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Bildung – setzen, sechs

09 Nov

Also, ich halte diese Debatte über Bildung ja für Blödsinn. Haha, reingefallen! Diese Debatte findet gar nicht statt. Seit den siebziger Jahren wird am Bildungssystem herumgedoktert. Die Auswirkungen sind auf allen Ebenen zu besichtigen. Vor 30 Jahren war ich noch entsetzt, als eine meiner Praktikantinnen, Realschülerin, nicht wusste, wer Goethe ist. Heute freue ich mich schon, wenn es jemand richtig schreibt.

Erziehungskompetenz ist immer weiter von den Eltern auf die Schulen übertragen worden, mit eingebauter Lizenz zum Wehklagen, dass die Lehrer nicht leisten, was sie gar nicht leisten können. Die Fortsetzung des Kinder vor dem Fernseher Parkens mit anderen Mitteln.

Die neuen Medien sind nun wirklich nicht mehr neu, trotzdem gibt es nicht einmal annähernd flächendeckend Computer an Schulen. Medienkompetenz wird nicht gelehrt, statt dessen klagt BLÖD mindestens jede Woche einmal über das böse Facebook. Mobbing und Lehrerbashing sind weitere Lieblingsthemen. Nach den Gründen wird nicht gefragt. Eltern lassen ihre Kinder mit dem Computer alleine und wundern sich, wenn die dann fragwürdige Bekanntschaften machen. Statt Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen, überlässt man die Kleinen lieber Netzcomics, in der Zeit kann man ja so viel Interessanteres machen.

Sinnvolle Fächer wie Haushaltsunterricht wurden nicht etwa zeitgemäß neu gestaltet, sondern abgeschafft. Dafür wird anhaltend über die Verbreitung von convenience- und junk food geklagt. Und wie soll man einen Knopf annähen, wenn man es nicht gelernt hat? Stopfen und flicken ist eh nicht mehr in Mode, die Idee der Wegwerfgesellschaft hat sich gründlich durchgesetzt. Das wird beklagt, dem aber nichts entgegengesetzt.

Was an Geldern in den Sand gesetzt wird, hat Frontal 21 in seiner Sendung vom 8. November aufgezeigt, ein weiteres Gesellenstück des unsichtbaren Ministeriums Schavan. Der nano-Truck wird als tolle Errungenschaft gefeiert, dabei ist das teure Projekt weniger als ein Tröpfchen auf einem heissen Stein. Die Website des Bildungsunministeriums ist die Selbstbeweihräucherung schlechthin , auf der Startseite findet sich nichts als Absichtserklärungen, eine einzige lange Liste pressemitteilungsähnlicher Texte. Auf den Seiten von bildungsklick der Journalistin Ute Diehl (PDF) finden sich die Informationen, die auf den BMBF-Seiten zu erwarten wären.

Zwei weitere Unministerinnen haben das Betreuungsgeld erfunden, Schwachsinn in Reinform:

Der jungen Ministerin muss man ihren geringen Wirkungsgrad beim Rollback auf ihrem Politikfeld nicht vorwerfen. Ihr fehlen Erfahrung und Autorität. Ihre Berufung vor zwei Jahren machte deutlich, welchen geringen Stellenwert die Kanzlerin der Familienpolitik zumisst. Deshalb hat es wohl eine traurige innere Logik, dass der Koalition nun die Gesichtswahrung der CSU wichtiger ist als eine Zukunft, in der möglichst viele Kinder bessere Chancen haben. (ZEIT online)

Noch so ein Schwachsinn ist das Hartz IV-Bildungspaket:

Alle anderen Leistungen wie Nachhilfe oder Zuschüsse zur kulturellen und sportlichen Teilhabe wurden von vorneherein falsch angelegt. Entweder sind die Hürden zu hoch oder die Zuschüsse zu gering, als dass die Eltern die Leistungen überhaupt in Anspruch nehmen könnten. Selbst für das von Frau von der Leyen eingerichtete Beratungstelefon zum Bildungspaket werden happige Gebühren genommen, die eindeutig abschrecken. (Dr. Ulrich Schneider, Paritätischer)

