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Privilegien

21 Mrz

Kathrin fragt:

Privilegierte sind Personen (Subjektpositionen), die auf eine Weise in Diskurse und die symbolische Ordnung eingebunden sind, die es ihnen nahe legt, Resultate von Gewaltbeziehungen als genussvoll erlebte Normalität wahrzunehmen. Das Steak, das neue Auto, das saubere Hotelzimmer oder die von Mutti gewaschenen Jeans, die Repräsentationshoheit über Afrikaner_innen,… Was meint ihr: Taugt diese behelfsmäßige Definition?

Ein Privileg ist nicht so sehr etwas, was man selbst erlebt, als vielmehr die Sichtweise anderer darauf.

I.
Ich habe Probleme mit der Tierdebatte, die gerade stattfindet. Ich finde, Tierhaltung sollte artgerecht sein und das Tier als Mit-Lebewesen respektieren, ja. (Ich lebe auf dem Land und kenne meine Steaks persönlich; das ist die Ausnahme.) Aber die Diskussion müsste erst mal über Geld geführt werden.

Das Privileg, mich dem Tier gegenüber respektvoll zu ernähren, kann ich nur erreichen, wenn ich in der Lage bin, entsprechend zu bezahlen. Gibt mein Geldbeutel nur Hühnchen für EUR 2.99 her, tritt zwangsläufig der Gedanke an tierquälerische Aufzucht in den Hintergrund. Das Argument, dann dürfe ich eben kein Hühnchen essen, greift zu kurz, denn das würde ein anderes Privileg verletzen: Meine Freiheit, zu essen, was ich möchte. Möglicherweise entscheide ich für mich selbst dennoch so, oder ich esse seltener Hühnchen. Habe ich aber Familie, enthalte ich ihnen die Freiheit, Hühnchen zu essen, vor.

II.
Das neue Irgendwas zu besitzen entscheide ich mit steigender Investionshöhe zunehmend nach Vernunft. Die erste Überlegung ist immer die Frage nach der Notwendigkeit. Beim 20. Paar Designerschuhe wird sich das leichter beantworten lassen als bei einem Auto, denn ein Auto ist wichtig für meine Mobilität, die Fahrt zum Arbeitsplatz, Teilhabe am sozialen Leben, etc. Ehrlicherweise sollte die Frage nach dem Genussfaktor folgen, denn ob ein Auto rot ist oder ein SUV, hat nichts mit seinem Nutzwert zu tun.

Insofern bin ich mehrfach privilegiert, als ich mir überhaupt ein Auto leisten und zusätzlich über Farbe und Größe entscheiden kann. Noch privilegierter bin ich, wenn ich mir Schuhe aus anderen Gründen als denen der Bedeckung und Zweckmäßigkeit kaufen kann. Inwiefern die Herstellung dieser Waren durch Gewaltausübung geschieht, kann ich nicht beurteilen, gehe aber im Normalfall von Arbeit gegen Bezahlung aus.

Handelt es sich um ein billiges Kleidungsstück, liegt der Gedanke an Kinderarbeit oder Herstellung durch grauenvoll unterbezahlte Bangladeshis nahe; mache ich mir aber schon diese Gedanken, werde ich das Teil sowieso nicht kaufen. Daraus ergibt sich allerdings die Frage, wie weit das dem Arbeiter in Bangladesh nützt, der womöglich seinen Arbeitsplatz und sein Einkommen verliert, die ihn wiederum gegenüber Unbeschäftigten privilegiert.

III.
Ich war viel in arabischen Ländern unterwegs; dort gibt es in den Hotels Zimmermänner, Putzmänner, Küchenmänner. Auch die sonstigen einfachen Servicekräfte sind überall, auch ausserhalb der Hotels, männlich. Dagegen sind beinahe alle Positionen unterhalb der Führungsebene – aber auch dort – mit Frauen besetzt, weil sie ganz überwiegend besser ausgebildet sind.

Für arabische Frauen bedeutet, wie auch Emanzipation, Privilegierung etwas ganz anderes als für uns. Demnach sollte man eher von westlich geprägter Privilegierung sprechen, weil diese Fragen immer die Sichtweise beinhalten.

