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Neue deutsche Küche

15 Sep

Vermutlich gab es noch nie so viele Übergewichtige und Unterernährte gleichzeitig auf der Welt. Trotzdem greifen Kommentare à la „Verhöhnung der weltweiten Sozialordnung“ zum neuen Film „Taste The Waste“ zu kurz.

Dass Menschen in der vergessenen, abschätzig so genannten dritten Welt hungern, hat ganz viel mit der Politik der sogenannten ersten Welt zu tun, ein kleines Bisschen auch mit ewig geldgeilen Despoten und ihren Clans. Daran können die meisten von uns nichts ändern. Aber vor der eigenen Haustür könnten wir mal Kehrwoche halten. Zum Auftakt eine einfache Frage: Wie sollen Menschen Essen schätzen, wenn sie noch nie mit den eigenen Händen frische Lebensmittel verarbeitet haben?

Die Misere beginnt irgendwann in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. In einer der unzähligen Schulreformen kippt der Hauswirtschaftsunterricht hintenüber. Ein paar Jahre gibt es ihn noch in abgespeckter Form an Hauptschulen, dann wird er zum Wahlfach, schließlich verzichtet man aus Kostengründen ganz darauf. Etwa zur gleichen Zeit beginnt die Inflation der Lebensmittel: Die letzten Tante-Emma-Läden mit regionalen Frischwaren schliessen, ein paar Konzerne teilen den Markt unter sich auf und eine ungeahnte, scheinbare Vielfalt von Produkten kommt in die Regale. Eine seltsame Eskalation nimmt ihren Lauf.*

Die Eier im rheinischen Kleinstadt-Supermarkt kommen neuerdings aus Sachsen-Anhalt. Krabben aus der Nordsee werden zum Pulen nach Marokko gekarrt und ausgepult wieder zurück, in die heimischen Supermarkt-Kühltruhen. Spargel und Erdbeeren zu Weihnachten? Kein Problem, bitte gerne, bitte gleich.

In einer zweiten Welle kommen Convenience-Produkte über uns. Mit Aufbackbrötchen, küchenfertigen Tütensuppen und -saucen mit gefühlten 174 Lebensmittelzusätzen und Geschmacksstoffen, Tiefkühlpizza und „nur noch 250 ml Sahne zugeben“-Desserts lässt sich die gesamte Ernährung bequem mit links erschlagen.

Es folgt die Konfektionierung der Hausmannskost: Linsensuppe und Königsberger Klopse aus der Dose, Schaschlik im tiefgezogenen Plastikschälchen mit umweltfreundlichem Holzpicker, Wildschweinbraten an Burgunder mit Blaukraut und Klössen im praktischen Kochbeutel, Packung bitte vor dem Verzehr entfernen.

Jenen, die die Mühsal des häuslichen in die Mikrowelle Schiebens für nicht zumutbar halten, bleibt noch der spritfressende Weg zum Drive-in, wo ein Essen für zwei Personen soviel kostet wie ein ganzer Topf selbst gekochtes Paprikagulasch samt Beilage. Verschämt warten hinter Büschen auf dem Betriebshof Container auf die Plastikabfälle. Die Originalsaucen der großen Fast Food-Ketten gibt es selbstverständlich auch für zu Hause, aber wer braucht das schon.

Im deutschen Markt gibt es an die 60 kulinarische Magazine, dann Zeitschriften wie Brigitte und freundin sowie die Tante-Klara-Blättchen, die ihren Verlegern jede Woche traumhafte Auflagen und die mit Abstand höchsten Werbeeinnahmen im Print bescheren. Zum Teil haben die Blätter eigene Food-Redaktionen, aber auch die ohne drucken jede Woche Koch- und Backrezepte ab. Da könnte man glatt meinen, ah, die Deutschen haben etwas übrig fürs Essen und Genießen.

Eine kleine Beobachtung in einer x-beliebigen deutschen Fußgängerzone um die Mittagszeit korrigiert diese Annahme sehr schnell: Die sportlichen Schlanken hetzen mit eingeplastiktem Salat-mit-Dressing in der Linken, Coffee-to-go in der Rechten und dem zwischen Schulter und Ohr eingeklemmten Händi durch die Mittagspause. Die restlichen Passanten sind entweder Kinder oder zu dick oder beides. Irgendwas ist ziemlich schiefgelaufen. Ein einziges Mal könnten sich die maßgeblichen Ministerinnen nützlich machen. Indem sie den Kochunterricht wieder einführen.

