man schon mal wegschauen. Wahrscheinlich haben wir alle gewusst, daß da etwas nicht stimmen kann. Jetzt aber wird es uns vor Augen geführt, wir hören, wie Menschen ins Telefon schreien, mein Gott, sie haben gerade meinen Bruder erschossen. Da leben Menschen, die dringend Hilfe brauchen. Und EU und Bundesregierung sehen und hören weg.

Die Libyer werden nicht vergessen, daß erste Hilfe aus Ägypten kam. Das Nachbarland hat an der Grenze zu Libyen Ambulanzen, Not-OPs und Feldlazarette aufgebaut, um zumindest denen zu helfen, die es bis dorthin schaffen. Die Libyer werden auch nicht vergessen, daß alle Rufe nach Europa ignoriert wurden. Sie haben die europäische Realpolitik in all ihrer Konsequenz im Schnellkurs kennengelernt. Lady Ashton und Kollegen werden ihrerseits die Konsequenzen in einem sich neu ordnenden Arabien zu spüren bekommen.

 
26 Kommentare

Verfasst von - 22. Februar 2011 in Europa, Journalismus, Medien, Politik, Welt

 

Schlagwörter: , , , ,

26 Antworten zu “Einzigartig: Kampfjets gegen das Volk

  1. alien59

    22. Februar 2011 at 11:47

    Danke.
    Vielleicht nachzutragen: aus Bengazi war zu lesen, dass dort Soldaten/Offiziere tot aufgefunden wurden, nachdem die Aufständischen die Kaserne eingenommen hatten – und es sieht so aus, als seien diese ermordet worden, weil sie nicht auf das Volk hatten schießen wollen.
    Ein Teil der Armee scheint Gaddafis Befehlen bedingungslos zu gehorchen, ein nicht unbeträchtlicher Teil macht nicht mit, vor allem, seit sie gesehen haben, wie ausländische Söldner Libyer abschlachten.

    Ashton fand ich unmöglich. Berlusconi ist schlimmer, er will Gaddafi gar nichts sagen.
    Und ja, all das wird Konsequenzen haben – wenn es erst mal wieder handlungsfähige Regierungen gibt. Das könnte gerade in Libyen, wo Gaddafi in über vierzig Jahren jede Opposition gekillt hat, erst mal ziemlich schwierig werden. Aber auch sonst – sowohl in Tunesien als auch in Ägypten wird weiter protestiert, weil zwar die jeweilige Gallionsfigur weg ist, aber das Regime noch stark verankert.

     
  2. alien59

    22. Februar 2011 at 11:54

    PS: ich hoffe, mit „einzigartig“ behältst du recht. Mich plagt der Gedanke daran, was Assad tun könnte…. Think of Hama

     
  3. Thomas Weiss

    22. Februar 2011 at 12:01

    Wow.
    Starker Kommentar!

    Ich habe noch keine entsprechend deutliche Äußerung von Merkel, Westerwelle oder Wulff wahrgenommen. Das ist nicht nur peinlich und beschämend sondern zeigt, dass nicht nur eine Realpolitik im Sinne der Stabilität umgesetzt wurde (Ägypten) sondern im Falle Libyens eben eine der wirtschaftlichen Interessen.

    Seibert: „Die Bundeskanzlerin persönlich ist über diese Entwicklung bestürzt.“
    Westerwelle: „Völlig klar ist für uns als Demokraten, dass wir nicht einfach sprachlos zusehen, wenn andere Demokraten um ihr Leben fürchten müssen oder es ihnen sogar genommen wird“.

    Jetzt stehen sie da und finden nur solche Worte, ohne Gespür. Das ist armselig.

    T.

     
  4. rauskucker

    22. Februar 2011 at 12:08

    Ja. Wobei ich noch nicht so ganz klar gehört habe, in welcher Form ein Eingreifen denn angemessen wäre. Ich halte das Gerede vom Völkermord für Unsinn, aber trotzdem wäre das ein Fall für eine UN-Truppe. Wobei es die erstens nicht gibt und zweitens wieder ewig über deren Mandat zu diskutieren wäre.

    Aber Mubarak ist zurückgetreten, zwei Stunden nachdem ihn der norwegische (?) Außenminister dazu direkt aufgefordert hatte.

     
  5. opalkatze

    22. Februar 2011 at 12:13

    Ja (hab Hama mal verlinkt). Ich meinte auch ‚vorläufig‘ bzw. ‚bis dato‘ einzigartig.