IV.
Ob Mutti oder Männe für mich wäscht (bügelt, putzt, kocht, sauber macht, …), ist ihre/seine Entscheidung und hat eher mit Geduld zu tun. So lange einsichtig ist, daß mir die Zeit oder Möglichkeit fehlt, etwas zu tun, wird der Andere willig Arbeiten für mich übernehmen. Nutze ich aber die Entlastung, um mich auf die faule Haut zu legen, wird ihm der Geduldsfaden reissen und er mir die Brocken vor die Füße werfen (oder zumindest so unwillig reagieren, daß ich dadurch unter Druck gerate).

V.
Repräsentations- und Deutungshoheit ist immer ein Resultat langwieriger Prozesse und mehr von erlernten Sichtweisen als von direkter oder indirekter Gewaltausübung bestimmt.

Keinesfalls sollten die Begrifflichkeiten Privilegierung, Gewaltausübung, (persönliche) Freiheit, Nutzen, Vorlieben und Erziehung über einen Kamm geschoren werden. Während Gewaltausübung im Fall der Tierhaltung ganz sicher und bei den bangladeshischen Arbeitern in grossen Teilen stattfindet, ist sie bei der Autoherstellung schon äusserst fraglich. Wird Privilegierung als Teilaspekt eines Sachverhalts betrachtet, sind die anderen Aspekte einzubeziehen. Das beantwortet auch die Frage nach der top-down-Beziehung, denn viele der Abläufe geschehen horizontal und/oder sind miteinander eng verflochten.

Außerdem ist Privilegierung immer auch eine Frage der Gewichtung und damit der persönlichen Betrachtungsweise. So kann ich zum Beispiel jemanden durchaus als privilegiert betrachten, seine Möglichkeiten aber dennoch nicht für erstrebenswert halten. Andererseits kann ich Dinge als Privileg empfinden, die für andere als solches gar nicht in Betracht kommen.

Alles zusammen genommen, beantworte ich Kathrins Frage mit ‚zu kurz gesprungen‘, weil die Frage der Privilegierung nur Teil eines Sachverhalts sein kann.

 
18 Kommentare

Verfasst von - 21. März 2011 in Frauen, Frauenbilder, Kultur, Politik

 

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18 Antworten zu “Privilegien

  1. alien59

    21. März 2011 at 15:14

    Vor allem III. ist ja weitgehend unbekannt …..

     
  2. opalkatze

    21. März 2011 at 15:58

    Das ist die Sache mit dem Weltbild … Von woanders sehen Dinge oft anders aus.

     
  3. Sabine Engelhardt

    23. März 2011 at 13:27

    Ein Privileg ist nicht so sehr etwas, was man selbst erlebt, als vielmehr die Sichtweise anderer darauf.

    Zustimmung. Ich habe beispielsweise schon mehrfach erlebt, daß „Vorteile“, die Behinderten eingeräumt werden, von Nichtbehinderten im negativen Sinne als Privilegien der behinderten Menschen empfunden wurden, wie günstigere Eintrittskarten, kostenloser Nahverkehr usw.

    Liegt allerdings natürlich an der Sichtweise, denn diejenigen, die das als Privilegien sehen, können (oft: wollen) umgekehrt die ganzen Nachteile und Probleme nicht sehen, die behinderten Menschen in unserer Gesellschaft häufig zugemutet werden.

     
  4. opalkatze

    23. März 2011 at 13:43

    Ja, stimmt, habe ich auch schon so erlebt und erwidere dann ausgiebig, was das Gegenüber immer sprachlos zurücklässt. Ich gehe auch jedes Mal hoch wie eine Rakete, wenn jemand auf einem Behindertenparkplatz steht. (Erklärung: War selbst nach einem Unfall einige Zeit stark eingeschränkt und hatte eine ‚behinderte‘ Angehörige. Das trainiert ungemein.)