* Musikempfehlung: Ravel, Bolero
 
22 Kommentare

Verfasst von - 15. September 2011 in Europa, Kultur, Leben, Politik, Welt

 

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22 Antworten zu “Neue deutsche Küche

  1. Sabine Engelhardt

    15. September 2011 at 23:10

    Wie, den Hauswirtschaftsunterricht gibt’s gar nicht mehr? Na, kein Wunder. Allerdings erinnere ich mich so daran: Realschule in Baden-Württemberg, frühe 80er Jahre: Hauswirtschaft (HW) mit Chemie ist Wahlpflichtbereich neben Technik mit Physik und Französisch. In HW: 14 Mädchen, ein Junge. Richtige Zubereitungen konnten kaum geübt werden, denn es war zu wenig Geld zum Einkaufen da. Wenn es mal was Besseres sein sollte, mußten wir bzw. unsere Eltern zuzahlen.

    Aber: Die HW-Lehrerin war eine Hauswirtschafterin der alten Schule. Zumindest was die Küche angeht, habe ich da richtig was gelernt, was ich auch heute noch nutze. Am Handarbeiten, das auch dazugehörte, bin ich dagegen ziemlich verzweifelt. Ich kann heute noch keinen Knopf annähen. Und wenn doch, fällt er nach zehn Minuten wieder ab. ;-)

     
  2. opalkatze

    15. September 2011 at 23:28

    Was du sagst. Ich hab ja noch ’n richtiges Pudding-Abitur – Frauenfachschule. So oft ich meine Kochlehrerin während der Schulzeit verflucht habe, so oft preise ich sie heute. Sie hat uns wirklich was beigebracht, vor allem, wie man aus nichts was macht (obwohl wir aus dem Vollen schöpfen konnten). In Handarbeiten war ich auch richtig gut, kann mich sogar selbst benähen. Dafür war ich in Mathe grottenschlecht.

     
  3. VonFernSeher

    16. September 2011 at 04:32

    Mooooooment.
    Bei aller Wertschätzung für gutes Essen und gute Zutaten: Hauswirtschaft hat mMn nichts, aber auch gar nichts in der Schule zu suchen. Und den kausalen Zusammenhang „Keine Hauswirtschaftslehre – keine Esskultur“ möchte ich solange bezweifeln, bis mir jemand das Gegenteil beweist.

    Denn hier bei uns gibt es trotz Hauswirtschaftsunterricht keine Esskultur. Kochen, Häkeln, Waschen, Schuhebinden und Zähneputzen gehören nach hause. Ich als Lehrer möchte nicht erziehen, sondern bilden. Und jede Stunde, in die mir das Gesundheits- oder Arbeitsministerium hineinregiert, ist eine verlorene.

    Und selbst wenn ich für einen Moment einen kausalen Zusammenhang annehme, bleibt ein praktisches Problem: Wenn ich als Lehrer für zwanzig bis dreißig Kinder die Erziehung mit übernehmen soll, ist das ein recht aussichtsloses Unterfangen. Wenn ich meine Zeit nutze um einer Elterngeneration humanistische Bildung und Kulturtechniken beizubringen (und so den sozialen Aufstieg zu ermöglichen), setzen die vielleicht mehr daran ihre Kinder gut zu erziehen. Ich setze dann mal eher auf den Generationenvertrag – schon aus reinem Selbstschutz.

