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Was eine Netz-Gemeinschaft leistet

03 Apr

Diesmal geht es nicht um den leicht verschlissenen Begriff Netzgemeinschaft (die es in dieser oft erwähnten homogenen Form gar nicht gibt) oder um bestimmte Communities innerhalb der großen Social Networks wie Facebook oder Twitter. Vielmehr soll beschrieben werden, welche Arten von Gemeinschaft sich im Lauf der letzten Jahre in der Netzumgebung gebildet haben und wie sich Zusammenarbeit ergeben und verändert hat. Ganz nebenbei wird dabei klar, wie sehr Bloggen und journalistische Arbeitsmethoden sich mittlerweile überschneiden.

Anfang bis Mitte der 90er-Jahre gab es Homepages, auf denen einzelne Nutzer sich selbst sowie erste Firmen ihr Profil darstellten. Die Richtung war klar unidirektional – einer sendet, die anderen rezipieren. Heute, 2011, nutzen wir Blogs, Kommentare, Social Networks, Wikis, Pads, Foren und Chats nicht nur zum Austausch, sondern auch zur gemeinschaftlichen Arbeit an Texten, Statistiken, Audios und Videos. Das Sender-Empfänger-Prinzip hat sich zugunsten eines aktiven und vielfältigen multidirektionalen Austauschs aufgelöst. (Diesen Nutzungsmöglichkeiten hinkt, nebenbei bemerkt, die Politik hinterher, was für einige Missverständnisse und Schwierigkeiten sorgt.)

Kommentare

Eine relativ überschaubare, lockere Gemeinschaft ist die zwischen Bloggern und Kommentatoren. Leser haben ihre Lieblingsblogs, kommentieren dort mehr oder weniger regelmäßig und sparen auch nicht mit – oft anregender – Kritik. Je mehr Zeit der Blogger sich nehmen kann, auf diese Kommentare einzugehen, desto eher entsteht eine Bindung.

Vor allem zu Blogposts über große Ereignisse wie die Erdbeben-Tsunami-Atomkatastrophe in Japan erscheinen in den Kommentaren sehr schnell Links und Hinweise an den Blogger, wo weitere interessante Einzelheiten zum Thema zu finden seien. Das ist äusserst hilfreich, denn selbst mit einer kleinen Redaktion kann man unmöglich alles erfassen, und jeder Leser hat einen anderen Fokus auf ein Thema. So kommt durch diese einfache Form des Crowdsourcing in kurzer Zeit ein umfangreicher Katalog zu einem Thema zusammen.

Natürlich müssen die vorgeschlagenen Links verfolgt, beurteilt, bearbeitet und in den Text eingefügt werden (als Kuratieren bezeichnet). Der Zeitaufwand ist verhältnismäßig hoch, das – gemeinsam mit den Lesern erarbeitete – Ergebnis lohnt ihn jedoch.

Wikis

Am berühmtesten ist die Wikipedia, bei der seit zehn Jahren eine große Gemeinschaft eine freie, vielsprachige Enzyklopädie erstellt. Aktuell ist zur Zeit wohl das GuttenPlag_Wiki das bekannteste; dort untersuchen viele Helfer die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg auf Plagiate.

Auch die taz-Journalistin Julia Seeliger (@zeitrafferin) hat schon mehrfach ein Thema vorgestellt und die Leser gebeten, ihre Gedanken dazu auf einem Wiki festzuhalten. Diese flossen hinterher in einen Artikel ein (was vorher angekündigt war).

Aktuell wird bei Julia in einer Mischform aus Kommentaren und Diskussion eine Debatte über Pornographie, Frauenbilder und Alice Schwarzer geführt. Solche ‚Blog-Gespräche‘ würde ich heute durchaus der Meinungsbildung früherer Tage durch vergleichendes Zeitungslesen gleichsetzen. Auch Journalisten müssen sich ein Bild machen, wozu der direkte Austausch ein wichtiges Mittel sein kann.

Pads

In Deutschland dürfte das Etherpad die bekannteste Form der gemeinschaftlichen Arbeit an einem Dokument sein. Unterschiedlichste Textformen wie Stoffsammlung, Veranstaltungsplanung oder Pressemitteilung lassen sich damit schnell und einfach realisieren.

Etherpads werden von verschiedenen NGOs wie auch dem AK Zensur gern genutzt. Dabei werden zunächst Informationen zusammengetragen, dann ein Rohtext verfasst, dieser verfeinert und womöglich auch noch übersetzt. Es erfordert ein wenig Disziplin, weil alle Teilnehmer gleichzeitig in Echtzeit schreiben können, hat aber den großen Vorteil, daß alle sich beteiligen können und man schnell zu Ergebnissen gelangt. Die Übersetzungen besorgen dann meist zwei, drei Spezialisten.