     
  5. @canesco

    23. März 2011 at 17:35

    „Ein Privileg ist nicht so sehr etwas, was man selbst erlebt, als vielmehr die Sichtweise anderer darauf.“

    Ein Privileg ist meiner Meinung nach sehr wohl etwas, das man selbst erleben kann und erlebt. Der Eindruck, man würde es selbst nicht realisieren, entsteht vermutlich daraus, dass Privilegierte lieber den Ball flach halten, um nicht Neid oder Unmut Nicht-Privilegierter auf sich zu ziehen (Gleichstellung von Menschen mit Behinderung ist für mich kein Privileg, sondern eben Gleichstellung).

    „Ich habe Probleme mit der Tierdebatte, die gerade stattfindet. Ich finde, Tierhaltung sollte artgerecht sein und das Tier als Mit-Lebewesen respektieren, ja. (Ich lebe auf dem Land und kenne meine Steaks persönlich; das ist die Ausnahme.) Aber die Diskussion müsste erst mal über Geld geführt werden.Das Privileg, mich dem Tier gegenüber respektvoll zu ernähren, kann ich nur erreichen, wenn ich in der Lage bin, entsprechend zu bezahlen. Gibt mein Geldbeutel nur Hühnchen für EUR 2.99 her, tritt zwangsläufig der Gedanke an tierquälerische Aufzucht in den Hintergrund. Das Argument, dann dürfe ich eben kein Hühnchen essen, greift zu kurz, denn das würde ein anderes Privileg verletzen: Meine Freiheit, zu essen, was ich möchte. Möglicherweise entscheide ich für mich selbst dennoch so, oder ich esse seltener Hühnchen. Habe ich aber Familie, enthalte ich ihnen die Freiheit, Hühnchen zu essen, vor.“

    Das Argument, Verzicht bedeute Einschränkung der persönlichen Freiheit kommt mir mindestens befremdlich vor. Damit ließe sich fast jede noch so widerliche Handlungsweise gegenüber Anderen/m rechtfertigen: „Du bist zwar ein Mit-Lebewesen, aber wenn ich Dich am Leben lasse, wird meine Freiheit, zu essen/tun, was ich möchte, eingeschränkt. Also sorry…“ Gefährlich, oder? Meines Erachtens darf es hier gerade nicht um Geld gehen, sondern in erster Linie und viel grundsätzlicher um die Frage, was Tiere für uns denn eigentlich sind: Gleichberechtigte Lebewesen – dann ist Schlachten Mord – oder untergeordnete Lebewesen – dann ist Fleischessen aus einer privilegierten Position des Menschen heraus eben legitim. Das Privileg des Menschen ist in diesem Fall übrigens die Defintionsmacht/-gewalt über diese Frage. Womit wir wieder bei der Gewaltfrage wären, ohne die eine Definition von Privilegiertheit tatsächlich nicht auskommt. Gewalt ist in diesem Fall so etwas wie die Macht, in einem bestimmten Bereich, ungeachtet der Belange Anderer, handeln zu können. Eine Möglichkeit, Macht zu erhalten, ist ,sie nicht so auszuspielen, dass Andere sie anfechten/anzweifeln/angreifen. Daher oft der Eindruck, die Privilegierten würden ihre Privilegiertheit gar nicht richtig wahrnehmen…

    Und noch schnell zum Thema „kurz gesprungen“:

    „Handelt es sich um ein billiges Kleidungsstück, liegt der Gedanke an Kinderarbeit oder Herstellung durch grauenvoll unterbezahlte Bangladeshis nahe; mache ich mir aber schon diese Gedanken, werde ich das Teil sowieso nicht kaufen. Daraus ergibt sich allerdings die Frage, wie weit das dem Arbeiter in Bangladesh nützt, der womöglich seinen Arbeitsplatz und sein Einkommen verliert, die ihn wiederum gegenüber Unbeschäftigten privilegiert.“