     
  6. opalkatze

    22. Februar 2011 at 12:14

    Thomas, aber natürlich gab es noch einen wichtigen Kommentar der Regierung! Der Aussenminister hat eine Reisewarnung für Libyen ausgesprochen.

     
  7. opalkatze

    22. Februar 2011 at 12:18

    Der Fall liegt auf vielerlei Art anders. Gaddafi kann nirgends hin, er ist nicht nur Diktator, sondern auch Terrorist (Berlin? Lockerbie? …). Nach seinem Fall werden die Bluthunde losgelassen. Und er ist im Wortsinn wahnsinnig, wer sollte ihn wie erreichen?

     
  8. rauskucker

    22. Februar 2011 at 12:29

    Gutti? ;-)

     
  9. Thomas Weiss

    22. Februar 2011 at 12:33

    ich vergass… das war schon wichtig!

     
  10. opalkatze

    22. Februar 2011 at 12:44

    Tststs …

     
  11. Melebert

    22. Februar 2011 at 13:35

    Reisewarnung … Jetzt weiß ich auch, warum sich da keiner von den Verbaldemokraten hin traut, um Flagge zu zeigen.

     
  12. gutti?

    22. Februar 2011 at 13:59

     
  13. Angelika

    22. Februar 2011 at 14:13

    liebe Vera, ganz genau, i.s.v. S. Hessel „Empört Euch“ und zwar bis ans lebensende. geht mir genauso. und in meinem inneren dialog wähle ich keine freundlichen worte für diese und andere voränge.

    und von wg. GuttenPlag und „er schreibt Doktortitel erstmal ab“ ( IMO der ist eine einzige plage und gehört ganz schnell weg) und dem anhaltenenden fachkräftemangel i.d. dt. politik, so andauernd aktuell jetzt auch in bezug auf Libyen et alia : kann ich dann jetzt mal meine dt. Staatsbürgerschaft ruhen lassen/vorerst „nicht verwenden“ bis sich da was tut ?

    aber jetzt hat’s ja in NZ gebebt; das kommt dann als meldung vor oder nach Libyen ?
    (ironie off)

     
  14. rauskucker

    22. Februar 2011 at 14:18

    Ganz ernsthaft: bei CNN VOR, weswegen ich leider den Wedeman (der mir auch in Ägypten schon positiv auffiel) nicht im Kasten habe, ich dachte, da kommt nix mehr.

     
  15. Angelika

    22. Februar 2011 at 14:28

    @opalkatze „Gaddafi kann nirgends hin, er ist nicht nur Diktator…“

    ja genau. leider. nicht mal Venezuela will den. (sugar-shoot)

     
  16. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    22. Februar 2011 at 20:45

    Vielleicht nimmt ihn ja einer der Kims (Komme immer durcheinander wer da was ist.) auf. Da kann er dann mit Kim Il Sung „Ewiger Präsident & Ewiger Revoluzzer“ spielen.

     
  17. opalkatze

    22. Februar 2011 at 21:35

    Bitte auch die Followings beachten. http://twitter.com/khalidalkhalifa

     
  18. Stadtmusiker

    23. Februar 2011 at 10:32

    Hallo alle zusammen,
    wir wissen alle, dass in Libyen der Notstand herrscht. Die Umstände in dem Land sind desaströs und die Menschen werden dort nur so getötet und verfolgt. Gaddafi ruft seine Anhänger und Miliz zum Kampf, gegen die eigene Bevölkerung, auf. Laut neusten Berichten von Deutschen die heute aus Libyen gekommen sind heißt es, dass Häuser in Brand stehen, auf den Straßen geplündert wir und die Menschen werden nur so getötet, an den Flughäfen bricht das reinste Chaos aus und es gibt kein Benzin mehr.
    Gaddafi nutzt seine ganze Macht und sein Geld um gegen das eigene Volk vorzugehen. Und es ist nicht ganz richtig wenn gesagt wird, dass der Westen nur zuguckt. Der Uno-Sicherheitsrat kritisiert massiv die Ausschreitungen in Libyen, und ruft zum sofortigen beenden der Gewalttaten auf. Er fordert, das Gaddafi-Regime auf, „die Menschenrechte zu respektieren und die Zivilbevölkerung zu schützen. Gegen Menschen, die berechtigte Forderungen vorbrächten, dürfe nicht mit Waffen vorgegangen werden.“ Zudem verlangte der Weltsicherheitsrat sofortigen Zugang für internationale Beobachter in das Land.
    Guido Westerwelle droht Libyen sogar mit Sanktionen.
    Klar ist das nicht unbedingt die Resonanz die ich mir wünsche würde vom Westen, aber es ist ein Anfang. Gut wäre es wenn der Westen sich zusammen tun würde und Militärs in das Land schicken würde und gemeinsam dann gegen Gaddafis Völkermord vorgehen würde, aber dann würde der Protest wieder groß das die Bundeswehr sich wieder einmischt, und vermutlich dann auch eine lange Zeit in dem Land bleiben müsste. Es muss wieder eine Ordnung in Libyen hergestellt werden. Nicht nur nach dem Sturz von Gaddafi, sondern auch die Zeit danach.
    Die Situation ist ernst und fordert sofortiges Handeln anderer Nationen, denn Gaddafi will auf keinen Fall zurück treten und will als Märtyrer sterben.