     
  4. BoleB

    16. September 2011 at 07:37

    Danke für den Filmtipp, wär mir vielleicht sonst durch die Lappen gegangen. Ich fand ja schon „We feed the world“ ganz gut. Was mir spontan noch dazu einfällt: Das Selber-Kochen wurde halt genau ins Fernsehen ausgelagert wie das Denken und das Reden über Politik.
    Allerdings: Ob es ein extra Schulfach dafür geben muss, hmm… Sicher ist es wichtig, ebenso wie Medienkompetenz zu vermitteln und die vielen anderen Forderungen, die immer mal wieder auftauchen. Mir tun nur (auch wegen persönlicher Bindung) die Lehrer_innen leid, die alle halbe Jahre mit neuen Strukturen beglückt werden. Und selbst wenn die Schule dort ihren Job machen würde, wäre es doch ein Kampf gegen Windmühlen, solange die Fussballnationalmann- und frauschaften von McDoof & Co. gesponsort werden. Ist halt ein gesamtgesellschaftliches Problem. Erst das Fressen, dann die Moral…

     
  5. Lakritze

    16. September 2011 at 08:52

    Wir sind eine grundlegend eßgestörte Gesellschaft; da ist es schwer, rauszukommen.

    Schulen/Kindergärten müssen oft ausbügeln, was in den Familien fehlt. Oder noch besser: Fachleute an den Schulen. Ich sag nur: Zahnpflege. Benimmunterricht. Lesekurse (viele! und: nötig!). Soziales Lernen (auch nötig!). Und ganz im Ernst, wo sollten sonst Lebenskompetenzen vermittelt werden? Ein Teil der Familien ist mit den allereinfachsten Dingen überfordert, da geht alle Energie drauf, etwa morgens rechtzeitig aufzustehen. Doch, so schrecklich das ist, in der (Grund-)Schule ist das schon richtig.

    Außerdem plädiere ich für ein Fach Ernährungskunde in den Grundschulen, mit einer Einheit: Wo kommt eigentlich unser … her?

     
  6. Angela

    16. September 2011 at 10:48

    Guter Beitrag. „Die restlichen Passanten sind entweder Kinder oder zu dick oder beides.“ Solche Sätze finde ich spitze. Das Bild weniger.

    Momentan bekomme ich mit, wie anhand von Zutatenlisten Kinder in der Grundschule einfache Rezepte verfassen sollen, um den Imperativ zu erlernen. Nachmittags geht’s an die Umsetzung. Tolle Idee.

    Solche Projekte (http://www.sueddeutsche.de/karriere/obst-in-der-schule-und-ewig-lockt-der-apfel-1.62317) sind im Sande verlaufen.

     
  7. Dücki

    16. September 2011 at 12:03

    Ich habe da noch eine Anregung.
    was ist wenn man Übergewicht hat aber absolut zufrieden ist?
    Ich habe das Gefühl das man sich Kronisch an anderen Orientiert, das man wenn man sich selbst annehmbar findet ein Monster ist!
    Mir gehts so langsam Derbstens auf den Sack das alle dicken nen Problem haben und die Welt so tut als wüssten sie nicht was gut für sie wäre!
    Und ich hatte auch hauswirtschaft in der Schule und wir haben den ganzen tag Kuchen gebacken und gegessen…mit oder ohne Hauswirtschaft wäre essen für mich eine richtig geile sache geworden.
    tja was sagt ihr dazu?
    Dücki

     
  8. VonFernSeher

    16. September 2011 at 15:30

    Aber Sie schreiben es ja schon selbst: ausbügeln. Schulen sind aber doch keine Besserungs- und Bedürfnisvollzugsanstalten, sondern Orte der geistigen und persönlichen Bildung. Lehrer sind Bildungsfachleute und eben keine Art nachgelagerte Erzieher. Irgendwann – und das wäre am besten vor der Pubertät – muss aus Erziehung Bildung werden.

    Und ganz im Ernst, wo sollten sonst Lebenskompetenzen vermittelt werden?

    Im Leben. Und das werden sie auch. Es ist ja eine naive Vorstellung, dass Kinder und Jugendliche heute insgesamt weniger lernen. Sie erwerben die Dinge, die ihnen für ihr soziales Umfeld als nützlich erscheinen, um zurecht zu kommen. Frische Zutaten in eine Mahlzeit zu verwandeln gehört halt für viele dieser Kinder nicht mehr zu dem, was ihnen in ihrer Realität nutzt. Wie man in einer multikulturellen Umgebung wann mit wem umgeht oder nicht umgeht, um ohne Kratzer nach hause zu kommen, weiß ein Berliner Jugendlicher dafür heute deutlich besser als ich in dem Alter. Das war im Hügelland des letzten Jahrhunderts gerade nicht so akut. Da stand die Kuh mit der Milch im Euter und dem Steak im Rücken deutlich näher am Elternhaus als das nächste DITIB-Zentrum. Steht sie immer noch.

