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Ein kurzer Leitfaden zu faulem EU-Journalismus

19 Nov

Dank @TeraEuro auf Kosmopolito gefunden.

Das inoffizielle Regelwerk für faulen EU-Journalismus
20 wertvolle Tipps für Ihre Karriere im EU-Journalismus.

1. Sie sind nicht sicher, wie die EU funktioniert oder welche Institutionen es gibt? → Schreiben Sie einfach „Brüssel“.

2. Deutschland wird im Allgemeinen als für die EU-Politik wichtig angesehen, und Journalisten wissen, wie sie darüber berichten: Wenn Deutschland in einem bestimmten Politikbereich aktiv ist, schreiben Sie einfach etwas über „deutsche Dominanz“. Wenn Sie für eine britische Zeitung arbeiten, erwähnen Sie irgendwie den Krieg. Wenn Deutschland sich in einem bestimmten Politikbereich passiv verhält, schreiben Sie, dass Deutschland die EU aufgibt und dass es klar eine einseitige Strategie verfolgt. Wenn Sie für eine britische Zeitung arbeiten, erwähnen Sie irgendwie den Krieg.

3. Haben Sie in einem Papier einen kurzen Hinweis auf Ihr Land gefunden? → Das ist ein böser Plan zur Unterwanderung der Demokratie.

4. Generell gilt: Es besteht keine Notwendigkeit, zwischen den verschiedenen europäischen Institutionen und Organisationen zu unterscheiden. Wen interessiert es schon, ob es der Europarat, der Europäische Rat, der Rat der EU, die Europäische Kommission, der Gerichtshof der Europäischen Union oder der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ist. → Schreiben Sie einfach etwas über Eurokraten, und dass nicht gewählte ausländische Europa-Richter sich in die Angelegenheiten Ihres geliebten Landes einmischen.

5. Sie halten sich in Brüssel auf, und mehrere Ereignisse geschehen zur gleichen Zeit? → Nun, das ist ein klares Zeichen, dass die EU sich nicht um die wichtigen Fragen kümmert! (Wichtiges Ereignis = Ereignis, das Sie besuchen.)

6. Unsicher, was in der EU geschieht? → Machen Sie sich nicht die Mühe, jemanden in Brüssel anzurufen. Denken Sie sich einfach etwas aus oder recyclen Sie eine Geschichte, die Sie vor einem halben Jahr gelesen haben. Wenn Sie ehrgeizig sind, rufen Sie die Presseabteilung einer Partei in Ihrer Hauptstadt an, oder verwenden Sie eine aktuelle Parteibroschüre.

7. Sie sind auf ein kontroverses Statement oder eine kontroverse Stellungnahme eines Abgeordneten oder eines nationalen Parlamentsmitglieds gestoßen? → Beginnen Sie Ihren Artikel mit „EU-Pläne zu …“ oder „Land X will …“

8. Fakten sind überbewertet. Kümmern Sie sich nicht um die Überprüfung der ursprünglichen politischen EU-Dokumente. Es besteht keine Notwendigkeit, die Unterschiede zwischen Weiß- und Grünbuch, einem Bericht, einer Verordnung oder einer Richtlinie zu verstehen. Es ist viel leichter, über „verrückte Ideen der EU-Bürokraten“ zu schreiben. Wenn Sie eine Idee für eine gute EU-Geschichte haben, lassen Sie sie sich nicht durch Tatsachen ruinieren. Niemand wird überprüfen, ob eine EU-Geschichte wahr ist. Jeder weiß, dass die EU langweilig und böse ist. Darüber hinaus ist das einzige Ziel der EU, überflüssige Verordnungen zu erlassen (allgemein „red tape“ genannt).

9. Benutzen Sie „EU-Bürokraten“ oder „Brüsseler Bürokraten“ so oft wie möglich. Nützliche Adjektive sind in diesem Zusammenhang „nicht gewählt“, „unverantwortlich“, „korrupt“, „hoch bezahlt“, „hohe Rentenansprüche“, „faul“. Diese Auswahl ist nicht erschöpfend und kann Ihren journalistischen Bedürfnissen angepasst werden. Sie können auch „EU-Beamter“ oder „EU-Vertreter“ schreiben, insbesondere, wenn Sie Regel 4 folgen.

10. Es ist nicht der Rede wert, dass Ihre Minister ein Vetorecht über die EU-Politik haben. → Schreiben Sie einfach, dass die EU die nationale Souveränität zerstört.

11. Sie denken, dass die EU ein wenig zu komplex ist und alles ein wenig zu lange dauert? → Konzentrieren Sie sich auf die Nullsummenspiele, besonders anläßlich der Gipfeltreffen. Ein Land gewinnt, ein Land verliert. So ist das Leben. Das ist die EU. Ganz einfach.

12. Eine gute Schlagzeile ist das Wichtigste. Benutzen Sie immer ein Wortspiel mit den sonderbaren ‚Eurokraten‘, oder etwas mit ‚Imperium‘. Der Kampf wird immer zwischen Europa-Befürwortern und Euroskeptikern geführt. Denken Sie daran.