Adhocracy

ist ein Modell für Bürgerbeteiligung via Internet. Populäres Beispiel ist die Enquête-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags. Dort werden in themenbezogenen Arbeitsgruppen Diskussionsvorschläge für die Kommission erarbeitet.

Mit dieser partizipativen Form tut sich die Regierung noch schwer, da die Ergebnisse direkten Einfluss auf die Beratungen haben können. So viel plötzliche Bürgernähe, noch dazu in einem ungewohnten Medium, ist vielen etwas unheimlich.

Foren

beschäftigen sich meist mit einem speziellen Thema und enthalten in Untergruppen außer den Diskussionen Fragen und Antworten zu bestimmten Aspekten. Auch hier kommt durch die Gemeinschaftsleistung mit der Zeit (spezifisches) Wissen zusammen. Bei der Piratenpartei kann man sich ein übersichtliches Bespiel anschauen.

Diskussionen

Thomas Wiegold berichtet auf Augen geradeaus!, wie ein aktuelles Thema während seiner Abwesenheit von den Lesern aufgegriffen und diskutiert wurde, obwohl er gar nicht darüber geschrieben hatte.

Häufig machen sich aber auch Diskussionen über vorhandene Artikel selbständig und entfernen sich weit vom ursprünglichen Thema; das führt dann schon mal zu einem neuen Artikel.

Leaks

Auch die Enthüllungen von WikiLeaks oder anderen Whistleblowern kommen von Personen, die sich einer Gemeinschaft verpflichtet fühlen. Sie machen auf sicheren Wegen Informationen zugänglich, die nicht oder nicht in der vorhandenen Form für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Open Data

sind Datensammlungen, die oft über längere Zeiträume entstanden sind und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Daraus lassen sich mit journalistischen Mitteln und geeigneter Software Schaubilder, Slideshows oder Animationen erstellen, die das Verständnis insbesondere großer Zahlenmengen erleichtern.

Ein anschauliches Beispiel hat Christiane Schulzki-Haddouti (@kooptech) mit der Visualisierung des Bundeshaushalts auf ihrem Blog. Datenjournalist Lorenz Matzat (@lorz) beschäftigt sich ebenfalls mit Open Data und Open Government, einer Spielart, die sich auf behördlich erhobene Daten bezieht.

Bloggen

schließlich beschreibt die Anwendung, Auswertung und Interpretation von Daten und Sachverhalten durch jeden, der sich damit beschäftigen mag. Dabei stehen ihm auch all die genannten Möglichkeiten des Crowdsourcing zur Verfügung.

Obwohl Blogs in Deutschland noch lange nicht Stellenwert (und Verdienstmöglichkeiten) wie etwa in den USA erreichen, hat sich besonders in den letzten beiden Jahren deren Wahrnehmung deutlich verändert. Ihre Einflussmöglichkeiten haben zugenommen: Meinung wird heute auch im Netz gemacht. Ob es dabei bereits zu einer Verschiebung zu einer fünften Gewalt gekommen ist, wie Markus Beckedahl meint, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ändert sich etwas, und es ändert sich auch, weil viele mithelfen.

Fazit

Die Instrumente, die wir in kleineren oder größeren Gemeinschaften entwickeln und anwenden, verdienen unsere Aufmerksamkeit. Um neue Modelle zu entwickeln, bedarf es der Mithilfe und Expertise vieler; dazu gehört, daß wir für Neues offen sind, zuhören, anschauen – und ausprobieren.

Weiterführend

 
13 Kommentare

Verfasst von - 3. April 2011 in Blogs, Journalismus, Kultur, Web 2.0

 

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13 Antworten zu “Was eine Netz-Gemeinschaft leistet

  1. VonFernSeher

    4. April 2011 at 15:13

    Als ich 1997 meine erste Seite gebaut habe, da hatte die ein Gästebuch und den Link zum eigenen Chatraum (wie die meisten damals). Außerdem prangte in irgendeiner Ecke sehr prominent (und sehr hässlich) ein großes @, das natürlich animiert war*. Und noch vor der Homepage hatte ich seit 1993 einen Messengernamen. Homes wurden damals oft als Teile von Städten organisiert (und teilweise grafisch dargelegt), in der jeder seine Adresse hatte. Weil sich keiner diese Endlosadressen merken konnte, gab es dann die Abkürzungs-URLs, die man mit Werbung bezahlte.

    Bei den Firmen mag das ja so gewesen sein (und heute noch so sein), aber bei den privaten Nutzern war Interaktion auch im Web 1.0 sehr wichtig, von den anderen Teilen des Internets ganz zu schweigen.

    Deine Definition des Bloggens habe ich nicht verstanden. Das entscheidende Merkmal eines Blogs ist doch das Journal, also die Ordnung nach Zeitpunkt oder Stichwort. Die von die angesprochenen Merkmale kann ich doch auch in Foren, Newsgroups u.v.a. finden.