    Doch, so schrecklich das ist, in der (Grund-)Schule ist das schon richtig.

    Ich verweigere mich diesem Schritt. Ich möchte die Definition der Schule eben nicht denen überlassen, die – wie Sie sagen – alle Energie zum Aufstehen brauchen und erst recht nicht den Entscheidern, die schamlos mit jenen für ihre eigenen Zwecke kalkulieren.
    Es ist schrecklich und deswegen in der Schule nicht richtig.

    Ich lebe (und unterrichte auch) in einem Entwicklungsland. Die Unterschiede zwischen meinem Schulideal und der Wirklichkeit sind hier noch deutlich größer, die Erziehungsdefizite an den Privatschulen schon sichtbarer als in deutschen „Brennpunktschulen“. Gerade deshalb ist es wichtig, das alle – arm und reich, blond und schwarz – die gleiche Bildung erreichen. Man muss Lesen und Rechnen und Entscheiden lernen, damit man dahin kommt, wo die, die dort schon sind, einen nicht haben wollen. Nicht kochen. Mit Kochkenntnissen kann man hier bei uns den Wanderimbiss vor der Bank betreiben, aber nicht die Bank.

    Vorsicht! Plattitüde: Man lernt eben doch fürs Leben. Und eine humanistische Bildung ist der Grundstein dafür, dass man sich seinen Platz in der Gesellschaft selbst aussuchen kann. Hauswirtschaftslehre und Werkunterricht taugen höchstens dazu an dem Platz zurecht zu kommen, an den man gestellt wird.

     
  9. Lakritze

    16. September 2011 at 16:23

    Irgendwann – und das wäre am besten vor der Pubertät – muss aus Erziehung Bildung werden.

    (Ja, ja, ja: sehe ich genauso. Ich teile das Bildungsideal, das humanistische.)
    Dazu muß zu irgendeinem Zeitpunkt Erziehung stattfinden, und wenn das nicht möglich ist … ja, was dann? Dann haben wir Schüler, die bei jedem winzigen Mißerfolg die Flinte ins Korn werfen? Die es nicht ertragen können, nicht im Mittelpunkt zu stehen? Die eine Toilette nicht benutzen können? Na, viel Spaß dann bei der Bildung …

    Sie erwerben die Dinge, die ihnen für ihr soziales Umfeld als nützlich erscheinen, um zurecht zu kommen …

    Gut, meine Brille ist auch nicht eben rosarot; ich sehe vorwiegend die »Fälle«, in denen irgendetwas schiefläuft. Das vorweg. Daß Lebenskompetenzen flächendeckend im Leben erworben werden, wage ich aus eben diesem Grund zu bezweifeln; das sagt mir die wachsende Zahl von jungen Menschen, die anscheinend mit Diagnosen etikettiert werden müssen.

    Man muss Lesen und Rechnen und Entscheiden lernen, damit man dahin kommt, wo die, die dort schon sind, einen nicht haben wollen.

    Auch hier: Ja! Muß man unbedingt! Nur nützt ein umfassendes Schulwissen nichts, wenn man (Beispiele aus der Praxis) Fehler nicht zugeben kann. Nicht weiß, wie man Fremde angemessen begrüßt. Nur weiß, was man nicht will, aber nicht, was man eigentlich will …

    Hauswirtschaftslehre und Werkunterricht taugen höchstens dazu an dem Platz zurecht zu kommen, an den man gestellt wird.

    Sehe ich anders. Solche Fächer sind ein Feld, auf dem Kinder und Jugendliche greifbar lernen, Aktionen zu planen, sie abzuarbeiten und anschließend zu bewerten. Diese Erfahrung ist lebenswichtig, egal, was man später mal vorhat.