Dass Lernen in Gruppen und Projektunterricht zielführend sind, ist seit Jahren bekannt. Über Modellversuche ist man dabei nicht hinaus gekommen. Der gute alte Frontalunterricht ist immer noch das Mittel der Wahl; dicht vorbei ist auch daneben. Seit Jahren wird über den schlechten Ausbildungsstand von Schulabgängern geklagt, aber Fachkräfte sucht man lieber im Ausland, als für bessere Bildung im Inland zu sorgen. Die Unternehmen, die so klagen, sollten sich lieber endlich für die Umsetzung von Merkels 2008 vollmundig angekündigter Bildungsoffensive stark machen. Worte wie Exzellenz-Initiative sollten nach der Bologna-Reform nur noch sehr, sehr vorsichtig benutzt werden. Und dieser Bericht zeigt, dass es höchste Zeit wird, etwas zu ändern.

 
24 Kommentare

Verfasst von - 9. November 2011 in Politik

 

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24 Antworten zu “Bildung – setzen, sechs

  1. Oliver

    9. November 2011 at 10:07

    Tjoah … ja, in allen Punkten! Allerdings wie das mit Pauschalierungen so ist, es sind halt Pauschalierungen. Es gibt viele Lehrer und Eltern da draussen, die sich kümmern, aber es sind zu wenig und vieles wird von Aussen in die falsche Richtung gelenkt.

     
  2. Enno

    9. November 2011 at 10:27

    „Dass Lernen in Gruppen und Projektunterricht zielführend sind, ist seit Jahren bekannt. Über Modellversuche ist man dabei nicht hinaus gekommen.“ Eine mir eng befreundete Grundschullehrerin versichert glaubhaft, dass das schon seit vielen Jahren nicht mehr stimmt und sehr wohl Gruppenunterricht gemacht wird. Sogar ich hatte in den frühen 80ern schon welchen. Das Goethe-Beispiel fühlt sich schlimm an, ist aber Bildungskanon-Denken. Der Lehrplan ist eben nicht beliebig vollstopfbar und im Deutschunterricht kommt Goethe seit Jahrzehnten erst in der Oberstufe. Und Menschen, die Literatur und Hochkultur – zumal klassische – ignorieren, hat es zu allen Zeiten gegeben, genauso wie diejenigen, die innerhalb kürzester Zeit fast alles vergessen, was sie in der Schule gelernt haben. Das ist alles andere als neu und ebenso schlimm das Gegenteil: die Waldorfschule, an der Goethes Farbenlehre gelehrt wird statt Physik. Man kann auch nicht über Goethe und Kultur reden, ohne über Mathematik und Naturwissenschaften zu sprechen, und gerade da ist das Wissen, das heute fürs Abitur verlangt wird, erheblich viel mehr als zu meiner oder deiner Zeit. Wir können allenfalls traurig sein, dass heute der Lehrplan stärker nach ökonomischen Gesichtspunkten gewichtet ist. Die Aussage ist so ungefähr: Ungebildete Schichten sind ungebildet. Am Rande: Werken sowie Handarbeiten waren Fächer, in denen ich vor allem gelernt habe, dass ich das nicht können will und eine Kultur sehr schätze, in der ich das auch nicht können muss. Ich glaube, einiges an „Schulbashing“ ist längst zur Phrase verkommen. Ja, Bildung ist unglaublich wichtig und ja, wir können gar nicht genug dafür tun. Entschuldige Vera, vermutlich ist das ein Generationending und meistens bin ich ja deiner Meinung, aber Spenglerismen hängen mir mittlerweile sowas von zum Hals heraus, zumal das Abendland längst in Auschwitz untergegangen ist.

     
  3. opalkatze

    9. November 2011 at 10:48

    Mehr Kommentare gibt es bei Google+.

