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Stadtkind

27 Apr

Bekanntlich wohne ich in einer äußerst ländlichen Gegend, so mit Kühen, Schafen, Füchsen, Hasen, Iltissen, Wildkatzen, Luchsen, Greifvögeln und sogar einem (bekannten) Waschbär. Also, nicht, daß ich ihn jetzt persönlich kenne, aber er wird immer an derselben Stelle gesehen, da kann man getrost davon ausgehen, daß er dort wohnt. Vielleicht noch seine Frau und seine Kinder, so genau bin ich über die Familienverhältnisse nicht informiert.

Wo war ich? Ach ja. Stadtkinder. In einem ähnlichen Dorf wie das, in dem ich lebe, bin ich aufgewachsen. Da lernt man einen ziemlich unbefangenen Umgang mit diesem ganzen Natur- und Draussen-Zeugs. Man weiß, welche wild wachsenden Früchte und Kräuter man essen kann und wovon man besser die Finger läßt. Daß man nichts ganz unten von Sträuchern nimmt, auch keine superleckeren Himbeeren. Daß man Kühe besser nicht zu reiten versucht. Daß es weh tut, von Bäumen zu fallen oder in Stacheldrahtzäunen hängenzubleiben (auf der Flucht vor dem Bauern, dem man, also: ich, Pfirsiche geklaut hat). Daß es bei der vierten zerrissenen Hose Ärger gibt, aber das ist in der Stadt nicht anders. Da gibt es nur weniger Gelegenheiten.

Landkinder wachsen zunächst in dem festen Glauben auf, Kinder seien Kinder und irgendwie alle so ähnlich. Na ja, manche doof, andere nett, aber sonst eben normal. Bis sie ein Stadtkind kennenlernen. Zu meiner Zeit™ waren zwar Kühe in den Vorstellungen landfern aufgewachsener Kinder noch nicht lila, dennoch hatte ich einen kleinen Kulturschock. Wohlgemerkt: Wir hatten Auto, Telefon, Radio, Phonotruhe und später den ersten Farbfernseher im Dorf, jede Menge Verwandtschaft in der Stadt und Gott weiß wo, und mit fünf war ich das erste Mal in der Oper (Humperdinck). Aber ein Landei.

Das Ärmste war zum ersten Mal in seinem Leben woanders als in der Stadt; wir waren ungefähr sieben oder acht Jahre alt. Wer damals einen Wohnwagen hatte, fuhr nach Italien, Elkes Eltern hatten aber keinen. Sie logierten im örtlichen Landgasthof für bessere Leute, was damals noch hieß, Bad auf dem Flur und Gemeinschaftstafel (nein, table d’hôte hieß das da schon nicht mehr). Nix Frühstück von sechs bis elf, um acht stand es auf dem Tisch, und wer bis spätestens Viertel vor neun nicht da war, bekam eben nichts mehr. Wenn man neben jemand saß, den man nicht besonders mochte, hatte man Pech gehabt. Elkes Eltern waren also froh, daß wir ihnen das Kind für den restlichen Urlaub so gut wie vollständig abnahmen, so daß sie etwas unabhängiger wurden.

Kennengelernt hatten wir uns beim Einkaufen im dörflichen Laden, der eigentlich eine Metzgerei war, aber auch sonst fast alles hatte. Wir kauften Brot, Eier, Aufschnitt und Käse, Elkes Mutter wollte Erfrischungstücher (sechziger Jahre, sagte ich es?). Wir waren noch nicht ganz draussen, als ich schon rausplatzte: „Mutti, was sind Erfrischungstücher?“ Parfum kannte ich und wußte, daß man die Flaschen nicht ausschütten durfte, obwohl sie leer ja viel schöner waren und man etwas Praktisches hineintun konnte (Wasser aus der Regentonne zum Beispiel, mit diesen interessant wimmelnden kleinen Tierchen drin). Auch, daß Tante Ida gelegentlich etwas von dem Stinkzeug auf ihr Taschentuch spritzte und sich damit erst Schläfen und Nacken betupfte und dann die Hände damit ein- oder abrieb („nimm doch Wasser!“). Aber Erfrischungstücher?

Die Erklärung hatte mich wohl nicht ganz zufriedengestellt, denn am nächsten Tag lauerte ich auf Elke. Cleveres Kerlchen, das ich war, war ich zum Spielplatz gegangen, weil ich sie irgendwie dort vermutete, und hatte Erfolg. Wie Kinder sich eben so kennenlernen: Woher kommt ihr? Gehst du schon in die Schule? Was machst du denn so den ganzen Tag?, und so weiter. Alles mit dem Ziel, mehr über Erfrischungstücher zu erfahren, wobei Elke aber auch sehr nett war. Kurz und gut, sie besorgte mir natürlich eines und meine Neugier war gestillt. Fand ich zwar blöde und sah den Sinn überhaupt nicht ein, aber na ja – Erwachsene eben.

