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foodwatch: Reaktorkatastrophe – EU verschweigt laxere Strahlen-Grenzwerte

05 Apr

Hallo und guten Tag,

absurd – dieser Ausdruck wurde arg strapaziert in den letzten Tagen. Doch wie sonst sollte man die Reaktion der Europäischen Kommission und der Bundesregierung auf den Atomunfall in Japan bezeichnen? Per Eilverordnung hatte die EU einerseits schärfere Kontrollen eingeführt, andererseits aber auch die Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln aus Japan gelockert: Für die meisten Produkte aus Japan sind die zulässigen Höchstwerte für die Cäsium-Aktivität mit 1.250 Becquerel/Kilogramm nun doppelt so hoch wie das bisher angewandte Limit von 600 Becquerel/Kilogramm.

Den Menschen in Japan hat die Katastrophe von Fukushima unvorstellbares Leid bereitet. Die Folgen werden langfristig auch die Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigen. In Europa besteht dagegen derzeit überhaupt kein Anlass zur Sorge über radioaktiv belastete Produkte aus Japan. Deshalb war die Lockerung der Grenzwerte nicht nur überflüssig. Sie ist auch gleich dreifach absurd: Erstens gelten für Importe aus Japan jetzt niedrigere Sicherheitsstandards als vor der Fukushima-Katastrophe. Zweitens sind die Grenzwerte weniger streng als für Importe aus anderen Ländern. Und schließlich sind sie auch höher als in Japan selbst – theoretisch könnte Japan also Lebensmittel nach Europa ausführen, die dort aufgrund der Strahlenwerte nicht verkauft werden dürften.

Die Öffentlichkeit wurde darüber gar nicht erst informiert. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner betonte nur, dass durch die Eilverordnung strengere Kontrollregelungen für Produkte aus Japan griffen. Dass gleichzeitig auch die neuen – höheren – Grenzwerte in Kraft traten, verschwieg sie.

foodwatch und das Umweltinstitut München machten dies öffentlich. Die erste Reaktion von EU-Kommission und Verbraucherministerium: Abwiegeln und Abstreiten. Erst Ende vergangener Woche, nach Tagen des öffentlichen Drucks, wurde zurückgerudert: EU-Kommissar Günther Oettinger will ein Zurück zu den alten, strengeren Grenzwerten prüfen. Dafür setzt sich auch das deutsche Bundesverbraucherministerium ein, denn: „Der vorbeugende Verbraucherschutz muss Priorität haben.“ Merkwürdig – hatte doch die Bundesregierung erst vor wenigen Tagen für die Eilverordnung mitsamt den gelockerten Grenzwerten gestimmt.

Mit dieser Grenzwertpolitik haben EU und Bundesregierung die Verbraucher nur unnötig verunsichert. Denn nach wie vor gilt: Die EU importiert nur sehr wenige Nahrungsmittel aus Japan, und seit der Katastrophe von Fukushima ist der Handel nahezu zum Erliegen gekommen. Zurzeit besteht für die Verbraucher in Europa schon allein deshalb kein Grund zur Sorge. Umso unverständlicher sind die lückenhafte Informationspolitik und die Heraufsetzung der Grenzwerte. Um Vorsorge zu leisten, wäre ein Importstopp, wie ihn auch Länder wie Südkorea und China kürzlich wegen des Dioxinsskandals für potentiell belastete Produkte aus Deutschland ausgesprochen hatten, die effektivere Maßnahme gewesen.

foodwatch wird die weitere Entwicklung genau beobachten – und die Öffentlichkeit darüber informieren, per Newsletter und auf www.foodwatch.de.

Klicken Sie sich rein,

Ihr foodwatch-Team

PS: Der aktuelle Fall um die heimlich angehobenen Grenzwerte zeigt wieder einmal: Politik braucht die unabhängige Kontrolle durch Nichtregierungsorganisationen wie foodwatch. Bitte helfen Sie uns bei unserer Arbeit und werden Fördermitglied.

