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„Es darf aber nicht so bleiben.“

27 Sep

Von Politikern wird erwartet, daß sie den Nutzen der Gesellschaft mehren und Schaden von ihr abwenden. Beispielweise sieht das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in seinen Artikeln 56 und 64 vor, daß der Bundespräsident, der Bundeskanzler und die Bundesminister einen Eid leisten, der folgende Verpflichtung enthält:
„Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden … werde …“
Diese Verpflichtung sollte auch im Bereiche der Naturwissenschaft und Technik gefolgt werden. Daß dieses bisher nicht geschah, ist keine Entschuldigung, ein Politiker muss sich wechselnden Bedingungen anpassen. Juristische Perfektion reicht nicht aus, um einen hochtechnisierten Staat Ende des zwanzigsten Jahrhunderts optimal zu organisieren. Naturwissenschaft und Technik waren in der Vergangenheit und sind in der Gegenwart „Terra incognita“ für die meisten unserer Politiker, es darf aber nicht so bleiben.

Mit ein bißchen Fleiß und Sachkenntnis kann man viele Beispiele dafür zusammentragen, wie die Unaufmerksamkeit unserer Politiker auf wissenschaftlicken und technischem Gebiet Schaden anrichtete und möglichen Nutzen nicht mehrte. Wohl das folgenschwerste Versäumnis ist in der nicht erkannten Bedeutung der Computertechnik und in ihrer nicht geschehenen Förderung zu sehen:

Im Jahre 1941 brachte der deutsche Ingenieur Konrad Zuse den ersten programmgesteuerten Computer in der ganzen Welt zur Funktion. Bis zum Jahre 1940 unterblieb jede Förderung seiner Arbeiten, ja, es wurde sogar noch zum Militärdienst eingezogen. Prominente Stellen hielten ihn für einen „a priori klar erkennbaren Schwindler“ [..]. Heute ist die deutsche Computer-Industrie international kaum konkurrenzfähig.

Es spricht nichts dafür, daß unsere heutige Wissenschaftspolitik aus diesen Fehlleistungen etwas gelernt hat, im Gegenteil, es wurde wohl selten so wenig „mit dem Pfunde gewuchert“ und es werden leichtsinnig geistige Potenzen vernächlässigt. Gemessen an dem, was Wissenschaftler und Ingenieure für unsere Gesellschaft geleistet haben, muß die Ausnutzung ihrer Leistungen durch unsere Politiker wohl als fahrlässig bezeichnet werden.

Aus gegebenem Anlass zitiert aus: Die informierte Gesellschaft, Karl Steinbuch, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1966, S. 27 ff (Zusammenfassung, PDF)

  • Gunnar Sohn: Die Oxymoron-Gesellschaft

    Das Internet bedroht die deutsche Positionselite – und die reagiert vehement: Mit Verboten, Aversionen, Regulierung. Immer ängstlich, und immer an der Zeit vorbei.

 
3 Kommentare

Verfasst von - 27. September 2011 in Blogs, Datenschutz, Kultur, Netzpolitik, Politik, Web 2.0

 

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3 Antworten zu “„Es darf aber nicht so bleiben.“

  1. VonFernSeher

    27. September 2011 at 01:35

    Das mit der Naturwissenschaft und Technik bezieht sich (nein, ich kenne den Kontext nicht) hoffentlich nur auf das Interesse der Politik und nicht darauf, dass Forscher ihre Arbeit zum Wohle eines bestimmten Volkes einsetzen. Ein Forscher forscht, weil er forscht. Und nur das ist am Ende zum Nutzen von allen (siehe Grünberg, gleiche Ecke).

    Zuse hat viel aus fehlendem unternehmerischen Geschick selbst verbockt, auch weil er auf falsche Produkte setzte. Dem hätte wohl eher viel früher eine Gründerwerkstatt geholfen. Das ist aber nur meine Meinung. Dass die deutsche Politik deutsche Technik nicht ausreichend bewerben und fördern würde, kann ich nicht erkennen. Es sollte vielmehr mal ein bisschen wieder weg von der Marktfähigkeit und wieder ein bisschen Richtung freie Forschung gehen.

     
  2. opalkatze

    27. September 2011 at 02:24

    Ging mir um die Tatsache, dass 1966 die Geisteshaltung der Politiker der heutigen vergleichbar war. Kontext für das Zitat unter dem Text in „Zusammenfassung“, für den Grund, es zu zitieren, der Kauder-Vorstoß Richtung Hadopi.

     
  3. VonFernSeher

    27. September 2011 at 19:25

    Schon klar, und mir ging es darum, dass die Geisteshaltung eines Ordinarius von 1966 vielleicht nicht ganz mit der heutiger Lehrstuhlinhaber vergleichbar ist. Die Äußerungen Kauders (K wie Kettenhund) nehme ich schon lange als das wahr, was sie sind: schwarzgelbe Testballons. Wenn man zurückbellt, hat man schon verloren. Bei solchen abgerichteten Reflexpolitikern hilft es nur, wenn man ein eigenes politisches Bild aufbaut und vertritt. Mit Gegenargumenten kommt man da nicht weit.

    Und Rotkäppchen so zum bösen Wolf: Du musst nämlich wissen, es tut weh, wenn du mich beißt. Und der böse Wolf so: Deine Omma.

     
 
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