13. Symbole sind wichtiger als Substanz. Geschichten darüber, was die Menschen zum Frühstück oder Abendessen hatten, etwas über Flaggen oder Hymnen sind großartige Beispiele. Mischen Sie persönliche Geschichten über die EU-Chefs immer mit nationalen Vorurteilen. Sie werden überrascht sein: Es funktioniert immer.

14. Förderung durch die EU eignet sich immer für eine tolle Geschichte. Es gibt Korruption, Verschwendung und lustige Projekte. Erwähnen Sie nie, dass die Projekte der Kofinanzierung bedürfen. Versuchen Sie auch nicht, positive Beispiele zu nennen, das macht Ihnen nur Ihre Geschichte kaputt. Per Definition sind EU-Gelder in jedem Fall eine schlechte Sache. Also, versuchen Sie gar nicht erst, zu erklären, warum es eigentlich EU-Mittel gibt.

15. EU-Haushalt und Budget-Verhandlungen bieten viele interessante Möglichkeiten für faule Journalisten. Sie könnten schreiben, dass die EU-Bücher seit Jahren nicht abgeschlossen worden sind – ohne die Rechnungsprüfungsregeln zu erwähnen. Oder Sie könnten schreiben, wie viel Geld Ihr Land an die EU zahlt – ohne zu erwähnen, dass es vielleicht etwas zurückbekommt. Machen Sie nicht den Fehler, auf eine offizielle Kosten-Nutzen-Rechnung zu verweisen. Denn wenn sie existiert, muss sie falsch sein; wenn sie nicht vorhanden ist, handelt es sich im Allgemeinen um eine Verschwörung. Verwenden Sie lieber eine Behauptung einer anderen Zeitung oder eines fragwürdigen Think Tanks. Nur nicht fragen. Nie darüber nachdenken, was die EU mit dem Geld machen könnte, einfach davon ausgehen, dass „Brüssel das ganze Geld verschwendet.“ Budget-Verhandlungen sind Nullsummenspiele (Regel 11). So etwas wie das „europäische Interesse“ gibt es nicht.

16. Der Binnenmarkt bedeutet Wettbewerb; ausländische Unternehmen können Ausschreibungen in Ihrem Land gewinnen. Konzentrieren Sie sich nur auf das Fremde daran. Stellen Sie ein paar Behauptungen über Korruption auf. Schreiben Sie darüber, wie viele Arbeitsplätze verloren gehen werden. Es ist nicht nötig, zu erwähnen, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Wenn Sie ein ehrgeiziger fauler Journalist sind, schreiben Sie, dass die EU-Wettbewerbsgesetze nur gemacht werden, um Ihre lokale Wirtschaft zu zerstören.

17. Erlernen Sie keine Fremdsprache. Das braucht man für den EU-Journalismus nicht. Sie können den internationalen Nachrichtenagenturen voll vertrauen.

18. Abonnieren Sie alle Publikationen von Think Tanks und Wirtschaftsverbänden, die Ihre Kollegen für wichtig halten. Schreiben (→ copy / paste) Sie von Zeit zu Zeit kurze Artikel. Verlinken Sie niemals Ihre Quellen.

19. Zusammenhänge werden überbewertet. Headlines sind wichtiger. Nehmen Sie nur die besten Zitate – Zusammenhänge sind überflüssig. Wenn Sie ein tolles Zitat von letzter Woche haben, können Sie es ruhig nochmals verwenden. Sie brauchen nicht zu prüfen, ob Ereignisse sich aktuell weiterentwickelt gaben.

20. Es ist ein Anfängerfehler, mit der Gegenseite oder Kritikern Ihrer Arbeit zu diskutieren. Alles, nur das nicht.

Englischer Originaltext von @kosmopolit; bei Fabrice Pozzoli-Montenay kann man ihn auch in französischer Sprache lesen. 22.11.: Eine italienische Version gibt es jetzt auch. Das nenn ich mal Europa, so hatte ich mir das vorgestellt, als ich klein war.
Ein weiterer Ratgeber für europäische Angelegenheiten von Ron Patz findet sich hier.

 
18 Kommentare

Verfasst von - 19. November 2011 in Europa, Journalismus, Politik

 

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18 Antworten zu “Ein kurzer Leitfaden zu faulem EU-Journalismus

  1. Andreas Buschhüter

    22. November 2011 at 09:33

    Nicht zu vergessen, dass man auf keinen Fall sorgfältig zwischen „EU“, „Euro-Zone“ und „Europa“ unterscheiden muss. Im Zweifelsfall ist alles letzteres.

     
  2. DJ Doena

    22. November 2011 at 09:42

    Zu 4) Da sind die aber auch ein wenig selbst schuld dran, oder?

    >Wen interessiert es schon, ob es der Europarat, der Europäische Rat, der Rat der EU […] ist.<

    Das klingt ja schon verdächtig nach "Volksfront von Judäa" vs. "Judäische Volksfront".

