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Renaissance der Blogs

08 Okt

Facebook und Google+ tun im Moment alles, um möglichst viele Leute zu verprellen. Bei Google befremdet vor allem die Inkonsequenz: Einerseits wird die Klarnamenpolitik unerbittlich durchgesetzt, andererseits muss man nur berühmt genug sein, um eine Ausnahme in Anspruch nehmen zu dürfen. Volker hat das hier verärgert beschrieben.

Immer mehr kreative, interessante und unterhaltsame Menschen finden sich bei Diaspora ein. Dieses „Vermögen“ geht den anderen Plattformen auf Dauer verloren, sie könnten absehbar zu Spammerforen verkommen – eine vor sich hin oszillierende SEO-Blase. Aber die kurzsichtige Politik hat auch Vorteile: Nach dem gefühlt 327. Abgesang auf die Blogs finden sich nun allenthalben deutliche Anzeichen für deren Wiederbelebung.

Mein Blog war immer die Basis, mein Zuhause. Die sogenannten sozialen Netzwerke (denn sie sind alles andere als das) habe ich benutzt, um mich zu vernetzen, Menschen kennenzulernen, mich mit anderen auszutauschen. Viele spannende Diskussionen haben sich dort ergeben, Interessengruppen sich gebildet. Wenn dadurch der eine oder andere Leser auch zu Kaffee gefunden hat, um so besser.

Die Netzwerke dienen der Information und der Eigenwerbung. Der größte Vorteil ist jedoch die Möglichkeit der schnellen Verbreitung eines Beitrags, einer Idee oder eines Anliegens. Das können Blogs in dieser Form nicht leisten. Texte brauchen Verbreitung. Kaum jemand käme noch auf die Idee, seine Blogbeiträge nicht zumindest über Twitter zu bewerben; das tun selbst Blogger, die dort sonst nie etwas schreiben. Die Erweiterung sind Facebook und Google+, sie erlauben die Diskussionen, die in 140 Zeichen nicht geführt werden können. Ob ein Text, eine Idee, hier oder dort Aufnahme oder Widerspruch findet, ist gleich.

Nun aber ändern sich die Voraussetzungen. Es scheint nicht mehr geboten, den beiden Großen seine Daten – als Personendaten, als Nachricht oder Meinung – zu schenken. Es liegt nahe, wieder mehr Gewicht auf das eigene Blog zu legen. Mit einfachen Systemen wie tumblr oder posterous kann sich jeder mit wenigen Handgriffen ein Blog, eine eigene Basis, einrichten, sei es zum Bildersammeln, um Gedichte oder Abhandlungen zu veröffentlichen. Wenn es etwas mehr sein darf, ist WordPress.com ein guter Einstieg.

Bereits vorhandene Blogs müssen sich mehr untereinander vernetzen. Aktionen wie Bloggingwettbewerbe bringen auf die Dauer nicht viel, es sei denn, sie werden von großen Blogs wie etwa der Mädchenmannschaft veranstaltet, die in die Breite wirken. Aufmerksamkeit wird durch immer neue Bezugnahme und Verlinkung auf einander, den Blick für verwandte Blogs, erzeugt.

Ein weiterer Vorschlag kommt von Sascha Lobo:

Wer baut ein WordPress-Plugin, das automatisch G+Beiträge samt Kommentaren in ein bestehendes WP-Blog einfliessen lässt?

Das wäre tatsächlich die Umkehrung bisheriger Gewohnheiten: Statt, wie bisher, Inhalte hinauszuschicken und die Zerfaserung in den Netzwerken in Kauf zu nehmen, die Vereinigung der Bezugnahmen im Blog. Ich weiß nicht, ob dafür ein Plugin ausreicht, aber die Idee geht in die richtige Richtung. Je größer die Vielfalt auf einem Blog ist, desto interessanter wird es. Menschen, die soziale Netzwerke ablehnen, bleiben nicht mehr ausgeschlossen. Die Möglichkeit der Veröffentlichung via Twitter und Diaspora bleibt bestehen – beides Netzwerke, die man guten Gewissens benutzen kann.

Für Google+ wünsche ich mir eine stringente Politik. Vielleicht raffen sich eines Tages die Nutzer auf, von jetzt auf gleich alle denselben Namen zu verwenden. Dazu müssten sich alle auf einen Namen einigen, und es müssten wirklich viele sein. Alternativ könnte der Gesetzgeber Google zwingen, sich an §13 Abs. 6 TMG zu halten:

(6) Der Diensteanbieter hat die Nutzung von Telemedien und ihre Bezahlung anonym oder unter Pseudonym zu ermöglichen, soweit dies technisch möglich und zumutbar ist. Der Nutzer ist über diese Möglichkeit zu informieren.

