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Guttenberg-Fans – Herr Häkelschwein meint:

04 Mrz

Herr Häkelschwein hat mit diesem Text den Netzpolitik-Beitrag Spaß mit Rücktritt: Wir wollen Guttenberg zurück! kommentiert, der sich hämisch mit dem teilweise schwer verständlichen Verhalten der Guttenberg-Anhänger befasste.

***

Es bringt nichts, sich über unpolitische Menschen mit einfacherer Bildung lustig zu machen.

Was sollen die daraufhin tun, plötzlich klug werden? Wie soll das gehen?

Stattdessen muss man sie da abholen und annehmen, wo sie sich emotional und intellektuell befinden. Das ist nicht die abstrakte Welt dröger Politik mit ihren ellenlangen Diskussionen und meterhohen Papierstapeln, sondern es ist die Welt des Events, der Tat, der bewegenden Bilder.

Wer nur Boulevardmedien konsumiert, aber kaum seriöse Zeitungen oder Bücher liest, für den ist alles unterhalb von Superstars, Sensationen und Riesenwirbeln jenseits der Wahrnehmungsschwelle, für den gibt es nur total toll oder total scheiße.

Guttenberg war seit langem der erste Politiker, der es über die Wahrnehmungsschwelle dieser Bevölkerungsgruppe geschafft hat, alle übrigen verschwimmen in ihren Augen in derselben grauen Masse.

Dass er Politiker war, erschien aber nur als Anlass, über ihn zu berichten, nicht jedoch als Inhalt der Boulevardberichte. Deren Konsumenten interessieren sich auch nicht für Politik, sondern für schillernde Prominente.

Guttenbergs Beliebtheit bei dieser Schicht leidet deshalb auch nicht unter seinen Fehlern als Politiker, weil seine Fans gar nicht genau sagen könnten, worin dessen Politik eigentlich besteht, sondern sie sind sich lediglich sicher, dass ein Mensch, der ihnen derart sympathisch ist, auch auf diesem obskuren Feld namens Politik etwas Großes leistet.

Alle Gegenargumente, die Guttenbergs politische Versäumnisse aufzählen, verfangen deshalb nicht. Genauso wenig wie man einer verliebten Teenagerin den nichtsnutzigen Freund ausreden könnte, denn sie liebt ihn ja nicht wegen seines beruflichen Erfolgs. Im Gegenteil verstärkt man in beiden Fällen nur die Anziehung, weil man Trotz erzeugt und ein Bedürfnis, das Objekt seiner Liebe zu verteidigen.

Ein Großteil der Guttenberger scheint mir aus den Gruppen der Nichtwähler und der politisch Uninteressierten zu kommen und sich jetzt erstmals in eine politische Diskussion einzuschalten. Das erklärt auch, warum in vielen Foren so viele Neumitglieder ohne vorherige Beiträge sich für Guttenberg einsetzen. Das ist wohl kein Astroturfing, sondern die haben sich vorher eben nie für Politik interessiert, und jetzt interessieren sie sich zumindest für einen Politiker, allerdings auch nicht wegen dessen Politik, sondern wegen seiner Starqualitäten.

Dadurch unterscheiden sich diese Guttenberger auch von CSUlern. Die CSUler unterstützen Guttenberg, um ihre Politik nicht zu beschädigen. Die Guttenberger unterstützen Guttenbergs (unbekannte) Politik, um Guttenberg nicht zu beschädigen.

Statt Häme über die Guttenberger auszuschütten, sollten sich Bildungsbürger und etablierte Parteien überlegen, wie sie die Alltagspolitik verständlicher, aber auch mal spannender und begeisternder verkaufen könnten, damit nicht nur Buchstabenfresser sich dafür interessieren, sondern auch Menschen mit weniger Abstraktionsvermögen. Warum kann eine Regierungserklärung nicht so mitreißend sein wie eine Apple-Keynote? Man kann doch politische Themen auch mal mit Schwung und Begeisterung verkaufen. Die Boulevardmedien wiederum sollten sich fragen lassen, ob Personalisierung und ständiges emotionales Dauerfeuer der einzige Weg sein muss, die Zielgruppe anzusprechen, oder ob man nicht mal ein paar Gänge zurückschalten kann; wer ständig Überwürztes isst, verliert das Gespür für die feineren Geschmacksnuancen.

Nehmen wir also die Trauer der Guttenberger ernst, sie haben wirklich etwas verloren. Und das Verlorene sollte man ihnen auch zurückgeben, aber nicht in der Person Guttenbergs, sondern indem man ein wenig vom Auftreten und vom Verkäufertalent Guttenbergs in die für viele allzu graue Politikwelt übernimmt. Man kann von Guttenberg durchaus lernen, wie man Begeisterung erzeugt, wie man Tatkraft ausstrahlt, wie man Menschen für sich gewinnt. Das sind Dinge, die auch ehrliche Politiker durchaus plagiieren dürfen, und dabei muss die politische Substanz keineswegs auf der Strecke bleiben.