     
  4. opalkatze

    9. November 2011 at 10:48

    Muss ich mal sacken lassen. Aber wirf mir nie Spenglerismen vor, da krieg ich Hautausschlag von.

     
  5. Sabine Engelhardt

    9. November 2011 at 11:52

    Die Ökonomisierung ist durchaus nicht zu vernachlässigen. Wenn die ureigenen Interessen von Kindern völlig vernachlässigt werden, können sich bereits Kinder nicht frei entfalten. Ich habe es gewagt, in der Schule die Frage zu stellen: „Warum soll ich das lernen?“ — ich habe keine befriedigenden Antworten bekommen. Die Frage „warum kommt Thema X nicht dran“ war für die Lehrer einfacher: „Das steht nicht im Lehrplan bzw. im Lehrbuch.“ Zufrieden war ich auch damit nicht gewesen …

    @ennomane: Ich hatte Hauswirtschaftsunterricht in der Realschule, und ich bin froh drum. Handarbeiten kann ich zwar heute noch nicht, aber im Bereich Küche/Kochen hat mir das sehr viel gebracht. Es ist erschreckend, daß junge Leute heute nicht mal mehr wissen, was ein Sparschäler ist oder wie man eine Reibe benutzt (ja, selbst erlebt).

    Über die angebliche Abwesenheit von Physik im Waldorfunterricht (ich kann’s nicht überprüfen) mag man lästern; meine Realität ist, daß ich in Sachen Naturwissenschaften generell zwar einiges an Informationen reingestopft bekommen sollte, aber nichts davon war für mich „zu gebrauchen“ oder irgendwie weiterführend. Genauso wie in den meisten anderen Fächern kamen die Themen unzusammenhängend und die Inhalte abstrakt rüber. „Was soll ich damit?“ Ich hab es gelassen. Entsprechend sahen meine Zeugnisse aus. Gute Noten hatte ich nur, wenn mich etwas interessierte. Natürlich habe ich auch das meiste vergessen, was dort gelehrt wurde, aber der Punkt ist: Ich vermisse es auch nicht! Es war für mich schlicht überflüssig!

    Damals wie heute wurde EIN wichtiger Punkt vergessen: Man lernt nicht, wie man sich Informationen beschafft, sie sortiert, sie bewertet und schließlich selbständig lernt. Aber das ist ja auch nicht gewünscht von Schülern, die später gefälligst tun sollen, was ihnen ihr Arbeitgeber vorsetzt. Nicht nachdenken, und schon gar nicht was dagegen sagen. Das ist unerwünscht.

     
  6. A.

    9. November 2011 at 16:04

    Mobbing und Bildungspolitik

    Mobbing, auch durch Lehrer, kann durchaus ein Thema sein:

    Wir hatten den Fehler gemacht, unseren Sohn, nicht getauft (!), auf einer katholischen Grundschule anzumelden. Nachdem seine Klassenlehrerin wegen Schwangerschaft ausgefallen war, die Vertretungen chaotisch geregelt waren, kein Lehrer sich für die Klasse zuständig fühlte, drangsalierten zwei Jungs einige Kinder, darunter unseren Sohn. Unser Sohn wandte sich an Lehrer; wir taten dies auch. Nichts passierte. Irgendwann wurde unser Sohn selbst zum Störer. Die damalige Rektorin leitete ihm gegenüber, kurz vor ihrem Ruhestand (!), ein Förderschulverfahren (!) ein, da sie auf der einen Seite nicht verstehen konnte, dass er ein guter Schüler war, auf der anderen Seite den Unterricht störte. Es irritierte sie, dass unser Kind schon so viele Bücher gelesen hatte und in der zweiten Klasse selbst anfing, eine lange Geschichte zu schreiben. Sie diagnostizierte (!) Asperger! Und der Schulhorror begann.