Da aber darauf die Nutzer wenig bis keinen Einfluss haben, bleiben zumindest im Augenblick nur die zähneknirschende Weiterbenutzung oder der Abschied. Ich werde zunächst noch dort bleiben und mit anderen versuchen, ob sich nicht doch etwas bewegen lässt.

Aber worauf wartet ihr? Schreibt Blogs, veröffentlicht eure Fotos, Comics und Gedichte und sucht nach Möglichkeiten, die Inhalte unter eigener Regie zu behalten. Twittert und kommt zu Diaspora, damit es zu einer echten Alternative wird. Je mehr Selbstbestimmung, desto besser.

 
19 Kommentare

Verfasst von - 8. Oktober 2011 in Blogs, Kultur, Netzpolitik, Web 2.0

 

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19 Antworten zu “Renaissance der Blogs

  1. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    8. Oktober 2011 at 05:14

     
  2. Frank Benedikt

    8. Oktober 2011 at 05:23

    Mal ehrlich – was soll denn das ganze Gedöns? Wenn wir einander was zu sagen haben, tun wir dies. Wenn es vertraulich sein soll, halten wir das so – wir sind ja nicht unerfahren. Deine Klagen kann ich nicht im geringsten nachvollziehen, zumal gerdae ich „etwas zu verbergen“ habe und „konspirativ“ bin. Das ist imho billigste „Netz-Junkie“-Weinerlichkeit – nix verstanden, das aber dann gründlich
    Grundsätzlich gilt: Wer etwas zu sagen hat, soll das Maul aufmachen – der Rest schweigt einstweilen besser. Für Allgemeinplätzchen (common cookies?) ist längst keine Zeit mehr.

    Was folglich die Scheisser von Google, Fakebook oder Diaspora versuchen, interessiert keinen Menschen mit auch nur dem Rest eines Herzens.

    Und wenn ich irgendwie an das Abo rankomme, kündige ich auch da – sorry, aber Du bist zu blind.

    Frank Benedikt

     
  3. BoleB

    8. Oktober 2011 at 09:47

    „Kaum jemand käme noch auf die Idee, seine Blogbeiträge nicht zumindest über Twitter zu bewerben; das tun selbst Blogger, die dort sonst nie etwas schreiben.“

    Ich wusste doch, dass ich was falsch mache… :-)
    Dank dir durfte ich ja jetzt auch einige Zeit bei G+ verbringen. Für mich ist es hauptsächlich eine Art zusätzlicher Feed-Reader mit dem Vorteil des direkten Kommentierens. Wenn dann demnächst die Unternehmensprofile kommen und all die Ennomanen rausgekickt werden, folge ich vielleicht dem Ruf zu Diaspora.
    Was das soziale an den Netzwerken betrifft, das ist ja eh nicht so meins. Allerdings bin ich gespannt: Vor der Berlin-Wahl hatte man ja auf G+ den Eindruck, die Piraten werden wer weiss wie viele Stimmen bekommen. Und dem war dann auch so. Jetzt hat man grad den Eindruck, am 15. Oktober wird der Teufel los sein. Schaun wir mal…

     
  4. Angela

    8. Oktober 2011 at 10:32

    Treffender Beitrag, Vera. Jetzt müssten nur mehr bekannte Netznutzer zu Diaspora wechseln, dann sieht’s irgendwann mau aus bei Google+ und Facebook.

    Facebook wird kritischer betrachtet, es tut sich was: http://www.taz.de/Streit-der-Woche/!79541/

     
  5. Christoph v. Gallera (@mittelhesse)

    8. Oktober 2011 at 12:30

    Liebe Vera,

    guten Morgen,

    Dein Text bringt es auf den Punkt und doch wieder nicht. Er stimmt und doch auch wieder nicht. Keine Sorge. Ich hätte ihn wohl auch so geschrieben. Und stünde vor dem gleichen Dilemma.

    ?????????????????? Was sollen die Sätze????????