    Von einem »Hauswirtschaftsunterricht«, wie Vera ihn fordert, erwarte ich übrigens nicht, daß Jugendliche nachher eine tolle Rezeptsammlung haben. Sie sollten in die Lage versetzt werden, zu entscheiden, wie sie sich ernähren wollen — sie sollen eine Wahl bekommen.

    Ich denke, die Schule muß erzieherische Werte vermitteln. (Ich weiß um die Probleme von Leitlinien — aber auch die werden von Einzelpersonen implementiert, und das ist eine Chance.) Sonst, haha, springt die Werbung ein …

     
  10. VonFernSeher

    16. September 2011 at 16:54

    Ich glaube ja, dass wir nicht sehr weit auseinanderliegen, aber die Grenzen anders ziehen. Ich antworte da auf jeden Fall noch drauf, muss aber jetzt erst einmal meinen Standort ändern.

     
  11. opalkatze

    16. September 2011 at 17:21

    @Lakritze
    Hoffe, so ist es richtig?

     
  12. Lakritze

    16. September 2011 at 18:11

    Tausend Dank, vera! Dafür, daß mein HTML bescheidenst ist, krieg ich nämlich immer beträchtlich die Motten, wenn ich einen Fehler mache. :)

     
  13. opalkatze

    16. September 2011 at 19:04

    Da gibt’s was: http://de.selfhtml.org/index.htm ,)

     
  14. VonFernSeher

    16. September 2011 at 22:35

    [Standort geändert und gewechselt.]

    Zur Flinte in der Schultoilette:

    Ich finde ja, dass es da noch einen großen Bereich dazwischen gibt, den man auch bearbeiten kann. Natürlich wollensollenmüssen wir den Schülern auch Projektarbeit, Methodenkompetenzen, soziales Verhalten und Teamfähigkeit beibringen. Aber das kann man auch mit dem Faktenwissen vermitteln; ich brauche dafür keinen Werk- oder Hauswirtschaftsunterricht und bestimmt keine Zahnärztin mit Riesenplastikgebiss.

    Meine Zeit mit den Schülern (Studenten) ist knapp bemessen, ich muss mich sehr gut vorbereiten, um alles das in die Stunden (Seminare/Vorlesungen) zu packen, was sie mitnehmen sollen. Also muss ich das Explizite mit dem Impliziten verbinden und trotzdem aufpassen, dass das Ganze auch noch didaktisch nicht allzu großer Mist wird. Die Rückmeldungen sagen mir, dass ich das ganz gut hinbekomme. Also bleibe ich bei meinem Konzept und verabreiche die weichen Kompetenzen zusammen mit den harten. Auch Umgangsformen in anderen Kulturen, Fehleranalyse und Projektion sollte man lernen, aber auch das kann man entlang des Lehrplanes tun.

    (Wie ich schon schrieb, ist das auch Selbstschutz. Würde ich das noch auftrennen wollen und – was natürlich theoretisch didaktisch ganz ganz toll wäre – die Weichware mit Fachfremdem verabreichen, wäre meine Lebenszeit dafür einfach nicht mehr ausreichend. Ich schnüre ein Paket aus dem Stoff, den Soft Skills und dem, was die Mehrheit auch noch interessiert, und arbeite damit.)

    Zu den Lebenskompetenzen:
    Dass die Schüler (Studenten) genau das in ihrem Umfeld, was ich mir wünschen würde, ist ganz bestimmt nicht so. Sie lernen das, was sie für nötig erachten, und das ist bei 95% nicht deckungsgleich. Die Probleme und Sichtweisen, die sie von dort mitbringen, dürfen mir nicht egal sein, aber ich darf sie nicht zu den Problemen und Sichtweisen meiner Klasse (meines Kurses) machen.

    (Und zu den Diagnosen: Wir waren damals(TM) auch problembehaftete pubertierende Spinner, man hat uns aber nicht mit Diagnosen behaftet, sondern sich einfach gesagt: Das sind problembehaftete pubertierende Spinner. Ein bisschen Normalität war bestimmt nicht falsch.)

