RSS

Toitsches Blut. Aus gegebenem Anlass.

16 Jun

„Denken Sie doch – was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie. Vom Rhein – noch dazu. Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas! Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ’ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie – das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flößer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus dem selben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach, was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.“

Aus: Carl Zuckmayer: Des Teufels General. (C) Bermann-Fischer Verlag, Stockholm 1946. Alle Rechte vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

(Zitat hier gefunden. Ich hätt’s auch abtippen können. Falls jetzt jemand wegen Zitatrecht kommt: Bitte schreiben Sie mir, wie Sie das noch kommentieren wollen?!)

 
6 Kommentare

Verfasst von - 16. Juni 2011 in Kaffeesatz, Kultur, Politik

 

Schlagwörter: , , , ,

6 Antworten zu “Toitsches Blut. Aus gegebenem Anlass.

  1. Roger Burk

    16. Juni 2011 at 21:00

    Top, Vera. Genau die richtige Reaktion!

     
  2. Ludwig Trepl

    18. Juni 2011 at 12:46

    So ganz koscher ist das auch nicht. Unter den Rassisten gab es, bevor sie von den Nationalsozialisten auf Linie gebracht wurden, auch solche, die nicht in der Rassenreinheit, sondern in der klugen Rassenmischung das Heil sahen. Aber Rassismus ist das halt auch: die Menschen werden nach ihrer „Rasse“ eingeteilt. – So ein Rassenmischungsrassismus hätte heute, scheint mir, wieder Chancen. Man kreuzt in seine leicht degenerierte deutsche Familie gezielt einen Asiaten ein, denn die haben, wie man in diesen Kreisen weiß, einige Gene, die für den Geschäftserfolg vorteilhaft sind.

     
  3. Robson Bottle

    18. Juni 2011 at 13:44

    Hab‘ ich irgendwas verpasst? Was war da jetzt der gegebene Anlass? @ Roger Burk: auf was war das die genau richtige Reaktion? Sorry, stehe wirklich auf’m Schlauch.

     
  4. VonFernSeher

    18. Juni 2011 at 16:30

    Ich wollte genau das nicht kommentieren und habe – im historischen Kontext – diese Kausalität geflissentlich überlesen. Zuckmayer würde das wohl so heute nicht mehr schreiben.

     
  5. Lakritze

    24. Juni 2011 at 11:43

    Zur Erinnerung: Dieser schöne Text stammt aus einem Theaterstück, das sagt der Fliegergenerals Harras zu einem jungen Nazi-Funktionär, der ihm ein »Problem« in seinem Stammbaum gesteht. Wörtliche Rede. Da würde ich Herrn Z. nicht zuviel Theorie unterstellen wollen.

     
 
%d Bloggern gefällt das: