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Burn-out: Ralf Rangnick hat Glück gehabt

23 Sep

Der Bundesligatrainer Ralf Rangnick hat sich öffentlich zu seinem Burn-out bekannt. Das ist extrem schwierig und ungewöhnlich, denn im Regelfall hat ein Betroffener weder die Möglichkeit noch, vor allem, die Kraft dazu. Zwingende Voraussetzung für diesen Schritt ist eine aufgeklärte und aufmerksame Lebensumgebung.

Ein Burn-out kommt nicht plötzlich. Er bereitet sich schleichend vor; es wird immer schlimmer, bis ihm nichts mehr entgegengesetzt werden kann. Betroffen werden überwiegend „Macher“, Menschen, die ein Ziel haben, ein Vorhaben umsetzen und etwas bewegen wollen. Oft ist Idealismus, immer sind hohe Anforderungen an sich selbst Triebfeder und Begleitumstand. „Wenn man nicht alles selbst macht“ ist eine typische Bemerkung, nicht, weil sie sich für besonders toll halten, sondern weil sie glauben, nur so das Bestmögliche für ihr Ziel leisten zu können. Sie werden gern als Perfektionisten bezeichnet. Ihre Umgebung nimmt sie als außergewöhnlich aktiv, überzeugend, charismatisch wahr. Die Begeisterung für ‚ihr Ding‘ überträgt sich auf andere Menschen. Es ist kaum möglich, sich nicht von ihrem Enthusiamus anstecken zu lassen.

Diese Menschen werden als sehr stark wahrgenommen, und lange Zeit sind sie es tatsächlich. Weil vieles gelingt und damit die Anforderungen steigen, verändert sich langsam die Selbsteinschätzung. Die eigenen Kraftreserven werden überbewertet. Zunächst sind es kleine Vernachlässigungen der eigenen Person, indem beispielweise Ruhepausen ausgelassen werden oder Essen nur noch nebenbei stattfindet. Die eigentlich geliebte Arbeit beginnt allmählich, zur Belastung zu werden. Nach und nach werden – fast unmerklich – soziale Kontakt zurückgefahren. Erst ist es die abendliche Einladung, dann das Telefonat mit Freunden, schließlich ist alles zuviel. Der Rückzug geschieht über einen langen Zeitraum und immer mit so viel Liebenswürdigkeit, dass niemand etwas merkt. Die Umgebung stellt lediglich fest, „den/die sieht man ja gar nicht mehr“.

Mit dem Gefühl der Schwäche, des Versagens, ist der Betroffene allein. Er versteht nicht, was mit ihm los ist. Es lief doch alles so gut! Die Leistungsfähigkeit, physisch wie psychisch, geht gegen Null. Er befindet sich bereits in der Depression. Weil die Krankheit in unserer erfolgsorientierten Welt aber nicht vorkommen darf, weiß kaum jemand etwas darüber: Wie sie sich äußert, welche Anzeichen dafür sprechen und vor allen Dingen, dass es Hilfe gibt.

Der Burn-out – wenn er erkannt wird – kann schnell und erfolgreich behandelt werden. Der beste Weg ist der zur psychiatrischen Ambulanz. Dort werden mit Medikamenten die Symptome abgefangen, so dass der Kranke wieder handlungsfähig wird. Meist folgt eine Therapie, in der der offensive Umgang mit der Krankheit ebenso vermittelt wird, wie die künftige Vermeidung der Auslöser.

Treten Panikattacken auf, ist der Leidensdruck vielleicht hoch genug, um ärztliche Hilfe zu suchen. Andernfalls bleibt nur die Hoffnung, dass die Veränderung jemandem in der persönlichen Umgebung auffällt, der die richtigen Schlüsse zieht. Die Suizidgefahr ist hoch, weil der Betroffene keinen Ausweg mehr sieht; er nimmt nur noch sein Scheitern und den völligen Zusammenbruch seiner Gewohnheiten und Werte wahr.

Es wird Zeit, dass wir die Tatsache Burn-out zur Kenntnis nehmen. Wenn sich ein Bekannter oder eine Freundin entsprechend verhält, ihn/sie ohne falsche Zurückhaltung ins Taxi packen und mit ihm zur nächsten Ambulanz fahren oder sonstwie für Hilfe sorgen. Ralf Rangnick hat sehr viel Glück gehabt.