Textübernahme mit freundlicher Genehmigung von foodwatch

 
8 Kommentare

Verfasst von - 5. April 2011 in Energie, Europa, Kaffeesatz, Politik, Umwelt, Welt

 

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8 Antworten zu “foodwatch: Reaktorkatastrophe – EU verschweigt laxere Strahlen-Grenzwerte

  1. sph1nxxx

    5. April 2011 at 16:34

    Unionsgefoerderte Katastrophenunterstuetzung: Was die Japaner nichtmal in solch prekaerer Lage ihrer Bevoelkerung unterjubeln wuerde, koennen sie nun entspannt nach Europa verkaufen. Davon werden die Japaner nicht satt, aber nachhaltig ’subventioniert‘.
    Ich steh auf die Politik der EU – da ist jeden Tag was lustiges dabei

     
  2. opalkatze

    5. April 2011 at 17:31

    Ja, unterhaltsam, nicht? Wenn auch im Gegensatz zu den geplanten Sicherheitsgesetzen nur ein Pausenfüller. Aber sie strengen sich an.

     
  3. Angelika

    5. April 2011 at 19:09

    öhm war das nicht schon letzte woche „aktuell“ ? ich vernahms mit meinem mentalem „supergau-gruseln“.
    // ach-die-EU. truth is stranger than fiction. //

    // immerhin z.b. dürfen wohl die wildschweine aus dem benachbarten landkreis weiterhin „nur“ den grenzwert 600 beq/kg „aufweisen“ //

    in nature las ich kürzlich die aussage einer wissenschaftlerin/MIT von wg. „grenzwerte und auswirkungen“

    meine conclusio : auch das sind andauernde experimente an lebenden menschen = uns allen.

    falls erwünscht, dann linke ich Dir den hier.

     
  4. opalkatze

    6. April 2011 at 00:10

    Tut mir leid, wenig Zeit :) (ah, reim …)

    Verlink auf jeden Fall, so was ist immer inetressant. Ich bin ja froh, daß ihr für mich mit guckt.

     
  5. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    6. April 2011 at 00:51

    Das Hirnrissigste an dem Ganzen:

    Strahlengrenzwerte für Lebensmittel in Japan nun niedriger als in der EU

    So gilt in Japan etwa bei Cäsium-134 und Cäsium-137 für Milchprodukte ein Grenzwert von 200 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg)…

    Schön auch das hier:

    Theoretisch könnte also japanischer Fisch, dessen Strahlenbelastung mit Cäsium-134 und Cäsium-137 oberhalb des Grenzwertes von 600 Bq/kg, aber unterhalb von 1250 Bq/kg liegt, nach der jetzt geltenden Regelung in die EU eingeführt werden. In Japan darf dieser Fisch nicht verkauft werden, weil die Höchstgrenze dort bei 500 Bq/kg Fisch liegt. Russische Pilze mit derselben Belastung hingegen dürften nicht in die EU eingeführt werden.

    Quelle: Greenpeace

    P.S.:
    Für Verbraucher absolut ungefährlich, weil, wie sagte doch einst Merkel: „Sicherheit hat oberstes Gebot!“.

     
  6. Melebert

    7. April 2011 at 09:52

    Ich spreche mal hier meinen Dank an die Blogger aus. Es ist einfach geworden, skeptische Fragen von Kollegen und Freunden mit einem einzigen Link zu zerstreuen.

    Dass denen dann doch übel wird, liegt dann aber nicht am Blog, sondern am Thema. Obwohl, der Blog hier ist dann doch wieder schuld, weil er als Bote die Nachrichten zu umfassend überbringt ;)

     
  7. Melebert

    7. April 2011 at 10:05

    Hmpf. Manchmal möchte ich meine Kommentare editieren können.^^

     
  8. Angelika

    8. April 2011 at 01:43

    soweit ich mich erinnere gabs letzte woche ne grafik mit diesen angehobenen EU-werten, die jede_r verstehen konnte, in der „daily-propanda-schau“ aka tagesschaudingens.
    deshalb war ich erstaunt, dass dann gefühlt ne woche später der foodwatch-newsletter bei mir per mail ankam (meh)

    wg. link nature – hier, englisch :

    http://www.nature.com/news/2011/110322/full/471419a.html

    ebd. – zitat :
    > Jacquelyn Yanch, a radiation physicist at MIT, thinks that it is too early to say what the impact will be. „We haven’t come up with risk estimates for a situation like this,“ she says. „We don’t know how much is too much.“<

    das nenne ich ne sog. ehrliche aussage.

     
 
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