    Zur Ernährung:
    Ich bin unbedingt dafür Schülern beizubringen, welche Lebensmitteln welche Nährstoffe enthalten und auch einen Überblick in (internationale) Esskultur zu geben. Dafür brauche ich aber keine Hauswirtschaftslehre, sondern das kann man im Kollegium hervorragend fächerübergreifend unterrichten. Ich musste keine HWL über mich ergehen lassen, habe aber dafür in Biologie, Chemie, Sport, Geschichte, Religion und in den Sprachen viel über Essen gelernt.

    Spülen, Waschen und Putzen gehören aber nicht in den Lehrplan – genausowenig wie gestrickte Topflappen und Laubsägemobiles.

     
  15. VonFernSeher

    17. September 2011 at 06:29

    @Lakritze OT
    Danke für die drei Sätze – und auch für die zwei davor und die dahinter.

     
  16. Lakritze

    17. September 2011 at 12:48

    … ich muss mich sehr gut vorbereiten, um alles das in die Stunden (Seminare/Vorlesungen) zu packen, was sie mitnehmen sollen. Also muss ich das Explizite mit dem Impliziten verbinden und trotzdem aufpassen, dass das Ganze auch noch didaktisch nicht allzu großer Mist wird.

    Das ist eigentlich schon die Antwort auf die Frage, woher eigentlich die Soft Skills kommen (können). Wenn jeder Lehrer diesen Satz so unterschreiben würde, hätten wir ein paar Probleme weniger …

    In der Praxis ist es oft so, daß Kindergärten, Schulen, Eltern und Institutionen sich bei Schwierigkeiten im »Soft Skills«-Bereich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben, und am Ende landet das Problem beim Therapeuten.

    … man hat uns aber nicht mit Diagnosen behaftet, sondern sich einfach gesagt: Das sind problembehaftete pubertierende Spinner. Ein bisschen Normalität war bestimmt nicht falsch.)

    Vollkommene Zustimmung! Nebenbei: Wenn sich ein Dreizehnjähriger vorstellt mit »ich habe ADS und werde schnell aggressiv«, dann ist er vom Selbstbild her nicht in einer Phase, aus der er auch wieder rauskommt — er hat seine Störung, an der kann er nichts ändern, und die Welt hat bitteschön darauf Rücksicht zu nehmen … (Neues Faß. Lasse ich besser zu.)

    Erziehung ist notwendig, um Bildung den Boden zu bereiten; Erziehung will aber angepackt sein. Wenn das nicht »einfach so« funktioniert, warum auch immer, muß die Gemeinschaft ran — notfalls verordnet. Es ist zu gefährlich, erzieherischen Einfluß denen zu überlassen, die ihn unbedingt ausüben wollen.

    Ernährung ist nur ein Beispiel für viele Bereiche. Es gibt Leute, die ernsthaft glauben, Pfannkuchen gebe es nur aus der Flasche, in Hamburgern steckten glückliche Kühe und Essen dürfe nichts kosten — da ist gründlich was schiefgelaufen. Und das muß ausgebügelt werden, doch. Daß wir keinen Hauswirtschaftsunterricht brauchen, glaube ich sofort — wenn das entsprechende Wissen geschickt integriert und (was ich sehr bewundere!) nebenbei vermittelt wird. Nur fürchte ich, das ist eher eine Ausnahme.

     
  17. opalkatze

    17. September 2011 at 14:19

    Der @VonFernseher entwirft eine idealtypische Welt, die es realiter nicht gibt. Natürlich ist es wünschenswert, dass Eltern ihren Kindern das beibringen, das tun sie aber nachweislich nicht. Dann kann man überlegen, was schiefgelaufen ist, oder versuchen, es zu flicken. Interessant: Ein paar Stunden, nachdem ich das schrieb, war dazu eine Diskussion bei Phönix, die in der letzten Viertelstunde zu ähnlichen Schlüssen kam. Vielleicht gibt es ja mal eine öffentliche Diskussion.

     
  18. opalkatze

    17. September 2011 at 14:20

    Ja, so kann man das machen. Ich meine ja auch nicht den Hauswirtschaftsunterricht, den wir hatten, sondern etwas Zeitgemäßes. Müsste man eben mal ausreichend drücber nachdenken. Nur weg von ‚Kühe sind lila‘.

