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Der Google+-Streit um Pseudonyme

16 Jul

Gestern wurde der Google+-Account von @Ennomane gesperrt, und Teile der dortigen community nehmen starken Anteil an diesem schwer nachvollziehbaren Vorgehen Googles.
Sascha Lobo, Chris Sickendieck und Robert Basic haben Gescheites darüber geschrieben, Netzpolitik fasst kurz zusammen und SpOn war der Vorgang immerhin eine kleine Notiz wert. Mittlerweile hat es auch Nixe @Muschelschloss und @Sebaso erwischt.

Nachdem Google im Februar noch fand, für die Verwendung von Anonymität, Pseudonymisierung und Klarnamen gebe es jeweils triftige Gründe und sie könne durchaus nebeneinander bestehen, soll nun bei Google+ offenbar anderes gelten. In dem Februar-Rundbrief heisst es,

Peter Steiner’s iconic “on the Internet, nobody knows you’re a dog” cartoon may have been drawn in jest–but his point was deadly serious, as recent events in the Middle East and North Africa have shown.

Damit wird sicherlich das wichtigste Argument für anonymisierte Accounts genannt. Nun leben wir in Deutschland nicht in einer Umgebung, in der die Verwendung des Klarnamens zu Repression, Verhaftung, Folter und Tod führen kann. Es gibt aber grundsätzlich zwei weitere Gründe, die die Verwendung von Pseudonymen wünschenswert machen. Der Eine ist das Recht des Einzelnen, frei zu entscheiden, das in Teilen auch durch das Telemediengesetz gedeckt ist (siehe auch hier und hier).

Der zweite Grund ist die Bekanntheit einer Person unter ihrem Pseudonym im Netz. Die Nicknames der drei oben genannten Blogger und Twitterati sind mit der Zeit zu Marken geworden. Darunter sind sie auffindbar und in einer dem Netz entsprechenden Form identifizierbar. Selbst, wenn man ihre Klarnamen kennt, würde man nicht danach suchen, sondern eben nach dem jeweiligen Pseudonym.

An den Suchanfragen für mein Blog sehe ich jeden Tag, daß nach opalkatze bzw. Kaffee bei mir gesucht wird, Suchen nach Vera Bunse sind eher die Ausnahme. Jeder, der sich einmal ansatzweise mit Marketing beschäftigt hat, weiß, wie nützlich ein solcher ‚Markenname‘ ist. Ihn aufzubauen ist ein länger andauerner Prozess, der durch die bildliche oder gedankliche Verknüpfung der Äußerungen einer Person mit ihrer selbst gewählten Netzidentität belohnt wird. Wie jemand sich der digitalen Öffentlichkeit darstellen möchte, sollte unter allen Umständen ihm selbst überlassen bleiben; wer das nicht goutiert, ist zum Kontakt ja keineswegs gezwungen. Es käme ja auch niemand auf die Idee, einen bekannten Autor zur Benutzung seines wirklichen Namens zu zwingen, wenn er das nicht möchte.

Wie einige andere, habe ich mein Google+-Profil von Vera Bunse in opalkatze unterwegs geändert. Ich verlasse mich auf die Kommunikationsbereitschaft von Google, die bis jetzt als gut bezeichnet werden kann. Eine klare Linie ist wünschenswert und hat noch keinem Unternehmen geschadet. Der Dialog mit den Nutzern stellt ein nicht zu unterschätzendes Alleinstellungsmerkmal dar – vor allem gegenüber Facebook.

 
26 Kommentare

Verfasst von - 16. Juli 2011 in Datenschutz, Kultur, Netzpolitik, Web 2.0

 

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26 Antworten zu “Der Google+-Streit um Pseudonyme

  1. Maschinist

    16. Juli 2011 at 12:27

    Wenn man das schlecht findet oder ohne so ein Damoklesschwert der Sperrung leben will, macht man da einfach nicht mit.
    Eigenartige Haltung sich auf jeden Mist von Gugel zu stürzen und dann – natürlich unter Kritik und Protest – dabei zu bleiben. Steht jemand mit der Knarre hinter euch und zwingt euch bei Gugelplus zu bleiben?