Wir waren ziemlich bald unzertrennlich. Elke fand alles, was ich machte, höchst aufregend oder geheimnisvoll oder einfach toll. Angestellt hat sie sich überhaupt nicht, und nachdem meine Mutter ihrer Mutter klar gemacht hatte, daß man Kinderklamotten schließlich waschen könne, hörte auch der Stress mit dem „mach dich nicht schmutzig, ja?“ auf. Elke bekam eine meiner derben Hosen verpasst, und los ging’s. Und nix Gummitwist oder Hexenkästchen oder Brettspiele!

Radfahren. Das Kind konnte nicht Rad fahren! In einer Gegend, wo die Kinder schon auf Minifahrrädern aus dem Bauch kommen, ein absolutes Unding. Mit Freund Uwis Hilfe mußte Elke also erst mal diese sinnvolle Fortbewegungsart lernen. Ging auch ganz gut, mehr als eine Manchesterhose hat sie nicht dabei verschlissen. Danach waren wir frei wie der Wind und konnten überall hin, auch zum Fluß, in dem man – unterhalb der Mühle – herrlich baden konnte. Richtig schwimmen konnte sie natürlich auch nicht, und reinspringen nur mit zugehaltener Nase. Du meine Güte! Es gab ein seichtes Ufer und sehr wenig Strömung, also konnte Elke nach einer Woche schwimmen. Daß man vom Wasser aus keine Seerosen pflücken darf und nicht ins Schilf schwimmt, hat sie ebenfalls schnell begriffen, als plötzlich Unterwasser-Arme nach ihr grabschten.

Das mit dem Klettern hat nicht so geklappt. Sie hat einfach nicht kapiert, daß Arme und Beine dabei unterschiedliche Dinge tun müssen und nach unten hauptsächlich Luft ist. Aus denselben Gründen hat auch Paddeln nicht funktioniert. Pfirsiche klauen ging allerdings sehr gut, ich hab sie auf meine Schultern gesetzt und Uwi für mich Räuberleiter gemacht; das hat sich echt gelohnt. Für die üblichen Disziplinen wie Kirschkernweitspucken war es schon zu spät im Jahr, aber das geht auch mit Pflaumenkernen ganz gut. (In dieser Nacht musste Elke bei uns schlafen, weil sie nicht mehr bis zum Gasthof gekommen wäre, auch nicht mit dem Auto. Tante Ida hat ihr Umschläge gemacht und Kamillentee gekocht.)

Dichthalten konnte sie auch. Einer unserer Lieblingsspielplätze war ein alter Bunker mit verzweigten Gängen, und irgendwie wußten wir, daß die Erwachsenen das nicht gut gefunden hätten. Es roch dort modrig und war bis auf die Strahlen der Taschenlampe düster, aber es war der einzig vernünftige Platz, um Schatzsuche zu spielen. Das ging immer arbeitsteilig: Willys Truppe versteckte einen Schatz für uns, wir nach dem Auffinden dann wieder einen für sie. Man soll nicht glauben, wie viele Verstecke es in einem Bunker gibt. Blöd war bloß, daß ab und zu auch Landstreicher dort übernachteten; wir wussten nie, ob einer drin war. Im Zweifelsfall waren dann alle furchtbar erschrocken.

Irgendwann waren die Ferien zu Ende. Elke und ich haben uns noch zwei Mal wiedergesehen und viele Jahre geschrieben. Später hat sie ihrer Mutter mal erzählt, was wir alles angestellt haben, und daß das die schönsten Ferien ihres Lebens waren. Der Mutter ist im Nachhinein noch ganz übel geworden.

Und was mache ich? Lache mir über vierzig Jahre später einen Kerl aus der Stadt an. Jetzt geht das wieder los.