    In NRW können Rektoren gegen den Willen der Eltern ein Förderschulverfahren in Gang setzen. Als Gutachter wird jemand bestimmt, der hinterher selbst die Maßnahmen durchzuführen hat. Der Förderschullehrer war vorher für einen Jungen in der Klasse unseres Sohnes als Integrationshelfer tätig. Unser Sohn hatte sich damals hilfesuchend an diesen Förderlehrer gewannt, weil er von dem verhaltensauffälligen Kind im Nebenraum einer Umkleidekabine gewürgt wurde. Vergeblich. Der Förderlehrer hat unseren Sohn nicht ernst genommen. Als Mutter habe ich ein merkwürdiges Gefühl, merkwürdige Gedanken gehabt: Dieser Förderlehrer will sich unseren gutaussehenden Sohn schnappen – mir schwirrten durchaus Worte wie „pädophil“ im Kopf herum – und hat deshalb als Pseudo-Fachmann die Rektorin in ihrer Annahme, ein verhaltensauffälliges Kind mit Asperger-Syndrom in ihrer Schule zu haben, bestärkt. Das mag übertrieben sein, aber ich werde dieses Gefühl bis heute nicht los. Mein Mann ebenfalls nicht.

    Unser Sohn hat – wie Fachleute diagnostiziert haben – kein Asperger: er litt unter den Wirkungen des Mobbings durch verhaltensauffällige Schüler und (Förder-)Lehrer; er ist überdurchschnittlich begabt. Ein interessiertes, normales Kind, welches für sein Alter intellektuell viel weiter ist. Lösung: Schulwechsel. Soviel zum ‚Lieblingsthema Mobbing‘.

    Mein Anliegen zum Thema Bildungspolitik: Wir als Eltern (mit beauftragtem Rechtsanwalt) konnten unseren Sohn aus dem Schulhorror raushauen. Was passiert mit Kindern, deren Eltern dazu nicht in der Lage sind?

    Forderungen an Bildungspolitiker in NRW:
    1. Gegen eingeleitete Förderschulverfahren müssen Eltern ein Rechtsmittel haben!
    2. Gutachter dürfen wegen möglicher Befangenheit niemals diejenigen sein, die die Fördermaßnahmen hinterher umzusetzen haben!

     
  7. opalkatze

    9. November 2011 at 18:17

    Vermutlich beeinflusst das ländergesteuert unterschiedliche Schulsystem meine Wahrnehmung. Die Menschen mit Kindern/Enkeln, die ich näher kenne, kommen aus NRW und RP, nicht eben die fortschrittlichsten Länder in der Bildungspolitik. Von Familien aus BW und BY höre ich Anderes, mehr Einzelförderung, aber auch noch höherer Leistungsdruck. Aber das wäre eine andere Geschichte, allerdings käme auch darin Bologna vor.

    Ich betreibe kein Schulbashing, sondern finde einfach unser Flickerlschulsystem sowie die nie erfüllten Versprechungen der Politik höchst fragwürdig. Es wird nur gesagt, es solle etwas für mehr Bildung getan werden, es passiert: Nichts.

     
  8. opalkatze

    9. November 2011 at 18:19

    Ja. Hab ich fast genau so erlebt, hatte allerdings ein paar tolle Lehrer.

     
  9. opalkatze

    9. November 2011 at 18:23

    Interessant, sehr Ähnliches habe ich auch von Freunden gehört. Dass das Förderschulverfahren immer noch in dieser Weise besteht, ist ein Skandal. In RP wäre ein Schulwechsel nicht so leicht möglich, weil es in der Fläche einfach nicht genügend Schulen gibt.

     
  10. A.

    9. November 2011 at 19:01

    Ja, ein Skandal. Die FDP hat damals Reformen im Landtag blockiert. Seitdem hat sich nichts getan… Wer (als Kind) nicht passend ist, wird passend gemacht oder ausgesondert. Diese Denke haben die (meisten) Deutschen noch nicht aufgegeben. 

    ((Für uns war das eine schlimme Erfahrung, zumal die Situation(en) völlig falsch eingeschätzt wurden. Ich begreife bis heute nicht, wie die zuständige Schulrätin dem Anliegen einer anderen Mutter und meinem Anliegen nicht nachgekommen ist, wenigstens zurück zu rufen, damit wir als Eltern darüber informiert werden, wie eine Vertretung für die Klassenlehrerin gefunden werden kann. Dann hätte Schlimmeres vermieden werden können. So gab es keine Vertretung. Grundschulklassen ohne Klassenlehrer? Was für ein Versäumnis! Was für eine überhebliche Haltung der Schulaufsicht gegenüber den besorgten Eltern!  

    Ein Schulwechsel war bei uns auch schwierig, da die neue gute Regelschule sich in einem anderen Bezirk befindet und in Abstimmung mit der neuen Rektorin, die Absicht gegenüber der Stadt im neuen Schulbezirk bekundet werden musste, einen Umzug in den neuen Bezirk vornehmen zu wollen. Lügen fürs Kind, in Absprache mit einer Schulleiterin – aus der Not heraus. Unser Kind hat das große Glück, nun eine Spitzenlehrerin zu haben.))

     
  11. opalkatze

    10. November 2011 at 03:23

    Hört sich eher nach finsterstem Mittelalter an!

     
  12. VonFernSeher

    10. November 2011 at 16:27

    [Ich schicke den jetzt nochmal ab, wenn er zweimal auftaucht, ist der andere von gestern abend.]

    @Enno
    Du machst mir Angst, denn in der letzten Zeit lese ich immer mehr Sachen, denen ich zustimmen kann und will und also muss. Hättest du den letzten Satz weggelassen, dann könnte ich das vorbehaltlos unterschreiben.

    1. Deutsche Schulen sind weitaus besser als ihr Ruf. Im Ausland werden sie hochgeschätzt; vor Ort ansässige deutsche Schulen sind oft hoch angesehen, obwohl sie selten das Niveau der Schulen in Deutschland erreichen. SIcherlich gibt es viel zu verbessern, aber das Potential liegt weniger beim Inhalt oder Lehrpersonal als in den Strukturen und Schulkonzepten.

    2. Dass man in den Schulen Gruppen- und Projektarbeit allenfalls im Modellversuch anwendet, ist verleumderisch. Schon meine Lehrer in der Sekundarstufe haben fast alle die verschiedenen Unterrichtsformen strukturiert und mit Bedacht eingesetzt; und von denen sind wiederum viele jetzt schon pensioniert. Wenn es die jüngere Generation vollständig anders machte, sollte mich das wundern.

    3. Haushalt, Werken und Handarbeit waren noch nie sinnvolle Schulfächer, genauso wenig wie Moped reparieren, Fliesen legen und Intimpflege. Aber das hatten wir ja schon einmal.

    4. Doch, es gibt eine Debatte über Bildung, schon immer und fortwährend. Dass die Presse sie nicht oder nur bruchstückhaft aufgreift, ändert nichts an ihrer Existenz. Der Bologna-Prozess ist ein Beispiel dieser Debatte und außerdem dafür, wie ein gut durchdachtes Konzept von Politikern und Einzelinteressen zerschossen wird, bevor man es auch nur ausprobiert hat. In den Bologna-Prozess, der zurecht Prozess heißt, waren übrigens zum meines Wissens allerersten Mal alle relevanten Gruppen unionsweit eingebunden. Es gab hehre Ziele, leidenschaftliche Debatten und ein echtes Ringen um das Ideal, ganz so, wie man es immer von (werdenden) Akademikern erwarten sollte. Die Bachelor-Master-Umstellung ist nicht der Bologna-Prozess.

    @opalkatze
    Meine deutschen Ausbildungsstätten lagen übrigens ausnahmslos alle in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.

    [OT Woher kommt diese ausgeprägte und systematische Verkennung des Bindestriches unte Journalisten? Das Kinder-vor-dem-Fernseher-Parken hat doch unverkennbar eine gegenständliche Funktion, sowie z.B. auch die Gute-Nacht-Geschichte. Schöner wäre nebendem: das Parken der Kinder vor dem Fernseher, wie in ‚die Fortsetzung des Parkens der Kinder vor dem Fernseher mit anderen Mitteln‚.]