 
60 Kommentare

Verfasst von - 4. März 2011 in Gastbeitrag, Journalismus, Medien, Menschen, Politik

 

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60 Antworten zu “Guttenberg-Fans – Herr Häkelschwein meint:

  1. Melebert

    8. März 2011 at 15:54

    @Robson Bottle: Und ich wette, das der Kommentar, dass der Adel doch was besseres ist, kein Fake ist und der Kommentator daran glaubt. Wir sollten eine Form der Monarchie wieder einführen. Den Deutschen ist schlichtweg das Königshaus zu zeitig abhanden gekommen.^^

    Ich hätte übrigens eine Idee, wie Gutti (ja, mit zwei t, ich gelobe Besserung) ganz schnell wieder ganz weit oben ist: Die beiden adligen sollen ihre Freizeit mal richtig nutzen und einen Sprößling zeugen. Vom Sprößling hat dann die Boulevardpresse was, Gutti ist wieder in aller Munde und der Personenkult kann zu neuen Dimensionen aufsteigen.

     
  2. Melebert

    8. März 2011 at 15:57

    Nein, ich frage nicht, ich sehe die Entwicklung sehr ähnlich.

    Ich glaube mich erinnern zu können, dass Klemperer so was ähnliches geschrieben hat, wie: Es ist nie vorbei.

     
  3. opalkatze

    8. März 2011 at 16:27

    Mussu den Button anklicken, der am Beginn des Threads steht ,)

    Nee, du kommst da mit einer Keule an, die mir nicht liegt. Und wenn hundert Mann in den Rhein springen, springe ich noch lange nicht hinterher.

    Ich bin Häkelschweins Meinung – falls das noch nicht ersichtlich wurde. Es ist gut, wenn jemand in einer aufgeheizten Situation laut über Ursachen nachdenkt. Vielleicht kannst du es ja nochmals lesen und es einfach ganz sachlich beurteilen? Ich kenn Häkelschwein schon länger; er ist ganz bestimmt kein Sozialromantiker.

    Die Bemerkung mit den Demokraten würde ich einfach mal als Ironie abtun, die ist Markwort nämlich durchaus zuzutrauen, auch wenn man ihn nicht schätzt. Du baust mir in alles ein bißchen viel Untergrundwarmwasserbeleuchtung ein. Manchmal sind Dinge tatsächlich so, wie sie scheinen.

     
  4. Robson Bottle

    8. März 2011 at 19:56

    Ich weiß leider nicht, was eine „Untergrundwarmwasserbeleuchtung“ ist und weiß auch nicht, was du mit diesen „hundert Mann im Rhein“ meinst und kann deshalb dazu nichts sagen. Aber das ist wahrscheinlich beabsichtigt, da hilft auch kein „mussu“. Das mit den Demokraten von Markwort würdest du als Ironie bezeichnen? Hast du’s gesehen oder gehört? Und das mit der Keule, das hat Klemperer auch so ähnlich gesagt, zu Freunden, die ihn gewarnt haben. Deshalb ist er nicht rechtzeitig emigriert … Aber ich will ja nicht sagen, dass eine totalitär-autoritäre Machtübernahme bevorsteht. Ich warne nur vor Politikern, die eine irrationale Faszination auf’s einfache, nicht besonders gebildete Volk ausüben und bin froh, dass Guttenberg erstmal weg ist. Italien hat das noch vor sich. ( … und ich les‘ Häkelschweins Kommentar NICHT nochmal, weil ich das schon getan habe, Frau Oberlehrer!)

     
  5. VonFernSeher

    8. März 2011 at 20:00

    @opalkatze

    Und wenn hundert Mann in den Rhein springen, springe ich noch lange nicht hinterher.

    Eben. Und nur weil 500.000 sich nach mehr Boulevard in der Politik sehnen, muss ich nicht bei der Erfüllung helfen.

     
  6. VonFernSeher

    8. März 2011 at 20:02

    Braucht ihr beiden noch eine Problemkerze oder geht es auch so wieder?

    Streitet doch mal in einem brauchbaren Ton. (Wenn das jetzt oberlehrerhaft war, ist es mir egal.)

     
  7. Robson Bottle

    8. März 2011 at 20:52

    @VonFernSeher
    Also ich weiß nicht, was es an meinem Ton auszusetzen gibt, aber ich bin trotzdem jetzt ganz brav und mach‘ ein paar Strafarbeiten. Möchte ja schließlich versetzt werden.

     
  8. opalkatze

    8. März 2011 at 22:07

    Jou, jetzt haben wir uns beide einen Satz heisse Ohren vom VonFernSehr geholt. Ich fahr dann mal für ’ne Woche in Exerzitien :]

    Das war nicht so barsch gemeint, wie ich’s geschrieben habe. Hab bloß wieder versucht, mehrere Dinge etwa gleichzeitig zu tun. Sorry, dann wartet lieber wieder ein bißchen länger auf eine Antwort, ich bin nun mal ein Rohrkrepierer als Multitasker.

     
  9. Stefan Frisch

    11. März 2011 at 13:34

    Gestern gab´s einen für diesen Kontext finde ich auch spannenden Afrtikel im Zeit-Magazin, der von einer „Facebookratie“ spricht, die mit der Gutenberg-Affäre nach Deutschland kam…
    Mehr hier:
    http://www.machtfrisch.de/2011/03/10/demokratie-facebook-guttenberg-facebookratie/

     
  10. opalkatze

    14. März 2011 at 06:44

    Hättest du mir den ZEIT-Link geben wollen, hättest du das direkt tun können. Es wäre auch in Ordnung, im Zusammenhang mit einem gescheiten Kommentar den Link zu deinem Artikel anzubringen oder ergänzend einen Link auf einen Dritten zu setzen. Ich lasse mich allerdings ungern als Linkschleuder benutzen.

     
 
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