    Dem Arbeiter, von dem Du schreibst, würde es helfen, wenn er für die Arbeit, die er leistet, vernünftig bezahlt wird. Wenn niemand mehr KIK-T-Shirts kauft, die von kleinen Kindern oder verprügelten Arbeiterinnen geklöppelt und von verkrebsten Färbern mit krebserregenden Farben gefärbt werden, wird die Konsequenz sicher nicht sein, dass es keine T-shirts mehr geben wird und die Leute, die sie herstellen, nicht mehr gebraucht werden (Das Gleiche gilt für Hähnchen: Wenn niemand mehr 2.99-KZ-Hühner kauft, wird die Konsequenz sicher nicht sein, dass es kein Hühnchenfleisch mehr zu kaufen gibt). Wenn es die Politik nicht tut, kann nur der Konsument ein Wirtschaftsunternehmen zwingen, sich an die Einhaltung von Gesundheitsschutz, Menschenrechten etc. zu halten und beispielsweise etwas mehr vom Gewinn durchzureichen. Die Alternativen sind also nicht „schlechter Lohn“ oder „gar kein Lohn“. Die Möglichkeit „angemessener Lohn und ethisch vertretbare Arbeitsbedingungen “ sollte doch zumindest mitgedacht werden… Dies (mit) zu entscheiden, ist die Macht/das Privileg des Konsumenten.

    Vielleicht habe ich Deine Argumentation auch grundsätzlich falsch verstanden. Aber so wie ich sie lese, könnte sie bis hier her „kürzer gesprungen“ kaum sein.

     
  6. VonFernSeher

    23. März 2011 at 20:11

    Ein Behindertenparkplatz ist kein Privileg, sondern ein Mittel zur Herstellung von gleichen Möglichkeiten, so wie ein Kinderstuhl oder der Länderfinanzausgleich.

    Von vermeintlichen Privilegien für (vermeintlich) Benachteiligte halte ich sehr wenig. Ich mag keine Extraschlangen für Rentner, keine Stipendien für Frauen unter 27 und keine Bildungskarten für Kinder aus armen Familien. Für mich gibt es keine positive Diskriminierung.

    D.h.: Rollstuhlplätze in Niederflurbussen: unbedingt, Kostenlose Fahrt für Rollstuhlfahrer, wo andere einen Fahrschein lösen müssen: auf keinen Fall.

     
  7. VonFernSeher

    23. März 2011 at 20:27

    Das Argument, Verzicht bedeute Einschränkung der persönlichen Freiheit kommt mir mindestens befremdlich vor.

    Natürlich bedeutet Verzicht die Einschränkung persönlicher Freiheit. Die Frage ist doch, ob ich freiwillig verzichte und ob mein Verzicht gerechtfertigt ist. Wenn ich mich durch meinen Verzicht viel weiter einschränken muss, als es derjenige tut, der sehr viel leichter verzichten könnte, verbessert mein Verzicht doch nicht die Lage, sondern zementiert sie.

    Man kann doch nicht ernsthaft einem Aufstocker vorwerfen, er kaufe zu günstige Kleidung oder zu günstiges Essen. Man muss doch die Frage stellen, warum jemand in Deutschland, obwohl er sich einbringt, schlechtes Essen und minderwertige Kleidung aus fragwürdiger Herkunft wählen muss. Ihm sein Wasserfleisch aus der Großmast und das Labberhemd aus Bangladesch vorzuwerfen ist unglaublich verlogen.

    Nicht jeder Konsument hat die Macht. Natürlich ist das Verzichten auf gewisse Produkte eine Aussage, aber es ist doch keine Beteiligungsform. Wer mehr Geld hat, kann mehr/anders seinen Konsum steuern. Die, die es sich leisten können, kaufen doch wohl kaum Billiglebensmittel. Und trotzdem gibt es sie noch. Das Modell ist also weder wirksam noch besonders demokratisch.

     
  8. opalkatze

    23. März 2011 at 20:43

    Öhm, wollte gerade loslegen, aber VonFernSeher hat es schon weitgehend gesagt.

    Wir führen eigentlich zwei Debatten: Eine theoretische, die nenne ich mal etwas überzogen die ‚Gutmenschendebatte‘, und eine zweite, die von den tatsächlichen Gegebenheiten ausgeht (und die auch Grundlage zu meinem Text war). Etwas mag wünschenswert sein, wenn es aber nicht zu leisten ist, ist niemandem geholfen.