     
  2. Sam

    16. Juli 2011 at 13:27

    Maschinist, ich nehme an das ist nicht dein echter Name ^^

     
  3. pjebsen

    16. Juli 2011 at 13:28

    Wie von Maschinist erwähnt, muss niemand einer Community beitreten, deren Regeln er nicht nicht anerkennen mag.

    Wer sich bei Google+ mit einem Marken- statt mit einem Realnamen präsentieren will, muss halt warten, bis die Fanseiten (oder wie immer das bei Google+ heißen wird) eingeführt sind.

     
  4. opalkatze

    16. Juli 2011 at 13:37

    @maschinist, @Peter
    Huhu … ? Darum geht es nicht. Im Umkehrschluß hiesse das, daß ich überhaupt Dinge, die ich benutzen möchte (aus den verschiedensten Gründen), nicht benutze, weil ein Teil daran mir nicht passt. Ich halte es für richtiger, meine Kritik zu äußern und zu versuchen, die Sache in meinem Sinn zu beeinflussen bzw. zu ändern.

     
  5. pjebsen

    16. Juli 2011 at 15:38

    @opalkatze, aus deiner Perspektive hast du natürlich recht. Vielleicht lässt sich Google ja durch die Proteste umstimmen (auch wenn ich das bedauern würde).

     
  6. opalkatze

    16. Juli 2011 at 16:23

    Nix gegen Klarnamen, aber ich möchte die Wahl haben. Vor allem unter dem hier beleuchteten Gesichtspunkt: Erst versuche ich mit Mühe und Ausdauer, einen ‚Markennamen‘ bekannt zu machen, dann soll ich plötzlich darunter nicht mehr zu finden sein? Nö. Kixka hat das auch kurz kommentiert: https://plus.google.com/112230818421916417670/posts/RQimyHKVxzq

     
  7. Kim

    16. Juli 2011 at 16:57

    Gut zusammengefasst. Meine Bedenken gehen noch etwas weiter, nämlich in Richtung unkontrollierter Datensammler wie FindPeopleonPlus.com

    http://ikim.at/2011/07/16/wenn-drittseiten-g-profil-daten-veroffentlichen/

    Freue mich auf Meinungen…

     
  8. pjebsen

    16. Juli 2011 at 17:03

    @opalkatze, Kixka Nebraska ist ein gutes Beispiel: Ich glaube nicht, dass sie gegen die Google+-Regeln verstößt, da sie unter dem Namen auch als reale Person auftritt. (Zum Beispiel mit mir beim DJV Hamburg – bei solchen Veranstaltungen mit hohem Non-Digital-Natives-Anteil unter den Besuchern würde ich ungern jemanden mit irgendeinem Phantasie-Markennamen ankündigen.)

    Bei reinen Markennamen sollte man meiner Meinung nach warten, bis die Fanseiten da sind.

    Es ist aber für mich kein großes Thema. Wenn sich Google umentscheidet, könnte ich damit sehr gut leben.

     
  9. opalkatze

    16. Juli 2011 at 17:41

    Na ja, Bedenken dieser Art sind hier wie anderswo ja schon reichlich geäußert worden. Mir ging es heute um den Markenaspekt.

     
  10. opalkatze

    16. Juli 2011 at 17:43

    Chris hat noch mal ein bekanntes, nichtsdestotrotz richtiges Argument gebracht: https://plus.google.com/103530505728523689178/posts/FfcWcTYnSum

     
  11. Sabine Engelhardt

    16. Juli 2011 at 18:24

    Mich interessiert vor allem, woran sie das festmachen wollen. Sabine Engelhardt ist mein Mädchenname, den ich auch im Netz verwende, aber nach meinem Personalausweis heiße ich Sabine Becker, geborene Engelhardt. (Warum ich mir den Mädchennamen nach der Scheidung nicht einfach wieder „geholt“ habe, steht hier).

