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Das hilft immer

16 Mai

Tom König hat in der SpOn-Warteschleife was über Apotheker geschrieben. Ich kann dazu eine passende Ergänzung anbieten.

Zu der Gemeinde, in der ich lebe, gehören 25 Ortschaften. In einem Flächenland gibt es in jeder Ortschaft alles, außer einem Kaufladen, einem Bäcker, einem Metzger, einem Doktor und einer Apotheke. Auf etwa sechs bis zehn Dörfer kommt ein Kaufladen, die restlichen Annehmlichkeiten gibt es nur im Hauptort. Benötigt man etwas Besonderes (z.B. Lamm statt Schweine- oder Rindfleisch) oder will Auswahlmöglichkeiten, muß man in die Kreisstadt. An sich alles kein Problem.

Unser Apotheker sitzt in der Gastwirtschaft – erstes Haus am Platz, wie es sich geziemt – in der gleichen Runde wie schon anno dunnemals: Doktor, Lehrer (männlich), Jagdherr, Journalist (Wochenendhausbesitzer), gelegentlich der Pastor. Wie damals erfreut er sich bei Erledigungen in der Gemeinde allgemeinen Respekts; nicht, weil er so beliebt wäre – er ist eben der Apotheker. Für die Alten kommt er direkt nach dem Doktor, geniesst also mindestens halbgottähnliches Ansehen. So führt er sich auch in seinen Geschäftsräumen auf.

Die Angestelltinnen, die er hat, kuschen vor ihm wie vor einem Dienstherrn vergangener Tage. Die Lehrlingin erlernt nicht den Beruf der Apothekenhelferin, sie darf ihn erlernen. Das wird sie über Jahre in etwas Besseres verwandeln, trägt sie doch einen blütenweißen Kittel, muß sich die Hände nicht schmutzig machen und kann schwierige Worte richtig aussprechen. Sowas hebt ungemein, daher sind die jungen Damen bereits nach dem ersten Lehrjahr äußerst hochnäsig. Der Chef selbst kommt nur in den Verkaufsraum, wenn es ein schwieriges Problem oder eine der Herrinnen der umliegenden Landsitze sich die Ehre gibt. Dann umschwebt ihn etwas wie die Aura des Herrn Generaldirektors, der eben seinen jovialen Tag hat.

Wir Normalsterblichen, vor allem weiblichen Geschlechts, sind dagegen seiner Gnade, oder besser: Ungnade, schutzlos ausgeliefert. Nicht nur, daß wir medizinische Vollidioten sind und nicht einmal die Schrift des Doktors lesen können, man muß uns auch mindestens dreimal erklären, wie wir Pastillen und Säfte einzunehmen haben (daß uns der Doktor bereits ein Zettelchen mit den Anweisungen zugesteckt hat, verraten wir dem Herrn Apotheker nicht). Immer gibt es eine Einführung in die wunderbare Welt der Pharmazie, etwa durch Empfehlung zusätzlich zu kaufender Aufbau-, Stärkungs- oder Nahrungsergänzungsmittelchen und deren unbestreitbarer Wirkmächtigkeit. Solcherart belehrt, wagen wir es, nach stattgehabter Bezahlung etwa noch nach einem Handcrèmepröbchen zu fragen oder uns eines der ausliegenden Blättchen zu erbitten, was allergnädigst gewährt wird, jedoch nicht ohne den Hinweis, daß er, der Herr Apotheker, diese Aufmerksamkeiten teuer bezahlen muß.

Ganz arg wird es im Notfall. Da die Apotheke sich im sechs Kilometer entfernten Nachbarort befindet, kann es notwendig werden, sich von dort beliefern zu lassen. In der Stadt gibt der Arzt in einem solchen Fall das Rezept an die Apotheke, die Arzneien werden einmal täglich zu den Patienten gebracht, und fertig. Hier sind mehrere Telefonate vonnöten.

