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Castor: Ausrüstung beschlagnahmt, Berichterstattung unerwünscht

27 Nov

Wie die meisten von euch bin ich auf Berichte Dritter aus dem Wendland angewiesen. Bei Netzpolitik war nun die schöne Geschichte einer Beschlagnahme zu lesen. Ein paar Metronaut-Jungs hatten sich ins Wendland aufgemacht und von dort mit ihrer Podcast-Ausrüstung aus einem VW-Bus berichtet. John Nebel schreibt:

[..] wurde uns am Samstag morgen aus dem Nichts heraus unser VW-Bus samt allem Equipment beschlagnahmt. Wir lassen uns davon mal nicht abhalten und haben jetzt ein neues Aufnahmegerät und sogar ein Auto organisiert. Es geht also weiter.

Anlässlich vorangegangener Willkür – siehe #S21 – ist das Verhältnis Protestierender zur Polizei per se nicht vertrauensvoll. Die Bezeichnung Organe der Staatsgewalt bekommt wieder einen Sinn: Sie sind die Reizgas sprühenden Arme und auf Sitzblockierer eintretenden Beine der Politik. Herrn Schünemanns Einstellung zur inneren Sicherheitspolitik ist bekannt: Es darf gerne ein Viertelpfund mehr sein. Das gilt insbesondere für die kreative Auslegung des Sachverhalts der Gefahrenabwehr.
Unter Polizisten gibt es vernünftige Menschen und unter den Protestierenden Chaoten. Davon abgesehen, wären guter Wille und Zurückhaltung auf beiden Seiten trotz verschiedener Sichtweisen das demokratische Mittel der Wahl. Nachrichten von Aktionen wie der sinnlosen Beschlagnahme des Metronaut-Equipments verbreiten sich schnell. Sie tragen nur zur Konsolidierung der Spaltung zwischen Staatsmacht und Bürgern bei. Tagesschau und heute-Journal benutzen bereits Kriegsvokabular.

Metronaut, fluegel.tv und viele andere arbeiten unabhängig (und unbezahlt), um die kargen Berichte der öffentlich-rechtlichen Sender und die allgemeine Wahrnehmung zu ergänzen. Der Journalist Hardy Prothmann:

Ich lerne nämlich gerne dazu und es gibt auch für mich viel zu lernen. Beispielsweise von den Leuten von Fluegel.tv – alles keine Journalisten, die aber journalistisch gesehen eine so großartige Arbeit machen, dass der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann dem Internet-Sender vor kurzem ein Exklusiv-Interview angeboten und gegeben hat. Chapeau!

Chapeau hin oder her – Blogger, Podcaster oder Filmteams mit Boller- statt Ü-Wagen haben keine Sicherheit, so lange ein seriöser Presseausweis professionellen Journalisten vorbehalten bleibt. Er ist kein Allheilmittel, auch die Profis kriegen gelegentlich Prügel. Aber der Nachweis der Pressezugehörigkeit ist, wenn schon nicht durch die grundgesetzlich garantierte Pressefreiheit, durch die Anwendbarkeit des Presserechts ein Schutz.

Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis das Gros der Journalisten Blogger so respektiert, wie Hardy Prothmann es oben ausdrückt. Aber wer ordentliche Arbeit leistet, soll geschützt sein und frei und unbehindert recherchieren und berichten können. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Arten des Publizierens werden immer unschärfer. Und schließlich ist es nicht so, dass professionelle Journalisten nicht von Bloggern oder von ihnen entwickelten Methoden profitieren.

Ich wünsche mir eine Lösung. Pressefreiheit geht uns alle an. Wir können diejenigen ignorieren, die unentgeltlich und auf eigene Kosten hautnah von Ereignissen berichten. Wir können auch gemeinsam überlegen, was zu ihrem Schutz getan werden kann. Die Risiken bleiben groß genug.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 27. November 2011 in Blogs, Journalismus, Kaffeesatz, Medien, Politik

 

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6 Antworten zu “Castor: Ausrüstung beschlagnahmt, Berichterstattung unerwünscht

  1. alien59

    27. November 2011 at 13:17

    Ich las über die Beschlagnahme gestern bei Twitter – langsam muss ich aufpassen, dass ich nicht Berichte aus D mit solchen aus anderen Ländern verwechsele. Bei occupy waren ja kürzlich auch die Tweets fast die gleichen wie aus Bahrain.

     
  2. Hardy Prothmann

    29. November 2011 at 00:46

    Guten Tag!

    Du schreibst in Deinem Text richtige Ideen auf – leider ist es komplexer, als auf den ersten Blick erkennbar.

    Für Deutschland und die Menschen hier gilt klar Artikel 5 über die Meinungsfreiheit. Dieser Artikel sagt aber nichts über die inhaltliche Qualität einer Meinung aus – danach sind auch dumme Meinungen einfach nur Meinungen, die man frei äußern kann.

    Das Presserecht schränkt den Kreis derer, die ihre Meinung als Journalisten äußern können, aber ein und – das wird Dich jetzt erstaunen – das ist gut so.

    Wenn sich jeder aus dem Stand zum Journalisten aufschwingen könnte, dann ist das insgesamt kein Gewinn, sondern würde eine inflationäre Entwicklung bedeuten und damit eine Abwertung des Journalismus als Beruf.