    Oder anders: Wie real ist ein Realname? :-)

    Irgendwo habe ich das Argument gesehen, daß nach deutschem Recht ein Diensteanbieter die pseudonyme oder anonyme Teilnahme gestatten muß. Das Problem ist jedoch, daß sich Google nur dann um deutsches Recht schert, wenn es ums Zensieren geht, aber nicht dann, wenn es um Benutzerrechte geht …

     
  12. Derek Jefferson

    16. Juli 2011 at 19:59

    (Protect IP Act)
    Preventing Real Online Threats to Economic Creativity and Theft of Intellectual Property Act of 2011
    A bill to prevent online threats to economic creativity and theft of intellectual property, and for other purposes.
    This bill was considered in committee which has recommended it be considered by the Senate as a whole. Although it has been placed on a calendar of business, the order in which legislation is considered and voted on is determined by the majority party leadership. Keep in mind that sometimes the text of one bill is incorporated into another bill, and in those cases the original bill, as it would appear here, would seem to be abandoned………………
    Dieses Dokument meint im Grunde eine Gesetzesvorlage, in der Netzbetreiber und Websitenutzer sich” verletzenden Aktivitäten widmen” will sagen, dass der Gesetzestext derartig „großzügig“ ausgelegt ist, dass selbst Anonymität als Rechtsverletzung ausgelegt werden kann. Die US-Netzbetreiber werden darin einschwenken.

    Derek Jefferson

     
  13. Derek Jefferson

    16. Juli 2011 at 20:04

    items:
    26. Mai 2011 vom Rechtsausschuss des US-Senats einstimmig beschlossen.

     
  14. VonFernSeher

    16. Juli 2011 at 21:35

    Technische Identitäten sind immer konstruierte Identitäten und eine Vera Bunse, die mir im Netz begegnet, ist nicht realer als eine opalkatze. Der Unterschied ist wohl nur, dass sich die Nutzer, die schon vor 2.0 da waren, dieser Pseudonymität bewusst sind.

    Pseudonyme sind eben gerade nicht anonym; ich kann z.B. Verbindungen zur konstruierten Identität herstellen und Überzeugungen nachvollziehen. Diese Identität hat eine Historie und eine relative Position. Natürlich ist es einfacher im Internet zwischen seinen Identitäten und ihren Anhängseln zu springen. Das heißt aber doch nicht, dass es diese Identitätssprünge sonstwo im Leben nicht gäbe.

    Man kann von VonFernSeher relativ leicht auf einige meiner anderen Identitäten schließen, auf andere nicht. Das macht die Relativen aber nicht überflüssig. VonFernSeher bewegt sich in seinem Umfeld mit seiner Reputation und wieviel das wann mit mir zu tun hat, entscheide ich. Ob der VonFernSeher an sich eine schlüssige Identität ist, kann das Gegenüber zu jeder Zeit für sich beurteilen, ohne mir jemals begegnet zu sein.

     
  15. Derek Jefferson

    17. Juli 2011 at 08:44

    @Von Fern Seher

    Das ist sicher richtig, allein; das dürfte zukünftig eine Privateinsicht bleiben, den Netzbetreibern wird es aber vermutlich zukünftig kaum darum gehen, ob die persönliche Einstellung gewährt bleibt, sondern darum; ob ihre Milliardenumsätze innerhalb der Bill of Rights gewährleistet werden können. Es geht im Protect IP act nicht darum, ob Identitäten relativ zu ihren Aussagen nachvollziehbar sind, sondern um die Kontrolle der Netzbetreiber.

     
  16. JoSchaefers

    17. Juli 2011 at 22:14

    Jeder, der sich einmal ansatzweise mit Marketing beschäftigt hat, weiß, wie nützlich ein solcher ‘Markenname’ ist.

    Interessanter Gedanke. Du meinst, Google habe dich beim Aufbau einer Markenidentität zu unterstützen? Nun, die Sales-Abteilung (in HH, oder?) dürfte für derlei Wünsche sicher ein offenes Ohr haben ,) Der Netzwerkbetreiber Google dürfte zunächst andere Interessen haben.

    Es käme ja auch niemand auf die Idee, einen bekannten Autor zur Benutzung seines wirklichen Namens zu zwingen, wenn er das nicht möchte.

    Nein, wenn ich Stefan Keuchel richtig verstanden habe, könnte dieser unter seinem Künstlernamen auftreten, sofern dieser aus einem Vor- und Nachnamen besteht.

    Erst versuche ich mit Mühe und Ausdauer, einen ‘Markennamen’ bekannt zu machen, dann soll ich plötzlich darunter nicht mehr zu finden sein?

    Wieso solltest du nicht mehr zu finden sein. Die Profilseite bietet massig Platz zur Darstellung von Marke und Markennamen (Ups, sagt das nicht den Sales-Leuten …)

     
  17. fx

    17. Juli 2011 at 22:55

    „Nun leben wir in Deutschland nicht in einer Umgebung, in der die Verwendung des Klarnamens zu Repression, Verhaftung, Folter und Tod führen kann“

    Diese Aussage finde ich bezügl. „Repression“ (im weiteren Sinne) etwas verkürzt: Natürlich können dir auch in Deutschland z.b. aufgrund politischer Überzeugungen handfeste Nachteile entstehen. Ein willkürliches Beispiel: stell dir vor, du hast ein prekäres Arbeitsverhältnis, sagen wir bei Schlecker oder Burger King, und interessierst dich in deiner Freizeit für anarchistische Gewerkschaften und diskutierst gerne im Netz über anarchistische Theorie und Arbeitskampf. Ich finde es nicht sooo weit hergeholt, dass dir bei Verwendung deines echten Namens hier Nachteile entstehen können, die durch ein Pseudonym vermeidbar wären.

     
  18. opalkatze

    17. Juli 2011 at 23:33

    Nein, Google hat mich bei gar nix zu unterstützen, ich finde es lediglich lästig, Leute unter Namen suchen zu müssen, die ich großenteils gar nicht kenne. Ich bin hier nicht von Googles Interessen ausgegangen, sondern von meinen (und das weisst du auch).

     
  19. opalkatze

    17. Juli 2011 at 23:35

    Repression kann man natürlich sehr weit fassen, aus dem Gesagten dürfte aber die Bedeutung in diesem Zusammenhang klar hervorgehen. Bei deinem (sehr – hm – charmanten) Beispiel bin ich ganz d’accord, baer das war ja nicht mein Thema.

     
  20. pjebsen

    17. Juli 2011 at 23:51

    @opalkatze: Chris‘ Argument wirkt auf den ersten Blick vernünftig, zieht aber nicht. Google verlangt trotz der Bitte um Realnamen keine Post-Ident-Identifizierung o. ä.. Ich bin mir relativ sicher, dass sich z. B. ein chinesischer Dissident als Um Lei Tung registrieren könnte, ohne dass es Google allzu schnell auffällt.

    @JoSchaefers: Wenn es unter deinem Kommentar einen „Like“- oder „+1“-Button gäbe, würde ich ihn drücken. ;-)

     
  21. pjebsen

    18. Juli 2011 at 00:20

    Für das von dir beschriebene potenzielle Problem gibt es doch eine einfache Lösung: Statt eines klar als Pseudonym zu erkennenden Usernamens wie „EnteignetSchlecker“ nimmt man einfach als Vornamen „Ed“ und als Nachnamen „von Schlecker“ (oder, falls das ein bisschen zu auffällig sein sollte, etwas noch Unverfänglicheres).

     
  22. opalkatze

    18. Juli 2011 at 02:00

    *still vor sich hin griemel*

     
  23. VonFernSeher

    18. Juli 2011 at 08:00

    Wer sind denn dann bitte die Netzbetreiber? Es gibt nicht die Netzbetreiber, sondern verschiedene Dienstleister. Und Dienstleister sind nur so stark wie die Bedienten sie machen und nur so schwach wie sie sich selbst machen. Das war schon immer der eigentliche Vorteil, der das Internet großgemacht hat. Und alle diese Diskussionen gab es auch schon. Google ist kein Netzbetreiber, sondern nur ein Diensteanbieter – zugegeben, ein ziemlich großer und marktbeherrschender Anbieter, aber nicht der einzige. Und selbstbewusste Nutzer wissen ja, was man tun kann. Wer Ölbohrinseln (memories, anyone?) umschubsen und Molkereien ärgern kann, der wird ja wohl gerade noch so die Plattform oder Suchmaschine tauschen können.

     
 
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