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Fleischklopfer: Lang lebe das Feuilleton

27 Apr

Es gibt in der Kunst ein unumstößliches Gesetz.
Was einer recht auffällig ins Schaufenster legt, das führt er gar nicht;
Brecht keine Männlichkeit, Keyserling keine Weisheit und Spengler keine Ewigkeitsperspektiven.
Kurt Tucholsky

Fleischhauers Fensterauslage: Meinungsführerschaft.

Im Bemühen, einer Meinung Ausdruck zu verleihen, die außer ihm so niemand teilt, ist er wöchentlich gezwungen, Porzellan zu zerschlagen. Auch diese Woche wirft er kraftvoll in freudiger Erwartung der Scherben die Erbstücke von Urgroßtante Herta auf den Boden. Hier und da zeigt sich auch ein Sprung in der Schüssel – leider wieder nicht am Geschirre.

Den Leser entlässt er ratlos. Das die pauschale Linke, deren genaue Definition nur er alleine kennt, die am Unglück der Republik schuld ist: Geschenkt! Diese Woche sieht er einen Linksruck bei der FDP … liest der eigentlich mal Zeitung? Dass seine Meinung über Datenschutz ein zusammenhangloses Gefasel von Allgemeinplätzen ist: Vergessen! – da ist die Diskussion in der Bild“zeitung“ bereits weiter. Dass er ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie hat: Wenigstens da findet er Gesellschaft, wenn auch nicht unbedingt bei Spiegel-Online.

 Mit seinem breiten, faltigen, vom wirklichen Leben zerstörten Gesicht sitzt Franz-Josef Wagner jeden Morgen vor den Tasten und haut seine 40 Zeilen für seine Bild-Kolumne „Post von Wagner“ heraus. Was der Stammtisch am vorherigen Abend hergab, wird bei Kaffee und Zigarette grob holzschnitzartig zusammengeschoben. Diese zur Groteske verdichtete Gemengelage der Republik liest sich durchaus mit Gewinn. Diesem großartig scheiternden François Villon gelingen gelegentlich die schönsten Bösartigkeiten. Ernst genommen wird er nicht, also haut und geifert er unbehelligt als „Chefkolumnist“ den mageren Inhalt seines Kühlschranks zusammen, die unvermeidlichen Zigaretten. Sein zerlebtes Gesicht kann er nicht mehr verlieren und kein anderer will´s. Da ist etwas zusammengekommen; dieser Kerl und dieses Blatt. Blut, Vagina, Vaterland.

 Feuilleton vom besten gibt Harald Martenstein wöchentlich in der „Zeit“. Schwarzbrot mit Wurst und dicken Scheiben Käse. Dazu Kaffee, dick, das der Löffel darin steht. Von seiner Kolumne kann man Stücke abbeißen – er hat sie mundgerecht portioniert, geschmückt und abgeschmeckt. Jeder Artikel eine komplette Mahlzeit. Nicht zuviel, nicht zu wenig und keiner fragt nach Salz und Pfeffer. Nachtisch gibt es auch. Jeder Leser bekommt ein Schälchen Selbstironie, einen kleinen Teller Zweifel oder Distanzsalat. Er kocht heiß und serviert genießbar, nimmt sich Zeit für seine Gäste. Ein exellenter Koch, ein sympathischer Kellner und liebevoller Wirt, dessen Meinung man vielleicht nicht teilt, aber immer respektiert.

 Bei Fleischhauer reicht es nicht zum Kettenhündchen Kai Diekmanns, noch zur leuchtenden Perle einer renommierten Zeitung. Seine Kolumne ist das geschriebene Gegenstück zu Casting– und anderen Fernsehshows, bei denen die Beteiligten jeden Anstand und jede Würde verlieren, sobald das rote Licht angeht und die Kamera läuft. Es gibt einen Menschenschlag, der es geistig nicht bewältigt, wenn das Signal „Achtung: Aufnahme“ ertönt. Beispiele dafür finden sich überall – wenigstens hierin leistet Fleischhauer ausserordentliches.

Fleischhauers Aufsatz

Das Original und weitere lesenswerte Beiträge finden sich auf der Schrottpresse.

 
Kommentare deaktiviert für Fleischklopfer: Lang lebe das Feuilleton

Verfasst von - 27. April 2011 in Journalismus, Kolumne, Kultur, Medien

 

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