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Apfelernte in der Vulkaneifel

05 Nov

Es riecht schon deutlich nach Herbst. Tagsüber wird das letzte Brennholz für dieses Jahr gemacht. Nachts röhren die Hirsche auf der Hügelkette gegenüber so laut um die Wette, dass das Schlafzimmerfenster besser geschlossen bleibt. Es ist September, Zeit für eine besondere Unternehmung.

Apfelernte

© Thomas Schmidt

Nach dem Mittagessen fahren vier voll beladene Geländewagen auf den Hof und hupen, als stünde mindestens eine Herde Kühe im Weg. Es heißt aber nur: Wir sind da, beeil dich! Die Schürze, der Korb – wo, um Himmels Willen, ist dieser blöde Korb? Ah, hier. Los jetzt. Schnelle Begrüßung, Winken, Einsteigen, auf geht’s durch die Felder, durch die Auen: Die Dorffrauen fahren zur Apfelernte.

Obwohl früher Nachmittag ist, kann man nicht bis auf den Hunsrück sehen, dazwischen liegen leichte Nebel und die Mosel. Auf einem abgeernteten Feld lässt eine Touristenfamilie Drachen steigen, bei dem stetigen Wind genau das Richtige. Ilse erklärt von der Rückbank, Äpfel müsse man nachmittags pflücken, „dann ist der Vitamingehalt am höchsten“. Ilse hat schon viele Apfelernten erlebt. Mit ihren 76 Jahren zählt sie immer noch zu den Fittesten, und ihr Wort ist beinahe Gesetz.

Auf dem Parkplatz am Vulkan stehen viele Autos mit offenem Kofferraum, daneben Körbe und Kisten. Kinder wieseln und rufen durcheinander. Großes Hallo, es dauert, bis alle sich begrüßt haben. Fast 20 Frauen sind es dieses Mal. Elke hat eine Bekannte aus Trier mitgebracht, die sich für Mundraub.org engagiert. „Wir setzen uns dafür ein, vergessene Obstbestände wieder in Erinnerung zu rufen. Es verkommt so viel! Im Internet können die Funde auf einer interaktiven Karte eingetragen und abgerufen werden“, erklärt sie. Das finden alle gut und wollen sich zu Hause die Website ansehen. Kaum jemand geht hier ohne einen zusammengefalteten Beutel spazieren. Ringsum gibt es jede Menge „wilder“ Apfel- und Birnbäume, Brombeeren, Preiselbeeren, Schlehen und Quitten. Immer ist etwas zu ernten, das sich zu Mus, Gelee oder Marmelade verarbeiten lässt. Nur die aromatischen Walderdbeeren landen noch vor dem Heimweg im Mund.

Die Sonne scheint noch warm. „Frieren müssen wir ja wohl nicht“, schmunzelt Marianne. Alle nehmen ihre Utensilien auf. Die Kinder werden ein letztes Mal als Sammler, Träger und Läufer eingewiesen. Ein kleines Stück geht es bergan, unten funkelt das Maar in der Herbstsonne. „Hach, Zander … Ich muss mal Agnes fragen, wann sie wieder angeln geht“, murmelt Marianne genießerisch. Agnes holt Zander, Hecht, Schleie und Spiegelkarpfen aus dem Maar, und wenn sie Forellen aus dem örtlichen Bach räuchert, spricht sich das schneller herum, als der würzige Rauch aufsteigen kann.

Die Apfelbäume auf der weiten Hangwiese am Kraterrand sind Gemeindeeigentum, ausschließlich alte Sorten wie Trierer Roter und Holzäpfel. Es riecht nach Erde, Baumrinde und Gärung. Unter den Bäumen verrotten die Früchte, die im Juni abgeworfen wurden, weil sie nicht ausreichend befruchtet waren. Alle haben festes Schuhwerk an, dem der Matsch, wenn man reintritt, nichts anhaben kann. Die meisten tragen Ernteschürzen. Wenn die großen Taschen vor dem Bauch gefüllt sind, sieht man aus wie ein Känguru.

Die Männer haben gestern Abend schon Kisten und die Leitern herauf gebracht und zum Teil angesetzt. „Auf die Bäume, ihr Affen!“ befiehlt Ilse lachend, und alle gehorchen, ebenso lachend. Zuerst werden die schweren Äste geschüttelt und die herabgefallenen Äpfel aufgelesen. Die Kinder bilden eine lange Läuferkette und tragen die vollen Körbe zur Sammelstelle, wo sie in die Kisten umgeschüttet werden. Der Duft ist unbeschreiblich, er würde manchen Parfümeur inspirieren. Wanderer kommen neugierig herauf, bitten um einen Apfel und sehen bei der Arbeit zu. Die Frauen grinsen sich verstohlen an: Städter, für die ist das eine Attraktion.