 
15 Kommentare

Verfasst von - 23. September 2011 in Leben, Menschen, Sport

 

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15 Antworten zu “Burn-out: Ralf Rangnick hat Glück gehabt

  1. Sabine Engelhardt

    23. September 2011 at 00:41

    Das mit der guten Behandelbarkeit halte ich nach fast 10 Jahren Erfahrung mit Ärzten und Psychiatrie für ein Gerücht. Und daß die Medikamente nicht bei jedem (gleich oder überhaupt) helfen, ist nun auch nichts Neues mehr, von den teils massiven Nebenwirkungen, die schneller als die Hauptwirkung eintreten und diese in Frage stellen können, gar nicht zu sprechen. Die Wirkung kann schon allein deshalb nicht eingeschätzt werden, weil man nicht einmal weiß, warum Antidepressiva wann und bei wem wirken.

    Spätestens, wenn man als Betroffener nicht 100%ig ins ärztliche Muster „Depressiver“ paßt, klappt das mit der Behandlung nicht mehr. Dann sieht man erst, wie dilettantisch und inkompetent die Damen und Herren Psychiater da drangehen: Sie haben ein starres Bild davon, wie ein Depressiver sich zu verhalten und zu sein habe, und auf dieses pauschale Bild ist die Therapie angepaßt. Wer nicht ins Schema paßt und daher auf Therapie und Medikamente nicht anspricht, ist halt einfach „selber schuld“.

    Mein Fazit ist jedenfalls, daß sich jeder Betroffene seine eigenen, individuellen Wege suchen muß, um mit der Krankheit fertigzuwerden. Echte ärztliche Hilfe gibt es nicht.

     
  2. bee

    23. September 2011 at 01:11

    Es bleibt zu hoffen, dass Rangnick auch weiterhin Anerkennung findet für seine Offenheit. Das wäre wenigstens ein positives Zeichen, dass sich seit dem Suizid von Robert Enke im Spitzensport die Wahrnehmung geändert hat und man psychische Störungen nicht mehr als Fehlverhalten ansieht.

     
  3. opalkatze

    23. September 2011 at 01:17

    Vermutlich sind die Erfahrungen sehr unterschiedlich, vor allem hinsichtlich der Dauermedikation. Aber was Burn-out angeht, muss ich jetzt mal ein paar Psychiater und Neurologen in Schutz nehmen. Mit Sicherheit sind sie so weit, dass sie eine hilfreiche Krisenintervention hinkriegen, und das waren sie auch vor 15 Jahren schon.

     
  4. opalkatze

    23. September 2011 at 01:20

    Jeder halbwegs geradeaus denkende Mensch wird vor seinem Verhalten höchsten Respekt haben. Damit setzt er nicht nur im Sport einen Maßstab, sondern macht vor allem Anderen Mut.

     
  5. Andreas

    23. September 2011 at 02:06

    Las ich nicht was von Ermütungssyntom? ist das mit burn-out identisch?

     
  6. opalkatze

    23. September 2011 at 03:52

    Das Dings heisst richtig (psycho-)vegetatives Erschöpfungssyndrom und ist nach ICD-10 mit Z73.0 codiert: Ausgebranntsein, Zustand der totalen Erschöpfung. Früher nannte man es auch vegetative Dystonie. Es handelt sich nicht um ein einheitliches Krankheitsbild, die Erscheinungs- und Mischformen sind außerordentlich vielfältig.

     
  7. altautonomer

    23. September 2011 at 09:14

    Anstelle einer Diskussion über Therapie, deren Nebenwirkungen und Heilungs-Chancen wäre doch eine Analyse der gesellschaftlichen Ursachen, des harten Konkurrenzprinzips im Fussball-Business (Gaz-Prom!!) und der „Kälte in den Umkleidekabinen“ angesagt. Phillip Lahm hat doch meines Wissens in seinem Buch bereits beschrieben, wie beziehungsunfähig und gleichgültig Profifussballer untereinander sind. Hier reden wir doch über das System des Spitzensport, das noch mehr solcher Opfer produzieren wird.

     
  8. opalkatze

    23. September 2011 at 10:05

    Ersetze ‚Fussball-Business‘ durch ‚XY-Business‘ … Im Sport wird es nur besonders sichtbar, weil es spektakulär ist: Sportler haben fit, dynamisch und Helden zu sein. In den Büros, Krankenhäusern, Redaktionen, Schulen, […] ist es aber nicht besser. Hör dich mal bei einer städtischen Feuerwehr um.

     
  9. Angela

    23. September 2011 at 11:30

    „Wenn sich ein Bekannter oder eine Freundin entsprechend verhält, ihn/sie ohne falsche Zurückhaltung ins Taxi packen und mit ihm zur nächsten Ambulanz fahren oder sonstwie für Hilfe sorgen.“ Da meinst Du wahrscheinlich das Endstadium, @Vera.

