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Sprache: Einfaches kompliziert und Triviales schwierig

04 Mai

„Das grausame Spiel, Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken, wird leider traditionell von vielen Soziologen, Philosophen usw. als ihre legitime Aufgabe angesehen. So haben sie es gelernt, und so lehren sie es. Da kann man nichts machen.“ Karl Popper

Es mag daran liegen, daß ich gerade an der Hausarbeit für das Modul Journalistisches Texten bin, oder daran, daß ich mich schon immer für Sprache interessiert habe. Jedenfalls fiel mir dieser Beitrag im Spiegel sofort auf: Warum Wissenschaftler ihre Leser quälen. Darin geht es zwar um „verschwurbeltes Hochschuldeutsch“, aber bei allem, das man so liest und hört, muß man gar nicht unbedingt bei den Forschern anfangen. Andere können das auch ganz gut.

Bei fast jedem Politikerinterview rollen sich meine Fingernägel auf, wenn die befragenden Journalisten die Zombieworte und aussagefreien Sätze unerwidert lassen, nicht nachhaken und sie womöglich selbst wiederholen. Seltene Lichtblicke gibt es bei Frau Slomka im ZDF, meist aber ist es zappenduster. Anne Will, Frank Plasberg und wie sie alle heißen, machen zwar schrecklich aufgeregte Sendungen, überlassen jedoch dabei die Gäste weitgehend den eigenen Tiraden, bis es sich anhört, als wollten alle zusammen singen. Das heißt dann investigativ.

Gestern Abend habe ich Heiner Bremer im „Duell“ mit Gerhart Baum und Uwe Schünemann gesehen – hat mir ganz gut gefallen. Da ich sonst keine Privatsender gucke, war ich ziemlich überrascht über – ausgerechnet – n-tv. Nicht die ganz große Nummer, aber spannend gemacht und vor allem: es wurde nachgehakt, erklärt und präzisiert; schließlich sollen ja alle verstehen, worum es geht.

Das Gefühl drängt sich aber auf, als zeige es einen hohen Bildungsgrad, wenn man möglichst verklausuliert spricht oder schreibt. Mein Lieblingsbeispiel ist Norbert Bolz, der sein jeweiliges Zielpublikum immer gerade ein ganz klein wenig überfordert. Er kann auch verständlich, das scheint ihm aber im Allgemeinen nicht zu gefallen. Er ist übrigens Medienwissenschaftler.

Einer, der die Plastikworte regelmäßig entlarvt, ist der Linguist Martin Haase auf dem Blog Neusprech, das er zusammen mit dem Journalisten Kai Biermann betreibt. (Vorschläge sind dort immer willkommen.)

Selbst politische Ereignisse und Zusammenhänge kann man einfach beschreiben. Es ist auch durchaus möglich, komplexere Zusammenhänge in verständlicher Sprache darzustellen: Die ScienceBlogs und die WissensLogs sind ausgezeichnete Beispiele, daß es Wissenschaftler gibt, die geradeaus schreiben können. Mag sein, daß ihnen etwas daran liegt, verstanden zu werden und tatsächlich ganz normalen Menschen Wissen zu vermitteln.

 
8 Kommentare

Verfasst von - 4. Mai 2011 in Journalismus, Kultur, Medien, Politik

 

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8 Antworten zu “Sprache: Einfaches kompliziert und Triviales schwierig

  1. VonFernSeher

    4. Mai 2011 at 14:58

    Ich glaube nicht, dass es sich dabei um ein Problem von Wissenschaftlern handelt. Es ist das Problem, dass man schon in der Schule (meistens) nicht lernt, wie man gute Texte schreibt. Bei den Wissenschaftlern merkt man es nur schneller, weil man ja meistens gerade kein Experte für das Fachgebiet ist.

    Ich bin jedenfalls froh, dass ich ausnahmslos fähige Deutschlehrer(innen) hatte, die uns das einigermaßen gerade beigebracht haben. Ich bilde mir ein, man merkt es. (Und bei vielen anderen bilde ich mir oft ein, man merke, dass fähige Deutschlehrer(innen) Mangelware sind. Ich bin ja mal wieder gar nicht arrogant heute.)

     
  2. opalkatze

    4. Mai 2011 at 15:25

    Och, das bist du doch fast nie … ,) Aber Recht haste. Leider.

     
  3. rauskucker

    4. Mai 2011 at 16:31

    Das verblüfft mich: es soll Schullehrer geben, die sich bemühen, den Kindern gutes Schreiben beizubringen? Ich erinnere mich nur an solche, die irgendwelche Grammatikfehler angestrichen haben. Oder: „Das ist Unsinn!“ Und die „Handschrift“ haben sie benotet.
    Wenn ich es ein Wenig gelernt habe, dann nur aus der Lektüre von guten Autoren.

     
  4. opalkatze

    4. Mai 2011 at 17:21

    Ja, gab es und gibt es noch. Ich hatte auch solche Prachtstücke. Bei uns zu Hause hätte es aber auch auf die Finger gegeben, wenn ich nicht ‚ordentlich‘ geschrieben hätte. Bloß ’ne Sauklaue hab ich.

     
  5. Julia

    4. Mai 2011 at 17:31

    Das Problem ist ja, das diese Sprache in der Wissenschaft, zumindest in Deutschland, die „ordentliche“ Sprache ist. Mein Eindruck ist, das man dadurch zeigen will, wie klug und gebildet bzw. elitär man ist. Meiner Meinung nach kann aber jemand, der einen Sachverhalt wirklcih verstanden hat, ihn meistens auch klar und verständlich formulieren. Leider wird das nicht gewünscht, man wird ja an der Uni mehr oder weniger dazu gedrängt so zu schreiben. Wer es nicht studiert hat, darf es auch nicht verstehen. Außerdem täuschen solche Worthülsen und Satzkonstrukte ja auch wundervoll über inhaltsleere Passagen hinweg.

     
  6. opalkatze

    4. Mai 2011 at 17:51

    Sag ich doch :) Dabei sollte die Wissenschaft sich alle Mühe geben, die Menschen zu erreichen und mit ihnen einen wirklichen Dialog zu beginnen. Gott sei Dank – es gibt ja Internet und darin viele, viele gute und lehrreiche Blogs.

     
  7. Nic

    5. Mai 2011 at 22:19

    Ich meine, dass deutsche Wissenschaftsliteratur / -autoren ausnahmsweise mal in die Lehre gehen sollte bei den Angloamerikanern. Die o.g. Kollegen von den ScienceBlogs haben das gut verstanden. Und schreiben eben so.

    Mein Lieblingsbeispiel: es ist kaum möglich, sich auf Deutsch als Laie etwas über Genetik einzupauken… Und dann las ich Dawkins. Ich glaube, bei dem habe ich mehr über Biologie gelernt als in all den Jahren zuvor.

     
  8. VonFernSeher

    5. Mai 2011 at 22:56

    Das ist mit Sicherheit oft so. Aber man kann es doch auch mal anders probieren. Mir hat noch keiner gesagt, ich solle doch bitte etwas verklausulierter schreiben.

    Und inhaltsleere Passagen kann man auch einfach weglassen. Es reichen ja auch 120 statt 150 Seiten Studienarbeit. Vielleicht würde den Ingenieuren und Naturwissenschaftlern das Wort „Laberfach“ dann auch nicht mehr so schnell über die Lippen kommen. (Nicht, dass wir nicht auch labern können.)

     
 
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