    Jemand, der „hobbymäßig“ Journalist sein will, kann das tun. Aber unter anderen Bedingungen als professionelle.

    Wie sehr ein komplett freier Zugang dem Beruf geschadet hat, zeigt die früher inflationäre Herausgabe von Presseausweisen, an denen verdi und DJV verdient haben. Das Ergebnis war eine Entwertung des Journalistenausweises, weil tausende von Nicht-Profis unprofessionell damit umgegangen sind und ihn als Rabattmarke missbraucht haben.

    Einen Schutz habe ich mir durch den Presseausweis noch nie erwartet und auch nie erhalten – das war auch nie seine Funktion. Man konnte sich damit ausweisen, um Zutritt zu Bereichen zu bekommen, die der allgemeinen Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, beispielsweise hinter eine Absperrung.

    In meinen 20 Berufsjahren habe ich den Presseausweis vielleicht ein Dutzend Mal benötigt. Meine Mitarbeiter und ich brauchen hier für die Arbeit nirgendwo einen Presseausweis, weil wir die entscheidenden Leute kennen und die uns. Mein „Ausweis“ ist meine kontinuierliche journalistische Arbeit. Bin ich irgendwo unbekannt, brauche ich meist auch keinen Ausweis, weil ich mich vorher anmelde.

    Diese Möglichkeit steht sicher auch bei Demos zur Verfügung. Wer sich vorher meldet und seine journalistischen Absichten anzeigt, hat bei seriösem Auftreten meist alle Möglichkeiten, mit oder ohne Ausweis. Und auch einen gewissen Schutz, weil man weiß, dass Journalisten da sind.

    Wer sich nicht anmelden will, um unerkannt zu bleiben, kriegt vielleicht auch auf die Mütze.

    Beim Fall metronaut.de kann es sich um einen handfesten Skandal halten – es kann aber auch sein, dass die Mitglieder an der eigenen Unprofessionalität gescheitert sind. Um das zu beurteilen, gibt der Artikel zu wenig her.

    Gegenöffentlichkeit ist gut – aber Regeln müssen auch hier eingehalten werden.

    Absolut kontraproduktiv wäre es aber, wenn jemand unter dem Deckmantel, Journalist zu sein, Straftaten begeht oder unterstützt – denn das wäre ein Schaden für alle seriös arbeitenden Journalisten, weil deren Rechte mit Sicherheit eingeschränkt werden würden. Und viele dieser Rechte muss man im ganz normalen Alltag schon teils mit großen Schwierigkeiten verteidigen.

    Nicht falsch verstehen – zu metronaut.de kann ich zu wenig sagen. Aber ich würde den Leuten den Tipp geben, sich mit „professionellen Journalisten“ in Verbindung zu setzen, die den Vorfall recherchieren und skandalisieren, wenn die Polizei unrechtmäßig gehandelt haben sollte.

    Und für die Zukunft würde ich allein schon im Interesse der eigenen Arbeit darauf achten, dass man zu guten Inhalten kommt, statt verhaftet zu werden.

    Schöne Grüße
    Hardy Prothmann

     
  3. opalkatze

    29. November 2011 at 11:12

    Antwort kommt, bin gerade anderswo.

     
  4. opalkatze

    30. November 2011 at 04:01

    @Hardy
    Ja. Inhaltlich völlig richtig. (Es gab übrigens auch diese fragwürdige Akkreditierung bei der Polizei; das ist wieder eine andere Geschichte.)

    Blogger sind oft die Einzigen, die nah am Geschehen sind. Das Verhalten der Metronauten war unprofessionell. Es gibt journalistische Standards, die Blogger nicht kennen und daher nicht anwenden. Dazu gehört auch, sein Rufzeichen einmal in zehn Minuten zu nennen, wenn man einen Podcast macht („Hier ist … „). Von ihnen kann nicht erwartet werden, dass sie die Regeln kennen, weil sie eben Blogger sind, und keine Journalisten. Sie sollten die Regeln kennen, sie müssten sich darüber informieren. Da passiert in den Köpfen aber ‚wir machen tollen content, den es ohne uns nicht gäbe‘, also stellen sie sich selbst eine Art Freifahrtschein aus.
    Fast immer werden Regeln verletzt, aber tatsächlich gäbe es viele Berichte sonst nicht. Der journalistische Wert ist hoch. Die Kriterien der Beurteilung sind altmodisch.

    Mein Ziel ist sicher nicht die Ausstellung von Journalistenausweisen für Jedermann. Aber ich möchte, dass Blogger unbehindert berichten können und ohne durch die Abwesenheit des Nachweises der Pressezugehörigkeit von vorne herein als minderwertig eingestuft werden, ihre Arbeit nicht ernst genommen wird. Darum habe ich auch vorgeschlagen, es solle eine Diskussion darüber geben, wie man das gewährleisten kann. Es ist ein Unding, Bloggern einfach ihre Arbeitsmittel wegzunehmen, weil der Ordnungsbehörde kein Ausweis vorgewiesen werden kann. Im Gegenzug werden Blogger die Sicherheitskräfte auf ihren Blogs angreifen. Da sollte ein Konsens gefunden werden, sonst dreht sich die Spirale ewig weiter.

     
 
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