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FDP: Ganz besondere Tage

04 Apr

Gestern war für Westerwelle ein „besonderer Tag“. Heute gab es eine „besondere Parteivorstandssitzung“. Nun, was Wunder, schließlich ist Westerwelle auch ein ganz besonderer Fall: In seiner Eigenschaft als Bundesaussenminister der erste echte Rohrkrepierer; keiner seiner Vorgänger hat es geschafft, unbeliebt, geschweige, so unbeliebt zu sein. Zuletzt nur noch ein Kasperl in drei Funktionen; Höhen und Tiefen einer Partei, abhängig von einer Person.

Nun hat die FDP in den letzten Jahren unter Westerwelles Führung auch ihr Parteiprogramm immer weiter eingedampft, bis von den einstigen Idealen und Werten der Liberalen nichts mehr übrig war. All das klaglos, denn es gab ja Einen, der die Sache regelt – sehr bequem, so lange die Umfragezahlen stimmen. Nun plötzlich schimpfen Parteimitglieder wie die Decksspatzen über die äusserst unglückliche Rolle ihres Kapitäns, spricht Lindner von der Notwendigkeit der Teamarbeit, gerade so, als seien sie eben von langer Abwesenheit zurückgekehrt und von den neuesten Entwicklungen völlig überrascht worden.

Das neue Credo heisst also Neuorientierung, personell wie programmatisch. Dumm, denn es gibt eigentlich nur Rösler, Lindner, Bahr, Solms, Brüderle, Homburger, Gerhardt und SLS, so man sich nicht wiederum zu besonderen Persönlichkeiten wie etwa Silvana Koch-Mehrin versteigen oder einen bundespolitisch Unbekannten will.

Rösler ist in der Öffentlichkeit nicht besonders beliebt, hat aber unzweifelhaft politische Erfahrung. Lindner kommt gut an, hat auch die heutige Pressekonferenz alert, charmant und gewandt absolviert, wird sich aber in der augenblicklichen Krise eher nicht vorzeitig verheizen lassen. Bahr ist zu wenig bekannt. Solms als ruhiger Pragmatiker wäre eine Möglichkeit, nur als was? Gerhardt ist für Teamspiele eher nicht optimal geeignet; SLS für die Mehrheit der Partei zu liberal (was in der liberal-demokratischen Partei seit geraumer Zeit nicht mehr so gut ankommt); Brüderle und Homburger haben sich überlebt, was außer ihnen selbst die meisten auch begriffen haben.

Über die nächste Zukunft werden letztlich die FDP-Landesvorsitzenden bestimmen, auch die JuLis werden gehört werden müssen. Inwieweit die Kanzlerin im Hintergrund die Fäden zieht, kann man nur vermuten, allerdings ist die uneingestandene Regierungskrise schon zu groß, als daß etwas anderes vorausgesetzt werden könnte.

Die FDP hat Probleme auf der ganzen Linie. Es wird Macht- und Grabenkämpfe geben, die vor der Öffentlichkeit zu verbergen schwierig wird, obwohl Konzentration auf die Erneuerung das Gebot der Stunde wäre. Die Nachfolger, egal wie sie heissen, werden es extrem schwer haben, den Karren wieder flott zu machen. Sie müssen dringend zu einem neuen, überzeugenden Programm finden, allein die Beschwörung vergangener Erfolge und großer Persönlichkeiten ist nun einmal keines. Die Glaubwürdigkeit der Partei ist nach den Halsen der letzten Zeit schwer beschädigt; zu beschliessen ist, wo die 180°-Wende nötig und wo sie gefährlich ist.

Westerwelles Zukunft jedenfalls ist bereits Vergangenheit. Er hat sich mit Verve selbst ad absurdum geführt.

 
16 Kommentare

Verfasst von - 4. April 2011 in Politik

 

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16 Antworten zu “FDP: Ganz besondere Tage

  1. AlterKnacker

    4. April 2011 at 13:17

    Liberal? Scheissegal

     
  2. Pingback: Nics Bloghaus
  3. danebod

    4. April 2011 at 13:28

    Dass unser Spaßmobil der erste echte Rohrkrepierer als Außenminister war, stimmt nicht ganz. Kinkel war auch schon eine echte Graupe.

    Überhaupt die FDP-Minister so aus den letzten Jahrzehnten, große Namen fallen einem da ein, all die Männer: Möllemann, Bangemann, Hausmann, nicht zu vergessen Rexrodt. Und eben Kinkel und das Spaßmobil. Unsere Weinkönigin Brüderle. Ein ganzer Graupenpudding. Wohl bekomm’s!

