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Möglichkeiten

28 Jul

Alle sprechen von Schuld. Das Internet ist schuld, die Ballerspiele sind schuld, die fehlende Vorratsdatenspeicherung, die angeblich zu geringen Überwachungsmöglichkeiten, die verquere Weltanschauung; da wäre vielleicht auch noch eine psychische Erkrankung. Es sollen Erklärungen her, jetzt, sofort!, und notfalls mit der Brechstange.

Einige Möglichkeiten werden offenbar gar nicht in Betracht gezogen.

Die Eine ist die des Innehaltens, bevor man sich nach der Verarbeitung des eigenen Schocks und mit ein wenig zeitlichem Abstand eine Meinung bildet. Niemand verlangt, man müsse umgehend eine Position haben, geschweige, sie veröffentlichen. Wer sich Zeit zum Nachdenken nimmt, wird den Mitmenschen zugestehen, daß auch sie einen schwierigen Sachverhalt nicht stante pede einordnen können. Vorerst reichen Fakten.

Die Zweite ist die Abwägung: Was schadet, was nützt? Eine ohnehin emotional aufgeheizte Lage wird nicht verbessert, indem man Vorurteile weiter befeuert. Voreilige Schuldzuweisungen an die falsche Adresse sind schnell ausgesprochen. Sie zurückzunehmen, ist unmöglich. Besonnenheit, sachliche Betrachtung der vielen möglichen Aspekte und weniger expertise Eitelkeit wären nützlich. Ratlosigkeit einzugestehen ist kein Vergehen.

Niemandem scheint auch aufzufallen, daß bei all dem künstlichen Getöse über Wirkungen gesprochen wird – nicht über Ursachen. Es entsteht eher der Anschein, als solle genau das unbedingt vermieden werden. Es mag nicht opportun sein, über privaten Waffenbesitz zu debattieren, doch es wäre wichtig. Wichtig auch, zu hinterfragen, welche Beweggründe die vorgebliche Notwendigkeit bedingen, und diese Frage nicht nur an der Oberfläche anzuritzen.

Schnelle Erklärungsversuche für alles scheinen das Gebot der Stunde zu sein. Sie schaden, denn sie klären gar nichts. Sie dienen dem alleinigen Zweck, Geschehnisse in Schubladen zu stopfen. Das Ding hat einen Stempel bekommen und ist eingeordnet, Klappe zu, Affe tot. Die gesellschaftliche Diskussion bleibt aus. Die Lautsprecher haben sich durchgesetzt.

 
10 Kommentare

Verfasst von - 28. Juli 2011 in Journalismus, Kultur, Medien, Politik, Web 2.0

 

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10 Antworten zu “Möglichkeiten

  1. der_emil

    28. Juli 2011 at 10:24

    Das sollte man den Konsorten bei den schreierischen Medien und denen, die in verantwortlicher Position stehen und ebenso losbrüllen, direkt an die Stirn heften …

    Danke.

     
  2. Sabine Engelhardt

    28. Juli 2011 at 11:37

    Mit Ratlosigkeit hat man Angst, in der Öffentlichkeit dumm und inkompetent zu erscheinen. Und hey, mit Vorurteilen und Spekulationen kann man doch soooo toll Schlagzeilen und damit Auflage generieren! Wer kauft denn schon eine Zeitung, die sagt, „wir wissen nicht, warum“?

     
  3. freidenkerin

    28. Juli 2011 at 16:05

    Die Lautsprecher setzen sich immer deutlicher durch, habe ich so den Eindruck… Sie überschreien grell die leiseren, mahnenden, zum klugen und umsichtigen Abwägen und Nachdenken auffordernden Stimmen…

     
  4. Frank

    28. Juli 2011 at 20:24

    Zustimmung. Leider verstehen sich gerade viele der früher unter Qualitätsjournallsmus firmierenden Medien nur noch als Erregermaschinen. Jede Woche eine neue Sau durchs Dorf. Spätestens ab Samstag werden wir nichts mehr davon hören. So wie von EHEC, BP etc.

     
  5. Robson Bottle

    29. Juli 2011 at 13:04

    Also, was issn jetzt los? Darf man sich jetzt etwa nicht mehr auseinandersetzen, mit dem Wahnsinn, der passiert?
    Also bitte, hier zwei wirklich wichtige, interessante und also lesenswerte Beiträge aus der SZ dazu:

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/paranoider-hass-parallelfall-von-bestellt-mich-zum-exekutor-1.1125523

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/anschlaege-in-norwegen-und-das-manifest-die-tat-und-ihre-propaganda-1.1125338

     
  6. Robson Bottle

    29. Juli 2011 at 13:19

    „Die gesellschaftliche Diskussion bleibt aus. Die Lautsprecher haben sich durchgesetzt.“ (?)

    Die gesellschaftliche Diskussion bleibt eben gerade nicht aus!
    Das, was hier kritisiert wird = die gesellschaftliche Diskussion!
    (Besser wird sie nicht, wenn man nicht daran teilnimmt.)

     
  7. flatter

    31. Juli 2011 at 00:19

    Ein weiser Einwurf, der da draußen auf wenig Gehör treffen wird. Mein erster Impuls war auch der, dass ich dazu erst mal gar nichts zu sagen habe – wie ich mich auf Brutalität als Ereignis generell nicht beziehe. Wenn dann die Deppen mit ihren Patentlösungen aus den Gräben springen, entsteht wiederum ein Sog, dem auch ich mich nicht entziehen kann. Ein bißchen Ordnung in den Diskurs bringen, für jene, die eben doch eine sinnvolle Diskussion führen wollen, den gröbsten Müll beiseite räumen, ist dann das Ziel. Im Rahmen einer stetigen Bemühung, Zusammenhänge herzustellen, die auch ohne solche Ereignisse bestehen. „Kontext(re)produktion“ hieß das in guten Zeiten einmal.

     
  8. opalkatze

    31. Juli 2011 at 11:20

    Leider sind unsere Verleger und Intendanten zunehmend – wie die Politiker ohnehin – mit der möglichst effizienten Ausgestaltung irgendwelcher Vorfälle im Sinn des Schweinetreibens beschäftigt. Von Qualitätsjournalismus über Griechenland & andere Krisen bis zu den gar erschröcklichen Gefahren des Internets interessiert überwiegend, wer die größte Sau am dreckigsten darstellt. Einer Mediendebatte über angemessene Reaktionen und Berichterstattung steht zudem viel Wichtigeres, wie etwa die Schaffung eines Leistungsschutzrechts oder die Sanktionierung von Raubmordkopierern, im Weg.

    Auch suum cuique hatte vor langer Zeit einen positiven Sinn (wenn auch in durchaus eigennütziger Interpretation durch einen preußischen König). Heute kann man es nur noch im Sinn der alten Pennälerverballhornung anwenden: Das Schwein quiekt. Viel zu laut.

     
  9. opalkatze

    31. Juli 2011 at 11:26

    Denke seit Längerem darüber nach, ob nicht mehr als ein Quentchen Wahrheit in der Behauptung steckt, jede Gesellschaft habe die Presse, die sie verdient. Was im Netz vereinzelt auf Blogs stattfindet, nenne ich jedenfalls nicht gesellschaftliche Diskussion.

     
 
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