„Bunse, ich habe mir den Fuß gebrochen, könnten Sie mir etwas gegen die Schmerzen verschreiben?“ „Ja, ich sag’s dem Herrn Doktor. Rufen Sie schon in der Apotheke an?“ Ich, zähneknirschend: „Ja, danke, ich kümmere mich drum.“

„Bunse, gleich kommt ein Rezept von Dr. XY. Könnten Sie mir die Medikamente bitte zustellen?“ „Nein, da müssen Sie schon eben vorbeikommen.“ „Ich kann nicht selbst kommen, ich habe den Fuß gebrochen.“ „Haben Sie niemanden, der Ihnen das holen kann?“ „Nein, die Nachbarn arbeiten tagsüber.“ „Haben Sie auch keinen, der es von hier mitbringen kann?“ „Wie gesagt: Die Nachbarn arbeiten, und nach Feierabend ist die Apotheke schon zu.“ „Vielleicht könnte morgen früh jemand vor dem Dienst die Sachen abholen?“ „Ich glaube nicht, es fährt morgens niemand in die Richtung.“ „Ja – [bedeutungsschwere Pause] – das ist schlecht – “

An dieser Stelle sind Erfahrung und Fingerspitzengefühl gefragt. Am besten wirkt der sanfte Hinweis, man könne sich die Medikamente künftig ja auch aus der Kreisstadt schicken lassen (ist blöde, weil von dort nur alle zwei Tage geliefert wird, aber das verschweigen wir tunlichst).

Jetzt kommt das recht Eigentliche: die Bezahlung. Der Fuß ist kaputt, man kam nicht zur Bank, man müsste die Rechnung per Überweisung begleichen.

Entsetztes Quieken: „Wie stellen Sie sich das denn vor?!“ „Nun, das sollte per Online-Banking eigentlich kein Problem sein. Geben Sie mir doch bitte Ihre Bankverbindung durch.“ „Also – da muß ich erst mal mit dem Herrn Apotheker sprechen – “ [Geraschel, längere Pause. Dann kommt der Chef höchstpersönlich ans Telefon. Womit hab ich das verdient?] „Guten Tag, Frau Bunse. Also, das geht so nicht. Haben Sie nicht jemanden,“ … [Rücksprung, Fortsetzung siehe oben].

Nach Durchlaufen der zweiten Schleife und weiteren fünf Minuten einigt man sich endlich, daß man es dieses eine Mal, aber nur ganz ausnahmsweise, und Sie erzählen auch niemandem davon, …

Bei meinem nächsten Besuch im Städtchen habe ich eine reizende, servicewillige Apothekerin kennengelernt. Sie bot mir an, in Zukunft Bestellungen jeweils abends zu liefern, wenn der Doktor das Rezept vorab faxt. Ohne Aufpreis, „wir klappern ja sowieso abends die Dörfer ab“; das mit der Bezahlung sei kein Problem. Sie hat mir eine hübsche Pillendose geschenkt. Und zuletzt hat sie mir noch erzählt, daß der Herr Apotheker in Wirklichkeit Diplomkaufmann ist.

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10 Kommentare

Verfasst von - 16. Mai 2011 in Glosse, Mensch bleiben

 

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10 Antworten zu “Das hilft immer

  1. Sabine Engelhardt

    16. Mai 2011 at 19:27

    Da habe ich hier in Düsseldorf sehr andere Erfahrungen. Könnte allerdings auch daran liegen, daß hier in der Ecke, in der ich wohne, etwa 4 oder 5 Apotheken sich quasi gegenseitig auf der Pelle sitzen. Ein so massiver Konkurrenzdruck hebt doch ganz gewaltig die Dienstleistungs-Mentalität. :-)

    Ergänzungsmittelchen sind mir bislang in keiner der Apotheken aktiv angeboten worden. Sie haben zwar so diverses Zeug im Schaufenster stehen, aber es kam noch niemand auf die Idee, mich explizit darauf hinzuweisen. Egal ob Erkältungs-, Diät- oder Aufbaumittelchen. Die Apothekerin in meiner Stamm-Apotheke gleich an der Ecke und ihre Mitarbeiter sind freundlich und kompetent. Sie wissen, was sie da herausgeben, und empfehlen bei Anfragen ohne Rezept, z.B. bei einer Erkältung, für die man nicht zum Arzt will, keine suspekt erscheinenden Mittel.