    Günstiger wäre es, wenn über die Situation, in der sich der Bekannte oder Freund oder Partner befindet, früher gesprochen werden kann. Dann kann die Reißleine früher gezogen werden, teilweise ohne ärztliche Hilfe (Beispiel: Ablehnen von Aufträgen).

    Wie beschreibt Tim Mälzer einen Teil der Symptome: Es könne sich „keiner vorstellen, wie das ist, wenn man beim Bäcker steht, fassungslos auf die Brötchen glotzt und sich total nackt fühlt vor der ganzen Welt.“ Wahrscheinlich können das mehr, als Herr Mälzer annimmt.

    Arbeitsüberlastung ist keine Randerscheinung. (Wobei auch hier sicherlich zu unterscheiden ist, ob man sich die Arbeitsbelastung selbst antut oder unter schlechten Bedingungen arbeiten muss.)

     
  10. Sabine Engelhardt

    23. September 2011 at 12:00

    Stimmt, das ist noch ein weiteres Thema. Aber „gute Behandelbarkeit“ fällt mir jedesmal als erstes in Auge, das kommt bei mir nach meinen Erfahrungen nur noch zynisch an. Wenn Depression/Burn Out so gut behandelbar sind, warum werden sie dann nicht (gut) behandelt?

    Zumindest hier in Düsseldorf scheinen die dafür angeblich so fitten Psychiater völlig inkompetent zu sein, dazu kommt, wohl um das zu überspielen, eine unglaubliche Arroganz. Allein schon die Tatsache, daß man sich vorher im Netz mal selbständig informiert hat, wird als Affront gesehen: Ein Patient hat gefälligst keine eigene Meinung oder keine fremden Informationen zu haben, denn nur der behandelnde Arzt hat immer recht (auch wenn er kilometerweit davon entfernt ist, überhaupt etwas zu begreifen).

    Was sie dagegen wirklich gut können: Krankenkassen abzocken und die Pharmaindustrie füttern. Darin sind sie unschlagbar.

     
  11. VonFernSeher

    23. September 2011 at 17:29

    @altautonomer

    Man kann sicherlich über so etwas reden, aber mit Burn-out hat das wenig zu tun. Das Syndrom trifft nicht weniger Menschen, die sehr geschätzt sind und die in einem guten kollegialen Umfeld arbeiten. Trotzdem hat das Ganze gesellschaftliche Ursachen. Es trifft ja nicht umsonst besonders viele Deutsche und Schweizer, und unter denen besonders viele Sportler, Lehrer, Ordnungshüter und Wissenschaftler. Wir müssen unsere Arbeitsethik ändern, aber behutsam, müssen es irgendwie schaffen unsere tollen Ideale zu behalten, aber von den überzogenen Erwartungen an den Einzelnen (auch an sich selbst) wegzukommen.

    Anfangen können wir damit, dass wir diese Menschen eben nicht hauptsächlich als Burn-out-Patienten betrachten, sondern als Mitmenschen, die jahrelang besonders viel gegeben haben und denen wir jetzt eine Zeit lang etwas mehr zurückgeben müssen. Aufmerksamkeitsökonomie mal anders.

     
  12. Robson Bottle

    2. Oktober 2011 at 00:58

    @VonFernSeher
    Wenn jemand (offenbar als „Bessermensch“) schon die Bezeichnung „Mitmensch“ bemüht, „burnt“ der „Mitmensch“ gleich ein wenig schneller! Was ist denn an „Patient“ so schlecht (und damit eben an der Anerkennung als Krankheit, die jeden erwischen kann)? Ich wäre lieber Patient eines kompetenten, vertrauensvollen Psychotherapeuten, als dass ich das scheinheilige Almosen ihr „Mitmensch“ sein zu dürfen, annehmen würde. Tut mir leid.

     
  13. Robson Bottle

    2. Oktober 2011 at 01:09

    @VonFernSeher
    Es trifft gerade auch viele, die – zumindest in der Selbsteinschätzung – jahrelang zuwenig gegeben haben und verzweifeln, weil sie die Erkenntnis plagt versagt zu haben („Midlife“! „Alles vorbei“! „Alles zu spät“!) Was machen sie mit diesen „Mitmenschen“?

     
  14. Robson Bottle

    2. Oktober 2011 at 01:16

    Wenn man sich „die Arbeitsbelastung selbst antut“, macht man das, weil man glaubt und weil einem eingeredet wird (vom Chef, von Kollegen, von Kunden, von Freunden, von der „Gesellschaft“ eben), dass es notwendig ist und das ist schon die „schlechte Bedingung“.

     
 
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