     
  3. Tim

    22. November 2011 at 09:55

    Ein kurzer Leitfaden zu faulem EU-Bürokratismus:

    1. Scheren Sie sich nicht um Prinzipien wie Subsidiarität oder pacta sunt servanda.

    2. Kommunizieren Sie so wenig und so langweilig wie möglich mit dem Bürger, vor allem online.

    3. Es ist ein Anfängerfehler, mit der Gegenseite oder Kritikern Ihrer Arbeit zu diskutieren. Alles, nur das nicht. Falls es sich nicht vermeiden läßt, beachten Sie analog Punkt 2.

     
  4. Jan

    22. November 2011 at 10:06

    Wundervoll! Danke!

     
  5. anon

    22. November 2011 at 10:19

    Danke! :-)

     
  6. Uli

    22. November 2011 at 11:22

    „Weißem oder grünem Papier“
    Hat hier mal kurz Google Translate übernommen? Die richtige Übersetzung lautet Weiß- und Grünbuch was ein fleißiger Journalist in 2 Minuten recherchieren kann:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fbuch#Wei.C3.9Fb.C3.BCcher_der_EU
    http://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCnbuch_(Europ%C3%A4ische_Kommission)

     
  7. Otto Hildebrandt

    22. November 2011 at 12:09

    Besser kann man das deutsche Europa-Allerlei im Journalismus nicht auf den Punkt bringen. Bei der FAZ, im Handelsblatt und teilweise bei der Welt und -seltener- bei SZ und Zeit sieht es manchmal nicht ganz so trübe aus. Die Europa-Filter gehen dort eher in Richtung wohlwollende Ausblendung der Wirklichkeit und Ignorieren unangenehmer Tatsachen. Eine sachliche Berichterstattung über die EU müßte noch weit kritischer sein als die lediglich journalistisch inkompetente, wie sie uns tagtäglich auf Spiegel/SPON-Niveau begegnet. Der Ruf nach mehr Kompetenz und Sachlichkeit würde ernst genommen das gerade Gegenteil von dem bewirken, was sie sich davon versprechen. Man braucht kein Euroskeptiker zu sein, um die historisch gewachsene Konstruktion der EU für nicht reformierbar und institutionell gescheitert anzusehen. Etwas historische Phantasie reicht dazu völlig aus. Die EU wie wir sie kennen, ist ein Produkt der Mächtekonstellation der Nachkriegsziet und wird genau so lange bestand haben, wie diese noch nachwirkt. Ein Blick auf den jetzigen Zustand von Kommission und Parlament reicht aus, um auch dem letzten klar zu machen, daß die tragenden Institutionen der EU aus sich heraus nicht reformierbar sind, weil sie niemanden und nichts tatsächlich repräsentieren, nicht einmal eine wage Idee. Gab es aus dem Parlament oder von der Komission einen vernünftigen Gedanken, die Schuldenkrise institutionell zu meistern? Die Antwort ist bekannt. Eben jene Schuldenkrise, die durch das Versagen der europäischen Institutionen überhaupt erst entstanden ist. Die Fehlentwicklungen waren doch politisch erfahrenen Beobachtern seit Jahren bekannt (und wurden konsequent ignoriert), bevor die weltweite Finanzkrise das Nichtfunktionieren der Währungsunion und der sie tragenden Politik jedermann vor Augen geführt hat. Beste Grüße O.H.

     
  8. opalkatze

    22. November 2011 at 18:07

    Ja, mea culpa, danke. Hab das sehr schnell nebenbei übersetzt, schreibe gerade meine Abschlussarbeit. Sind sicher noch mehr Kinken drin.

     
  9. opalkatze

    22. November 2011 at 18:28

    So, hab es noch mal eben durchgesehen und hoffe, deinen Ansprüchen jetzt zu genügen :)

     
  10. opalkatze

    22. November 2011 at 19:14

    Wow, deshalb. Gebildblogt.

     
  11. opalkatze

    22. November 2011 at 20:20

    Ich habe öfter das außerordentlich fragwürdige Vergnügen, bei einer der EU-Instititutionen Dokumente suchen zu dürfen. Für Normalbürger aussichtslos, der Pressebereich ist auch nicht viel besser. Wär gelegentlich auch mal einen Artikel wert.

     
  12. Andreas Moser

    23. November 2011 at 00:46

    Super!

     
  13. dr. falk von morgen

    23. November 2011 at 10:04

    So oder ähnlich können Sie ebenso über Lebensmittel-, Gesundheits-, Medizin- usw. Journalismus schreiben.

     
  14. Coccodrillo

    23. November 2011 at 10:39

    Zwei Kommentare meinerseits, ein zusammenfassender und ein etwas differenzierterer.

    Der zusammenfassende: Großartig!

    Der etwas differenziertere: http://foederalist.blogspot.com/2011/11/grundregeln-fur-faule-eu.html

     
  15. opalkatze

    23. November 2011 at 10:52

    Man kann in jeder Suppe ein Haar finden, ja. Aber die Verwechslung von m. glutaeus maximus mit m. trapezius ist doch relativ seltener als die der EU-Institutionen.

     
 
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