    Wenn etwas nicht vorrätig ist, bieten sie mir von selbst an, das Medikament zu liefern, sobald es verfügbar ist (meistens kommen sie dann am späten Nachmittag, und meistens noch am selben Tag). Nun ja, ist auch nicht weit. Und sie kommen auch wirklich in den 5. Stock die Treppen hoch bis an die Wohnungstür.

    Wenn man warten muß, wird den Kunden ein Sitzplatz angeboten, und wenn einem schwummrig ist, ganz selbstverständlich auch ein Glas Wasser. Und wer mag, kann sich auf einer geeichten Waage wiegen lassen, selbstverständlich kostenlos.

    Die Öffnungszeiten sind allerdings sehr konservativ, das ist wohl durchgehend so. Letztens mit der Gastritis war ich schon früh um 7 zum Arzt gegangen und stand dann mit einem Rezept vor der noch verschlossenen Apotheke — man öffnet um 8:30 Uhr. Allerdings brauchte ich dieses Medikament nicht so dringend, es war nur ergänzend gedacht. Das wichtigere Medikament hatte ich direkt vom Arzt bekommen — war ein „unverkäufliches Muster“.

    Gruß, Frosch

     
  2. VonFernSeher

    16. Mai 2011 at 19:43

    Also, unser Dorfapotheker (am Stammsitz nicht so weit weg von dir) lässt sogar eine eigene Webseite haben. Was natürlich auch nichts nützt, wenn der nachts zuhat und die Notfallapotheke 30, 40 km weiter liegt. Da hilft dann aber auch keine Onlineüberweisung. Da darf man sich halt nichts brechen, was man zum Autofahren braucht. Ansonsten muss das verletzte Stück halt zurückgelassen werden, so ist das auf dem Land und so war das auch schon immer und so wird das auch noch bleiben ;)

    Ansonsten finde, ich schrieb es hier schon mal irgendwo, die Versorgungslage im Flächenland geradezu traumhaft. Ich war schon in „Dörfern“ mit 60.000 EInwohnern in Metropolregionen, da ist gerade als letzter Gewerbetreibenede der Bäcker weggezogen. Da finde ich das auf dem Land doch sehr angenehm.

     
  3. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    16. Mai 2011 at 20:08

    Tja, was soll man da noch lange sagen/schreiben? Das Leben selbst schlägt jede Satire!

    Empfehlung:
    Schreib‘ ein Skript, reiche es einem der Satiriker weiter und schon hat der Apotheker (muß natürlich irgendwie sich selbst angesprochen fühlen können, ohne direkt – ist ja verboten – genannt zu werden) seine Hochnase los.

    Im Ergebnis hast Du/haben wir dann was zu lachen; soll gesund sein ;-)

     
  4. opalkatze

    17. Mai 2011 at 21:17

    Ja, wie gesagt, in der Stadt …

     
  5. opalkatze

    17. Mai 2011 at 21:20

    Nee, die ärztliche bzw. Notfallversorgung ist gut. Bei schweren Sachen ist der Hubschrauber in 10 Minuten da, und auch sonst klappt alles. Das zuständige Kreiskrankenhaus ist dank der Nähe zur US-Air Base bestens ausgestattet. Bloß dieser kleine Gott spinnt.

     
  6. opalkatze

    17. Mai 2011 at 21:22

    Nein. Das wäre ein Leichtes, doch wenn ich das wollte, würde ich bei den Kollegen von istlokal.de mitmachen. Womöglich werde ich das demnächst tatsächlich tun; darüber werde ich im Oktober nachdenken.

     
  7. Enno

    18. Mai 2011 at 15:46

    Verlange nächstes mal in der Apotheke einfach irgendwas. ;) http://acid.soup.io/post/132264072/Image

     
  8. Christof

    18. Mai 2011 at 15:59

    Wer ist denn dann der Apotheker, wenn der Herr Apotheker Diplomkaufmann ist? Oder ist er sowohl als auch?

     
  9. opalkatze

    18. Mai 2011 at 16:10

    Nächste Frage, weiß ich noch nicht. Hörte sich an, als habe er kein Pharmastudium, aber ehe ich so etwas behaupte, seh ich lieber noch mal genau hin.

     
  10. opalkatze

    18. Mai 2011 at 16:12

    *kicher* Das ist ja wohl nur gut :D

     
 
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