 
20 Kommentare

Verfasst von - 27. April 2011 in Leben, Mensch bleiben, Unterwegs

 

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20 Antworten zu “Stadtkind

  1. Sabine Engelhardt

    27. April 2011 at 18:05

    Du bringst ihm jetzt also auch das Radfahren und Schwimmen bei, und wie man Pfirsiche klaut? ;-)

    Gruß, Frosch

     
  2. frauziefle

    27. April 2011 at 18:27

    schätze, eine räuberleiter zum pfirsichklauen wird nicht mehr nötig sein?
    ich kann berichten, dass sich erfrischungstüchlein noch bis in die späten achtziger gehalten haben. (im handschuhfach. „und fass bloß nichts an vorher, kind“)

     
  3. pantoufle

    27. April 2011 at 18:45

    Das ist sooo schön! Einen kleinen Fluß hatten wir hinter dem Haus – ach, warum eigentlich älter werden?
    Hast Du ein schönes Bild gemalt!
    Gruß,
    Pantoufle

     
  4. opalkatze

    27. April 2011 at 18:59

    Rad fahren und Pfirsiche klauen kann er (Äpfel und Kirschen auch), mit dem Schwimmen hapert’s, aber das wird auch nix mehr ,)

     
  5. opalkatze

    27. April 2011 at 19:00

    Nö, geht mittlerweile ohne, aber hier gibt es keine :(

    Boah nee, ich kann die Dinger bis heute nicht leiden.

     
  6. opalkatze

    27. April 2011 at 19:03

    Orrrr, freut mich von dir besonders :) *strahl*

    Hat sich bei mir mit dem Älterwerden nicht großartig geändert … Darum (u.a.) wohne ich ja auch wieder auf dem Land. Ich bin nicht mehr so gelenkig, aber immer noch zu allen Schandtaten bereit. Der Liebste passt ganz gut dazu ,)

     
  7. der_emil

    28. April 2011 at 00:57

    Hm … Irgendwie war ich jetzt dabei, damals, beim Seerosenpflücken (hab ich 1970 zum ersten Mal i Mecklenburg versucht) …

     
  8. opalkatze

    28. April 2011 at 02:10

    Da du noch schreiben kannst, ist offensichtlich nichts passiert :)

     
  9. Harry

    28. April 2011 at 06:02

    Frau Bunse, wie ham Sie´n das geschafft? Sie sind wieder im Porteifeu des FB v. Sch., vulgo Binsenbrenner? Ist Ihnen zu gratulieren oder zu kondolieren? fragt Harry

     
  10. Lakritze

    28. April 2011 at 09:21

    Was für eine schöne Geschichte. Und viel Erfolg beim Unterricht in Land-Überlebenstechniken. :)

     
  11. opalkatze

    28. April 2011 at 09:40

    Oh, ich bin zuversichtlich. Andererseits bin ich ja nach vielen Jahren in richtig großen Städten durchaus in der Lage, mich zeitweilig gesittet zu benehmen. Best of both worlds. Hochdeutsch konnte ich Gott sei Dank schon immer, es sollte also nicht allzu schlimm werden. Er hat ja auch gute Anlagen …

     
  12. opalkatze

    28. April 2011 at 10:34

    Oh, danke für den Hinweis :)

     
  13. benedetto

    28. April 2011 at 10:35

    Wie wahr, wie wahr…
    Bei mir als Kind der 80er ist das alles zwar noch nicht so lange her, aber ich finds immer wieder amüsant, wenn so Stadtkinder von Ihren Pfadfinderlagern erzählen ;-)

    Ich denk mir dann immer „Hm, hab ich das ganze Jahr über gemacht, nur ohne Zelten und ohne nervige Betreuer“

    Danke für diesen schönen Text!

     
  14. opalkatze

    28. April 2011 at 10:43

    Ja, das Schlimmste war eigentlich wirklich das Gemecker, wenn mal wieder was zerrissen war. Das passierte ja öfter, und dann war immer ein Ausflug in die Stadt nötig, um Klamotten zu kaufen – was alle gehasst haben. (Mag ich bis heute nicht.) Immerhin gab es dann auch stets etwas ’nebenbei‘ …

     
  15. Frank Benedikt

    28. April 2011 at 13:17

    Erschreckend, nicht?

     
  16. Volker

    28. April 2011 at 14:57

    Jaja, die wilde Kindheit.. :)

    wenn man sich das Theater anschaut, das heute manche Eltern machen wenn die Kinder mitm Kratzer heimkommen, fragt man sich schon: Verdammt, wie sind wir nur groß geworden? :))

    (Obst und Karotten frisch vom Garten essen ohne groß zu waschen und auf Bäume klettern oder Rad fahren + die ganzen kleinen Unfälle, die dabei nicht ausbleiben)

     
  17. opalkatze

    28. April 2011 at 16:24

    Und die Eltern wundern sich, daß ihre Sagrotan-gepflegten Kinder dauernd krank sind, Allergien kriegen und ja soo empfindlich sind …

     
  18. haekelschwein

    29. April 2011 at 13:32

    Sehr schön!

     
  19. opalkatze

    29. April 2011 at 13:49

    Artigen Dank :)

     
 
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