     
  4. opalkatze

    4. April 2011 at 13:49

    Kinkel war aber in der Öffentlichkeit bei weitem nicht so unbeliebt, er wurde eher etwas belächelt; Giihdo wird z.T. regelrecht gehasst.

     
  5. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    4. April 2011 at 14:15

    Meinetwegen kann sich die FDP ganz auflösen. Würd‘ nichts fehlen.

     
  6. emden09

    4. April 2011 at 15:17

    Zu „Rösler ist in der Öffentlichkeit nicht besonders beliebt“ nur so viel. Ich kann den Fatzke auch nicht ausstehen und würde auch mit meinem Lieblings“schauspieler“ an der Spitze nie auf die Idee kommen FDP zu wählen. Aber eben diese Suche nach einer „Beliebten“ Persönlichkeit macht eben unsere Demokratie inzwischen so „beliebig“! Müssten wir nicht eher nach Menschen mit Kompetenzen suchen, als nach solchen mit großem „Beliebtheits“-Wert? Wir haben uns doch den Guttenberg nicht vom Hals geschafft um jetzt auf den nächsten Lackaffen reinzufallen – oder?

     
  7. Melebert

    4. April 2011 at 15:36

    Ich stimme mal in die Abgesänge ein: So „liberal“ , wie die FDP sich gibt, kann die sich auch ganz liberal abschaffen. Es würde mich nich stören. Da bin ich ganz tolerant.^^

    Und der Herr Guido hat in meinen Augen das Peterprinzip schon lange erfüllt. Der benötigt dringend eine Querbeförderung. Wie wäre es mit dem Ehrenvorsitz oder dem Vorsitz beim Ältestenrat der FDP?

     
  8. opalkatze

    4. April 2011 at 16:50

    So flapsig ich das auch sonst hier darstelle: Das Verschwinden einer demokratischen Partei hat immer etwas Bedenkliches.

     
  9. opalkatze

    4. April 2011 at 16:53

    Wenn ich etwas kommentiere, muß ich von den Gegebenheiten ausgehen. Leider ist die Tatsache, daß in Deutschland Ämter und Posten nach den unglaublichsten Krietrien vergeben, gegeben. Nach Vorbildung, Eignung, Sachkenntnis und Durchsetzungsvermögen in der Sache fragt schon lange niemand mehr.

     
  10. pantoufle

    4. April 2011 at 19:53

    @opalkatze
    Bedenklich im SInne einer aktiven Demokratie: Ja! Bedenklich im Sinne einer Zeitenwende: Nein: Nötig!
    Es gibt keinen Platz für die „Zentrumspartei“ in unserer Zeit, so wenig wie für einen „Arbeiterverein“ Lassalles. Sollte das Verschwinden einer reinrassigen Lobbyistenpartei wie der FDP ein Zeichen dafür sein, das sich die Gesellschaft von diesem Gedanken trennt und ihn für unnötig oder schädlich erachtet, würde ich das als Fortschritt betrachten.

     
  11. opalkatze

    4. April 2011 at 20:13

    Einverstanden. So ist es gemeint.

     
  12. der_emil

    5. April 2011 at 09:32

    Irgendwo – aber ich find es nicht mehr – gab es so ein lustiges Diagramm, was Wähler von dieser Partei hoffen. Auch ich gehöre zu denen, die sagen: „Egal, was ie machen, Hauptsache sie bleibt dauerhaft unter 5%“

    FDP war die Partei eines Hans-Dietrich Genscher. Jetzt ist sie die Trotz- und Spielgruppe eies Hanswurst, der sich Westerwelle nennt … Sorry – auf den Mann reagier ich allergisch, ebenso wie auf Rößler …

     
  13. AlterKnacker

    5. April 2011 at 09:41

    Das ‚besondere‘ Demokratieverständnis der FDP heißt eigentlich nur, soviel wie möglich für uns, die anderen sollen verrecken.

     
  14. Melebert

    5. April 2011 at 10:22

    Lobbypartei. Als genau das wird sie wahr genommen. So etwas hat in meinen Augen in einer Demokratie nichts zu suchen. Aber in einer Lobbykratie ist sie nur ein sichtbarer Ausdruck der Einflußreduktion der Wähler hin zu Statisten, die wiederum nur noch stören.

    Dauerhaft unter 5% oder auflösen, beides wäre in meinen Augen ein Gewinn für die Demokratie. *bekräftigend nick*

     
  15. Angelika

    5. April 2011 at 15:23

    achje.
    sogar in meinem örtlichen lokalblatt ist eine online umfrage und selbst da wollen heute 78% den „westerwave“ nicht mehr als AM …

     
  16. opalkatze

    5. April 2011 at 15:40

    Bei Spreeblick gibt es noch eine hübsche Umfrage: Wie lange bleibt Westerwelle Außenminister?

     
 
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