„Werden die Äpfel eingekellert?“ fragt einer. „Nein. Ausgepresst.“ kommt es knapp zurück. Stutzen, dann „Gibt das Apfelessig?“ Nach dem allgemeinen Gelächter kommt die Antwort: „Nein, viel besser. Wir machen Viez!“

Viez ist ein ziemlich säurehaltiger Apfelwein und seit der Römerzeit in der Moseleifel und an der Saar ein Kulturgetränk. In den alten Dörfern gibt es noch große Apfelpressen, die mit Muskelkraft betrieben werden. Zur „Press“ trifft sich das ganze Dorf. Etwa anderthalb bis zwei Stunden lang wechseln sich die Männer beim Pressen ab. Unterdessen bereiten die Frauen zu Hause Salate vor, die nach der Arbeit zu Schwenkbraten vom Gemeindegrill gemeinsam verputzt werden; dazu gibt es Helles vom eigens angekarrten Bierstand der nahen Großbrauerei – Viez mag jetzt wirklich niemand. Ehrensache, dass man so verschwitzt und leicht verdreckt, wie man ist, die ganze Zeit da bleibt. Die Grillschwaden hüllen alle auf dem kleinen Dorfplatz ein und fügen dem ganzen noch eine Räuchernote hinzu.

Zum Vergären kommt der frisch gepresste Apfelsaft in alte Holzfässer oder große, grünliche Gärballons. Dort bleibt er drei bis vier Wochen, ehe er auf Flaschen gezogen wird. In manchen Orten stoppt man die Gärung durch Zugabe von Schwefel, dann wird süßer Viez daraus. Getrunken wird er aus der Viezporz, einer hohen, geraden Keramiktasse oder einem Tonkrug von 0,2 oder 0,4 Liter Inhalt. Wem es zu sauer ist, der mischt mit Apfelsaft – riecht herrlich und schmeckt sehr erfrischend. Wer ihn pur trinkt, muss aufpassen: Der Viez kann beachtliche 13 Volumenprozent Alkohol erreichen. Allerdings macht sich das erst bemerkbar, wenn man sich vom Stuhl erhebt und einige Schritte tut …

Mittlerweile sind alle Frauen in den Bäumen und pflücken. Eigentlich müsste es drehen heißen, denn die Äpfel werden gedreht, bis sie sich vom Ast lösen. Es ist ruhiger geworden, ab und zu kichert jemand, weil die Blätter kitzeln. Ein paar Kinder fangen an zu quengeln, ihnen ist langweilig. Die Ausbeute ist jetzt nicht mehr so hoch, außerdem bekommen die fleißigen Helfer langsam Hunger. Die Sonne steht nah über dem Kraterrand, das Dorf liegt schon im Schatten, und die Wiese beginnt, feucht zu werden. Elke hat ein Einsehen mit den Kindern und läuft mit ihnen zum Parkplatz. Irgendwo auf den Ladeflächen findet sich Süßes und Herzhaftes gegen den kleinen Hunger. Mariannes Jüngster kommt mit einem prachtvollen Schokoladenmäulchen zurück.

Ilse mahnt zur Eile, „es wird schon früh dunkel“. Es ist jetzt halb sechs, die Männer wollen gegen sechs hier sein. Nach und nach kommen die Frauen wieder zum Vorschein, geschafft, aber gut gelaunt. Die letzten vollen Körbe werden in die Kisten geleert. Jede sucht ihren Kram zusammen. Die klebrig gewordenen Schürzen kommen alle in eine Kiste, die nimmt Silke mit: „Ich muss sowieso für die Fußballmannschaft waschen“. Alle haben durchgeschwitzte Haare und ganz harzige Hände.

Zufrieden und ein bisschen müde macht sich die Karawane auf den Weg nach unten. Die vollen Obstkisten holen nachher die Männer mit dem Trecker. „Machen wir noch was?“ fragt Elke. Die meisten rufen: „Ja! Duschen!“

***

Wenn es euch gefallen hat: Der Flattr-Button steht jetzt unter jedem Text, ganz links der grüne und der orange um-die-Ecke-Pfeil. Hier habe ich noch einen kleinen Nachtrag geschrieben.

 
10 Kommentare

Verfasst von - 5. November 2011 in Frauen, Leben, Mensch bleiben, Schön!, Unterwegs

 

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10 Antworten zu “Apfelernte in der Vulkaneifel

  1. Roger Burk

    5. November 2011 at 13:44

    Schöner Artikel!

     
  2. wiegold

    5. November 2011 at 14:42

    Hat mich doch glatt motiviert, auch was aus dem Herbst aufzuschreiben, was schon Wochen drauf wartete…

    http://wiegold.wordpress.com/2011/11/05/herbstritt-nach-ribbeck/

     
  3. Angela

    5. November 2011 at 16:27

    Schön!

    Ilse, Elke, Marianne, Agnes… :)

    Jo, der Herbst auf dem Lande hat was. *seufz*

     
  4. Stefan

    5. November 2011 at 17:55

    Schöner Artikel. Bis auf den Maar, hätte die Geschichte auch im Hunsrück spielen können. Danke, dass ich miternten durfte, ohne mich anzustrengen ;-)

     
  5. Lakritze

    5. November 2011 at 19:44

    Schöner Text.

    Ich würde gern flattrn, aber nicht per Internet. Geht das auch anders?

     
  6. vilmoskörte

    6. November 2011 at 14:12

    Schöne Geschichte! Nix gegen Viez, aber Äpfel essen und unvergorenen Apfelsaft macht ihr doch wohl auch, dort in der Vulkaneifel?

     
  7. opalkatze

    6. November 2011 at 14:17

    Oh ja, und Apfelkuchen, Apfelpfannkuchen, Apfelbeignets, Apfelschnee, Zimt-Apfelkompott oder Berliner Leber mit Apfel- und Zwiebelringen …

     
  8. opalkatze

    6. November 2011 at 14:18

    Ich nehme gern den Willen für die Tat und freu mich auch so :)

     
 
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