    Des Rätsels Auflösung: Du als Bloggerin, ich als freier Journalist, der einen Kontrapunkt setzen will (und versuchen muss, von dieser Arbeit auch irgendwie zu leben) sind darauf angewiesen, wenn wir gehört, gelesen und gesehen werden wollen, uns im Netz irgendwie bekannt zu machen. Mittel dazu gibt es viele. Saubere und faire, die meistens länger dauern, wenn man nicht sowieso schon einen bekannten Namen im Netz hat, oder spektatkuläre Aktionen, provozierende Inhalte, zum Teil polemisierend, hin und wieder gar unter die Gürtellinie zielend. Das Ziel: Möglichst viele dazu zu animieren, auf die Seite zu gehen, Klicks zu hinterlassen. Das sorgt dann für das Anwachsen der Internetwährung (PageImpressions, Klicks, Verweilzeiten). Solange es die Social Media nicht gab, war das ein hartes Geschäft, kaum leistbar, wenn man hauptberuflich (als Journalist in dem Fall) für Zeitungen oder Funkmedien unterwegs war. Die Social Media haben das vor allem in den zurückliegenden 12 bis 18 Monaten temporeich vereinfacht. Schätzungsweise 22 Millionen aus Deutschland treiben sich bei Facebook rum, wieviele es bei Twitter sind, dazu liegt mir zumindest keine Zahl vor. Um sich Gehör zu verschaffen, ist das für jeden Medienmenschen (Blogger gehören m.E voll dazu) eine ideale Spielwiese. Weil man muss nicht mehr unbedingt wie ein aufgeplusterter Pfau daherkommen…..
    Facebook geriet schnell in die Kritik, dann zog Google+ nach. Nun bekommen beide ihr Fett weg. Und Diaspora soll es richten. Aber: Wenn ich die Nachbarn aus der tatsächlich regionalen Umgebung erreichen will, dort kann ich nicht unbedingt voraussetzen, das die für Diaspora Nerv haben. Ich kann froh sein, wenn sie es über WKW zu Facebook schaffen. Das andere Extrem: Sie sind in gar keinem Netzwerk. Was tun?

    Es geht ja nicht darum, dass Du, Vera, oder Roger oder Micha oder Hardy oder sonstige, die wir uns über Twitter, Facebook und im realen Leben in der Diskussion über die gleichen Themen kennengelernt haben, nun einen Feldzug gegen Facebook und Google+ lostreten und uns dann eben in Diaspora treffen. Ich glaube, dass wäre weiter kein Problem. Für uns jedenfalls nicht. Was machst Du aber mit eben jenen, die ich etwas weiter oben beschrieben habe. Ich möchte wetten, der/die normale Netzbürger-in, der/die sich entschlossen hat, Facebook zu nutzen („weil, das tun ja heute fast alle, gelle?) froh ist, wenn das läuft. Wenn dann noch etwas anderes kommt, wird’s vermutlich schwierig.

    Soweit bishierher die Frage, wen wir eigentlich wie mit Facebook, Twitter und Co erreichen wollen.

    Geht es rein ums technische, dann stellt sich allerdings die Frage: Was können wir verhindern, dass unsere Inhalte über Facebook und Co einfach zerfasern. Kommentare nicht mehr dort stattfinden, wo sie hingehören? Nämlich auf dem jeweiligen Blog oder Medium des Autors, der dort veröffentlicht hat? Deswegen finde ich Sascha Lobos Frage gut. Solche funktionierend Lösungen suche ich nämlich auch.

    Last but not least: Du sprachst über Verlinkungen unter Blogs. Ich ergänze das um Onlinemedien. Und erlaube mir auf Deinen Blog-Artikel zu verlinken, wenn ich im Mittelhessenblog dazu etwas geschrieben habe.

    Ich wünsche Dir und Deiner Katze einen schönen Sonnabend :-)

    Gruß aus Biebertal

    Christoph v. Gallera

    Mittelhessenblog.de

     
  6. Sabine Engelhardt

    8. Oktober 2011 at 13:07

    In der Aufforderung von Sascha Lobo, automatisch G+Beiträge samt Kommentaren in ein bestehendes (WordPress-)Blog zu übernehmen, sehe ich ein urheberrechtliches Problem. Nämlich mit den Kommentatoren, die es vielleicht gar nicht wollen, daß ihre Beiträge woanders hin übernommen werden. Sie haben ihre Kommentare bei G+ eingestellt und G+ damit viele Rechte gegeben, aber nicht dem Verfasser des Beitrags, den sie kommentieren, und auch keinem Dritten, der sein Blog damit aufpeppen will. Damit wäre ich also mal sehr vorsichtig.

