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Seibert, Twitter und die Bundespressekonferenz

29 Mrz

Stellen Sie sich vor, es gäbe ein schnelles, unkompliziertes Informationsmittel, mit dem man von beinahe jedem beliebigen Ort aus viele andere Menschen in Echtzeit erreichen kann. Stellen Sie sich weiterhin vor, es geschähe dies durch ein Medium, das fast jeder ohnehin bei sich hat, etwa in Form eines mobilen Telefons. Was läge da näher, als es sowohl für uni- wie auch bidirektionale Kommunikation einzusetzen? Strapazieren wir unser Vorstellungsvermögen noch ein wenig weiter, indem wir uns ausmalen, wie wunderbar praktisch ein solches Werkzeug für Journalisten wäre, die nun einmal auf schnelle Informationen angewiesen sind. Beinahe jedes Mitglied der schreibenden Zunft würde bei einer solchen Beschreibung mit der Zunge schnalzen und sich geniesserisch ausmalen, wie es wohl wäre, über ein so nützliches Arbeitsmittel verfügen zu können.

Doch halt. Im Nordosten der Republik findet sich ein zähes Fähnlein altgedienter Skribenten, die unter dem Namen Haupstadtjournalisten firmieren und etwas so Neumodisches gar nicht mögen. Streitbar treten sie für Altbewährtes ein und scheinen zu befürchten, daß sie etwas verpassen, wenn es nicht auf den gewohnten Wegen zu ihnen kommt. Schnell, ja, bei allen Nachrichten die Ersten, ja, aber doch bitte in gehörig aufbereiteter, vertrauter und überprüfbarer Form, also am besten gedruckt und gesiegelt. Ach, wie war es doch vordem mit Faxgeräten so bequem …

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15 Kommentare

Verfasst von - 29. März 2011 in Journalismus, Kultur, Medien, Politik, Web 2.0

 

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15 Antworten zu “Seibert, Twitter und die Bundespressekonferenz

  1. VonFernSeher

    29. März 2011 at 18:41

    Ich kann mich am konkreten Beispiel irgendwie nicht darüber aufregen. Sollte es tatsächlich stimmen, dass die Reise vor dem Abreisezeitpunkt nur über Twitter bekannt gegeben wurde, ist das nämlich wirklich ganz schlechter Stil. Nicht weil es Twitter ist, sondern weil es ein Kanal ist, den der Regierungssprecher selbst nicht kontrolliert. Wenn Twitter ausfällt (soll ja schon ein-, zweimal vorgekommen sein), lässt sich also nicht mehr auf diese Information zugreifen.

    So etwas muss auch über eigene Kanäle, deren Zuverlässigkeit man beherrscht, verbreitet werden. Und die Schutzbehauptung, man hätte ja mal nachfragen können, ob nicht vielleicht, ist lächerlich.

     
  2. Melebert

    30. März 2011 at 10:13

    Naja, ein wenig liest sich der Wortwechsel auch so, als ob die Journalisten da durchaus mal den Finger auf staatliche Verhaltensweisen legen. Es geht um Vertrauenswürdigkeit und Kontrolle, auf die der Staat ja so viel Wert legt. Ich finde, dass da die Nachfrage bezüglich, „Wie vertrauenswürdig sind denn nun die Twitterkanäle und hat die denn der Staat mit seinen Institutionen auch so kontrolliert, wie er das sonst auch immer macht?“, schon als fragenswert, selbst, wenn die Formulierung in meinen Ohren leicht dümmlich klingt. sie dazu auch den Artikel auf Basicthinking

    BTW: Jede Neuheit muss erst eine gewisse Trägheit gegenüber dem althergebrachten überwinden. Mich würde es wundern, wenn so ein Medium wie Twitter ohne Widerstände in etablierten Journaistenkreisen anerkannt wird.

     
  3. opalkatze

    30. März 2011 at 10:14

    Nachrichten des BPA gibt es weiterhin wie gewohnt. Diese hier hatte der Spiegel bereits abends vorher, auch auf bundesregierung.de stand sie. Geht aber nicht darum, sondern um die bemerkenswerte Blauäugigkeit von Mitgliedern der BPK. Damit haben einige wenige Journalisten eine ziemlich miese Öffentichkeit erzeugt, für die viele andere sich fremdschämen.

     
  4. opalkatze

    30. März 2011 at 10:33

    Das könnte so sein, wenn dieser Sachverhalt (staatliche Überwachungsmechanismen) denn klar wäre. Einige Journalisten begreifen jedoch erst, daß es ernst wird, wenn Redaktionsräume durchsucht werden.

     
  5. Jürgen

    30. März 2011 at 10:58

    Hallo Vera. So „gewagt“ finde ich das nicht. ;) Einige der Journalisten klangen ignorant, andere haben den Regsprecher dafür in die Zange auf ironische Art und Weise dafür aufs Korn genommen, dass die Regierung am liebsten das Internet komplett überwachen würde. Das wurde bei dem ganzen Gelächter über die technikfremden Journalisten imho irgendwie vergessen.