    http://stadtmusiker.wordpress.com/

     
  19. opalkatze

    23. Februar 2011 at 14:25

    Das ist völkerrechtlich aber ziemlich fragwürdig. Ausserdem hatte ich explizit gesagt, die Bundesregierung und die EU. Ausser Reisewarnungen und sinistren Drohgebärdn kommt nichts.

     
  20. alien59

    23. Februar 2011 at 14:49

    Nach den Erfahrungen mit Afghanistan und Irak scheint mir die Stimmung in Libyen sehr gegen direktes Eingreifen zu sein. Was allerdings gefordert wird, ist der Abbruch der Beziehungen zum System Gaddafi – Peru hats grad vorgemacht.
    Ebenso wurde freundlich begrüßt, dass die Schiffe, die die in Libyen arbeitenden Türken evakuieren sollen, nicht leer eintreffen, sondern gefüllt mit Hilfsgütern – medizinischen, die dringend gebraucht werden. Die Flieger aus UK hingegen sollen leer sein.

    Eine Meldung, die eben bei mir ankam, besagt, dass von 45.000 Mann Armee nur noch 5000 auf Gaddafis Seite stünden – ich denke, die Libyer kriegen es ohne Ausland hin, aber jede Unterstützung für Gaddafi, auch schweigendes Wegsehen (ich sag mal Berlusconi), müsste sofort laut gekündigt werden.

     
  21. Stadtmusiker

    23. Februar 2011 at 15:42

    Naja die Bundesregierung droht mit Sanktionen und die Bundeswehr holt deutsche mit dem Militär aus Libyen, die Lufthansa hat auch sonder Flüge zur Verfügung gestellt.
    Aber man muss sich das so vorstellen. Wenn ein Land 40 Jahre lang von einem Diktator regiert wird, wird dieser in der Regel auch mehr als nur 5000 militärischen Anhängern haben, denn das Volk darf man auch nicht vergessen. Dort gibt es auch Anhänger die ihn noch immer unterstützen und evtl. gewaltsam gegen andere vorgehen würden. Und auch Industrielle und viele andere einflussreiche Personen profitieren vom Gaddafi – Clan, diese werden ihn auch unterstützen. Und Gaddafi holt sich auch Hilfe von afrikanischen Söldnern.
    Und wenn dieser Mann nach mehr als 40 Jahren geht, steht das Libyen ohne Regierung da und bis es eine demokratische Regierung aufgebaut hat bedarf es einiger Ordnung und Hilfe. Denn eine Regierung baut man nicht einfach so aus dem nichts auf. Und wir wollen ja nicht schon wieder so eine Vetternwirtschaft und Lobbyismus haben wie zu Gaddafis Zeit. Diesmal soll Demokratie in das Land einkehren und das geht nicht ohne Hilfe und Länder die Libyen auf die Finger guckt, weil es sonst wieder so ein einflussreicher Vermögender schafft an die Spitze des Landes zu klettern.

    http://stadtmusiker.wordpress.com/

     
  22. opalkatze

    23. Februar 2011 at 19:22

    Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Westen auf die Dauer untätig bleibt, dazu ist Libyen geostrategisch zu wichtig.

     
  23. Stadtmusiker

    24. Februar 2011 at 12:05

    Ja das stimmt! Es geht wieder um Öl bzw. Geld. Und da muss der Westen ja was machen;)

     
 
%d Bloggern gefällt das: