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#Londonriots – aber doch nicht bei uns!

11 Aug

Wiefelspütz: “Wir haben eine bessere Absicherung für sozial Schwache und nicht so verarmte Stadtviertel wie Großbritannien.” (Bild, 10.8.2011)

Der Herr Wiefelspütz hat eine sehr selektive Wahrnehmung oder als Politiker ein wenig den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Die Tatsache, daß unser Sozialsystem immerhin noch in der Version „S“ wie Sparta existiert, bedeutet nicht, daß es ausreicht.
Die Lage in den Städten ist (noch) nicht so extrem wie in London oder Paris, aber in Vierteln wie Berlin-Marzahn, Köln-Chorweiler oder Hamburg-Billbrook kann sie es werden. Natürlich – wenn die Politik jeden Terz „Chaoten“ und „linken Randalierern“ zuschreibt, andererseits auf dem rechten Auge starke Sehstörungen hat und überhaupt Randale für einen Ausdruck von Langeweile hält, ist die Wahrnehmung von Tatsachen ein schmerzhafter Prozess. Daß Proteste soziale Ursachen haben könnten, ist jahrzehntelang konsequent ausgeblendet worden.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch in deutschen Städten die Fässer überlaufen. Solidarität ist nicht mehr à la mode. Es gilt das Recht des Stärkeren, Reicheren, besser Gekleideten. Eine politische Kaste, die vordringlich um das eigene Wohl besorgt ist, bietet ein ebenso übles Bild wie Unternehmen, die keinerlei soziale Verantwortung übernehmen. Fälscher dürften gern in Amt und Würden bleiben, wenn es nach den Parteien geht. Eine Bank, ein Staat nach dem anderen werden „gerettet“ – für ordentliche Bildung und Ausbildung aber ist kein Geld da. BWLer sind allemal wichtiger als Sozialarbeiter und Streetworker. Macht und Profit zählen erheblich viel mehr als vorausschauende Planung in der Bildungspolitik.

Ein hohes Bildungsniveau führt nicht nur zu größeren individuellen, sondern auch
gesellschaftlichen Erträgen.

Aber:

Fast jedes dritte Kind unter 18 Jahren wächst in sozialen, finanziellen oder/und kulturellen Risikolagen auf. (Bildungsbericht 2010)

Was denkt ein Jugendlicher, der in heruntergekommenen Klassenräumen mit unzulänglicher Ausstattung lernen muß? Was einer, der keine Ausbildungsstelle kriegt, wenn er in den Nachrichten vom Aufschwung hört? Was geht in den Köpfen von Kindern vor, deren Lebensmittel überwiegend von einer Tafel stammen? Mit 12, 13 oder noch früher bereits zu wissen, daß es nicht reicht und voraussichtlich nie reichen wird, ist der ideale Saatboden für Verbitterung.

Bildung bedeutet auch, mit Kindern essen, in den Zoo oder ins Kino gehen zu können. Diese kleinen, wichtigen Ausflüge können sich viele schon lange nicht mehr leisten, geschweige, Musikunterricht oder gar Reisen. Der Horizont dieser Kinder bleibt eingeengt, aber nicht eng genug, um den Wohlstand anderer zu übersehen. Die soziale Schere geht immer weiter auf. Welches Kind würde nicht fragen, „warum“? Aus Kindern, die nur Einschränkungen kennen und keine Verbesserung in Aussicht haben, werden frustrierte Erwachsene. Irgendwann verwandelt sich fragen in schlagen.

Wenn es in Deutschland zu sozialen Unruhen kommt, sitzen die Schuldigen in Berlin und in den Landeshauptstädten. Und fragen sich, wie das passieren konnte.

 
15 Kommentare

Verfasst von - 11. August 2011 in Europa, Kultur, Politik

 

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15 Antworten zu “#Londonriots – aber doch nicht bei uns!

  1. VonFernSeher

    11. August 2011 at 07:26

    Schon recht, aber jetzt weiß ich nicht ganz, wo du das aus der Aussage von Wiefelspütz ziehst. Wir* haben de facto eine bessere soziale Absicherung und nicht ganz so verarmte Stadtviertel. Uns geht es noch ein bisschen besser. Umso mehr sollten wir es verteidigen. Ich will nicht noch mehr als Großbritannien preisgeben, ich will erst gar nicht bis dahin.

    *man denke eigentlich: ihr da

     
  2. Aufmerksamkeit!

    11. August 2011 at 20:00

    OT aber Empfehlung für die Glanzlichter:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/verfassungsrechtler-meyer-finanzierungsvertraege-zu-stuttgart-sind-unwirksam-1.1130053
    Kann dann auch hier gerne wieder gelöscht werden.

     
  3. Angelika

    12. August 2011 at 03:41

    ohdearme, wer ist „wuerfelaspik“ ?!
    von wg. „bei uns nicht“ – imho/meiner analyse nach hinkt Dld. mEn so ca. 15 +/- jahre hinterher . dld. ist bereits eine sog. oligarchie – analogie vgl.
    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/Der-rechte-Abschied-von-der-Politik/story/22710602

    daher realismus an : aber DAS (=details variieren dann je nach lage/geographie/demoskopie) kommt hier auch noch (selbst bei mir i.d. sog. tiefen provinz)

    vgl. zB „Echtleben“ (Katja Kullmann e.a.)
    http://www.faz.net/artikel/C30870/das-kreative-prekariat-es-lohnt-sich-nicht-fleissig-und-gebildet-zu-sein-30443162.html

    ja , „den meyer“ i.d. sz-online habe ich auch gelesen. und ?

     
  4. Aufmerksamkeit!

    12. August 2011 at 08:56

    Sind twitter und facebook eigentlich britische Behörden? Und darf Herr Zuckerberg demnächst die britische Polizei für sein Unternehmen einsetzen? http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,779718,00.html

     
  5. Aufmerksamkeit!

    12. August 2011 at 08:59

     
  6. Aufmerksamkeit!

    12. August 2011 at 08:59

    Sind twitter und facebook eigentlich britische Behörden?

     
  7. Angela

    12. August 2011 at 16:05

    Was die Engländer können, können die Deutschen schon längst? :-(((
    Die Ursachen der Krawalle interessieren nicht. Im Gegenteil, im sozialen Bereich wird gekürzt, dort und hier.
    Die Bundeswehr im Inneren, die ist ja auch im Gespräch…

    Bedrückend, wie stark das GG mit Füssen getreten wird.

    (Hier in OVP hängen kaum noch ‚C wie Zukunft‘-Plakate. Ich hoffe, dass die teilweisen korrupten CDU-Mitglieder ordentlich eins auf den Deckel bekommen, die Grünen gestärkt werden.)

     
  8. opalkatze

    12. August 2011 at 16:50

    Du glaubst aber jetzt nicht allen Ernstes, daß Korruption an irgendwelchen Parteigrenzen halt macht, oder?

     
  9. opalkatze

    12. August 2011 at 16:59

    War schon geplant, ist drin.

     
  10. opalkatze

    12. August 2011 at 17:00

    Sag ich doch gleich am Anfang. (Hast du wieder klammheimlich am Essig genascht?!)

     
  11. Angela

    12. August 2011 at 18:23

    Korruption kennt keine Grenzen, @Vera. Das Recht auf freie Meinungsaeusserung immer mehr…

     
  12. VonFernSeher

    12. August 2011 at 18:42

    Nicht, dass ich Herrn W. jetzt besonders in mein Herz geschlossen hätte, aber eine selektive Wahrnehmung kann ich aus dem Zitat (auch dem vollen, ich musste es ja dann lesen) nicht erkennen. Ich würde das Zitat so glatt bestätigen und es mit einer Vielzahl anderer Ländernamen wiederholen können, ohne mich dabei ihm geistig irgendwie nahe zu fühlen. Und Deutschland hat auch ein bessere Absicherung für sozial Schwache als und nicht so verarmte Stadtviertel wie Panama. Und ja, das wirkt sich auch auf Art und Weise der Unmutsäußerungen hier aus. [Veranstaltungstipp: Am Jahresende wird das Preissystem im „Nahverkehr“ geändert, mal schauen, was dann los sein wird.]

    Es ist wohl eher eines der wenigen Zitate, an denen man bei W. keine selektive Wahrnehmung diagnostizieren kann.

     
  13. Aufmerksamkeit!

    12. August 2011 at 18:54

    Ups,was ist denn hier passiert. Bitte diesen Kommentar und zwei drüber löschen. Das war dann doppelt. Danke.

     
  14. Angela

    13. August 2011 at 21:33

     
  15. Angelika

    14. August 2011 at 00:38

    e.g. – ja und ?!
    hatte ich u.a. „cum variatio“ vor +/- 40 jahre. und ebenso spaeter, als ich studierte, oh wunder, und meine damalige hochschule war zu ca. 750% über-belegt – das erfuhr ich, thankgoodness, erst im nachhinein.
    k/ein wunder, dass nur so ca. 10% der damaligen studienanfänger inkl. mir dann tatsächlich diplomierten ?!
    usw. usf.
    dann nach meinem/studium, insbes. bei leudelz, die in bereichen tätig wurden, die sog. investitionsabhängig waren/sind … trotzdem plündere ich keinen „plasma-tv“ oder irgendwas anderes/whatever, was „wir “ da so per webz gucken/lesen konnten.
    im gegenteil/au contraire.

     
 
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