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Fleischklopfer: Das aktuelle Boxstudio

08 Apr

Durch Schmeicheln und Überredungskunst ist es mir gelungen, ein an sich unsichtbares – das heisst: ausser für Kinder – Tier als Kolumnisten für dieses Blog zu gewinnen: Pantoufle. Pantoufle ist ein ziemlich politisches Känguruh und wohnt auf der Schrottpresse.
Alors, er wird künftig in der Kolumne ‚Fleischklopfer‘ seine Erwiderungen auf des unsäglichen Jan Fleischhauers wöchentliche Anmerkungen auf
Spiegel online geben. Dabei folgt er, wie es seinem flüchtigen Wesen entspricht, keinem festen Zeitplan, sondern überlässt sich – wie in ‚Chocolat‘ – dem Wind.

Uuuuund in der rechten Ecke: Jaaaaaaan Fleischhauer!! Weltmeister im Fliegengewicht! Kampfname „Die Brechstange der Reaktion“! Von seinen Gegnern gefürchtet, von Spiegel-Online notdürftig am Leben gehalten – heute wieder in seinem allwöchentlichen Abstiegskampf! Das Motto des heutigen Abends : „Schmuseliberalismus, nein danke!“

Der Gong ertönt, Jan prescht vor, tänzelt: ja, gute Deckung heute, die Fäuste hoch – dem Gegner nur kein sicheres Ziel bieten! Von dem ist aber weit und breit nichts zu sehen. Ja, der erste Gegner… ach, da ist er ja auch schon, ganz weit oben: kilometerweit über Fleischhauer schwebt unantastbar „der Sentimentaljournalist Heribert Prantl“ von der Süddeutschen Zeitung. An Prantl kommt er im heutigen Kampf nicht dran – auch heute wieder unerreichbar.

Aber der Jan wäre nicht Weltmeister, wenn er nicht sofort zur nächsten Attacke bereit wäre: „Es ist die Zeit der Ratschläge: Alle meinen jetzt zu wissen, was die FDP tun muss, um ihr Ende abzuwenden. Doch die Liberalen sollten lieber nicht auf ihre falschen Freunde hören – sonst droht ihnen womöglich wirklich der Untergang.“ Wie gut, dass die FDP einen richtigen Freund hat, denn Ratschläge gibt Fleischhauer immer! „Bleibt standhaft, ihr tapferen rückwärts gewandten Liberalen! Jetzt nur nicht nach links schielen oder der Vernunft zugänglich werden!“ Er holt aus, seine gefürchtete Rechte will gerade einen vernichtenden Schlag in die Weichteile des Gegners schlagen: Der Gong stoppt ihn in letzter Sekunde!

Zurück in der rechten Ecke, ein schwarzes Handtuch wedelt ihm den Mief seines Trainers zu, der ihn eindringlich auf die Gegner aufmerksam macht, die bereits am Boden liegen. „Drauftreten, Junge: Tiiiiefschläge! Das haben wir doch trainiert!“ Der Assistent hält Jan noch kurz die Flasche mit Wodka hin, stopft ein Hufeisen in seinen Handschuh (das bringt Glück) und da ertönt auch schon die Glocke. Ring frei zur zweiten Runde.

Jan sucht sofort den Kontakt, kurzes Antäuschen nach links und dann ein gnadenloses „man darf nur nicht daran erinnern, dass sich diese Spaltung auch in der Steuerstatistik zeigt, wonach die oberen 20 Prozent der Steuerzahler über 70 Prozent des Steueraufkommens leisten“. Woher nimmt er nur diese Kraft? Woher hat er nur diese Zahlen? Wieso glaubt er nur, das 35% von 500.000 € im Jahr den selben Effekt wie 9% von 16.000 € im Jahr haben? Ja, dieser Kämpfer ist schon erstaunlich!

Kurzer, knackiger Jab auf Hartz IV, unsichtbar angesetzter Uppercut auf den schwächsten Teil der deutschen Bevölkerung gefolgt von einem Stakkato „Da nützte es ihm auch wenig, dass viele Menschen, die einem normalen Beruf nachgehen, also nicht in der einen oder anderen Weise vom Steuergeld anderer leben, es als durchaus zutreffende Beschreibung der Situation empfanden, was für eine Erregungskünstlerin wie Renate Künast einfach nur „Sozialhetze“ ist.“ Das hat gesessen! Der Gegner wankt bereits unter diesen brutalen Schlägen von Sozialneid. Fleischhauer holt aus… jetzt schon ohne Deckung – dieser Gegner ist keiner mehr und dann ein vernichtender „Der Sozialstaat hat viele Väter, angefangen von Reichskanzler Otto von Bismarck […].“ Das hat er neulich heimlich in der Schrottpresse gelesen und sofort die Schlagkraft dieser Formulierung erkannt! Jetzt erweist sie ihre Sprengkraft.
Nun kann den taumelnden angeschlagenen Linken nur noch der Gong retten! Uuuuund da kommt er auch schon! In letzter Sekunde rettet die Glocke!
Was für ein Kampf!
Endlich ist auch der Trainer zufrieden. Er hält Jan abwechselnd das Portrait Helmut Kohls und Angela Merkels vor das Gesicht, während der Assistent einen kräftigen Schluck Hochprozentiges nachkippt. “Du hast ihn mein Junge! Jetzt gib ihm den Rest!“. Der Gong und wahrscheinlich die letzte Runde; die Boxfreunde sehen es alle: Da geht nichts mehr – man kann nur noch auf ein gnädiges Ende hoffen.

Aber was ist das jetzt? Jan scheint zu zögern – die Fäuste hängen wie leblos an der Seite, die mit dem Hufeisen besonders tief und dann kommt statt des vernichtenden Schlages ein: “Die Zustimmung, die eine Partei für ihre politischen Vorhaben in Umfragen erfährt, drückt sich am Wahltag nicht notwendigerweise auch in Wählerstimmen aus. Das hat schon die Union leidvoll erfahren müssen, deren Wende in der Atompolitik ja nur die letzte Stufe eines umfassenden Modernisierungsprogramms ist.“ Dem Publikum stockt der Atem! Es ist auf einmal totenstill. Selbst der eigentlich schon besiegte Linke steht ungläubig in der Ecke und wirkt irritiert.
Der Trainer winkt aufgeregt, dann wirft er das Handtuch in die Ringmitte, wo Jan Fleischhauer auf die Knie gefallen ist und wie willenlos winselt “und der Untergang der Titanic war nur Versicherungsbetrug: Die ist tatsächlich weitergefahren – nur ohne Schornsteine  und Area 51 wird von den Marsianern wöchentlich angeflogen, das mit Kennedy waren die Jesuiten: Ich weiß das! Helmut Kohl LEBT!“ Ein panischer Trainer und sein Team tragen den schwafelnden Fleischhauer in die tröstliche Abgeschlossenheit der Kabine.

Freunde des Boxsports: Es tut mir Leid, euch sagen zu müssen, dass auch diese Woche Jan Fleischhauer wieder verloren hat. Aber gebt die Hoffnung nicht auf! Nächsten Montag steigt er wieder in den Ring und hat seinen Vollrausch bis dahin hoffentlich ausgeschlafen. Dann heißt es wieder: „Jan Fleischhauer, der Rächer der Erben“ … oder so.

Bis dahin, liebe Freunde des gepflegten Tiefschlags

Euer Oskar und das Pantoufle

Das Original und weitere lesenswerte Beiträge finden sich auf der Schrottpresse.

 
8 Kommentare

Verfasst von - 8. April 2011 in Gastbeitrag, Kolumne, Medien, Menschen, Politik

 

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8 Antworten zu “Fleischklopfer: Das aktuelle Boxstudio

  1. Melebert

    8. April 2011 at 20:57

    Also ehrlich, als ich den Fleischhauer das erste Mal gelesen habe, war ich voller Begeisterung. Das ist astreine Satire. Ernst kann man das gar nicht meinen. War ich zumindest der Meinung.

    Mit Satire auf Satire antworten? Ok, ich habe ihn nochmal gelesen. Ich stehe nämlich manchmal auf der Leitung, also auf meiner, und muss dann nochmal zurück, die Leitung flicken und alles nochmal machen. Diesmal halt nochmal lesen.