    Sehr wichtig finde ich es allerdings, dass sich die Nutzer mit ein wenig Erfahrung mal austauschen, was am Web wirklich 2.0 ist und was nur Wohlfühlblase, um sich von denen abzugrenzen, die nicht im Zug mitfahren (s. Beckedahl).

    *Technisch eng ausgelegt, war auch der Benutzerzähler schon eine Interaktion.

     
  2. Melebert

    4. April 2011 at 16:57

    Blogs sind wie dezentrale Foren, wo die Forenthreads auf Blogs verteilt sind und jeder Blogger seine eigenen Threads verwaltet. Manch machen es mit einem journalistischen Ziel, andere weil sie glauben, dass das, was sie zu sagen haben, für andere Interessant sein kann und geben es als Diskussionsgrundlage vor. Einige Blogs haben sogar ein klare journalistische und informierende Ausrichtung und sind Monothematisch. Man kann darin ein Gleichnis zu Foren und Forenthreads sehen. Das dezentrale und die lose Verknüpfung untereinander und insbesondere die Themenvorgabe durch die Blogger, sind aber klare Unterschiede.

     
  3. opalkatze

    4. April 2011 at 17:00

    @VonFernSeher
    Ja, ich kann mich auch noch daran erinnern ,)

    Es geht mir hier aber nicht um Interaktion in diesem herkömmlichen Sinn, sondern um die Formen und Werkzeuge der direkten Zusammenarbeit, die sich seitdem entwickelt haben.

    Das mit der Web-Wirklichkeit ist nicht anders als mit der Richtigen: Es gibt unendlich viele. Jedem die Seine.

    @Melebert
    Hätte ich über Blogs geschrieben, hätte ich vieles andere berücksichtigt und mich nicht auf die grobe Einordnung beschränkt. Noch mal: Es geht um Instrumente und Formen von (Zusammen-)arbeit in Bezug auf Daten.

     
  4. Melebert

    4. April 2011 at 17:01

    Zum Fazit: Neugierde und der Wille mit Neuem einfach mal „zu spielen“, waren schon immer Grundvoraussetzungen für Entdeckungen. ;)

    Es ist einfach spannend all die Möglichkeiten mal anzuschauen und Schritt für Schritt zu entdecken, welches Potential (positiv wie negativ) sie bieten.

    Aber: Ich bin für die Einführung des 48 Studentages bei Beibehaltung der 8-stündigen Schlafenszeit. Sonst kann man sich all den vielen neuen Werkzeugen und Möglichkeiten gar nicht widmen.^^

     
  5. opalkatze

    4. April 2011 at 17:04

    Ach, das geht ganz gut, sagt die opalkatze. ,)

     
  6. Theo

    5. April 2011 at 08:59

    Unter den Social Networks gibt es anscheinend seit kurzem auch eines für Arbeitslose: jobioo.com (wird derzeit anscheinend nur von Österreichern genutzt) …

    Theo

     
  7. opalkatze

    5. April 2011 at 15:29

    Sorry, aber ein solches Netzwerk betrachte ich als Diskriminierung. Es gibt genügend Social Networks, die jeder benutzen kann, da ist die Schaffung einer Parallelwelt im Kleinen nur kontraproduktiv.

     
  8. VonFernSeher

    5. April 2011 at 18:36

    @opalkatze

    Arbeitslos ist ein Status unter vielen im Leben. Demnach ist ja auch ein StudiVZ diskriminierend oder ein Hausfrauentippsportal.

    Arbeitssuchende (das ist ja wohl das entscheidende für das Ganze, steckt ja im Namen) haben halt gemeinsame Interessen und Ansprüche, die sie in einem solchen Gebilde halt besser nachgehen können.

    das social network für jobsuchende

    JOBIOO ist ein Online-Netzwerk für Jobsuchende, die sich gegenseitig unterstützen wollen
    ohne dabei ihren richtigen Namen zu verwenden:

    * durch Informationen, Tipps und Hinweise, die online gegeben werden,
    * aber auch durch Treffs, Selbsthilfegruppen, Initiativen und Nachbarschaftshilfe
    * auch PartnerInnen für neue Projektideen kann man/frau hier suchen

     
  9. opalkatze

    6. April 2011 at 00:07

    Schreib es meiner Ungeduld oder der wenigen Zeit zu, die ich habe. Jobsuchend ist ok, aber ich hatte es verstanden als Netzwerk für Arbeitslose, und da hätte ich in der Tat so meine Schwierigkeiten.

     
  10. VonFernSeher

    6. April 2011 at 13:10

    Und welche wären das?

     
  11. Erwin

    30. August 2011 at 14:24

    Schöne Aufstellung – ich bin beim Drüberlesen ins Grübeln gekommen; mir war gar nicht bewusst, dass es inzwischen SO viele verschiedene Systeme gibt. Da sieht man mal, was die Internetgemeinschaft in so wenigen Jahren erreicht hat.

     
 
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