    Wir sollten wirklich erst mal über die Tatsache sprechen, daß bei uns – immer noch eines der wohlhabendsten Länder der Welt – Menschen sich nicht vernünftig ernähren oder kleiden können, ehe wir uns über ethische Wertigkeiten unterhalten. Die Leute sind bereit, für zu Guttenberg oder gegen Monsanto auf die Straße zu gehen, aber mit Hartz IV sind über 60 Prozent einverstanden. Hallo?!

     
  9. @canesco

    26. März 2011 at 19:30

    @vonFernSeher Es lag und liegt mir fern, dem Aufstocker vorzuwerfen, dass er Minderwertiges konsumiert. Fast allen Anderen, die dies tun, kann man es sehr wohl vorwerfen.

    „Die, die es sich leisten können, kaufen doch wohl kaum Billiglebensmittel.“

    Doch das tun sie. Und genau das ist das Problem. „Unglaublich verlogen“ ist in diesem Zusammenhang wohl eher, zur Rechtfertigung des Konsums der breiten Massen (Wasserfleischfresser, die drei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen) hier den Aufstocker anzuführen.

    @opalkatze Ich führe hier keine Gutmenschendebatte. Die „tatsächlichen Gegebenheiten“ der meisten Menschen in Deutschland erlaubten es durchaus, sich die ethische Frage zu leisten.

    Auf dem Rücken derjenigen, die sich eine gesunde Ernährung, gesunde Kleidung etc. tatsächlich nicht leisten können, die Verwerfungen der vorherrschenden Konsum- und Lebensweise aller Anderen zur Zwangsläufigkeit erklären zu wollen, finde ich zynisch.

    “ Etwas mag wünschenswert sein, wenn es aber nicht zu leisten ist, ist niemandem geholfen.“

    Wer die Frage, ob Massenmast-Hühner gegessen werden sollten oder nicht zu einer theoretischen Debatte erklärt, scheint sich seiner Privilegien in der Tat nicht bewusst zu sein… Da muss ich Dir dann letztlich doch Recht geben…

     
  10. VonFernSeher

    27. März 2011 at 07:15

    Mal abgesehen davon, dass sich die Frage da, wo ich lebe, in dieser Form nicht wirklich stellt, habe ich Richtung Deutschland wohl tatsächlich eine andere Wahrnehmung. In meinem Bekanntenkreis dort sind Menschen, die „miese Waren“ kaufen, obwohl sie es besser könnten, absolut in der Minderheit (wir lassen mal mp3-Spieler und Telefone außen vor). Es gibt auch da welche, keine Frage, aber es sind sehr wenige. Mein Bekanntenkreis umfasst fast alle sozialen Schichten außer Multimillionäre.

    98% daraus gehen nicht freiwillig zum Kik. Keiner kauft Fleisch beim Diskontmarkt, obwohl er sich den Metzger leisten kann. Selbst die stursten Nachrichtenverweigerer gehen nicht mehr zum Schlecker, wenn es in der Nähe einen DM oder Rossmann gibt.

    Aber hier, wo ich lebe, führt sich die Idee des steuernden Konsums selbst ans Ende. Es gibt hier keinen Supermarkt, der seine Arbeitnehmer angemessen bezahlt. Es gibt hier keinen Gemischtwarenladen, der nichts aus Kinderarbeit anbietet. Man weiß hier nicht, wo sein Fleisch herkommt. Hier gibt es gar keine Grundlage zu wählen, in Deutschland schon.

    Und ich bin davon überzeugt, dass die überwältigende Mehrheit, wenn sie eine wirklich freie Wahl hat, die soziale Entscheidung trifft. Asoziales Verhalten ist nicht die Norm.

     
  11. @canesco

    27. März 2011 at 09:33

    @VonFernSeher Dann hast Du offensichtlich einen überdurchschnittlich vernünftigen und weitsichtigen Bekanntenkreis… Freut mich!