    Ehrlich, kann man so einen Artikel ernst meinen? Also ist das echt Fleischhauers Meinung?

    Descartes hat den Grundsatz geprägt: „Ich denke, also bin ich.“ Dieter Nuhr hat dazu eine Gegenthese aufgestellt. „Früher dachten wir ja auch: Ich denke, also bin ich. Heute wissen wir: Komm, geht auch so.“

    Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass der Artikel von Fleischhauer ein lebendiger Beweis der Nuhrschen Gegenthese ist. Man kann damit sogar Geld verdienen, wie es scheint.

     
  2. pantoufle

    8. April 2011 at 22:07

    Moin, Melebert
    Kurt Tucholsky hat einmal gefragt, was Satire darf und die Frage mit „alles“ beantwortet. Dem stimme ich grundsätzlich zu. Die Fage ist hintergründig aber zweiteilig: warum überhaupt Satire? Satire ist die Waffe derjenigen, denen man die anderen Waffen aus der Hand geschlagen hat – wenn Du so willst: den Verlierern. Die Gewinner: IG Farben – der Verlierer Otto Dix. Der Gewinner Gustav Noske – die Verlierer Ossietzky und Tucholsky. Der Gewinner: Die Untoten der NSDAP nach 45 – Verlierer Wolfgang Neuss.
    Warum also Jan Fleischhauer und seinesgleichen bekämpfen mit den Waffen der Satire? Weil Fleischhauer unter anderem im Spiegel schreibt. Das gibt ihm Macht und Einfluss. Dabei benutzt er das Mittel, zum Gaudi seines Publikums auf die Schwachen einzutreten. Das hat mit Satire absolut nichts zu tun – wer dieses tut, nähert sich einer anderen Grenze. Denn Satire ist Eines nicht: Unmenschlich.
    Nein: Satire ist es nicht, was er da treibt. Es ist zutiefst kalt und bösartig. Und er ist nicht alleine! Nur daß das Gros der anderen ihm intellektuell weit vorraus ist – unsichtbarer.
    Angesichts meiner eigenen begrenzten Kräfte ziele ich also erst mal auf ihn.
    MfG
    Pantoufle

     
  3. opalkatze

    8. April 2011 at 22:27

    Boah ey. Da hat einer bei meinem absoluten Lieblingsmann richtich aufgepasst. Das freut. Hab neulich noch mal – zum n-ten Mal und immer wieder – die gesammelten Werke gelesen und war – ebenfalls wieder – zutiefst erschrocken, wie genau das alles passt. Als wären die letzten 80 Jahre nicht gewesen.

     
  4. pantoufle

    8. April 2011 at 22:54

    Ach…Du auch?? Dann weißt Du ja sicher, das die Weltbühne und die Schaubühne jetzt endlich frei verfügbar sind. Ich hab das zu Hause, aber heute endlich als PDF auf dem Rechner. http://de.wikisource.org/wiki/Die_Schaub%C3%BChne_%E2%80%93_Die_Weltb%C3%BChne
    Natürlich nur für diejenigen, die das noch nicht wussten… wie mich
    LG
    Pantoufle

     
  5. opalkatze

    8. April 2011 at 23:40

    Danke für den Link, hab ich natürlich wieder nicht mitgekriegt. Ach ja, und mein geliebter Roda-Roda –

     
  6. Pantoufle

    9. April 2011 at 00:17

    sach ma.. ich dachte, den kennt keiner…der hat Nerven so fein wie Spinnenhaare und sieht Dinge, die andere nicht mal schnuppern – das war ein ganz Feiner! Also – das den noch jemand kennt… So ein Großer!
    Gerlach übrigends auch: Wenn der in Wut geraten ist, dann flogen aber die Fetzen. Habe gerade schmerzhaft aufs guttembergen verzichtet! FDP, Rösler: Hat ihm gerade den Kopf abgeschlagen und versucht jetzt, dem rollenden Körperteil einen Lorberkranz überzustülpen. Was für Geister!
    Mvlg
    Pantoufle

     
  7. opalkatze

    9. April 2011 at 00:56

    Ha! Erwischt. Kenn ich nicht.

     
 
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