     
  13. VonFernSeher

    10. November 2011 at 16:43

    Über die angebliche Abwesenheit von Physik im Waldorfunterricht (ich kann’s nicht überprüfen) mag man lästern; meine Realität ist, daß ich in Sachen Naturwissenschaften generell zwar einiges an Informationen reingestopft bekommen sollte, aber nichts davon war für mich „zu gebrauchen“ oder irgendwie weiterführend. Genauso wie in den meisten anderen Fächern kamen die Themen unzusammenhängend und die Inhalte abstrakt rüber.

    Unzusammenhängend ist natürlich nicht so optimal, aber genau das mit den abstrakten Inhalten soll man ja in der Schule lernen. Darauf müssen die Schüler aber vorbereitet werden, sie müssen lernen lernen. Gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich erschließen sich viele Zusammenhänge eben erst durch die gelernte Theorie. Die Schemata für solches Arbeiten zu lernen muss mit zur Schulbildung gehören und kann nicht immer (ok, sehr oft nicht) Spaß machen. Wenn ein Lehrer erzählt, bei ihm hätte auch nur ein Schüler jeden Tag durchgängig Spaß am Unterricht, dann lügt er höchstwahrscheinlich, genauso wie der Erwachsene, der erklärt, er hätte nie wieder etwas von der Schulmathematik oder -physik gebraucht.

    Ich bin übrigens auch kein Freund von Waldorfschulen, aber dort gibt es mit Sicherheit auch so etwas wie Physikunterricht, vielleicht unter anderem Namen, z.B. im sog. Hauptunterricht (eine Art gemeinschaftlicher Blockkurs).

     
  14. http://www.lebens-phase.de/forum/forum.php

    10. November 2011 at 18:28

    @A

    genauso empfinden wir das ebenfalls

    @all

    Fünf Buchstaben und die Zahlen/Ziffern 0 – 4 – die „Ausbeute“ seit Einschulung in einer ersten Klasse in einer norddeutschen Stadt. Noch Fragen? Die Kinder, die sich langweilen, da gut gefördert – und demzufolge stören, haben halt Pech. Wenn sie zu heftig stören, werden sie ihrerseits zu „Förderkindern“ also einfach „entsorgt“.

     
  15. haekelschwein

    11. November 2011 at 13:27

    Es gab wahrscheinlich noch keine Generation, die nicht den Verfall der Schulbildung beklagte und die eigene Jugend im Nachhinein verklärte. Ich kann das auch an mir selbst bisweilen beobachten. ;) Und obwohl man eine lückenlose Reihe dieser Klagen aufstellen könnte, ist es doch arg unwahrscheinlich, dass die Schulen seit Jahrhunderten immer schlechter werden, während Wissenschaft und Technik stetig voranschreiten. So wird es sich also eher um eine selektive Wahrnehmung handeln, die neutrale Unterschiede negativ bewertet und Verschlechterungen deutlicher erkennt als Verbesserungen. Ähnlich geht es uns ja, wenn wir über die heutige Musik reden.

    Ich habe noch meine gesamte Schulzeit ohne Internet verbringen müssen. Um englischsprachige Zeitungen zu lesen, hätte ich viel Geld in der Bahnhofsbuchhandlung oder viel Zeit in der Bibliothek investieren müssen und nicht einfach meinen Computer aufklappen. Englische Korrespondenz erforderte damals Brieffreundschaften und nicht täglichen Austausch in Diskussionsforen oder Kommentarfunktionen von Onlinemagazinen. Vieles lernen die Schüler heute also einfach nebenbei, ohne dass es eines pädagogischen Anstosses bedarf. Wenn ich bei den Hausaufgaben auf Unbekanntes stieß, konnte ich in meinem fünfbändigen Brockhaus nachschlagen oder mir vornehmen, es am nächsten Tag in der Bibliothek zu recherchieren, was man auch nur tat, wenn es wirklich wichtig war. Heute findet man die Antwort sekundenschnell in der Wikipedia und dank der Mühelosigkeit schaut man sogar mehr nach als früher.