    „[…] Dies hat die Kundenstruktur der Discounter verändert. Sie erreichen mit ihrem FMCG-Angebot heute nicht mehr nur Verbraucher, die aufs Geld schauen müssen oder die sich den Einkauf an anderer Stelle überhaupt nicht leisten können, sondern auch ein Drittel der finanziell besser situierten Haushalte. Dadurch ist das durchschnittliche Preisniveau der Discounter schleichend gestiegen, freilich ohne dass die Preiseinstiegs-Handelsmarken für die „klassischen” Discounterkunden deshalb aus dem Sortiment verschwunden wären.“ (Quelle: http://www.gfkps.com/imperia/md/content/ps_de/discounterstudie.pdf)

    Die Grafik auf Seite 19 zeigt, dass sich jeder vierte Discounter-Kunde nach eigener Einschätzung fast nichts anderes mehr leisten kann. Drei Viertel hätten demnach also durchaus eine Wahl…

    Keine Ahnung, ob die Studie etwas taugt… Erwartungsgemäß gibt es dazu offensichtlich nicht viele veröffentlichte Zahlen… Die Befunde stützten aber das, was ich alltäglich wahrnehme. Ich lebe in einem Viertel mit sehr hohem Akademikeranteil und sehe mit Erstaunen, die Schlangen an den Lidl-, Penny-, Aldi-, Schleckerkassen, die sich anschließend mit EInkaufswagen voller Seperatorenfleischwurst zu ihren Roadstern und familienfreundlichen Fünftürern auf dem Kundenparkplatz schieben… Möglicherweise auch eine Frage der Region, in der man lebt? Ich weiß es nicht. Jedenfalls kann ich dieser Vernunft, von der Du aus Deinem Freundeskreis berichtest, hier nicht viel erkennen…

    Von einer passenden Definition von Privilegien entfernen wir uns mit diesen Fragen allerdings immer mehr. Weswegen ich es damit nun auch dabei belasse… aber über Asozialität als Verhaltensnorm sollten wir vielleicht bei Gelegenheit noch mal gesondert diskutieren? Mir fielen da einige Beispiele und Argumente ein…

    Beste Grüße!

     
  12. VonFernSeher

    27. März 2011 at 15:35

    Beim Diskontmarkt kaufen natürlich auch viele aus meinem Bekanntenkreis ein, aber halt eher kein Billigfleisch, sondern das gleiche Klopapier und die gleiche Milch wie nebenan zum besseren Preis. Natürlich kaufen auch welche das Wasserfleisch, aber das sind die, die halt auch mal gerne Fleisch essen würden, aber sich die Preise beim Metzger nicht leisten können. Ich habe als damals(TM) am Anfang meines Studiums auch zu denen gehört, aber dann auch lieber weniger Fleisch gegessen oder halt mal im Bistro/Restaurant.

    Jetzt lebe ich im Entwicklungsland und muss feststellen: Wenigstens ist das Wasserfleisch in Deutschland zu 99% nicht akut gesundheitsgefährdend. Hier kaufe ich in vielen Supermärkten lieber kein Fleisch, weil die Hygiene nicht stimmt. Viele Leute haben aber kaum eine Wahl sich so zu entscheiden. Die müssen dort kaufen, wo sie es bezahlen können. Das ist halt im Supermarkt des Viertels und da gibt es mieses Wasserfleisch. Und böse Klamotten muss ich hier kaufen, da es hier praktisch keine Alternativen gibt (auch die teuren Marken hier kommen ja aus den Sweatshops). Da hat man in Deutschland schon bessere Entscheidungsmöglichkeiten.

    Die Spaltung der Gesellschaft ist hier noch viel größer und natürlich gibt es hier auch die Hausfrauen, die ihren BMW X5 zum Supermarkt Gassi fahren und eine Tüte Milch kaufen. Die gehen mir hier noch mehr auf den S. als in Deutschland. Aber weltweit gesehen sind diese Idioten wohl deutlich in der Minderheit.

    Wenn in deinem Bekanntenkreis aber viele minderwertige Waren zu „Schnäppchenpreisen“ kaufen und dir an denen was liegt, überzeuge Sie vom Gegenteil! Frag Sie, ob diese Schrumpfschnitzel wirklich schmecken, wie lange ihre 3-€-Hemden wirklich halten und ob sie tatsächlich glauben, dass man für 1,99 € eine hochwertige Lasagne in eine Aluform gießen kann.