     
  19. Lakritze

    17. September 2011 at 19:29

    Um’s drastisch auszudrücken: http://www.youtube.com/watch?v=jIwrV5e6fMY

     
  20. VonFernSeher

    17. September 2011 at 20:07

    Ich fang mal hier neu an, denn das ist ja jetzt schon mehr als nur ein Thema.

    Soft Skills & Co.

    Auch wenn die Mehrheit den deutschen Lehrern ja grundsätzlich wenig zutraut, habe ich bisher dort sehr wenige getroffen, die nichts mit der Vermittlung von sozialen Kompetenzen anfangen können. Selbst die alten Knochen (das ist wertschätzend gemeint, meine Herren), die immer so getan haben, als würde ihre Welt aus Glocken und Bürgschaften und dreigeteilten Provinzen bestehen, haben in Wirklichkeit sehr stark Soft Skills vermittelt. Jetzt kann es natürlich sein, dass mein Leben ausnahmsweise immer an einem Weg vorbeigeführt wurde, an dessen Rand das Schicksal absichtlich 90% fähige und gewillte Lehrkräfte zum Winken aufgestellt hat.* Oder wir sollten diese Erzählung in den Mythen-und-Sagen-Band für die fünfte Klasse verschieben und die Probleme hauptsächlich woanders suchen.

    Wer dagegen wissen will, wie traurig Unterricht auch heute noch aussehen kann, wenn man Lehrer so gut wie Wachpersonal ausbildet und bezahlt, der darf gerne hier vorbeikommen und sich es anschauen. Er oder sie wird staunen. Zeitmaschinen fliegen jeden Donnerstag von Frankfurt aus.

    Erziehung und Ideale

    Wenn ich eine Welt entwerfe, dann erstmal eine idealtypische. Ich habe kein Problem damit, die Realität wahrzunehmen, aber damit sie einfach so zu akzeptieren. Es gibt in Deutschland und in Panama keine unabänderlichen Ursachen, warum die Gesellschaft so ist, wie sie ist. Das sind reiche Länder, die ohne weiteres Umwelten liefern könnten, in denen Familien funktionieren und Erziehung stattfindet. Lehrer sind nicht da die Fehler der Politik auszubügeln oder häusliches Leben zu regeln. Ich weigere mich die Schule zur Müllabladestelle für das zu machen, was anderswo danebenging. Das wiederum finde ich überhaupt nicht idealtypisch, sondern realistisch und konsequent. Es ist die Anwendung der Soft Skills, die ich den Schülern vermitteln will. Ich nehme mir vor Wissen zu vermitteln, plane mein Vorgehen und ziehe es durch.

    Und dann hat es aus der Sichtweise der Schüler auch etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Die wollen selbst nicht, dass ich mich nur noch mit denen beschäftigen kann, die die Gemeinschaft nicht leben; das finden sie falsch. Wenn ich meinen Schülern und Studis meine Vorstellungen nahegebracht habe, hat es bisher immer noch geklappt mir auch den Respekt zur Umsetzung zu verschaffen. Es dauert halt manchmal. Wenn ich stattdessen versuchen würde jeden und jede erst einmal auf ein gewisses Anstandsniveau zu ziehen, freuten sich bestimmt Eltern und Schullleitung. Die Schüler und ich hätten aber bestimmt nichts davon.

    @opalkatze
    Warum es da nur ein Entweder-oder geben soll, verstehe ich nicht. Ich bin da altmodisch. Wenn ich sehe und mir überlegt habe, was schief läuft, dann greife ich mir diejenigen heraus. Ob Schüler, Schulleiter oder Eltern, flicken sollen die es bitte selbst. Es gibt dafür in Panama (ausnahmsweise mal) ein gutes Instrument. Ich darf jeden von denen schriftlich herbeizitieren und zwar auch während der Schulzeit, also dann, wenn es mir passt. Spätestens wenn die Eltern dreimal ihre Arbeit unterbrechen mussten, weil sie einen Termin mit mir hatten, kommt Bewegung in die Sache. Klingt fies, ist es auch, und funktioniert deshalb.

    @Lakritze

    Wenn das nicht »einfach so« funktioniert, warum auch immer, muß die Gemeinschaft ran — notfalls verordnet.