    Die Möglichkeiten, sich zu bilden, Wissen zu erlangen, auf dem Laufenden zu sein und internationale Kontakte zu knüpfen, sind heute viel größer als zu unserer Schulzeit. Dadurch wissen die Kinder heute in manchen Bereichen viel mehr als wir es früher taten, auch wenn wir vielleicht noch mehr Bildungskanonwissen hatten.

    Ein Paradigmenwechsel ist außerdem der zwischen Sammlung und Zugriff. Wir mussten früher Informationen und Inhalte sammeln und behalten. Egal, ob das unsere CD-Sammlung war, die wir über Jahre aufbauten, damit wir unsere Lieblingssongs immer griffbereit haben, oder ob es unser Bücherregal war, das wir mit Werken füllten, in denen wir immer wieder was nachlesen wollten. Für die jüngere Generation ist dagegen nur noch der Zugriff relevant: Die gewünschten Lieder oder Texte müssen sich bei Bedarf aufrufen lassen, es ist nicht mehr wichtig, sie physisch bei sich zu Hause zu besitzen. So ist es auch mit dem Faktenwissen: Man muss die Lebensdaten von Dichtern nicht mehr auswendig lernen, wenn man sie jederzeit auf dem Smartphone abrufen kann. Natürlich erzeugt das neue Abhängigkeiten, aber auch der elektrische Strom hat Abhängigkeiten erzeugt, die frühere Generationen nicht kannten.

     
  16. A.

    11. November 2011 at 14:06

    @18:28
    Entsorgen. Mit einem tief katholischen Lächeln. Vielleicht darf ich ergänzen, dass unser Sohn durch das Mobbing und die eingeleitete Entsorgung eine Angststörung bekommen hat. Ich habe ihn bei einer Panikattacke erlebt, nachdem ein Spielkamerad bestritt, unseren Sohn zuvor veräppelt zu haben. Das war offenbar an diesem Tag zu viel für den Kleinen (‚Jetzt auch noch der Freund, der mich verstößt, fies ärgert.‘) Ein anderes Mal, nach einem Schultag meinte unser Sohn, er wolle nicht mehr leben. Mich fragte er: „Mama, wie geht das – Sterben?“ Da war er acht. Glücklicherweise denkt er an die furchtbare Zeit nicht mehr. Dass ich gelegentlich selbst aufpassen muss, nicht die Hasskappe aufzusetzen, weiß ich.

    Mir hat heute jemand einen Präsentkorb geschenkt, sich bedankt, und einen schönen Spruch beigefügt: „Es geht im Leben auf und ab. … und das Durchhalten hat sich gelohnt.“ In diesem Sinne, 11.11.11, A.

     
  17. opalkatze

    11. November 2011 at 15:35

    Im Prinzip ja, aber: Ich stelle mir eine Party (Geschäftsessen, irgendein Zusammentreffen) sehr mühsam vor, bei dem der berühmt-berüchtigte Smalltalk nur noch durch dauerndes Browsen auf dem Smartphone stattfinden kann. Vermutlich bin ich schon zu alt, um mir Alternativen vorstellen zu können. Demnach hiesse es ja künftig nicht mehr über eine Person, sie sei gebildet, sondern etwa, sie habe ständig n Datenbanken im Zugriff.

     
  18. opalkatze

    11. November 2011 at 15:38

    Ja, ebensolches berichtet mir Elke (die auf diesem Blog auch gelegentlich vorkommt). Ich bin dann eigentlich immer froh,diese Fragen nicht gestellt zu kriegen. Ich wüsste nicht, was ich antworten soll.

     
  19. Corenn Nuavar (@c0r3nn)

    12. November 2011 at 19:27

    Mich habe schon wärend meiner Schulzeit Dinge wie ständiger Unterrichtsausfall oder das vernachlässigen von naturwissenschaftlichen oder musischen Fächern (Stichwort: Epochal-Unterricht) genervt. Für Experimente oder Exkursionen, z.B. in Physik/Chemie/Bio, war schon damals kein Personal an den Schulen vorhanden bzw. es hing noch zu 100% an der Bereitschaft des Lehrers.

    Ergebnis: Der Unterricht war in allen Fächern Theorie pur. Selbst in den Fächern, in denen man mit einen gesunden Mix viel mehr hätte rausholen können (Kunst z.B.). Ich glaube, ich habe im Kunstunterricht nur einmal etwas künstlerisches Gemacht. Das war in der 11. Klasse, als wir in Kunst einen noch motivierten Referendar hatten. Der ist mit uns auch einmal ins Kunstmuseum gegangen und hat sogar eine richtig interessante Führung hinbekommen.

    Ich frage mich ja heute noch, wie lange seine Motivation wohl angehalten hat. Vermutlich hat die Bildungs-Bürokratie das früh genug abgetötet.

     
  20. opalkatze

    12. November 2011 at 20:27

    @Corenn
    Gerade im Kunstunterricht wurde Kindern gerne beigebracht, was Kunst sei, und was nicht. Es gab nur „richtige“ und „falsche“ Weisen, beispielsweise Bäume zu zeichnen. Nach dem dritten Mal spätestens war das Thema dann durch.

    Ich hatte das unglaubliche Glück, unter anderem bei Anatol Kunstlektionen zu bekommen. Zu danken einer völlig bekloppten Kunstlehrerin, die mit uns Aktionen veranstaltet und dafür gesorgt hat, dass wir Dauerkarten für die städtischen Museen kriegten. Wahrscheinlich waren die siebziger Jahre ein gutes Zeitfenster für so was. In den Naturwissenschaften hatte ich ähnliches Glück, Beispiel Gefrierschnitte im Bio-Unterricht und angewandte Physik zum Anfassen. Nein, es war keine Eliteschule, sondern ein ganz normales Gumminasium.

     
  21. VonFernSeher

    14. November 2011 at 05:54

    Das ist wiederum sehr interessant. Bei mir war es nämlich nur ein Fach, indem meine Schule in der Ausbildung völlig versagt hat: Bildende Kunst. Das lag (anfänglich) keinesfalls an mir oder den MItschülern, sondern an einem furchtbaren Lehrplan, bemerkenswert schlecht umgesetzt von unwilligen (weil künstlerisch keineswegs unfähigen) Lehrkräften. Der Kunstunterricht an meiner Schule gehörte (und wie mir aktuelle Schüler sagen: gehört) zu den brutalstmöglich frontalen und pädagogisch wertlosesten Veranstaltungen, denen ich je beiwohnen musste. Der einzige Teil, für den das halbwegs funktionierte, war das halbe Jahr Huschen durch die Kunstgeschichte. Kunst ist übrigens auch – ich werde persönlich – das einzige Fach in meiner Schulkarriere, in dem ich je eine Sechs bekam: für eine HÜ über Bewegungslinien an Comicfiguren aka. „Maximierung des Desinteresses pubertierender Pennäler bei gleichzeitiger massiver Steigerung der Verärgerung selbiger unter Zuhilfenahme von nichts weiter als verschieden harten Bleistiften, Matritze und Umweltpapier“, höchstwahrscheinlich der Titel der Examensarbeit einer ganz besonders beliebten Studienrätin. Schnaps.

     
  22. opalkatze

    14. November 2011 at 08:07

    Ich glaube dir keinen Ton. *giggl*

     
  23. VonFernSeher

    15. November 2011 at 16:15

    Das ist – bis auf die von mir erdachte Abschlussarbeit – schon alles historisch korrekt ,) Was klingt denn so unglaubwürdig? Das mit den Bewegungslinien? Das stimmt wirklich, auch wenn das ein vernunftbegabter Mensch vielleicht nicht nachvollziehen können will. Du bist halt keine Kunstlehrerin.

     
 
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