     
  6. opalkatze

    30. März 2011 at 11:44

    Hai Jürgen :) Ich hab’s mir gestern Abend angesehen/gehört, nachdem ich es ein paar Mal gelesen hatte. Vielleicht macht meine Mitarbeit beim AK Zensur mich da etwas betriebsblind, aber ich traue einigen Journalisten bei diesen Themen Ironie nur begrenzt zu. Anders ist kaum zu erklären, daß solcherart gefärbte Wortmeldungen ansonsten eher ausbleiben (bzw. ausschließlich von den üblichen Verdächtigen zu lesen sind).

     
  7. Jürgen

    30. März 2011 at 12:32

    Ach komm: Wenn der Spruch nicht ironisch gemeint ist… dann käme mir das Gruseln. Wer weiß, wer weiß. ;)

    „Wurde das durch diesen ganzen BND-, BKA- und sonstigen Apparat „durchgerattert“, und am Ende stand, das können wir machen, da können wir auch Regierungs-, Kanzlertermine herausgeben, das ist eine sichere, seriöse Quelle, oder ist das einfach nur mal aus Lust und Laune heraus erfolgt?“

     
  8. opalkatze

    30. März 2011 at 12:43

    Ja. Manchmal ist es zum Gruseln. Manchmal wird man beim Lesen offizieller Statements oder Antwortschreiben wirklich blaß, und dort ist gesichert, daß es sich keineswegs um Satire oder auch nur die Nähe dazu handelt. Manchmal möchte man die Brocken hinschmeissen ob so viel geballter Sachunkenntnis bei den Menschen, die unsere Gesetze machen. Da wird wohl jeder auf seinem Fachgebiet seine Erfahrungen gemacht haben …

     
  9. Melebert

    30. März 2011 at 13:06

    Stellt der Opalkatze mal ein Schälchen Beruhigungsschokomilch hin, dass sie nicht ganz verzweifelt ;)

     
  10. opalkatze

    30. März 2011 at 14:13

    Die arme opalkatze nimmt den guten Willen für die Tat und bedankt sich herzlich. :)

     
  11. VonFernSeher

    30. März 2011 at 16:32

    Die miese Öffentlichkeit haben Blogger erzeugt, die sich über den „Qualitätsjournalismus“ lustig gemacht haben. Die Frage ist doch, ob das im konkreten Fall gerechtfertigt war. Die Frage, ob einige Informationen demnächst exklusiv über Twitter laufen, finde ich berechtigt. Das wäre nämlich wirklich nicht zu erklären. Und auch realitätsfern. Mir kann jedenfalls keiner erzählen, dass er den paar hundert oder tausend „Following“ auch tatsächlich ernsthaft folgt. Und auch Mitteilungen eines Regierungssprechers können auf Twitter untergehen.

     
  12. opalkatze

    30. März 2011 at 18:57

    Nöö, komm, jetzt echt nicht. Steegmans hat explizit gesagt, daß die Informationen weiterhin auf allen bisher gewohnten Wegen bereitgehalten werden. Und dir brauche ich ja wohl nicht zu sagen, daß es Twitter-RSS-Feeds gibt, die sich mit einem Reader bequem in den alltäglichen Stream einbinden lassen. Es geht an der Stelle schlicht um Besitzstandswahrung und Offenheit für Neues. Vielleicht auch teilweise um Häppchen und Deutungshoheit …

     
  13. VonFernSeher

    31. März 2011 at 03:40

    Es ist doch völlig egal, dass man Twittermeldungen auch über RSS abrufen kann. Und was er sagt und macht, scheint in dem konkreten Fall ja nichts miteinander zu tun zu haben. Sollte man vorhaben Nachrichten teilweise exklusiv über Twitter zu verbreiten („…hätten Sie doch wissen müssen, haben wir doch getwittert.“), wäre das Öffentlichkeitsarbeit, die den Namen nicht verdient. Das erste, was man im Ö-Geschäft lernt ist doch, die Kanäle zu bedienen, die die Zielgruppe verwendet. Plural. Und wenn eine erhebliche Zahl Journalisten gerne weiterhin eine Rundmail haben will, dann bekommt sie die. Und wenn es ein Serienfax sein muss, dann auch das.

    Dann kann man sich gerne woanders über diese rückständigen Hauptstadtjournalisten aufregen; wenn ich meine Info loswerden will, muss ich sie da freilassen, wo sie bei den Richtigen ankommt. Und soweit ich weiß, sind die Hauptstadtjournalisten noch Teil der Regierungssprecherzielgruppe.

    (für Querleser: Nein, das kommunikative Verhältnis ist kaum vergleichbar mit der Gutti-Fan-Geschichte.)

     
 
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