    Vielleicht liegt es ja daran, dass meine Familie ursprünglich vom Land kommt, so dass man mir einen anderen Umgang mit den Dingen beigebracht hat. Und mit Sicherheit sucht man sich seinen Bekanntenkreis ja auch teilweise unbewusst nach solchen Kriterien aus. Aber ich glaube nicht, dass sich die Mehrheit freiwilllig mit billigen Lebensmitteln vollstopft.

    Die entscheidende Gruppe ist der Mittelstand. Der kann sich vernünftiges Essen leisten und gibt relativ mehr für Essen aus als die Oberschicht. In Europa schafft man es doch recht gut, die gesamte Bevölkerung zu ernähren. Und es gibt eine immer noch große Mittelschicht. Überall dort, wo die Mittelschicht wegbricht oder nie da war wie in Amerika oder Nordafrika, gibt es Probleme mit der vernünftigen Ernährung (ich spreche hier nicht über Hungerkatastrophen).

    So viele Menschen wie hier, die gar kein Gespür für qualitatives Essen haben, habe ich in Deutschland jedenfalls in meinem ganzen Leben nicht getroffen, von Italien oder Luxemburg mal ganz zu schweigen.

     
  13. opalkatze

    30. März 2011 at 10:41

    Tut mir leid, hab mich aus Zeitgründen leider nicht mehr hier eingeklinkt. Immerhin möchte ich, was Ernährung angeht, noch die ländliche Variante anführen: Anbau im eigenen Garten, Einkauf bei regionalen, bekannten Betrieben. Leider wenig verbreitet, wie ich überhaupt manchmal denke, Leben in Deutschland spiele sich fast ausschließlich in Städten ab.

    Ansonsten teile ich VonFernSehers Meinung, weil ich sehr ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Außerdem kann ich mit rein theoretischen Diskussionen nichts anfangen – weil ich eben ein Landei mit entsprechender Erziehung und Wertvorstellungen bin.

     
  14. VonFernSeher

    30. März 2011 at 16:47

    Der Anbau im Garten spielt natürlich auch in meiner Familie eine große Rolle, aber leider profitiere ich hier nicht mehr wirklich davon. Ab und zu fliegt etwas Konserviertes mit hierhin.

    Da ich gerade mitten im Umzug in die Vororte (wenn auch nicht ganz aufs platte Land) bin, steht bei mir aber der Entschluss, demnächst wenigstens einige Sachen (Kräuter, Zwiebeln, …) auf dem wenig Platz hinterm eigenen Haus anzupflanzen. Zuerst muss das Haus aber dafür hergerichtet werden.

    [Ich werde in den nächsten Tagen wohl nur noch langsam, wenn überhaupt, antworten, weil das mit dem Internet schwierig wird.]

     
  15. opalkatze

    30. März 2011 at 18:52

    Guten Umzug und gute Nerven! (Nach ca. 26 Umzügen weiss ich das sehr zu schätzen.) Versuch, alte Sorten zu bekommen, was immer du anbauen willst – gerne Hilfe von mir, aber deine Familie wird sich da auch auskennen.

    Das mit der schlechten Verbindung wird hoffentlich kein Dauerthema?

     
  16. VonFernSeher

    30. März 2011 at 20:33

    Ich bin auch schon ein paar mal zu oft ungezogen, das ist ja auch schon der zweite Umzug in Panama in unter zwei Jahren…und es wird ein doppelter (mit Zwischenwohnung), da am Haus noch kein Wasser und Strom angemeldet ist und so was hier nicht von einem auf den anderen Tag geht.

    Und in der Zwischenlösung habe ich keinen eigenen Internetanschluss, sondern kann nur hoffen, dass der Wind ab und zu etwas öffentliches WLAN vom naheliegenden Park herüberträgt.

    Das mit den alten Sorten wird hier wohl eher schwierig, man muss schon Glück haben, um überhaupt Saatgut für Lebensmittel zu bekommen. Das geht wahrscheinlich nur über die Gartenhandlungen von einem Agrarriesen hier, der aber wohl kaum besondere Vielfalt hat. Wenn du aber Kräuter und Knollen kennst, die sich besonders wenig von Nagern und Ameisen beeindrucken lassen, wäre ich interessiert.

     
 
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