     
  7. opalkatze

    8. Oktober 2011 at 13:45

    Ja, der Einwand kam auch schon. Es ging mir um die Idee, alles umzukehren und wieder – so weit möglich – auf Blogs verfügbar zu machen. Eigentlich heißt das ja nur, das Blog wieder zum Dreh- und Angelpunkt zu machen und ggf. zu verlinken. Das dämmert gerade so Einigen.

     
  8. opalkatze

    8. Oktober 2011 at 13:46

    Wär schön, aber ich hab meine Zweifel.

     
  9. opalkatze

    8. Oktober 2011 at 13:47

    Nee, WordPress.com kann kein Javascript.

     
  10. Corenn Nuavar (@c0r3nn)

    8. Oktober 2011 at 16:48

    Ich halte es eigentlich schon lange so. Meine Fotos lege ich entweder auf flickr (unter CC BY-SA) ab oder auf meinem Webspace (unter der gleichen oder einer noch freieren Lizenz). Bei Facebook habe nur einmal eine Handvoll Bilder hochgeladen und mich dann bei deren Bedingungen gefragt, ob ich noch ganz dicht bin ;)

    Ich persönlich habe bei Diaspora die Hoffnung, dort den kreativen Web-Wahnsinn zu finden, der auf den großen kommerziellen Seiten mehr und mehr weich gespült oder ausgefiltert wird.

     
  11. aloa5

    8. Oktober 2011 at 17:06

    Solch ein Plugin bringt auch nicht viel, da es nur one-way läuft und damit nur Kommentare auflaufen.

    Ich schätze Blogs werden vermehrt wie Zeitungen sein. Unterhaltungen finden woanders statt. Das mit der genannten Verbreitung ist ggfs. der Knackpunkt. Hir wird die Mund-zu-Mund-Propaganda augenscheinlich die Twitter-zuGoogle+ – Propaganda und die Kette wird mit jedem weiteren sozialen Netzwerk erweitert. Was gibt es nicht alles schon von SchülerVZ, StudiVZ von welchen man schon eine Weile eher weniger hört zu Twitter, WkW, Facebook, Google+, Diaspora, XYZ…. was morgen? iFace?

    Prinzipiell hat man das gleiche Problem wie jede Firma oder auch Zeitschriften auch welche versuchen (müssen?) dem Zeitgeist hinterher zu hecheln und überall präsent zu sein. Frei nach dem Motto – kaum ist man da sind alle anderen schon wieder weg, ist etwas anderes „in“. Da mache ich Euch aber nicht viel Hoffnung. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Bis jemand ein Plugin geschrieben hat ist die Karawane vermutlich schon weiter gezogen und man ist bereits etwas angestaubt.

    Grüße
    ALOA

     
  12. (,,,)---=^.^=---(,,,)

    9. Oktober 2011 at 14:52

    Das bedeutet wohl, dass demnächst erste Google+ Plugins für WordPress etc. auftauchen werden, die zumindest schonmal die Kommentare zu geteilten Artikeln auslesen und im Blog anzeigen können.

    Quelle, letzter Absatz

     
  13. daMax

    10. Oktober 2011 at 22:10

    Hi Vera,

    du schreibst „Bereits vorhandene Blogs müssen sich mehr untereinander vernetzen“. Das ist ein Gedanke, den ich immer wieder zu hören bekomme, aber keiner hat so wirklich eine Idee wie das vonstatten gehen soll. Vielleicht finden wir ja wieder zurück zu den guten alten Web-Rings ;) Durch G+ kennen die Leute ja nun schon mal die Idee von vernetzten „Kreisen“. Oder wir sammeln uns in Feedaggregatoren wie dem Imperium. Wie stellst du dir denn so eine engere Vernetzung vor?

     
  14. Sabine Engelhardt

    10. Oktober 2011 at 22:53

    Na, von alleine geht das nicht. Aber zum Beispiel, indem man gegenseitig kommentiert, sich in Artikeln verlinkt und sich gegenseitig in die Blogrolls einträgt.

    Aggregatoren sind ein weiteres Mittel, allerdings sollten sie IMHO nicht zu groß werden. Ich administriere zum Beispiel den Piratenmond mit, da stehen über 100 Blogs drin, das kann ja keiner mehr sinnvoll lesen. Da würde ich dann doch stärker themen- und fachbezogene Aggregatoren bevorzugen, wo sich gleiches zusammenfinden kann.

     
 
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