    Gut, dann sind wir uns ja einig. Nur die Schule ist nicht die Gemeinschaft und die Lehrer sind keine Erziehungsvollzugsbeamten.

    Ernährung

    Ich habe noch nie, nie, nie ein Kind jenseits der zweiten Klasse getroffen, das nicht wusste, das Lebensmittel nicht in Verpackungen wachsen. Ich habe mir ja schon viel Unfug anhören müssen, aber das nicht. Kann ja sein, das die nicht wissen, was jetzt genau in Lebensmitteln drin ist. Aber das Kühe Milch geben und Gemüse nicht im Supermarkt hergestellt wird, wissen die. Ich halte das für eine moderne Legende. Und wenn ein Kind wörtlich sagt, Pfannkuchen kämen aus der Flasche, dann sollte man mal nach den sprachlichen Defiziten schauen und nicht einfach annehmen, das Kind fantasiere von defunesschen Fabriken.

    @Lakritze
    Ich weiß, dass das Gymnasium, auf dem ich war, eine große Ausnahme bildet* und das eine solche gesellschaftliche Breite gepaart mit einem so tradierten Bildungsideal wohl nur in den wenigsten Schulen zu finden ist. Und ich bin sehr dankbar und empfinde es als ein Privileg dort gewesen zu sein. Ich weiß aber nicht, warum das ein Privileg bleiben muss.

    Ausnahmen müssen keine bleiben und das Argument, man bräuchte Hauswirtschaftslehre, weil Ausnahmen halt Ausnahmen seien, ist doch wohl ziemlich schwach auf der Brust. Wenn wir dort, wo es die Ausnahmen gibt, keine Hauswirtschaftslehre brauchen, dann brauchen wir sie nirgendswo. Dann müssen wir die Ausnahme zur Regel erklären.

    *Ich habe vielfach mehr Lehrer getroffen als meine eigenen und bin trotz den überwiegend positiven Begegnungen immer noch erstaunt, wie gut ich es getroffen habe. Das ist doch ein guter Grund etwas davon weiterzugeben.

     
  21. Angelika

    19. September 2011 at 00:12

    > Kochunterricht wieder einführen <

    ja zum beispiel. und . und . und .

    (disclaimer : kochunterrciht hatte/gabs nie als ich "anno-dunnemals" zur schule musste.
    meine dysfunktionale/mutter, u.a. eine diplomierte sog. hauswirtschaftsmeisterin liess mich, als ich bis zu meinem 20ten noch "zuhause" lebte, nie kochen *grusel
    leider/rückblickend schrieb ich mir rezepte wie "brennesselsuppe mit klössen" von meiner anderen (väterlichen) ostpreussischen grossmutter nicht auf – ich war 17 als sie starb.
    kochen habe ich mir dann, ich gebe zu es war mühsam, selbst beigebracht, als ich in F und I lebte.
    und das ist für mich ein pro-zess : ich probiere und koche einfach weiter ;)
    und nein, ich gehöre nicht zur fraktion "du bist was du isst".
    essen = mittel.zum-leben UND genuss.

    königsberger klopse = mache ich alles exklusiv selbst

    und das auch in dld. vertretene/sich weiter verbreitende sog. convenience food = totaler schrott (habe das auch in usa lebend selbst beobachtet; absurd)

    meine beobachtung : je mehr sog. koch-shows es in tv-medien gibt und je mehr "koch-publikationen" sowieso desto weniger wird de facto "from scratch"/"gesund"/frisch in dem jeweiligen land gekocht.

    dank internet, den büchern von Udo Pollmer u.a. und selbstbeobachtung informiere ich mich seit jahren – was mir selbst wohl tut/bekommt und koche "frisch und heiter" selbst.

    essen = lebensmittel wegwerfen ?! nein !
    bewusst-sein auch da und dann einfrieren und auch nicht-konsum und das, was filme wie dieser zeigen (habe die trailer und vorab-berichte gelesen und gesehen) ?
    mir ist/wird schlecht !

    sog. slow food muss kein luxus sein = auch beim thema "konsequent selbst kochen" & essen ist mE etwas bescheidenheit, aufmerksamkeit und phantasie immer aktuell.

     
 
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