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Das Social-Media-Missverständnis

17 Mai

Christiane Schulzki-Haddouti fasst auf evangelisch.de unter dem Titel Geliebtes, gehasstes Social Media zusammen, wie Journalisten in Deutschland Social Media sehen und benutzen. Sie hat auch mich dazu interviewt; demnach gehöre ich anscheinend zu einer noch relativ kleinen progressiven Gruppe. Daß sie klein ist, hängt auch mit dem Verständnis der Mechanismen zusammen, nach denen soziale Netzwerke funktionieren.

Aktuell stellt DRadio Wissen fest, daß die Berichterstattung über die Festnahme Dominique Strauss-Kahns auf Twitter begann, lange, bevor sie über die Agenturen bekannt wurde.

Susanne Fischer schreibt bei MAGDA über das Misstrauen, das Twitter und Facebook entgegengebracht wird:

Unter rein journalistischen Aspekten verletzt es sicher das Neutralitätsgebot, sich fast ausschließlich auf eine Seite des Konflikts als Quelle zu verlassen.

Doch ist es wirklich nur noch „die eine Seite“ der Geschichte, wenn in Zeiten von Facebook und Twitter Hunderte, ja Tausende von Syrern ihre Bilder, ihre Eindrücke in die Welt schicken? Sorgt die schiere Menge von Fotos und Videoaufnahmen, die im Netz zirkulieren, nicht für einen gewissen Schutz vor Fälschung? Wenn ich ein Video sehe von einer Demonstration im Dorf X, in dem bewaffnete Sicherheitskräfte auf unbewaffnete Demonstranten schießen, kann ich noch fragen: Ist das echt?

Von „hyperventilierender Berichterstattung“ und „ungefiltertem Häppchen-Journalismus“ spricht Ulrike Langer und sieht die Vorteile des Netzes in „ausgeruhten“ Hintergrundberichten statt Newstickern und Panikmache. In einem DRadio-Gespräch (ab 13:05) schildert sie, wie man Twitter als journalistisches Werkzeug nutzen kann, indem man sich geduldig eine Timeline aufbaut und eigene Filter schafft.

Das Social-Media-Missverständnis besteht darin, man müsse sich auf Quellen verlassen, die nicht verifizierte Nachrichten ins Netz spucken. Das ist jedoch nicht einmal die halbe Wahrheit.

Twitter wie Facebook sind keine mal-eben-schnell-Informationsquellen. Um auf Ereignisse vorbereitet zu sein, bedarf es einer soliden, verlässlichen Planung. Im Ereignisfall muß man seine Nachrichtengeber kennen und einschätzen können, wie zuverlässig ihre Meldungen sind.

Steffen Leidel hat eine Anleitung geschrieben, wie man planerisch vorgehen kann, um bei außergewöhnlichen Nachrichtenlagen schnell reagieren zu können. Das bedeutet nicht vornehmlich das Vorhandensein von Accounts in verschiedenen sozialen Netzwerken, sondern vor allem deren sorgfältiger Aufbau und die Pflege über einen längeren Zeitraum. Nur dann ist es im Krisenfall möglich, schnell Informationen zu bekommen, deren Verlässlichkeit man einstufen kann und die sich für eigene Berichte verwenden lassen. Es ist auch keinesfalls unnütz, persönliche Kontakte zu knüpfen. Trotz der nicht ‚realen‘ Bekanntschaft entsteht eine Art Vertrauensverhältnis, das bei nachrichtlichen Ereignissen sowohl schnelle Rückfragen als auch Bitten um zuverlässige Hintergrundinformationen ermöglicht. Daß das in beiden Richtungen gegeben sein muß, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ein wenig Einblick in unser persönliches Umfeld wie in unseren Arbeitsalltag schaffen die Basis für ein solches Verhältnis.

Man kann also durchaus selbst dafür sorgen, daß die vielfältigen neuen Informationsquellen für den eigenen journalistischen Bedarf nutzbar werden. Wer sich allerdings nicht die Zeit nehmen mag, die der Aufbau eines solchen persönlichen Netzwerks erfordert, muß damit rechnen, daß ihm diese davonläuft. Fest steht: Die Behauptung, soziale Netzwerke seien als journalistisches Informationsmedium nicht geeignet, ist eine ganz schlechte Ausrede.


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Ein Kommentar

Verfasst von - 17. Mai 2011 in Journalismus, Kultur, Medien, Web 2.0

 

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Eine Antwort zu “Das Social-Media-Missverständnis

  1. AlterKnacker

    17. Mai 2011 at 20:15

    Ich persönlich nutze Twitter und Facebook nur als Träger für meine Beiträge im FIWUS. Etwas PR muss ja immer sein.

     
 
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